Sakko

Revers beult nicht aus und verläuft sauber am Rand des Kragens.

 

Gut, was erwarte ich vom Manager-Magazin auch? Geschmack? Recherche? Ahnung von Anzügen? Wenn also dort ein paar Tips von den „Experten“ über Herrenmode erscheinen, dann habe ich schon eine böse Vorahnung, wenn ich den Link anklicke.

Aber es ist anders, als ich dachte. Schlimmer. Es beginnt gleich mit dem ersten Tip. Welche Farbe sollte also der erste Anzug haben? „Der Alleskönner unter den Anzügen ist der anthrazitfarbene(…)“ wird dort allen Ernstes behauptet. Anthrazitfarben? Also die Farbe, für die es nur einen einzigen Anlaß gibt, sie zu tragen, nämlich im Büro? Die erstens schönere und zweitens viel häufiger einsetzbare Farbe (dunkelblau, passend zum Alltag, aber auch zu gesellschaftlichen Anlässen am Abend) wird hier als Farbe für einen zweiten (!) Anzug aufgelistet. Kein Wunder – wenn man bei C&A oder Momo recherchiert, ist Grau natürlich DIE Einheitsfarbe für Anzüge. Im Alltagsbild leider auch. Am lustigsten ist natürlich die Begründung: Blau sei „eine Nuance sportlicher“ – es muß sich ja nun niemand besonders lange mit der klassischen Herrenmode beschäftigen, um zu wissen, daß diese Aussage genau falsch herum getroffen wurde.

Und dann kommt der Teil zur Paßform. Wir erinnern uns: Der Artikel beschäftigt sich damit, wie man den passenden Anzug findet. Zur Paßform wird also angemerkt: „Neuralgische Punkte beim Anzug sind die Ärmel- und die Hosenlänge sowie die Bundweite(…)“ – also genau die Dinge, die ein Änderungsschneider für ein paar wenige Euro innerhalb von Stunden oder zumindest Tagen locker beheben kann. Was aber ist mit den Schultern? Sind diese Vielleicht zu stark gepolstert? Zu weit? Der Kragen – „frißt“ er das Hemd? Gibt das Revers zuviel Hemd preis? Beult es sich vor der Brust? Diese Dinge können nämlich nachträglich nicht mehr so einfach geändert werden. Klar gibt es auch Schneider, die das können (meiner beispielsweise). Er markiert beispielsweise bei zu breiten Schultern am Sakko den Bereich mit Kreide, trennt dann das Sakko dort auf, entfernt oder ersetzt das Polster – und muß dabei noch darauf achten, ob jetzt die Ärmel nicht zu kurz werden. Dann kostet mich die Änderung auf einmal 100 Euro. Anstelle der 10, die ich für das Kürzen von Ärmeln oder Beinen ausgegeben hätte.

Meine Bitte: Wenn Sie einen Anzug kaufen, achten Sie bitte ÜBERHAUPT NICHT auf die Länge von Ärmeln oder Beinen. Diese zu zu kürzen ist wirklich kein Problem (und die Hosen werden üblicherweise ja sowieso ungesäumt und mit sehr viel Stoffreserve geliefert). Achten Sie darauf, daß der Sakkokragen auch in der Bewegung nicht über den Hemdkragen rutscht – sonst werden Sie sich unglaublich unwohl in dem Anzug fühlen und ihn nie wieder tragen. Achten Sie auf Revers, auf Schultern (lehnen Sie sich mit der Schulter gegen eine Wand: Sakkoschulter und Oberarm sollten zum gleichen Zeitpunkt die Wand berühren) – aber um Himmels willen nicht auf Kleinigkeiten wie Ärmel oder Beine. Auch die Bundweite ist meist problemlos zu ändern, hier wird es nur dann komplex, wenn die Hose sehr viel zu weit ist und Bundfalten oder Muster dem im Weg stehen.

Es geht dann weiter zum Thema Sakko. Hier sind generell zwar keine großen Fehler zu finden, nur: Der Artikel bleibt völlig allgemein. Einerseits schreibt der Autor, daß die Sakkos laut der heutigen Mode kürzer geworden seien (ignorieren Sie das bitte!), andererseits wird korrekterweise Roetzel zitiert (das Sakko muß Ihren Arsch, fett oder nicht, bedecken ). Und dann lapidar: Ob Ein- oder Zweireiher sei egal, Weste ebenfalls. Kein Wort darüber, welchen Grad an Formalität die verschiedenen Formen aufweisen: Der Dreiteiler ist der formalste dieser Anzüge, gefolgt vom Zweireiher und dann dem Einreiher ohne Weste).

Und bei der Hose wäre es wirklich noch erwähnenswert gewesen, daß die Länge je nach Land unterschiedlich lang getragen wird. In Deutschland (für meinen Geschmack zu) sehr lang, in England so kurz, daß der Autor vermutlich darüber wissend grinste. Bis irgendjemand ihm erklärt, daß die Engländer schon deswegen kein Problem mit hochrutschenden Hosenbeinen haben, weil sie, im Gegensatz zu den Deutschen, niemals Socken zum Anzug trügen. Sondern Kniestrümpfe.

Ja, ich weiß, ein völlig blödsinniger Rant über einen belanglosen Artikel. Aber ich hab mich gerade geärgert und das mußte raus. So.

 

Wie Sie ja vermutlich wissen, wurde in meiner Wohnung ein Zimmer frei. Ein Zimmer, das ich nun seit einiger Zeit kaum noch nutzte: Entweder lebten Mitbewohner dort, oder es war ein Bürozimmer. Was also sollte ich mit dem Leerraum anfangen?

Leerraum

Die Farbe war doch recht gewöhnungsbedürftig

Ein Freund brachte mich mit einem Nebensatz auf die richtige Idee: „Kein Frauenzimmer mehr im Haushalt – also muß ein Herrenzimmer her“ kalauerte O. beim Grillen – und ich war sofort angefixt. Ein englisches Herrenzimmer, ein Rauchersalon, der Clubraum! Mit Ohrensesseln, dunkelgrünen Wänden, Bordüre, Büchern! Eine vernünftige Bar aufbauen!

Es spricht eine Menge für diese Umgestaltung: Einerseits möchte ich mir abgewöhnen, im Wohnzimmer zu rauchen. Es tut dem Projektor und der Leinwand nicht gut, außerdem habe ich häufig Gäste, die Nichtraucher sind. Ein eigener Raum, den wirklich nur diejenigen Menschen betreten, die mit Rauchgeruch keine Probleme haben – und ansonsten eine Wohnung, die stets frisch riecht!

Ferner habe ich – vor allem im Sommer – ein Problem mit dem Sonnenlicht. Filme und Spiele erscheinen einfach zu dunkel, wenn das Wohnzimmer nicht wirklich dunkel ist. Für die Zeiten, zu denen ich also gern einmal tagsüber einen Film sehen oder GTA V zocken will, brauche ich eine andere Lösung.

Der Plan ist simpel: Streichen, Werken, Bauen, Rauchen.

Wir beginnen mit der Farbe. Dunkelgrün soll es werden, genau so, wie ich es aus englischen Clubs noch kenne. Mit einer Bordüre (für den Anfang selbstklebend, zu einem späteren Zeitpunkt werde ich sie durch Stuck ersetzen).

Dann kommt der alte Wandschrank an die Reihe. Das ist schon etwas aufwendiger: Die Leichenteile müssen entsorgt werden – und wir müssen den Geruch rausbekommen! Dann die Türen abmontieren und das Innenleben neu gestalten: Der Fernseher soll in dem entstehenden Regal umrahmt werden von Büchern. Er soll ausziehbar sein, damit ich ihn je nach Sitzposition drehen kann. In den linken Teil des ehemaligen Schrankes kommt die Bar. Hier muß eine ausziehbare Platte zur Zubereitung von Drinks her.

Detailansicht Arbeitsplatte

Hier kommen Martini druff.

Ein weiteres Highlight des Zimmers soll die Tür werden. Sie soll schwer aussehen, wie eine alte Bürotür. Mit Geräuschdämmung. Leder. Also besorgen wir Filz, legen es über die Tür, anschließend Leder drüber, das dann mit Polsternägeln fixiert wird. Das Resultat im Bild.

Tür und Wände mit Seefahrtskitsch

Tür und Wände mit Seefahrtskitsch

Nach und nach entsteht so ein Zimmer, das ich sicherlich wieder häufiger nutzen werde. Ein Zimmer, das ich früher gar nicht hätte so einrichten können, weil ja immer irgendjemand darin lebte oder arbeitete.

Dennoch ist ja das Thema Büro nicht völlig aus der Luft gegriffen. Ich benötige zum Arbeiten nicht viel Platz, da ich, wenn ich zuhause arbeite, eigentlich nur ein 13-Zoll-MacBook-Pro benutze. Also stelle ich in die sonst unnütze Ecke noch den alten Sekretär. Er fügt sich ins Bild ein, erlaubt es aber, sehr vernünftig darauf herumzuwerkeln.

Für Gäste benötige ich nun aber auch noch eine Schlafgelegenheit. Also hole ich mir eine alte Couch, die zum Bett umbaubar ist und eingeklappt nur sehr wenig Platz beansprucht. Das Muster ist derartig hässlich, daß ich zunächst sofort eine dunkelbraune Decke darüberlege, aber langfristig muß natürlich eine andere Lösung her.

Weitere Details:

Sekretär, zuklappbar

Sekretär, zuklappbar

Ein runder, orientalischer Rauchertisch beherbergt Zigarrenschneider, Aschenbecher und eine alte Zigarrenkiste aus Kupfer.

Zwei Chesterfield-Ledersessel mit Hockern erlauben es, bei einer Zigarre und einem Rum, sinnlos über Gott und die Welt herumzufaseln.

An die Wände kommen Bilder, die von meinem Seefahrer-Opa stammen, außerdem ein Rostrum, das er eigenhändig von einem Schwertfisch abmontierte.

Das vorläufige Endergebnis sehen Sie auf den Bildern. Im Gegensatz zur früheren Raumaufteilung: Der große Schreibtisch nahm so viel Platz ein, daß der Raum insgesamt fast klaustrophobisch wirkte. Dadurch, daß an der engsten Stelle auch noch das Gästesofa gegenüber dem Schreibtisch stand, blieb nur ein schmaler Durchgang. Klar: Das Zimmer war nicht für Gäste ausgelegt, sondern als echtes Büro.

Der weiße Wandschrank gab dem Zimmer dann den Rest: Er war einfach ein hässliches Stück aus den 70ern – und ich hatte niemals den Gedanken, daraus etwas Vernünftiges zu machen. Als Regal sieht er nun auf einmal offener und sogar elegant aus (wenn ich irgendwann noch die Rahmen neu streiche, zugegeben).

Das letzte – und fast schlimmste Teilprojekt waren dann die Chesterfield-Sessel. Die paßten nämlich nicht durch die Tür, so daß wir sie über das Fenster mittels Flaschenzug hochziehen und mit, äh, unmenschlicher Willenskraft durch’s Fenster drehen mußten. Wer aber daran gewöhnt ist, Körper adipöser Berater durch die Gegend zu wuchten, bekommt auch noch Sessel gestemmt. Nur, falls Sie es nachmachen wollen: Den Kurs „Beraterstemmen für Anfänger“ gebe ich ab Dezember wieder. Kontakt wie immer über Serial Killers Anonymous.

Der erste Meilenstein des Projektes „Herrenzimmer“ ist somit abeschlossen und ich möchte dem Projektteam meinen herzlichsten Dank aussprechen:

O. für die Idee und das Hochziehen der Sessel

Cinema Noir für die Projektleitung, Streichen, Regalmontage und vor allem den Türbeschlag

Dem Eimerchen für Sofa- und Sesselaufbau

Polybescheuert für die spontane Hilfe beim Möbeltransport.

Und dem Einheitskanzler für’s Stiften der ersten Zigarren (and stuff).

Sucht noch seinen Platz: Fernsprechapparat

Sucht noch seinen Platz: Fernsprechapparat

Sesselanordnung Fernsehmodus

Sesselanordnung Fernsehmodus

Alternative Sesselanordnung

Sesselanordnung Labermodus

Sowas in der Art

Sowas in der Art

Ich komme nach Hause. Zum ersten Mal seit Wochen. In die Wohnung, die früher unsere gemeinsame war. Das Klingelschild an der Tür ist noch das alte, ganz so, als wohnte hier weiterhin ein Ehepaar zusammen. Doch schon beim Eintreten verfliegt der Eindruck: Löcher in der Wand, da, wo vorher Bilder hingen, wo vorher Rolltapeten für Photoshootings hingen, wo das Gewürzregal angebracht war. Das Bürozimmer, aus dem früher immer melodisch ihre Fingernägel auf der Tastatur klimperten: leer. In der Ecke zusammengekehrt die Unterhaltungselektronik. Ein Blu-Ray-Player, eine XBox, ein Fernseher, Lautsprecher, Apple-TV. Und in der Mitte ein mich vorwurfsvoll anzublicken scheinender Staubsauger.  “Später,“ raune ich ihm zu, “wenn die Haushälterin kommt.“

Meine Schritte hallen im leeren Raum, hallen im Flur, in dem die Anrichte fehlt. Ich lege meine Sachen ab, plaziere die Reisetasche vorsichtig auf das Bett (mein Bett!) und beginne, den neu gewonnenen Platz im Kleiderschrank zu nutzen. Stelle meine Zahnbürste wieder an ihren vorgesehenen Ort, wische die noch herumstehenden Shampoos in den Mülleimer. Mein Bad!

Die Tür zum Bürozimmer bleibt zu. Dank eines äußerst brillanten Momentes von Freund O. plane ich nun, eine Art englisches Klubzimmer einzurichten. Ohrensessel, grüne Lampen, Mahagonitisch, Bücherregal. Meinen Rauchersalon. Der Projektor im Wohnzimmer scheint sich zu freuen, als ich ihm von meinem Plan erzählt. So gut gefiel ihm das Rauchen wohl nicht. Die Leinwand würde zustimmend nicken, wäre sie nicht fest an der Wand montiert. Meiner Wand.

Wir sitzen zu dritt auf dem Balkon (meinem Balkon!), trinken endlich mal wieder ein frisch gezapftes Bier, grillen Entrecotes und fachsimpeln über den neuen Raum. Es wird kein Projekt, das innerhalb von ein paar Wochen zu erledigen ist, soviel ist klar. Der Blick auf meinen Kontostand bestätigt: Ganz so günstig ist eine Trennung tatsächlich nicht.

Aber es ist ein Projekt. Mein Projekt. Für meine Wohnung.

Und so langsam merke ich, wie meine Stimmung sich hebt.

Genau so eigentlich nicht!

Genau so eigentlich nicht!

Einfach ist es ja nicht, das richtige Hemd zum Smoking zu finden. Gut – die Farbe. Die ist noch recht simpel. Allerdings kann ich auch hier ein wenig mehr variieren, als viele glauben: Weiß kann es sein, aber ein Elfenbeinton („off-white“) geht selbstverständlich auch und sieht gerade bei vielen helleren Hauttypen auch noch besser aus.

Dann aber die Frage nach dem Kragen: Kläppchen- / Vatermörder? Oder doch der klassische Umlegekragen? Eine richtige Antwort darauf gibt es nicht. Beides ist vollkommen akzeptiert. Einige Stilexperten vertreten die Ansicht, den Vatermörderkragen sollte man nur zum Frack tragen. Nur: Anlässe zum Tragen dieses sehr formalen und durchaus ein wenig steif wirkenden Kleidungsstückes gibt es ja kaum noch, wenn Sie nicht in Wien leben.

Ich persönlich sehe die Sache so: Trage ich einen Smoking mit Spitzrevers (das ja vom Frack abgeleitet ist), finde ich den Kläppchenkragen angemessener. Dann aber MUSS die Fliege selbstgebunden sein. Eigentlich muß sie das sowieso, aber bei dieser Kragenform erkennt man vorgebundene sofort.

Wenn mein Dinner Jacket hingegen einen Schalkragen hat, der ja vom Smoking Jacket kommt, sollte der Kragen eher der Umlegekragen sein, da diese Smokingform nicht ganz so formell ist.

Wobei sich wiederum die Frage stellt, ob der Kläppchenkragen dann auch eine Weste statt Kummerbund erfordert. Letzterer ist ja etwas legerer als eine Weste – wobei es sowieso kaum noch Smokings mit Weste gibt.

So oder so hat mein Hemd Umschlagmanschetten.

Aber nun: Wie sieht es mit der Front aus? Verdeckte Knopfleiste? Oder lieber nur Knopflöcher für schwarz-silberne Knöpfe vom Juwelier? Eine verzierte Brust (Rüschen sind selbstverständlich George Lazenby vorbehalten) oder lieber eine glatte?

Das Smkokinghemd, welches ich momentan suche, sollte eines mit Vatermörderkragen sein, Umschlagmanschette, Knopflöchern und einer strukturierten Brustpartie. Für mich ist das die eleganteste Variante, die vor allem zu meinem Spitzrevers-Smoking (Einreiher) paßt.

Für die Variante mit White-Dinner-Jacket hingegen habe ich mich für ein Hemd mit Umlegekragen und verdeckter Knopfleiste entschieden, bin aber gerade bei der Knopfleist noch etwas unsicher. Die schwarzen Knöpfe würden einen schönen Kontrast zum Weiß von Sakko und Hemd bilden. Was meinen Sie?

Auf mich, statt uns!

Auf mich, statt uns!

Der erste Hochzeitstag. Ein rauschendes Fest sollte er nie werden, da hatten wir andere Pläne. Ich hatte eine Flasche Dom Perignon besorgt, denn im Gegensatz zu meinen ganzen Sprüchen auf Twitter habe ich in Wirklichkeit noch nie mehr als ein Glas dieses wunderbaren Champagners getrunken.

Nach dem Champagner, den wir bei ruhiger Musik im Wohnzimmer genießen wollten, hätten wir uns auf eine alte Matratze mitten im Raum gebettet, die in der Anfangszeit unserer Beziehung eine Zeit lang dort herumlag, mittlerweile aber längst im Keller verstaut ist. Wir wollten uns verliebte Phrasen an den Kopf werfen, uns küssen und darauf anstoßen, daß wir das erste Jahr von vielen hinter uns gebracht haben. Wir wollten uns lieben und vielleicht anschließend, trunken vor Glück und Champagner, in das kleine Restaurant in Reeperbahnnähe fahren, in dem es diesen Cocktail gibt, der vor allem aus frischen Früchten besteht. Wir wollten die Nacht durchtanzen und sie nicht enden lassen wollen.

Die Flasche Dom Perignon steht im Sektkühler, sie ist halb voll. Wären wir zu zweit, wäre sie jetzt leer. Ich wäre nicht melancholisch und angetrunken, sondern angeheitert und fröhlich. Aus den Lautsprechern ertönte nicht Element of Crime, die ja sowieso die einzige Band sind, die man nach einer Trennung hören kann, sondern vielleicht etwas von Joy Division. Etwas, das uns an gemeinsame Autofahrten erinnert hätte. Vermutlich wäre der Aschenbecher auch nicht bis zum obersten Rand voll mit Gauloises, zumindest wären einige Black Devils darunter. Und weniger Gauloises. Und er wäre regelmäßiger geleert worden. Und um ihn herum wäre keine Pfütze vom Kondenswasser zweier Martini, die davon zeugen, daß der Abend schon früh angefangen hat.

Die Matratze läge im Wohnzimmer, nicht der olle Schlafsack, in den ich mich eigentlich nur hineinlegen möchte, weil ich die Melancholie genießen möchte, aber jetzt schon weiß, daß es soweit nicht kommen wird.

Gerade als in meiner wirklich peinlichen Playliste Berlins “Take My Breath Away” angespielt wird, kurz bevor ich mich endgültig der verfluchten und geliebten Melancholioe hingebe, gucke ich auf mein Telephon. Scrolle durch die Nachrichten der letzten Stunde. Ich schalte die Playliste um. Höre “True Faith” von New Order, meine Mundwinkel heben sich leicht, ich gucke die Axt an, die so unschuldig im Wohnzimmer herumsteht. Ich tippe ein paar Worte, lächele bei der Reaktion.

Dann stehe ich auf, schütte die halbleere Flasche Dom Perignon weg, wische den Tisch ab und bereite mir einen Kaffee zu. Gehe ins Schlafzimmer, ziehe mir einen Smoking an. Dieser Tag war gedacht als Freudentag. Behandeln wir ihn auch so!

In der Übergangswohnung. Es ist relativ spät am Abend, aber ich habe Hunger. Die Restaurants um mich herum scheinen alle bereits geschlossen zu haben, klar, es ist Sonntag. Ich überlege also, mir schnell etwas Indisches zu bestellen, gucke in der Pizza.de-App nach und lasse mir einen Haufen Zeugs kommen, das ich größtenteils nicht benötige, um den Mindesbestellwert zu erreichen. Da gerade eine Rabattaktion läuft, auf die ich leider nicht per Knopfdruck verzichten kann, muß ich also noch drölfzig Saucen bestellen, um wenigstens auf die erforderlichen Euro zu kommen.

Eine Stunde später ist das Essen da, geschmacklich ganz ok, „warm und reichlich“ wäre wohl der passende Kommentar.

Montagmorgen beginnt der Bauch verrückt zu spielen. Im Mund den schalen Geschmack von Huhn, das anscheinend zu alt war. Im Bauch kurze Zeit später nichts mehr. Der Dienstag ist kaum besser. Entsprechend versuche ich, den Laden zu bewerten.

Kurze Zeit später flattert mir eine Mail von pizza.de in die Inbox:

Hallo Frau Pebbs,

Die pizza.de GmbH bietet Bestellern sowie Lieferdiensten ein authentisches

Bewertungssystem. Um dies weiterhin gewährleisten zu können, überprüfen

wir regelmäßig die Bewertungen unserer Vertragspartner (Lieferdienste).

Bei der Überprüfung Ihrer Bewertung zu der Bestellung bei dem

Lieferdienst Taj Mahal, mussten wir leider einen Verstoß gegen unsere

Nutzungsbedingungen feststellen. Bei der Bewertung “…später

Durchfall…” verwenden Sie Äußerungen, die als möglicherweise

diffamierend aufgefasst werden könnten.

Wir haben Ihre Bewertung deshalb zwecks Neuverfassung zurückgesetzt.

Achten Sie dabei bitte auf eine faire und sachliche Formulierung.

Mit freundlichem Gruß

Ich bin sehr verwundert. Zum einen, weil sie mich fälschlicherweise mit dem Namen meiner überaus freundlichen Gastgeberin ansprechen, die aber momentan ganz woanders weilt – deswegen HABE ich die Übergangswohnung ja überhaupt. Zum anderen, weil man mir also vorwirft, diffamierend zu bewerten. Nicht etwa dem Unternehmen, schlechtes Essen serviert zu haben. Keine Entschuldigung für Magenschmerzen, Brechen, Durchfall. Nein. Die Aufforderung, mich mal bitte am Riemen zu reissen und, wenn ich schon so ekelige Dinge tun muß, diese doch bitte zu verschweigen.

Ich antworte:

Sehr geehrte Frau XXXX,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Es liegt mir natürlich fern, Ihr Unternehmen in irgendeiner Weise zu diffamieren, nur weil mein schwächlicher Magen sich dümmlicherweise weigerte, das verdorbene Essen vernünftig in sich zu behalten.

Vielen Dank nochmals für Ihre Belehrung, ich bin sehr froh, daß Sie mich auf den richtigen Weg zurückgeführt haben.

Ach ja, nebenbei bemerkt heiße ich nicht Frau Pebbs, sondern bestellte lediglich zu ihrer Adresse. Was man bei einem kurzen Check auf die Login-Daten oder gar die E-Mail-Adresse hätte herausfinden… aber was rede ich?

Grüße,

GP

Daraufhin erwartete ich zumindest, daß man bei Pizza.de etwas hellhörig wird und sich eventuell mal nach der Ernsthaftigkeit des Magenproblems erkundigt. Aber nein, etwas anderes als Textbausteine scheint es nicht zu geben:

Sehr geehrter Herr Psycho,

wir als pizza.de begrüßen selbstverständlich Bewertungen, welche von lobend bis kritisierend verfasst worden sind. Dabei achten wir selbstverständlich auf eine angemessene Formulierung.

Wie bereits genannt, haben wir Ihre Bewertung “zwecks Neuverfassung” zurückgesetzt und ermöglichen Ihnen somit, eine sachlich sowie faire Formulierung vorzunehmen.

Mit freundlichem Gruß

Also weiterhin: „Ihr Problem, wenn unser Partnerunternehmen Ihnen verdorbenes Essen liefert, aber schlechte Bewertungen lassen wir nicht zu.“

Nachdem also klar war, daß von Pizza.de außer PR-Textbausteinen nichts zu erwarten war, schrieb ich dann abschließend zurück:

Sehr geehrte Frau XXX,

vielen Dank für Ihren Textbaustein.

Mit freundlichen Grüßen,

GP

Ex-Kunde

Irgendwann wird eine andere Generation sich darüber wundern, wieso in unserer Zeit Unternehmen wirklich daran glaubten, mit vorgefertigten Bausteinen könne man mit Kunden vernünftig kommunizieren.

… der über “bin 17 habe rotes hemd welche krawatte und anzug” auf dieses Blog kam: Gar keinen. Ein rotes Hemd ist nur dann zu einem Anzug tragbar, wenn man Stilregeln so sicher beherrscht, daß man sich einen stilvollen Bruch erlauben kann.

Aufgrund Ihrer Frage weiß ich aber, daß dem (noch) nicht so ist. Daher: Kaufen Sie sich ein hellblaues Hemd. Kombinieren Sie es mit einem Anzug, der nicht schwarz ist!

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