Und? So schlimm?

Und? So schlimm?

„Wer bei der Landung klatscht, kriegt von mir eine geklatscht”. Oder auch als Antwort auf die Frage, wo denn überhaupt noch geklatscht werde: „Auf allen Charterflügen. Ich plädiere hier schon seit längerem für die Wiedereinführung der Todesstrafe für solche Deppen.”

Natürlich – wir kosmopolitischen Vielflieger ärgern uns immer darüber, wenn einfache Menschen ™ einfach nicht begreifen, was für ein unsinniges Ritual sie da vollführen. Klatschen im Flugzeug (verzeihung! Im FLIEGER!) ist ja unsinnig, schließlich klatscht man beim Busfahrer auch nicht. So oder ähnlich lese ich es häufig in Foren, auf Facebook, auf Twitter.

Dieselben Menschen, die sich darüber beömmeln, wenn andere Menschen einem Piloten Lob zollen – oder auch ihrer Erleichterung über eine geglückte Landung Ausdruck verleihen – finden aber nichts Anstößiges daran, nach einem Theaterstück oder einer Oper den Akteuren Applaus zu geben. Obwohl ja nun auch die Künstler letztlich nur ihre Arbeit tun. Genauso wie der Busfahrer oder der Pilot.

Warum also regen sich so viele Vielflieger über das Klatschen auf? Meine Vermutung: Das Klatschen an sich stört sie gar nicht. Sie wollen nur zeigen, daß sie selbst weit über den Pauschaltouristen stehen, daß sie das Fliegen als eine völlig normale Sache ansehen, die eben nichts anderes ist als das Busfahren.

Es geht nicht darum, den anderen den Applaus abzugewöhnen, sondern darum, sich selbst als etwas besseres darzustellen. Eine wirkliche Begründung dafür, warum es so falsch sein soll, finde ich jedenfalls nicht. „Man macht das nicht.”

Der Applaus nach einer Landung jedenfalls ist Ausdruck der Wertschätzung, daß der Pilot und die Crew die Passagiere sicher an ihren Bestimmungsort (für Vielflieger: DESTINATION) gebracht haben. Gegen diese Wertschätzung dürfte die Besatzung eigentlich nichts haben. Im Gegenteil: Wie oft kommt es denn vor, daß jemand für seine Arbeit belobigt wird? Ärgern wir uns nicht alle darüber, wie selten unser Chef oder unsere Kunden nach getaner Arbeit sagen: „Mensch, Junge, das ham Sie gut gemacht?” Ist es nicht eigentlich eine ganz wunderbare Geste, wenn ich Anerkennung für eine Leistung zeige, die ich selbst zu erbringen gar nicht in der Lage bin?

Nein – denn viel wichtiger ist es ja, cool zu sein. Zu zeigen, wie wenig einem das Fliegen nahegeht. Wie abgebrüht locker man so etwas wegsteckt. Und vor allem: Wie wenig Flugangst man selbst hat, selbst wenn das überhaupt nicht stimmt.

Abgebrüht, cool, teilnahmslos. Da paßt es nicht ins Konzept, wenn andere Menschen begeistert sind, weil sie vielleicht gar nicht so oft in ein Flugzeug steigen. Weil Flugangst etwas ist, das sehr verbreitet ist – wir Menschen mögen es nun nmal nicht, wenn wir keine Chance haben, im Notfall selbst etwas zu tun. Und auch das betont lässig Nichtklatschen nimmt niemandem seine Flugangst.

Dieselben Menschen, die sich so überlegen fühlen, wenn sie nicht klatschen, werden vermutlich auch über diejenigen lachen, die ihre Anzugsweste bis zum untersten Knopf schließen. Denn das macht man ja nicht. Und? Warum nicht? Weil irgendein alter und fetter Engländer vor hundert Jahren seinem Bauch etwas mehr Freiraum gönnen wollte und alle Speichellecker es ihm gleichtaten? Oder einfach aus demselben Grund, warum das Klatschen nach der Landung so verpönt ist? Derjenige, der sich darüber amüsiert, möchte vor allem betonen, daß er im Besitz von Wissen ist, das der andere nicht hat. Und deswegen lacht er den anderen aus.

Unangenehm wird es, wenn einer dieser Leute dann gefragt wird: „Warum sollte ich den untersten Knopf der Weste nicht schließen? Sie paßt mir doch gut, und es sieht viel angezogener aus?” Und als Antwort kommt dann nur: „Das macht man nicht.”

Je länger ich mich mit Westen beschäftige, umso mehr komme ich zu dem Schluß, daß es gar nicht so eindeutig ist, ob die Weste ganz zugeknöpft besser oder schlechter aussieht. Alle Begründungen, warum der unterste Knopf offenbleiben sollte, sind jedenfalls nicht mehr besonders logisch: Weder tragen wir heutzutage noch zwei Westen übereinander, noch sind die Westen so lang, wie sie es früher waren. Der geschlossene Knopf muß nicht unbedingt dafür sorgen, daß die Weste beim Sitzen knittert.

Beide Beispiele, das Klatschen und der Westenknopf, zeigen recht deutlich einen sehr unschönen menschlichen Charakterzug: Daß es uns wichtig ist, auf andere herabzublicken und sie lächerlich zu machen, weil wir etwas wissen, daß sie nicht wissen. Peinlich wird es nur, wenn sich dieses Wissen darauf beschränkt, etwas grundlos abzulehnen.

Falls Sie sich fragen, wann ich selbstkritisch auf das Thema Kurzarmhemden zu sprechen komme: Gar nicht. Denn so etwas trägt man einfach nicht.

Wie Sie wissen, mochte ich dieses Stöckchenspiel auf Blogs noch nie so richtig. Aber für Herrn Azido mach ich sogar das. Natürlich, wie immer bei diesen Dingern, wird das dann hier verebben, weil mir keine 5 Blogger einfallen, bei denen… ach nein, eigentlich kann ich nach dem Komma schon einen Punkt setzen.

Hier also die Fragen von Herrn Azido sowie meine Antworten.

1. Sie stellen in einem ziemlich heruntergekommenen Restaurant fest, dass der unter allgemeinem Gelächter bestellte “Inderteller” kein Schreibfehler war. Ihre Freunde essen munter drauf los. Wie reagieren Sie?
Ich kümmere mich zunächst einmal darum, daß der Inder auch wirklicht tot ist. Bin schließlich Aasfresser.

2. Wirsing, Blumenkohl oder gedünstete Jogginghosen in Senfsoße?
Alles, was ich in Sempf(!)sauce vorgesetzt bekomme, esse ich mit großer Begeisterung.

3. Mal angenommen, Sie könnten zu einem beliebigen Zeitpunkt für genau 10 Minuten ein Wurstbrot sein. Wem würden Sie sich zum Fraß vorwerfen wollen?
Da ich aus zwar nichtideologischen, aber durchaus vorhandenen und, zu gegebener Zeit, mit Verve vorgertragenen Gründen das Wurstbrot eindeutig und mit Nachdruck ablehne, müßte ich einen Rollentausch entschieden zurückweisen.

4. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich die Leber zu nehmen?
Wie Sie wissen, sind gerade in bezug auf die Leber meine inneren Werte großartig. Daher juckte es mich schon ab und an in den Fingern, dieses mittlerweile in Champagner und edlem Rum eingelegte Stück Fleisch herauszureissen und mir roh in den Mund zu stopfen und dabei irre vor mich hin zu kicher – hatte dann aber Husten, konnte nicht kichern und habs sein gelassen.

5. Warum zum Geier beantworten Sie diese saudämlichen Fragen?
Weil SIE ARSCH sie mir gestellt haben. Sonst würd ich sowas ja nie tun, aber sonst weinen Sie wieder und das könnte ich nicht, oder nur mit eindeutiger Distanzierung, wie bei Links auf andere Websites, aber das ist ja ein Hoax, was Sie eh schon längst wußten, aber ich sprech es so gerne an, ist aber auch egal, jedenfalls: Ihnen zuliebe.

Stein des Anstoßes

Stein des Anstoßes

Lieber Kevin Barth,

Sie fühlen sich mittlerweile sicherlich unverhältnismäßig hart angegangen, oder? Sie finden, daß es jetzt doch langsam mal reichen müsse mit den Beschimpfungen von diesen ganzen Leuten, die Sie gar nicht kennen, oder?

Und wissen Sie was? Ich kann Sie persönlich wirklich gut verstehen. So ein Shitstorm ist eine unschöne Sache. Vielleicht glauben Sie ja auch, daß das alles so schlimm doch gar nicht sei. Sie haben sich ja immerhin entschuldigt. Wieso also hacken die alle weiterhin auf Ihnen rum? Wieso kann man mit den Leuten nicht reden? Wieso akzeptieren die nicht, daß Sie einfach mal daneben gegriffen haben?

Wie gesagt: Ich kann Sie verstehen. Es ist nicht leicht, wenn eine Meute auf einen stürzt und beleidigende Tweets schreibt. Was da nicht alles über Sie geschrieben wurde. Uralte Kamellen. Rechtschreibschwäche. Nazitum.

Und nun gucken wir mal auf Ihre Tweets! Wie gehen Sie mit Menschen um, die einen Fehler begingen und sich dafür entschuldigten? Zum Beispiel: Wulff. Herr Wulff hat sich nicht antisemitisch geäußert. Herr Wulff hat sich bestechen lassen. Finden Sie für Herrn Wulff ein paar nette, beruhigende Worte?
solche Leute wie den #Wullf kann man nur an seinen Eiern aufhängen! Die Ratte ist auch noch BuPrä. Mir wird schwindelig! *Kotz*

Oder über seine Transparenzversuche: „Es wird alles in Internet gestellt! Hey hr. #wulff hat piratige Züge an sich! Wie geil und scheinheilig! #Piraten

Aber wenigstens diese dummen Witze, die man auf Ihre Kosten macht, die ja nichts mit der Sache direkt zu tun haben, die könnte man doch lassen, oder? Also ungefähr so wie bei Wulff? „Habe mein traumauto gefunden. Will mir jemand 10.000.- € #wulffen?

Sie sehen, lieber Kevin Barth, es ist schon etwas anderes, wenn man nicht nur aus sicherer Entfernung auf andere schießt, sondern wenn man mal selbst im Zentrum eines solchen Shitstorms steht, oder?

Sie selbst haben vorgegeben, auf welche Weise politische Auseinandersetzungen zu laufen haben. Sie bekommen gerade zurück, was Sie verteilten. Das mag ungerecht sein, schließlich sind Sie mit 22 Jahren noch ein sehr junger Mann. Aber Sie traten auch an, die Politik zu ändern. Sie traten an, um Ihre Meinung öffentlich zu vertreten. Sie traten an für mehr Transparenz und mehr Freiheit.

Sie kennen den Streisand-Effekt? Sie lästerten über Internetsperren und Menschen, die versuchen, einmal Veröffentlichtes irgendwie aus dem Netz zu tilgen?
Aber als es um Sie persönlich ging, veränderten Sie zunächst eine Grafik, die Ihre politische Einordnung sehr genau zeigte. Sie löschten ein „Entschuldigungsschreiben”, das keines war, sondern ein Pamphlet, das zeigte, daß Sie kein bißchen verstanden hatten, warum ein Satz wie „ich finde den Juden an sich unsympathisch” klassisch antisemitisch ist.

Kurz: Sie taten all das, worüber Sie sich bei anderen Politikern aufregten.

Ich glaube nicht, daß Sie ein bösartiger Mensch sind. Vielmehr glaube ich, daß Sie wirklich davon überzeugt sind, daß Ihre Ansichten und Meinungen doch zu 100% korrekt seien und vielleicht falsch verstanden würden. Oder vom Gegner bewußt falsch aufgenommmen würden. Leider denken so die meisten Menschen. Niemand versteht, daß all unsere Entscheidungen und Überzeugungen mindestens zu 50% falsch sind. Die meisten Politiker gehen davon aus, daß jeder Gegner automatisch entweder dumm oder bösartig ist.

Daher suchen viele Politiker auch nach Möglichkeiten, den Gegner zu bekämpfen, anstatt zu verstehen, daß es bei allen Entscheidungen für die meisten Ansichten gute Gründe gibt. „Was kann man gegen FB User tun die rechte postings und Piraten verbinden? #Piraten #followerpower” – Sie wollten nicht über Inhalte diskutieren. Sie empfanden etwas als „rechts” und wollten dagegen vorgehen. Nun stellen wir aber fest, daß in der Tat Ihre persönliche, keineswegs bösartig gemeinte Einstellung eher rechts ist. Natürlich: Das wollen Sie nicht wahrhaben. Die von Ihnen veränderte Grafik (vorher und nachher), der gelöschte Tweet – sie alle aber belegen Ihre Überzeugung.

Nachdem so viele bösartige Kommentare über Sie geschrieben wurden, kann ich gut verstehen, daß Sie sich in die Ecke gedrängt fühlen. Aber vielleicht wäre es wirklich einmal an der Zeit, sich zurückzulehnen, sich selbst kritisch zu hinterfragen – und dann, in einigen Jahren, sich langsam wieder dem Thema Politik anzunähern.

Obwohl Sie sicherlich einen Comebackversuch eines Herrn zu Guttenberg seinerzeit heftigst abgelehnt hätten.

UPDATE:
Leider scheint der junge Mann nicht in der Lage zu sein, sein Denken und Handeln auch nur ein wenig kritisch zu hinterfragen:
Jetzt kommt mal runter. Vorschlag nehmt euch ne dartscheibe und hängt mein Bild davor auf ;-)” schreibt er also auf Twitter, nachdem er gerade im ZDF bestätigte, daß sein Tweet kein Versehen war, sondern er wirklich, genuin, aus tiefster Überzeugung heraus Antisemit (und beratungsresistent) ist.

Kevin, Sie scheinen wirklich nicht zu verstehen, was Sie sind und was Sie anrichten. Sie sollten wirklich aufhören, sich selbst in Schutz zu nehmen – es IST so schlimm, wie Ihre Parteifreunde sagen.

Windsor vs. 4-in-Hand

Windsor vs. 4-in-Hand

Die meisten Stilexperten raten beim Krawattenknoten zum Four-in-Hand. Gerade so, als sollte man sich nur einen einzigen Knoten merken und den zu allen Anlässen tragen.

Wieo eigentlich? Wieso verwenden wir Zeit darauf, die Schuhe passend zum Gürtel (oder umgekehrt) auszuwählen, warum achten wir auf Farbe und Muster des Einstecktuchs, der Krawatte, des Hemdes – wenn wir dann beim Krawattenknoten immer nur denselben Knoten binden, den alle anderen auch benutzen? Und warum muß es ein Four-in-Hand sein?

Verstehen Sie mich nicht falsch – dieser Knoten ist überhaupt nicht verkehrt. Und ich selbst binde mir Krawatten auch häufig asymetrisch. Aber ist er der richtige Knoten für alle Anlässe?

Vergleichen wir ihn einmal mit dem Klassiker: dem doppelten Windsor. Der doppelte Windsor sieht symetrisch aus. In meinen Augen sieht das eleganter aus. Er sitzt auch fester – beim Four-in-Hand merke ich immer wieder, daß ich die Krawatte nach einem halben Arbeitstag wieder zurechtrücken muß. Der Windsor: bombensicher.

Wenn ich mich wirklich entscheiden müßte, den Rest meines Lebens nur noch einen einzigen Knoten binden zu dürfen – nun, ganz ehrlich: Ich bevorzugte den Windsor. Gerade, unaufdringlich, formschön.

Aber zum Glück müssen wir das nicht. Wir können variieren.

Zu festlichen Anlässen oder zu besonders wichtigen Terminen trage ich weiterhin mit Vorliebe den Windsor. Meine Faustformel: Trage ich ein weißes Hemd, wähle ich den eleganteren Windsor. Trage ich ein gemustertes Hemd, wähle ich den lockeren, moderneren Four-in-Hand. Bei allem dazwischen kommt es auf den Gesamteindruck an – je eleganter ich erscheinen will, umso eher tendiere ich zum Windsor.

Wie sehen Sie das? Also diejenigen von Ihnen, die Krawatten tragen? Windsor? Four-in-Hand? Ein ganz anderer? Oder ist es völlig egal, weil sowieso keine Sau auf den Knoten achtet?

Park mit Nachtsichtgerät

Park mit Nachtsichtgerät


** 34. Eintrag **

„Den Wagen müßte ich auch mal wieder waschen lassen,” denke ich mir, während ich am Bahnhof stehe und die Menschenmassen betrachte, die sich quälend langsam in den Tempel der Pendler hinein und aus ihm heraus bewegen. Es ist kalt geworden. Als ich das erste Mal über den Plan nachdachte, war es kalt. Jetzt ist es wieder kalt. Aber ich habe die Zeit genutzt. Kein Detail habe ich vergessen. Kein dummer Zufall kann mich scheitern lassen.

Aber heute ist es noch nicht so weit. Heute gehe ich alles noch einmal durch, folge allen notwendigen Schritten, die den Erfolg sichern werden. Wann kommt sie an? Natürlich. Wie immer. 18:35h. Zum Glück kann ich mich in Hamburg auf den S-Bahn-Fahrplan verlassen. Wohin geht sie? Auch heute wieder zunächst zum Bäcker. Dann zu McDonald’s, einen Milchshake kaufen. Dann durch den Park nach Hause. Ich gucke auf die Uhr. Nachdem ich ihre Routine nun fast täglich überprüft habe, stelle ich fest, daß sie fast immer zwischen 19:00h und 19:05h den Park betritt. Zur Sicherheit erweitere ich das Zeitfenster um weitere 15 Minuten. Genug Zeit, um mögliche Abweichungen zu kompensieren.

Ich steige aus. Gehe ein paar Schritte in ihre Richtung, überprüfe mein Schrittempo, ihres. Das der Passanten. Wieviele Menschen sind außer uns noch hier? Auch heute wieder: nur wenige. Und der Park ist wie immer menschenleer.

Vom Park aus sind es genau 3 Minuten zur nächsten S-Bahn. Ich weiß, wo die Kameras stehen. Ich weiß, wie ich mich bewegen muß, um ohne aufzufallen mein Gesicht nicht zu zeigen. Morgen ist es soweit. Morgen werde ich meine Ex töten. Und niemand wird mich dafür zur Rechenschaft ziehen können.

** ENDE DES 34. EINTRAGES**

Heute ist es soweit. Ich habe gestern überprüft, daß ich mit den gewonnenen Kenntnissen den Mord durchziehen und ungesehen entkommen kann. Ich steige in meinen Wagen, um zum Bahnhof zu fahren. Ich drehe den Schlüssel herum – nichts passiert. Nochmal! Nichts. Der Wagen tut keinen Mucks. Wieso? Es bringt nichts, darüber zu philosphieren. Ein Marder vielleicht? Vermutlich. Oder ich habe das Licht angelassen? Es hilft nichts. Der Wagen ist nicht essentiell. Ich kann mir ja einfach ein Taxi rufen. Aber halt – speichern Taxen nicht die Fahrten? Das ist definitiv zu gefährlich.

Ich gucke mich um. Überall um mich herum stehen Autos am Straßenrand geparkt. In jedes dieser Fahrzeuge wird gleich ein überarbeiteter Mensch einsteigen. Nach Hause fahren. Nahezu alle denkbaren Routen führen am Bahnhof vorbei.

„Per Anhalter? Das kann ich doch nicht machen. Wenn mich jemand sieht?” denke ich vor mich hin, als ich die Reihe der parkenden Fahrzeuge ansehe. Andererseits: Wie sonst soll ich ihr hinterherfahren? Wie sonst kann ich meinen Plan umsetzen? Den Plan, an dem ich jetzt schon seit Monaten feile? Mich würde schon niemand wiedererkennen, zu sehr habe ich mich den hiesigen Kleidungsvorlieben angepaßt.

Ich sehe eine dralle Blondine in ihr Golf Cabriolet steigen. „Nein,” denke ich mir, „die wird bestimmt versuchen, mit mir zu flirten. Und dann erinnert sie sich doch.” Ein dicker Schmock mit Brille an seinem Kombi – nee, der stinkt sicher. Aber dann fällt mir der Audi auf, in den gerade ein gutgekleideter Geschäftsmann einsteigt. Der hat sicherlich so viel zu tun, daß er keine Sekunde mehr daran denken wird, wen er wohl mitgenommen hat. Ich spreche ihn an, frage ihn, ob er mich ein paar Meter mitnehmen könne, nur bis zum nächsten Bahnhof. Er guckt mich irritiert an. Dann lächelt er, hält mir die Tür auf. Ich gucke ihn mir näher an: Er trägt einen offensichtlich maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug, ein hellblaues Hemd, eine äußerst geschmackvolle Hermès-Krawatte und passendes Einstecktuch. „Ist das ein Kurzarmhemd, das Sie tragen?” fragt er mich, und ich wundere mich kurz, daß er mich siezt, das tut hier doch sonst keiner.

Ich steige ein.

** ENDE DES LETZTEN EINTRAGS **

Liebe Mitleser (beziehungsweise ehemalige Mitleser):

Ja, das Blog ist nicht ohne Grund noch hier. Ich habe nicht vor, es komplett aufzugeben. In den letzten Monaten hatte ich keine Lust, Artikel zu schreiben, aber ich stelle fest, daß es so langsam wieder kribbelt. Ich hab noch ein, zwei Storys, die ich gern schreiben möchte. Und die von Ihnen so gehaßten politischen Aufsätzchen werden auch wieder mal geschrieben.

Bis dahin aber erst einmal nur kurz die Ankündigung, daß ich in dieser Woche hier wieder beginne.

Smokingoutfit mit Weste, Schal und Mantel – und verdeckter Knopfleiste

Smokingoutfit mit Weste, Schal und Mantel – und verdeckter Knopfleiste

Ausgehend von einer Diskussion, die ich gerade auf Twitter mit @oschn führte, möchte ich kurz meine Gedanken zum Thema Smoking niederschreiben.

Heutzutage gilt der Smoking als entbehrliches Kleidungsstück, weil er für die meisten Anlässe zu formal erscheint. Und es stimmt ja auch: Wozu benötigt man heutzutage überhaupt noch einen? Auf den meisten Bällen reicht ein dunkelblauer Anzug – und auf Opernpremieren sehe ich heutzutage häufig sogar Menschen in Jeans.

Viele Leute scheinen zu glauben, daß der Smoking äußerst starre Richtlinien bezüglich Hemd, Kragen, Farbe und anderen Ausstattungsmalen hat. Und viele dieser Vorstellungen sind einfach falsch. Ein Smoking hat beispielsweise nicht zwingend schwarz zu sein. In dunklem Blau wirkt er gerade noch eine Spur eleganter, da ein solches nachts viel eleganter und sogar schwärzer aussieht als ein echtes Schwarz. Klingt komisch? Schauen Sie sich das ruhig auf einer entsprechenden Veranstaltung einmal an.

Auch die Kragenform ist keineswegs starr: Während es früher üblich war, zum Smoking einen normalen Umlegekragen zu tragen, weil der Kläppchen- oder Vatermörderkragen ausschließlich dem Frack vorbehalten war, so hat sich heute diese Sichtweise überholt. Da es den Frack so nahezu gar nicht mehr gibt, ist die elegantere Kragenform zusammen mit dem Smoking nicht nur eine gangbare, sondern in meinen Augen sogar bessere Form. Denn wenn der Smoking in den Rang eines Fracks aufgestiegen ist – warum ihn dann nicht auch mit dem elegantesten Hemdkragen verbinden, den es gibt?

Wir dürfen nicht vergessen: Ursprünglich war dieses in unseren Augen schon fast ZU elegante Kleidungsstück etwas, das man gerade mal beim Essen im familiären Rahmen trug, sonst aber nie. Dazu gab es den Frack, den Cut und all die anderen Formen des Gesellschaftsanzuges, die heute nahezu oder komplett in Vergessenheit geraten sind.

Auch die Knopfleiste beim Smoking unterlag stetig Änderungen. Zunächst wurde das Hemd mit offener Knopfleiste getragen. Damals benutzte man externe Knöpfe, also solche, die nicht mit dem Hemd verwoben waren. Später kam die verdeckte Knopfleiste auf. Diese hat sich heute als Standard bei Smokinghemden durchgesetzt, obwohl es immer noch Anhänger der einzelnen Knöpfe gibt. Auch – und hier kommen wir zum Ausgangspunkt der Diskussion bei Twitter – ist es vorstellbar, eine ganz normale offene Knopfleiste zu verwenden. Wenn sich das Hemd sowieso ständig dem Geschmack anpaßt und der Smoking auf diese Weise wiederentdeckt wird – warum nicht?

Die einzige Chance, die der Smoking nämlich überhaupt noch hat, liegt nämlich darin, ihn moderner zu machen. Wenn Traditionalisten fälschlicherweise glauben, der Smoking habe schon immer festen Regeln unterlegen und dürfe sich dem modernen Geschmack nicht anpassen, dann wird es ihm so gehen wie dem Frack, dem Cut und all den ganzen anderen schönen Kleidungsstücken, die wir heute nirgendwo mehr sehen.

Wenn es aber gelingt, den Smoking modern zu interpretieren und ihn zu einem auch bei jüngeren Menschen akzeptierten Kleidungsstück zu machen, dann können wir auch Details wie Knopfleisten dem Zeitgeist anpassen – und wem es gefällt, der wird mit Umlegekragen, verdeckter Knopfleiste und einfacher Manschette niemals deswegen schief angeguckt.

Gefällt mir nicht: Verschwörungstheorien und Bahnfahren

Gefällt mir nicht: Verschwörungstheorien und Bahnfahren

In Stuttgart haben also anscheinend Demonstranten einen Polizisten krankenhausreif geprügelt. Der Diskussion um den Bahnhofsbau fügt diese Ausschreitung nichts hinzu. Die Argumente gegen den Bahnhof werden durch so eine Tat nicht abgewertet, genausowenig wie ein durch einen Wasserwerfer verletzter Demonstrant auch nur ein Argument pro Neubau wegnimmt.

Dennoch werden diese Vorfälle selbstverständlich äußerst bewegt diskutiert. Natürlich – denn es geht um Menschenleben und körperliche Schäden, das kann man wunderbar als Argument gegen die Gegenseite benutzen.

Das Dumme an der Situation ist natürlich nur, daß nun auf beiden Seiten Gewalt angewandt wurde. Wie das eben in solchen Situationen häufig vorkommt. Sobald sich Menschen in großer Menge mit starken gegensätzlichen Überzeugungen emotional aufgewühlt gegenüberstehen, passiert es eben leicht, daß einzelne Menschen durchdrehen. Und andere mitreißen.

Was mich allerdings wirklich ärgert, sind die Reaktionen, die ich heute morgen auf Twitter verfolgen durfte: Es war nicht so, daß nun Gegner des Bahnhofsprojektes dafür ausgesprochen hätten, den Polizisten im Krankenhaus zu besuchen; es gab keine Forderungen nach harten Strafen gegen die Verursacher.

Sondern es wurden die blödesten Verschwörungstheorien herumgeworfen, nach der alten Weisheit „weil nicht sein kann, was nicht sein darf”. Wenn die Befürworter der eigenen Meinung Scheiße bauen, dann hat man das hinzunehmen. Vielleicht kann man der Gegenseite zeigen, daß man selbst menschlich bleibt und Bedauern ausdrücken.

Aber blind (und ohne auch nur den Hauch einer Logik) zu behaupten, der Polizist sei von Regierungsbeamten ins Krankenhaus geprügelt worden, das ist so dermaßen geschmacklos, daß ich das Kotzen kriege.

Nicht griechisch, aber zur Lösung gewisser Probleme auch gut geeignet

Nicht griechisch, aber zur Lösung gewisser Probleme auch gut geeignet

In Griechenland gehen die Menschen auf die Straße und demonstrieren. Gegen die Regierung, gegen die EU, gegen alles Mögliche. Aber warum eigentlich? Wieso protestieren die Menschen mit großer Empörung gegen eine Regierung, die sie jahrzehntelang selbst wählten? Die den Wählern stets das versprochen hat, was sie haben wollten? Wieso empört sich der Bürger darüber, daß das Land pleite ist, wenn er noch nie zuvor daran gedacht hat, daß das reine Verteilen von Geld irgendwann einmal in eine Krise führen könnte?

Jedem Menschen ist für seinen eigenen Haushalt klar: Ich muß das Geld, das ich ausgebe, auch verdienen. Ich muß es nicht unbedingt bereits verdient haben, manche Anschaffungen lassen sich durchaus mit der Spekulation darauf finanzieren, daß es in Zukunft etwas besser geht. Aber da wird jeder Privatmann schon vorsichtig. Schulden machen ist in begrenztem Rahmen in Ordnung, aber wir alle bekommen schon ein ungutes Gefühl, wenn die Schulden einen bestimmten Prozentsatz unseres Einkommens überschreitet.

Was also treibt die Menschen dazu, in der Politik fest daran zu glauben, daß man das Geld nur mit beiden Händen zum Fenster rausschmeißen müsse, damit es allen irgendwie gut geht? Wieso werden aus Menschen, die intelligent sind, bei politischen Entscheidungen auf einmal Kinder, die ihre Welt mit möglichst einfachen Erklärungen und klaren Feindbildern sehen wollen? Menschen, die in ihrem Jobs jeden Tag schwierige Entscheidungen fällen müssen, antworten bei der simplen Frage, ob man beispielsweise das Budget für Sozialleistungen oder doch eher Bildung kürzen solle mit: „Keins von beiden! Man muß beides erhöhen!” Von einem Kind erwarte ich solche Antworten. „Welcher Deiner Freunde soll am Geburtstag neben dir sitzen?” – „Alle.” Von erwachsenen Menschen sollte ich doch erwarten dürfen, daß sie wissen, was priorisieren bedeutet. Und wenn dann gefragt wird, wer das bezahlen soll? „Die Reichen.”

Die Reichen sind übrigens IMMER die anderen. Oder würde es Ihnen einfallen, sich als reich zu bezeichnen? Obwohl jeder, der das hier liest, im Schnitt der Weltbevölkerung zu den Superreichen zählt? Und die meisten Leser dieses Blogs vermutlich auch noch innerhalb Deutschlands zu den obersten 15% dieses äußerst reichen Landes gehören (beginnt bei 40.000 Euro im Jahr. BRUTTO!)

Wenn man grundsätzlich immer nur die anderen Menschen in der Pflicht sieht, etwas zu tun, weil es ja immer nur die anderen sind, die das Geld haben, niemals man selbst, dann ist es natürlich auch kein Wunder, daß die einzige Forderung, die in Krisenzeiten aufkommt, die nach einer „Reichensteuer” ist. Schuld sind immer a) die Ausländer, b) die Banken oder c) die Reichen, aber niemals man selbst. Weder die verschuldeten Häuslebauer in den USA noch die Griechen, die sich daran gewöhnt hatten, daß nur der Staat es war, der Gehälter auszahlt.

In Griechenland scheinen nun Verschwörungstheorien nach Muster a) beliebt zu werden. Die Deutschen sind schuld. Und zwar derart, daß auch die zukünftigen und noch zu entscheidenden Rettungspakete bereits jetzt abgelehnt werden, weil die Deutschen sowieso nur Griechenland das Blut aussaugen wollen. Es ist also nicht nur egal, wie wir uns verhalten HABEN, sondern auch, wie wir uns verhalten WERDEN.

Aber so sind eben die einfachen Erklärungen, wenn es wichtiger ist, jemanden zu finden, der schuldig ist, als eine Lösung für ein sehr großes und schwieriges Problem.

Beispiel mit dunkelgrauem Anzug

Beispiel mit dunkelgrauem Anzug

Haben Sie sich mal in letzter Zeit bewußt Menschen im Anzug angesehen? Beispielsweise Politiker, Nachrichtensprecher – oder eben die ganz normalen Leute auf Messen, im Café, auf der Straße? Ist Ihnen dabei etwas aufgefallen? Ja? Mir nämlich auch. Ich sehe nur noch weiße Hemden.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ein weißes Hemd ist ein wunderbares Kleidungsstück. Es paßt gut zur feierlichen Abendgaderobe. Und ab und an auch zu geschäftlichen Anlässen. Zu gehobenen geschäftlichen Anlässen. Dazu muß es aber geschickt kombiniert werden. Ein weißes Hemd kann nämlich schnell auch mal langweilig aussehen.

Und genau daran hapert es anscheinend. Auf Messen sehe ich häufig Menschen im mittlerweile üblichen Ornat: Schwarze oder dunkelgraue Anzüge, schlechtsitzend, ein weißes Hemd, häufig mit Button-Down-Kragen. Dazu eine gestreifte Krawatte, meist in Rot- oder Orangetönen. Selbst wenn ich mir vorstelle, der Anzug säße ordentlich und das Hemd wäre eines mit einem schönen Haifischkragen und Umschlagmanschette – es sähe langweilig aus. Weiß ist nunmal keine besonders interessante Farbe. Daher trägt man es eben häufig zu feierlichen Anlässen am Abend: Weil die Frau dann mit Farben punkten kann. Die Kleidung des Mannes soll dann eben nur die Leinwand dazu bieten.

Über das Problem der schwarzen Anzüge habe ich mich oft genug ausgelassen. Über die vorherrschende Meinung, Dunkelgrau wäre die perfekte Farbe für alle Anlässe, auch. Aber das weiße Hemd hängt mir mittlerweile fast ebenso sehr zum Halse raus wie diese beiden Nervfaktoren der Alltagskleidung. Dabei wäre es so einfach, ohne Mehrkosten viel besser auszusehen:

DAS BLAUE HEMD.

Kombinieren Sie doch bitte einfach mal ein blaues Hemd zu Ihrem (von mir aus grauen) Anzug! Schauen Sie sich an, wie auf einmal die Krawatte viel schöner zur Geltung kommt. Auf einmal ist das Hemd nicht mehr nur die Fläche, auf der eine schöne Krawatte getragen wird, sondern in sich schon ein Hingucker (und wieviel wichtiger ist das blaue Hemd, wenn Sie auch noch auf eine Krawatte verzichten, Sie Oberkellner!)

Natürlich wäre es furchtbar, wenn nun wieder jeder im blauen Hemd durch die Gegend liefe. Für diejenigen, die etwas sicherer im Kombinieren sind, gibt es auch genügend Alternativen: Gestreifte Hemden, ja sogar rosafarbene – oder eben auch mal ein weißes, wenn die Krawatte besonders gut zur Geltung kommen soll, wenn die Frau dabei ist und ein atemberaubendes Kleid (bspw. in rot) trägt.

Aber für diejenigen, die sich nicht so viel mit Kleidung beschäftigen wollen, die vielleicht selbst nie genau wissen, wie man einen Anzug ordentlich kombiniert, die eine Krawatte eher als lästig ansehen: Bitte, bitte tun Sie sich und dem Rest der Welt einen Gefallen und tragen ein blaues Hemd. Hellblau für diejenigen, die am wenigsten Risiko eingehen wollen.

Sie werden feststellen, daß Sie schlagartig besser gekleidet aussehen. Sich von Ihren Kollegen im Einheitslook abheben. Und wer weiß? Vielleicht stellen Sie auch fest, wie viel einfacher es ist, schöne Farbkombinationen zu kreieren, als wenn sie das schnöde, weiße Hemd anziehen.

Ein Versuch ists doch wert, oder?

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