Gegen alles!

Immer wieder lese ich davon, daß Landsleute von mir entführt werden. Sei es in der ägyptischen Wüste, vor der Küste Somalias oder in den Bergen Afghanistans. Es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen, ob es feige oder mitfühlend war, den Grundsatz „keine Geschäfte mit Terroristen” aufzugeben, de facto sind wir mittlerweile bekannt dafür, daß mit unseren Geiseln ordentlich Kohle zu machen ist. Nicht nur das: Spätestens seit der abgeblasenen Militäraktion gegen die somalischen Piraten weiß nun auch ein jeder Entführer, daß er nicht unbedingt sein Leben riskiert, wenn er deutsche Staatsbürger entführt.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob Lösegeld nun zwingend von der Gemeinschaft getragen werden muß. Nehmen wir mal als Beispiel eine Studienreise in den Irak. Das Auswärtige Amt tut ja, was es kann und warnt vor solchen Reisen. Aber mehr als Warnen kann es zunächst ja nicht. Die Studienreisenden aber sind Freunde des irakischen Volkes und sagen sich, daß sie das Schicksal auch in einer Großstadt wie Hamburg (Berlin zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang sicher kontraproduktiv; besser wäre aber vielleicht noch: New York) ereilen könnte. Nun werden sie aber dennoch von einigen Verbrechern entführt, die auch leider nicht gut genug Deutsch sprechen, um ihnen zu erklären, daß sie gerade Freunde des irakischen Volkes entführen. Vermutlich wäre es ihnen auch egal, denn sie möchten ja auch nur Geld für ihre Familien und die Dorfgemeinschaft erpressen.

Nun verhandelt also der deutsche Staat mit diesen Entführern, wägt die Risiken eines möglichen Befreiungsversuches ab und kommt zu dem Schluß: Absolute Sicherheit, daß unsere Studienreise wieder unversehrt zurückkehrt, gibt es nur, wenn man Lösegeld bezahlt.

Und die anderen Bürger fragen sich: „Wieso muß ich eigentlich, der ich vielleicht alle vier Jahre mal an die Ostsee fahren kann, weil ich es mir einfach nicht leisten kann, mit meiner Familie so entfernte Orte wie den Irak zu bereisen, wieso muß ich also auch das Lösegeld bezahlen?”

So völlig unberechtigt ist die Frage nicht: Wieso soll die Gemeinschaft dafür bezahlen, daß einzelne Menschen sich über alle Sicherheitsbedenken hinwegsetzen? Wenn diese Menschen mit ihrem Leben spielten, weil es klar ist, daß der deutsche Staat nicht mit Terroristen verhandelt, so wäre dieses Risiko ihr eigenes. So aber ist es das Risiko der anderen Bürger.

Wie also kann dieses Problem gelöst werden? Die Variante, die unserer Staatsgläubigkeit am nächsten käme, wäre wohl: Die Listen des Auswärtigen Amtes verbindlich machen. Nicht mehr nur Vorschläge, sondern konkret: Ausreiseverbote. Oder noch besser: Für Reisen ins Ausland ist ein Antrag zu stellen, den das Auswärtige Amt nach Sichtung der Gefahrenlage positiv oder negativ bescheiden wird.

Das klingt zu sehr nach DDR? Natürlich! Die DDR hielt ja auch das Ideal der „sozialen Gerechtigkeit” hoch. Und zwar so hoch, daß Themen wie Freiheit dabei vernachlässigbar waren. Wenn unser Staat also so fürsorglich sein will, daß er Terroristen lieber Geld bezahlt, anstatt das zu tun, was man gemeinhin in solchen Fällen zu tun pflegte, dann muß er konsequenterweise auch einfordern, daß seine behüteten Bürger sich seinem weisen Ratschluß beugen.

Wenn doch nur ein Menschenleben dadurch gerettet werden kann…

der arme Berater

der arme Berater

In der Nacht wälze ich mich unruhig von einer Seite auf die andere. Ich schlafe kaum. In meinem Kopf schwirren die ganzen unsinnigen Gedanken herum, die ich von der Arbeit mit nach Hause nehmen mußte. Es ist aber auch wirklich so, daß die letzten Tage die schlimmsten in meinem bisherigen Arbeitsleben waren.

Ich liege wieder im Gästezimmer, weil ich das häufiger tue, wenn ich allein zuhause bin, manchmal auch, wenn ich nicht alleine bin. Normalerweise wache ich in diesem Zimmer von ganz alleine auf, sobald es draußen heller wird. Für heute habe ich mir ausnahmsweise mal einen Wecker gestellt, den ich auch dringend brauche: Um 0800h bin ich nämlich erst seit wenigen Stunden eingeschlafen. Mißmutig gehe ich ins Bad, beginne das Morgenritual. Fahre die dafür viel zu kurze Strecke zur Arbeit. An die vor mir liegende Besprechung denke ich. Daran, daß der Kunde zu Recht verärgert ist. An die unangenehmen Vier-Augen-Gespräche mit Chef und Mitarbeitern.

Als ich aus dem Parkhaus trete, sehe ich in einem kleinen Café zwei Menschen einander gegenüber sitzen. Eine ältere Dame, die ihrem offensichtlich geistig behinderten Sohn den Mund abwischt.

Und da fällt mir erst wieder auf, wie merkwürdig unser Hirn doch reagiert: Wenn ich mir meine beiden Horrortage mal vergegenwärtige, dann sollte ich eigentlich mit debilen Grinsen im Gesicht durch die Gegend laufen: Für eine ganze Menge Menschen sähre der Tag nämlich ganz anders aus:

Die Nacht verbringe ich nicht auf der stinkenden Straße, sondern in einem äußerst komfortablen Bett in einer gut beheizten Wohnung. Ich habe wenig geschlafen, weil mich all die tollen Unterhaltungselektronikgeräte, die ich früher nur aus Anzeigen der Zeitungen kannte, mit denen ich mich zudeckte. In den letzten Tagen hatte ich zudem endlich einmal wieder das erhebende Gefühl, im Job wirklich gebraucht zu werden. Ich war kein Rädchen im Getriebe, sondern mußte tatsächlich Entscheidungen treffen, konnte durch meine Arbeit dafür sorgen, daß ein Unternehmen die Produktion wieder aufnehmen konnte.

Aus lauter Dekadenz schlafe ich im Gästezimmer, das allein schon besser ausgestattet ist als die Wohnungen, die ich früher mal hatte. Ich verschlafe ein wenig, lasse mich von den morgendlichen Sonnenstrahlen wecken. Und begreife auch, was für eine großartige Arbeitsstelle ich habe: Wenn ich eine halbe Stunde zu spät komme, wird mir nichts vom Gehalt abgezogen, ich bekomme höchstens mal einen blöden Spruch zu hören. Ich beginne mit einer ausgiebigen Körperreinigung unter der heißen Dusche. Welch ein Luxus, meinen Körper mit verschiedenen Cremes und Seifen einzureiben, einen der schönen Anzüge aus dem großen Schrank zu nehmen. Mit meiner Lieblingsmusik fahre ich in einem großen, neuen Auto zur Firma, muß mich nicht um Parkplätze kümmern, weil ich stets Tiefgaragenplätze zur Verfügung habe.

Und ich freue mich darauf, wieder die Kollegen zu treffen, mit denen ich mich auch abseits der Arbeit gut unterhalten kann, freue mich darauf, Probleme lösen zu dürfen. Ohne einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, ob ich mir etwas zu essen leisten kann.

„Man könnte sich ja mal wieder auf ein Bier treffen,” meint die Exkollegin F. betont lässig, und ebenso locker antworte ich ihr, daß ich mal meinen Terminkalender befragen müsse, aber grundsätzlich auch nicht abgeneigt sei.

Einen Tag später stehe ich leicht fahrig vor ihrer Wohnung, um sie abzuholen. Sie kommt mir entgegen. Ihr Aufzug ist atemberaubend: ein schlichter, knapper Rock in beige, dazu eine moderne, taillierte Bluse mit tiefem Ausschnitt. Gekonnt lässig begrüße ich sie mit einem „äh, äh, äh, also, hallo.”

Wenige Stunden später. Wir sitzen in einer Lesung einer unterhaltsamen Truppe, die über alle möglichen Menschen lästert. Also ein konsensfähiges Thema. Dennoch bin ich ziemlich abgelenkt. Ich habe mir von ihr ja nun diverse Absagen abgeholt, insgesamt drei. Warum ich immer noch mit ihr ausgehe? Ich weiß es nicht. Aus irgendeinem Grunde habe ich das Gefühl, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis wir zusammenkommen.

Pause. Untergehakt laufen wir nach draußen, verlieren ungefähr zwanzig Sekunden mit Reden, bevor wir uns küssen.

Diese Begegnung ist nun ungefähr drei Wochen her. So genau weiß ich das auch nicht mehr. Aber die Soap, die wir über die letzten zwei Jahre (größtenteils im Blog dokumentiert) abgezogen haben, ist somit (vorerst) vorbei.

Das neue Guido-Mobil?

Das neue Guido-Mobil?

Alle Menschen, die ich kenne, sprechen davon, daß die SPD eine große Niederlage erlitten habe. Und natürlich sieht das auf den ersten Blick auch so aus: Keine Regierungsverantwortung, ein kümmerliches Zweitstimmenergebnis, links und rechts bedroht von Gegnern und Freunden.

Aber ist es wirklich so, daß die Sozialdemokratie in Deutschland ein Problem hat? Ich glaube, das genaue Gegenteil ist der Fall. Die SPD hat nicht so wenig Stimmen erhalten, weil es mit sozialdemokratischen Überzeugungen in Deutschland nicht weit her ist. Wäre dem so, dann hätte die FDP noch viel mehr Stimmen erhalten. Denn, und hier kommen wir zu dem Punkt, der viele vergessen: Die FDP ist die einzige Partei, die eben keine sozialdemokratischen Überzeugungen hat.

Fangen wir bei der LINKEN an: Gut, natürlich betrachte ich die LINKE an sich sehr skeptisch, muß aber auch zugeben, daß sie wohl nicht zu denjenigen gehört, die als erstes einen Schießbefehl einführen und einen Zaun um Deutschland bauen würden. Sie mögen sehr linke Überzeugungen haben, stellen aber vermutlich die Demokratie an sich nicht in Frage. Ja, ab und an versteigt sich sogar ein LINKER zu der Behauptung, daß er ja nicht einmal die Staatswirtschaft wieder einführen wolle. Also ist die LINKE: de facto sozialdemokratisch.

Die GRÜNEN sind zwar mittlerweile eine bürgerliche Partei geworden, die auch einige liberale Ansätze vertritt, aber sie gehört sowohl programmatisch als auch von der Selbsteinschätzung her zum linken Lager. Und da auch die GRÜNEN nicht die Demokratie und die Marktwirtschaft abschaffen wollen, darf man ihr mit gutem Gewissen sozialdemokratische Grundwerte unterstellen.

Bleibt die CDU. Früher eine explizit christilich orientierte und wertkonservative Partei, ist sie mittlerweile von der SPD kaum noch zu unterscheiden. Die Umwandlung begann unter Kohl, der in seiner 16jährigen Amtszeit konsequent auf ALLE Arten von Aktivität verzichtete. Nach dem Sieg der SPD unter Schröder hat die CDU deutlich mehr gelernt als die SPD: Sie erkannte, daß man außerhalb der eigenen Klientel die Mitte abgreifen muß. So, wie das Schröder hervorragend gelungen war. Und während die SPD versuchte, ihr „Profil zu schärfen”, also mit leicht klassenkämpferisch angehauchten Sprüchen Stimmen zu gewinnen, wurde aus der CDU die frühere SPD. Kein Gedanke mehr daran, das grunlegende Prinzip der Umverteilung in frage zu stellen. Wenn ein Herr Erhard noch wetterte, daß nur sozial sei, was Arbeit schaffe, setzt Merkel die gleichen Prioritäten wie sie die SPD immer setzte: Gleichheit vor Freiheit.

Das Problem der SPD ist also nur, daß sie viel zu erfolgreich ihre Standpunkte in andere Parteien injiziert hat. Sie verliert deswegen an Stimmen, weil ihre Grundwerte mittlerweile (fast) gesellschaftlicher Konsens sind. Sie verliert, weil sie gewonnen hat.

Politikersprache

So langsam bin ich ja doch etwas verwundert. Ich persönlich glaubte ja tatsächlich, daß wir in unserem Lande erst einmal Pause machten mit dem Antisemitismus. Ich dachte wirklich, in Deutschland zumindest ist das Thema durch. Unsere Politiker beteuern das ja auch immer wieder, wenn sie mal in Israel sprechen dürfen.

Nur: Wenn ich mir ein paar Zeitungsmeldungen der letzten Wochen so ansehe, dann komme ich doch ins Grübeln. Horst Köhler, der bisher eigentlich recht kompetent und gründlich erschien, ehrt kurz nacheinander zwei verdiente Israelhasser und Antisemiten. Gut, beim ersten Mal kann das ja passieren: Google ist bekanntlich jünger als Köhler, und die zehn Sekunden, die man benötigt, um Frau Langers Gesinnung herauszufinden, mögen in einem präsidialen Zeitplaner nicht immer verfügbar sein.

Herr Köhler bedauerte dann ja auch die Ehrung, für die es aber immerhin mehr Grundlage gegeben haben muß als für deren Aberkennung. Vor allem aber, und das ist nun mit Versehen oder mangelnder Recherche nicht mehr zu erklären, gibt es offenbar genügend Grundlagen für eine Auszeichnung eines weiteren Antisemiten. Über die Aussagen dieses Romanschreibers gibt es ja an anderer Stelle mehr zu lesen, aber wer über Israel sagt, „Der Untergang dieses verächtlichen Apartheidsystems ist das einzig denkbare Resultat, da es notwendig ist”, der muß sich rhetorisch auf jeden Fall mit dem Autobahnbauer aus Braunau messen lassen.

Gut, so ist also der Präsident unseres Landes dem Antisemitismus näher, als mir lieb ist. Aber das heißt ja nicht gleich, daß die Polizei gegen israelfreundliche Demonstranten vorgeht. Oder israelische Flaggen gewaltsam aus Wohnungen räumt.

Und solange das so ist, müssen wir uns ja auch keine Gedanken machen.

Hier fängt Gewalt bereits an: Handtasche der Fetischmarke „Devota”

Hier fängt Gewalt bereits an: Handtasche der Fetischmarke „Devota”

Ich habe es ja immer schon vermutet: Das Schlafzimmer darf nicht länger ein rechtsfreier Raum sein! Ich meine, mal unter uns: Was wissen wir denn, was unsere Mitmenschen so hinter den zugezogenen Gardinen für riskante Dinge tun? Wer weiß, vielleicht wird dort Analverkehr praktiziert? Oder es betreiben gar Homosexuelle ihre gleichgeschlechtlichen Phantasien, wenn sie sich unbeobachtet fühlen? Dort werden außerdem Kinder mißbraucht und Persönlichkeitsstörungen, beispielsweise die masochistische, ausgelebt.

Natürlich höre ich da wieder diese Neoliberalen, die meinen, man müsse den Menschen ihre sogenannte Freiheit lassen. Aber wieso denn? Wenn doch nur ein Kind davor gerettet werden kann, Opfer dieser homosexuellen Masochisten zu werden, dann ist es doch wohl ein kleiner Preis, mal die Schlafzimmerfenster offen zu lassen, oder? Wer normalen Geschlechtsverkehr betreibt, bei dem übrigens auch ab und an mal die Frau oben liegen darf, der hat doch nichts zu befürchten.

Wir müssen uns aber schon wehren, vor allem gegen diese furchtbar perfiden Masochisten, die nämlich prädestiniert dafür sind, Amok zu laufen. Persönlichkeitsstörungen sind nunmal ein heikles Thema. Es ist bekannt, daß sämtliche dieser Störungen dazu führen, daß Menschen zu Killermaschinen werden. Vielleicht sogar Killerspiele konsumieren oder gar herausbringen. Sexuelle Perversionen sind selten; denn wie uns allen ja klar ist, gibt es ausreichend Möglichkeiten, sich auf normale Weise mit dem korrekten (dem anderen!) Geschlecht zu vergnügen, so daß diese Pseudo-Freiheit, grenzenlose Geschmacklosigkeiten zu begehen, nur weil man unbeobachtet ist, wohl kaum vom Grundgesetz gedeckt sein kann. Oder glauben Sie ernsthaft, die Väter des Grundgesetzes zusammengesessen haben und meinten: „Also, wenn die sich Strapse anziehen und sich auspeitschen wollen, dann müssen wir das eben per Gesetz schützen”. Nein? Eben. Und kommen Sie mir nicht mit irgendwelchen diffus-allgemeinen Freiheitsbegriffen. Das Schlafzimmer kann eben nicht der Ort der Kriminalität und des Amoklaufs werden, nur weil irgendwelche Sex-Spinner da herumkrakeelen.

Wichtig ist es jetzt, daß jeder Bürger genau hinsieht: Welchen meiner Nachbarn, Bekannten oder Kollegen habe ich schon einmal in der Boutique Bizarre angetroffen? Wer verhält sich auffällig gegenüber Kindern, Männern oder Frauen, die älter, gleichalt oder jünger sind? Wer kauft auffällig viele Stricke und Wäscheklammern im Baumarkt? Melden Sie es! Denn nur so können Sie verhindern, daß auch IHR KIND demnächst einem dieser homosexuellen Masochisten zum Opfer fällt.

War ja klar: Berlin-typische Uniform

War ja klar: Berlin-typische Uniform

Auf dem Rückflug nach Hamburg mußte ich spontan die Air-Berlin-Maschine entführen und alle Kurzarmhemdträger (im Bild zu sehen: Kurzarmhemdkapitän) über Bord werfen. Anschließend stand ich vor einem großen Dilemma: Ich wollte mir eine Zigarette anzünden, stellte aber fest, daß ich gar nicht mehr rauche.

Ich steuere die Maschine also mit Hilfe einiger palästinensischer Terroristen, die eigentlich ihre Flugsimulator-Erfahrung nutzen wollten, um die Maschine in den Frankfurter Messeturm zu steuern, gen Hamburg, wir landen sicher, die Terroristen köpfe ich natürlich dennoch, steigen aus und sind wieder im kaltnassen Hamburg. Meine Laune ist mies. Der Urlaub war zwar schön, aber nur für drei der vier Anwesenden: G. zog sich meist frühzeitig ins Bett zurück, wachte vor dem späten Nachmittag nicht auf und hatte keinerlei Ambitionen, an Ausflügen teilzunehmen.

Sonntag. Ich bin spät aufgestanden, ungefähr um 11:30h. G. schläft noch. Ich bringe also ein paar Videos zurück, kehre in Ruhe zurück, setze mich an den Esszimmertisch und warte. Als G. aufwacht, bereite ich ihr einen Kaffee zu, lasse sie Platz nehmen und ziehe dann einen Schlußstrich unter 7 gemeinsame Jahre.

„Man sollte mal eine Zigarette rauchen,” sagt der Einheitskanzler, und zündet sich eine L&M an, während ich zustimmend mit dem Kopf nicke und beinahe zugreife, es im letzten Moment dann aber doch unterlasse, stattdessen einen großen Schluck Gin Tonic nehme.

Versonnen sehe ich dem blauen Dunst nach, der sich von der Zigarettenspitze in Richtung Himmel bewegt, gerade so, als wollte er sich mit den Abgasen der Ferienflieger von Ryan Air, Air Berlin, Air Lingus und Condor verbinden.

Ich bewege meinen Kopf etwas näher zur Zigarette hin. Atme ein. Es riecht angenehm, es riecht weiterhin sehr vertraut. Ich nippe an meinem Gin Tonic. In wenigen Minuten wollen wir aufbrechen, in die Stadt laufen, uns dem touristischen Treiben aus Suff, Singen und Sex hingeben, da ich G. im Schlepptau habe, bin ich mir zumindest bei letzterem ziemlich sicher.

Auf der Terasse einer Bar. Ein betrunkener Franzose fragt uns in schlechtem Englisch nach Feuer, wir verneinen alle, denn wir rauchen ja nicht. „Solche Typen sind eben die Raucher” plappere ich vor mich hin, ernte einen mißbilligenden Blick vom Einheitskanzler und gucke den vorbeiwackelnden Engländerinnen hinterher, die eine beeindruckende Menge Fleisch an sich herumtragen. Sie singen laut, trinken schnell und gucken etwas zu verzweifelt, um heute noch auf Geschlechtsverkehr hoffen zu dürfen, obwohl das vielleicht etwas vorschnell geurteilt ist: die männlichen Landsleute haben den gleichen, verzweifelten Blick im Gesicht, sie singen nicht leiser, trinken nicht langsamer.

Als der Franzose vom rundgesichtigen Türsteher auf die Straße geworfen wird, ist es auch für uns Zeit, den Heimweg anzutreten. Der Einheitskanzler raucht eine letzte Zigarette. Ich gucke dem Rauch hinterher.

OK, momentan sind die neuen Empfindungen noch so frisch und abwechslungsreich, daß ich nicht umhinkomme, Sie weiterhin mit Erkenntnissen zu langweilen, die wirklich nur für mich neu sind.

Die erste Woche war also ziemlich übel. Ich dachte so ziemlich jeden einzelnen Tag an die nächste Zigarette. Es hat mir dabei sehr geholfen, daß ich das Aufhören immer noch als großen Spaß ansah, daß ich mit dem Rauchen eigentlich noch nicht so richtig aufhören wollte. Das Wochenende, also das erste rauchfeie Wochenende seit 15 Jahren, das war dann auch richtig heftig. Ich erinnere mich zwar, daß ich Besuch bekam, daß ich irgendwie zwei Tage rumbrachte, aber im Nachhinein erinnere ich mich tatsächlich nur an: das Bedürfnis, mir nun endlich wieder eine Gauloises ins Gesicht zu stecken.

Ab Montag veränderte sich dann einiges. Vor allem wurde der Drang weniger. Seit Mittwoch denke ich nun nicht mehr sekündlich an Zigaretten, wenn auch natürlich noch mehrmals täglich. Die Zigaretten zwischendurch fehlen mir jetzt schon nicht mehr. Es fehlen die besonderen, also die, die ich früher immer sehr bewußt geraucht habe: Nach dem Essen, nach dem Sex, zum Bier.

Richtig gefährlich werden die inneren Stimmen erst jetzt: „Rauchen Sie doch einfach nur noch die wichtigen Zigaretten, dann haben Sie sich auch schon geholfen, müssen aber nicht ganz verzichten,” sagt mir die Stimme, mich schon wieder siezend, was ich bei inneren Stimmen immer irgendwie unheimlich finde.

Und kurz war ich versucht, ihr nachzugeben. Aber ich weiß genau: Ich kann mich nicht auf die wenigen Anlässe beschränken. Es dauerte vielleicht eine Woche, vielleicht einen Monat, und ich wäre wieder da, wo ich anfing. Also ignoriere ich die Einflüsterungen, denke an die neue Uhr, die ich mir aufgrund des Nichtrauchens in 1000 Tagen kaufen werde, und erfreue mich ansonsten an einem Kribbeln in der linken Hand, das eine Durchblutungsstörung anzeigt.

Als ob mein Körper da doch noch die eine oder andere Geheimwaffe gegen das Aufhören entwickelt.

Ich bin ja vielleicht nicht der einzige Mensch in der Bundesrepublik, der mit dem Rauchen aufhört. Ob es nun mir oder irgendeinem Leser hilft, weiß ich nicht. Vielleicht scheitere ich ja auch grandios und fange wieder an mit dem Qualmen. Aber wenigstens kann ich mal wieder etwas anderes schreiben als die für einige Leser eh schon viel zu langweiligen Politikaufsätze.

Warum eigentlich aufhören? Ja, das ist eine gute Frage. Bis vor kurzem gehörte ich ja zu der Fraktion „überzeugter Raucher”. Die negativen Auswirkungen habe ich nie in dem Maße gespürt: Ich wachte morgens nie unter großem Husten auf, ich konnte problemlos Interkontinentalflüge aushalten, das Geld für Zigaretten hat mich nie gestört. Aber eines Tages wachte ich auf, lag in meinem eigenen Urin, in der einen Hand die abgebrannte Gauloises, in der anderen eine Flasche Astra, neben mir die Überreste von drei Gramm Kokain, und ich dachte mir: Irgendetwas muß ich ändern. Da war es das naheliegendste, erstmal aufs Rauchen zu verzichten.

Also zusammengefaßt: Ich hatte einfach eines Tages die Idee, daß ich auch ohne Zigaretten auskommen könnte. Zunächst einmal war das eher scherzhaft mir selbst gegenüber gemeint. „Rauchen Sie doch mal einen oder zwei Tage nicht”, sagte ich zu mir selbst, wobei ich mir etwas merkwürdig vorkam, mich selbst zu siezen, aber der Stil muß nunmal gewahrt werden.

Am ersten Tag war ich noch äußerst euphorisch: Das ist ja alles viel einfacher als gedacht. Auch am zweiten Tag spürte ich keine Auswirkungen, außer, daß ich ab und an mal dachte, daß ich ja normalerweise jetzt eine rauchen gegangen wäre.

Der dritte Tag war der, an dem ich fast rückfällig geworden wäre: Bei jeder Tätigkeit, die mich ans Rauchen erinnerte, wollte ich mir eine ins Gesicht stecken. Tat es aber nicht. Denn ob meiner Euphorie in den letzten beiden Tagen hatte ich schon zu großspurig herumerzählt, daß ich mich mit dem Gedanken anfreunde, aufzuhören.

Was hat mir geholfen? Vor allem der Gedanke daran, daß es ja die Mehrheit der Menschen auch schafft, ohne nennenswerte Einbußen an Lebensqualität ohne blaue Gauloises durchs Leben zu gehen. Ich habe einen großen Vorteil: Ich habe erst sehr spät angefangen. Ich kann mich bewußt noch an ein (Ausgeh-)Leben ohne erinnern.

Und ich fange an, all diese körperlichen Einflüsterungen als das zu begreifen, was sie sind: Suchtwahrnehmungen. Bisher ist das das stärkste von allen Argumenten, ihnen nicht nachzugeben. Und ein Argument, das auch auf Dauer ausreichen kann. Denn die ersten positiven Auswirkungen spürte ich heute morgen bereits: Zwar wachte ich auch früher nicht mit einem riesigen Haufen Schleim in der Lunge auf, der erstmal rausgehustet werden mußte, aber so locker, wie ich heute morgen nach dem Aufstehen durchatmen konnte, das war schon phänomenal. Und als G. dann in ihrer schläfrigen Morgenroutine wieder mal etwas brüllend Komisches sagte, konnte ich sogar lachen, ohne dabei zu husten!

Wie sich die Lage entwickelt, werde ich hier immer wieder mal aufschreiben. Verzeihen Sie mir, wenn ich irgendwann rückfällig werde, aber verzeihen Sie mir vor allem bitte, wenn ich es durchhalte. Ich weiß: Scheitern ist immer lustiger zu lesen.

Und eine Anmerkung: Jeder, der Alan Carr in den Kommentaren preist, wird sofort und ohne Verfahren geköpft. Über den Kerl schreibe ich bei Gelegenheit einen Extraartikel.

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