Schön für draußen: Hellgrau

Schön für draußen: Hellgrau

 

Eine gute Garderobe soll her, aber bei den meisten Menschen ist das Budget doch eher begrenzt. Gerade zu Beginn einer Karriere als Träger von Anzügen ist es nahezu unmöglich, sich hochwertige Qualität in den unterschiedlichen Farben und Formen zu kaufen, die es eigentlich zu besitzen gilt.

Als ich anfing, mich mehr für Anzüge zu begeistern, hieß das: Standardmarken kaufen. Hugo Boss, Joop, Armani. Und Armani war für mich schon etwas Besonderes. Später erst merkte ich, daß es eine ganz eigene Welt oberhalb dieser von vielen schon als „Designermarken“ wahrgenommenen Anbieter gibt. Nur: Was bringt dieses Wissen, wenn doch ein Kiton-Anzug locker 4.000 Euro verschlingt? Oder ich bei Anderson & Sheppard mindestens 4.000 Pfund (Sterling, nicht gehackte Milz) hinblättern muß?

Eben. Und ich vermute, dies ist einer der Gründe, warum ich im Stadtbild eine Masse von Menschen in teilweise wirklich mies sitzenden schwarzen oder grauen Anzügen von Roy Robson, H&M oder Hugo Boss (oh, wie frech: Orange!) sehe, die allesamt nicht so wirken, als trügen sie ihre Anzüge mit Begeisterung.

Dann entdeckte ich eBay. Wow! EBay. „Wie bescheuert ist der GP denn?“, werden Sie sich denken, „das ist doch ein alter Hut.“ Und Sie haben recht: EBay ist eigentlich eine völlig logische Wahl, wenn wir teure Dinge günstiger einkaufen wollen. Aber wie gehe ich mit der Plattform um?

Zunächst einmal muß ich mir darüber klar werden, welche Marken ich kaufen möchte. Nicht ein oder zwei, sondern besser gleich zehn oder mehr unterschiedliche Hersteller sollten es sein, denn ich muß, um wirklich günstig an Produkte ranzukommen, Auswahl haben.

Eine kleine Auswahl meiner persönlichen Favoriten:

Kiton, Brioni, Gieves & Hawkes, Andersen & Sheppard, Richard James, Huntsman, Hardy Amies, Boss Selection (!), Regent, Baldessarini, Corneliani, Ermenegildo Zegna.)

Die Liste hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – und bei einigen der Anbieter gibt es Fallstricke. So hat Richard James auch für Marks & Spencers Anzüge entworfen, die auf eBay natürlich als Richard James angepriesen werden. Baldessarini wiederum fertigte phantastische Anzüge (die keiner kaufen wollte), als sie noch bei Hugo Boss waren, während die heutige Qualität deutlich nachgelassen hat. Ermenegildo Zegno ist nicht nur Hersteller von Anzügen, sondern auch rein von Stoffen – und viele einfach verarbeitete Anzüge, die aus Zegna-Stoffen sind, werden bei eBay angeboten als: Ermenegildo Zegna.

Abgesehen von diesem Problem gibt es gerade bei den bekannten Marken noch das Problem der Fälschungen. Vor allem bei Kiton und Brioni sollten wir eine gewisse Vorsicht walten lassen. Wenn ich bei tausenden von negativen Bewertungen auch nur eine finde, die von einer Fälschung spricht, lasse ich lieber die Finger von der Auktion.

Nun haben wir also: Eine Liste möglicher Anbieter, das Wissen um mögliche Tücken im Kopf – was fehlt noch? Genau: Geduld. Viel Geduld. Legen Sie sich gespeicherte Suchen für Ihre Vorlieben und für Ihre Größe an. Gucken Sie sich neben dem Angebot aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor allem auch das der Engländer an!

Dann notieren Sie sich einen Preis, den Sie bereit sind, für den Anzug auszugeben (Faustregel: 5 – 10% des Neupreises). Und dann tippen Sie diese Werte in automatische Bietagenten wie myiBidder.com! Bieten Sie nicht direkt bei eBay, sonst passiert es zu leicht, daß Sie vom Auktionsfieber gepackt werden (siehe dazu eine der tausenden eBay-Hilfewebsites).

Und zu guter Letzt: Suchen Sie sich einen richtig, richtig, richtig, richtig, (…) richtig guten Änderungsschneider. Denn der macht aus einem passabel geschnittenen Stück Stoff für meist recht wenig Geld den perfekten Anzug. Machen Sie sich frei von der Vorstellung, ein Anzug müsse passen, wenn er Ihnen geliefert wird! In den meisten Fällen wird er an Ihnen herunterhängen wie ein Sack. Zu “Ihrem” Anzug wird er erst durch den Schneider.

Kalkulieren Sie also das Geld ein, das Sie bei einem Schneider für die Änderung bezahlen müssen. Das können auch gerne 100 Euro werden, wenn viel zu tun ist (Ärmel kürzen und verschlanken, Schulterpolster verkleinern, taillieren, Bundweite der Hose ändern, Hosenbeine kürzen, Schritt nach oben korrigieren – um mal die üblichen Schritte zu nennen, die bei meinen Käufen gemacht werden).

Und bitte achten Sie vor dem Kauf auf Mottenlöcher: Löcher zu stopfen ist weitaus schwieriger, als man annimmt. Ganz im Gegensatz zu den unzähligen Änderungen, von denen der Laie annimmt, man könne sie an einem fertigen Anzug gar nicht mehr vornehmen. Die dann aber für 20 Euro zu haben sind.

Und wenn ich Ihnen einen Tip für Ihre Garderobe geben darf: Kaufen Sie zunächst einmal einen dunkelblauen Anzug. Der paßt zu nahezu allen Anlässen. Für den Beruf auch einen grauen. Nadel- oder Kreidegestreifte können zur Abwechslung später hinzukommen. Und lassen Sie die Finger von rein schwarzen Anzügen – es sei denn, Sie gehen wirklich zu einer Beerdigung. Ansonsten ist nachtblau oder navy stets die bessere Wahl.

Der Ursprung war folgender Blogbeitrag über Amazon und das Problem mit dem gelöschten Kindle einer anscheinend ehrlichen Kundin: http://www.bekkelund.net/2012/10/22/outlawed-by-amazon-drm/

Entsprechend verunsichert wandte ich mich an Amazon.de – immerhin kann ich ja nicht ausschließen, daß mir so etwas auch passiert.

Also fragte ich nach:

„eben stolperte ich über den Artikel des Boggers Bekkelund über die Geschäftspolitik Amazons bzgl. der Kindle-Inhalte (http://www.bekkelund.net/2012/10/22/outlawed-by-amazon-drm/).

Sicherlich ist Ihnen dieser Artikel mittlerweile auch bekannt.

Der Artikel wirft für mich Fragen auf: Wie sieht es mit der Sicherheit meiner (bei Ihnen) gekauften Bücher aus, sollte ich auch einmal ohne Angabe von Gründen als unerwünscht eingestuft werden.

Da ich für die Inhalte Geld bezahlt habe, bin ich momentan sehr unsicher geworden, ob ich weiterhin elektronische Bücher über Amazon bestellen sollte.

Können Sie künftig sicherstellen, daß Inhalte, die ich über Amazon auf den Amazon-Kindle bestellte, auch weiterhin nutzen kann? Oder kann ein solcher Fall wie der von dem Blogger beschriebenen auch in Zukunft auftreten? Und ist das dann so wie beschrieben, daß der Kunde keinerlei Möglichkeiten hat, gegen eine solche Sperre Einspruch zu erheben?

Vielleicht war der Blog-Artikel ja auch inahltlich falsch und Sie haben bereits eine entsprechende Meldung vorbereitet? Wenn dem so ist, dann würde mich Ihre Gegendarstellung sehr interessieren.

Mit freundlichen Grüßen,“

Amazon ließ sich einen Tag lang Zeit. In dieser Zeit scheint man sich sehr viel Gedanken gemacht zu haben, was man mir antworten wollte.

Ich erhielt folgende Mail:

„vielen Dank, dass Sie Amazon.de kontaktiert haben.

Gern erläutern wir unsere Richtlinien zu diesem Thema. Der Status des Kundenkontos sollten keine Einfluss auf die Zugriffsmöglichkeit auf Ihre Kindle-Bibliothek haben. Wenn ein Kunde Probleme hat, auf Inhalte zuzugreifen, bitten wir diesen sich bezüglich einer Lösung direkt an den Kundenservice zu wenden.

Vielen Dank für Ihr Interesse an Kindle.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit diesen Informationen weiterhelfen.

Konnte ich Ihr Problem lösen?

Wenn ja, klicken Sie bitte hier:

(...)

Wenn nein, klicken Sie bitte hier:

(…)

Möchten Sie uns wegen eines anderen Anliegens kontaktieren oder haben Sie weitere Fragen, erreichen Sie uns über das Kontaktformular auf unseren Hilfe-Seiten: http://www.amazon.de/hilfe

Viele Grüße

Unser Ziel: das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein. Ihr Feedback hilft uns dabei.

Hier können Sie Ihren Kindle und Ihre Kindle-Inhalte online verwalten:

http://www.amazon.de/cs/meinkindle “

Also dem Ziel, das „kundenfreundlichste Unternehmen der Welt“ zu werden, scheint man bei Amazon nicht direkt näher zu kommen, aber es ist beruhigend, daß mir der Kundendienst empfiehlt, den Kundendienst zu kontaktieren, wenn ich denn ein Problem haben sollte, was aber nicht vorkommen könne, obwohl es in der Realität vorgekommen ist.

Umso ärgerlicher, als Amazon eigentlich seinen Fehler längst bemerkt haben sollte: http://winfuture.de/news,72637.html

Le Lion

Le Lion

In Hamburg gibt es eine große Menge an Cocktailbars. Das ist nun weder besonders neu noch irgendwie überraschend. Dennoch fehlte mir lange Jahre eine Bar, wie ich sie mir vorstellte: Ohne laute Musik, eher ruhig, stilvoll, nicht ständig übervoll. Keine der Bars, in denen ich Horden betrunkener Menschen feiern sehe – von diesen Bars gibt es viele, und je nach Laune finde ich mich auch ab und an in solchen wieder. Aber einen Ort, an dem das vornehme Trinken zelebriert wird? Eine Bar, in der es wirklich nur um den Genuß von Cocktails geht?

Irgendwann entdeckte ich dann durch Zufall das „Le Lion“ in der Rathausstrasse. Ich glaube, ich kam gerade vom Essen aus dem gegenüberliegenden Café Paris und hatte einige Stunden Zeit zwischen Essen und späterer Party totzuschlagen.

Mißtrauisch beäuge ich die Tür. Eine Klingel? Gibt es das außerhalb der Bordellszene überhaupt noch? Hat das Le Lion überhaupt schon geöffnet? Blamiere ich mich jetzt total, wenn ich läute und niemand aufmacht?

Ich treffe eine der besten Entscheidungen meines (Bar-)Lebens und drücke auf den Knopf.

Das Interieur haut mich um. Es sind nur wenige Gäste anwesend, verteilt auf kleine Sitzgruppen. Unaufdringliche Musik wird gespielt, ein sympathischer Herr nimmt mir die Garderobe ab und geleitet mich an die Bar. Die Bar ist dunkel, es stehen einige sehr ausgesuchte Spirituosen an der Wand, dahinter der große goldene Löwe. Die Welt außerhalb der Bar ist ausgeblendet. Genau so etwas habe ich gesucht. Hier sind keine lauten Selbstdarsteller, niemand, der Shaker durch die Luft wirbelt, keine freihändig abgemessenen Longdrinks mit Massen von Grenadine. Die Atmosphäre ist gedämpft, unaufgeregt, edel und diskret.

Die Karte spielt eigentlich keine große Rolle. In dieser Bar ist es wirklich vernünftig, dem Barkeeper seine Vorlieben mitzuteilen und die Getränkeauswahl in seine Hände zu legen. Sie werden nicht enttäuscht. Sie können sich hier über Spirituosen, Zubereitungstechniken und Bargeschichte unterhalten, sie finden hier Menschen, die Ihnen erklären, welches Tonic nun wirklich am besten zu welcher Ginsorte paßt – kurz: wenn es ums Trinken geht, sind Sie hier richtig.

Es gibt einige Dinge, die Sie im Le Lion nicht erwarten sollten: niedrige Preise. Guten Handyempfang. Cocktails mit unterschiedlichen Säften und Sirupen. Schirmchen im Cocktail. Aber egal, welche Art von Cocktailgeschmack Sie haben – man wird Ihnen hier etwas servieren, das Sie in jeder Hinsicht umhaut.

In Hamburg gibt es für mich keine zweite Bar, die auch nur ansatzweise an das Le Lion heranreicht. Aber lassen Sie sich warnen: Ein Abend dort ist teuer. Wirklich teuer. Und das liegt nicht (nur) daran, daß man stets ein, zwei Getränke mehr bestellt, als man ursprünglich vorhatte.

(Und nun hoffe ich, daß ich bei meinem nächsten Besuch eine Pulle Bollinger aufs Haus hingestellt bekomme.)
(Erwähnte ich, daß man dort Bollinger und Bollinger Rosé ausschenkt?)

Biancalani

Biancalani

Frankfurt. Die Stadt, die aus der Entfernung imposant aussieht. Deren Hochhausarchitektur sie ein wenig nach Großstadt aussehen läßt. Die aber stetig provinzieller wird, je mehr man sich ihr nähert. Ja, ich mag Frankfurt nicht. Zu lange habe ich in der Mainmetropole gelebt, habe das mediokre Nachtleben genossen, die begrenzten Einkaufsmöglichkeiten. Das alles ist mittlerweile natürlich deutlich besser geworden: Es gibt mit MyZeil (was für ein Wort…) ein grandioses Einkaufszentrum, der Platz am Maintower wirkt tatsächlich einladend, gerade in Sommernächten.

Aber vor allem hat die Stadt mittlerweile mehr als nur Hotelbars: Zum Beispiel das Biancalani. Beim Eintreten denke ich noch, der Laden sei ja eine kleine, gemütliche Bar, bis ich in den hinteren Raum stolpere – es ist eine SEHR GROSSE, gemütliche Bar. Lockere Sofaecken, voluminöse Kissen – die Bar spricht von den Getränken her zwar den Liebhaber der klassischen (Herren-)Bar an, aber sie möchte auch dem vom Feiern etwas müden Partyvolk einen Raum zum Entspannen anbieten. Oder uns Businesskaspers, um über einem MacBookAir bei einem Martinez das nächste Projekt zu besprechen.

Die Cocktails sind überraschend günstig, aber perfekt zubereitet. Der Barkeeper berät uns bezüglich unserer Wünsche, schreibt mir sofort „seine“ Martinez-Variante auf und ist alles in allem der perfekte Gastgeber, den ich von meiner neuen Lieblingsbar in Frankfurt am Main auch erwarte.

Shepheards, Köln

Shepheards, Köln

Geschäftsreisen nach Köln habe ich eigentlich immer gern. Es ist zwar ein offenes Geheimnis, daß mich die andere Stadt am Rhein noch ein bißchen mehr in ihren Bann geschlagen hat, aber da ich als Außenstehender mich nicht entscheiden muß, kann ich beides mögen.

Nur beim Thema Bar war Köln für mich bisher stets ein schwarzer Fleck auf der Landkarte, assoziierte ich mit der Rheinmetropole doch vor allem das obergärige Gebräu, das man andernorts „bei die Limo“ fände.

Nun bin ich also wieder in der Stadt, habe meinen ersten Kundentermin am Morgen natürlich erst um halb elf und bin somit endlich in der entspannten Lage, das vielgepriesene „Shepheards“ auszuprobieren. Bevor ich mir allerdings den ersten Drink bestellen kann, muß ich den Laden erst einmal finden! Und das gestaltet sich als gar nicht so einfach – kein großes Schild hängt vor der Tür, keine laute Musik dringt nach außen. Ein unscheinbarer Treppenabgang ins Sousterrain, eine angelehnte Tür – und die Hausnummer, die mich es wagen läßt, tatsächlich in diese vermeintliche Privatwohnung einzutreten.

Aber was für ein Gegensatz, als ich diese Hürde hinter mir gelassen habe: Ein freundlicher junger Mann nimmt mir Mantel und Hut ab, fragt mich nach Sitzplatzwünschen und geleitet mich an die Bar, wo man mir sofort ein Glas kaltes Wasser sowie einige (allerdings alte) Chips hinstellt. Die Karte ist sehr umfangreich, aber ich halte mich nicht lange auf: Ein Martinez soll es sein. Nach dem ersten Schluck und ein paar kurzen Worten mit dem Barkeeper wird klar: Hier ist eine Oase für gehobene Trinkkultur! Klar – die Preise sind sehr, sehr hoch. Und das Shepheards ist sicherlich nicht der Ort, an dem eine Gruppe junger Menschen ihren Junggesellenabschied bei drei Litern „Sex on the Beach“ feiern sollten.

Aber wenn Sie alleine in Köln sind und einfach einen perfekt zubereiteten Klassiker trinken wollen, wenn Sie in kleiner Gruppe in Ruhe sich unterhalten möchten – dann kann ich mir kaum eine Bar vorstellen, die besser dafür geeignet ist als das Shepheards.

In Köln ganz sicher „meine“ Bar.

Becketts Kopf

Becketts Kopf

Irgendwie erscheint es mir heutzutage opportun, ein Projekt am Laufen zu haben. Zu ausgegrenzt fühlte ich mich, wenn mir meine sämtlichen Bekannten von ihren Projekten erzählten und ich zugeben mußte, keines zu haben. Von Hobbys darf ich ja nicht mehr sprechen, das wäre ja so, als klebte ich mir einen Aufkleber „Spießer“ auf die Stirn.

Aber wenn ich mein Hobby „Projekt“ nenne, dann bin ich wieder wer! 

Also nenne ich es: „In jeder Stadt eine Lieblingsbar“-Projekt. Ich lasse mir einige Termine in verschiedenen Städten der Republik ausmachen und recherchiere im Netz nach guten Adressen.

Den Anfang macht die viel gelobte Bar „Becketts Kopf“ in Berlin. Als wir eintreffen, sind wir sofort recht angetan: Eine angenehme Atmosphäre (zumindest für die Raucher unter uns), stilvoller Tresen, ordentlich angezogene Barkeeper. Ein bißchen komme ich mir vor wie in einem amerikanischen Gangsterfilm – und das ist eigentlich das Beste, was eine Bar leisten kann.

Mein erster Drink ist ein trockener Martini. Die mit mir anwesenden Damen gucken etwas verloren in die Karte, die fast ausschließlich aus typischen „Männercocktails“ besteht. Der Kellner erweist sich hier nicht als guter Gastgeber. Er macht keinerlei Anstalten, Empfehlungen auszusprechen – und das, obwohl die Bar wirklich noch nicht besonders voll ist.

Mein Martini schmeckt hervorragend. Sehr positiv bemerke ich, daß keine Olive im Glas liegt, sondern eine Zitronenzeste. Das Glas selbst könnte etwas besser gekühlt sein, aber immerhin ist das Getränk kalt – und es liegt kein Eis im Glas.

Zu späterer Stunde, die Geschmacksnerven vom Alkohol schon leicht beeinträchtigt, verlangt es meinen Gaumen nach einem „Perfect Martini“. Ein Getränk, das sehr viele Barkeeper abzulehnen scheinen – was ich allerdings nicht nachvollziehen kann: Die Mischung aus trockenem und süßem Wermut verleiht dem Drink zwar einen sehr intensiven, wenn vielleicht auch nicht besonders vielschichtigen Geschmack. Durch die Süße schmeckt er weniger hart, was nach dem dritten Cocktail und entsprechend anders funktionierenden Geschmacksrezeptoren durchaus angenehm sein kann.

Der Kellner mustert mich etwas abfällig, empfiehlt mir stattdessen einen Bronx, preist dessen Vorzüge an und geht schmollend in Richtung Bar, als ich darum bitte, mir doch meinen Wunsch zu erfüllen. Ich sage ihm das durchaus freundlich, weil ich sein Ansinnen ja im Prinzip verstehe.

Einige Minuten später kommt er wieder an den Tisch, empfiehlt eine weitere Alternative. Ich bleibe freundlich, registriere bei mir allerdings auch eine leichte Verärgerung – ich weiß, was ich bestelle, ich habe zur Kenntnis genommen, daß ihm mein Wunsch nicht gefällt; aber am Ende bezahle ich in einer Bar hohe Preise für Getränke und erwarte, daß auch ein „blöder“ Wunsch erfüllt wird – sofern die Zutaten vorhanden sind.

Wiederum einige Minuten später erhalte ich die dritte Alternative genannt. Ich bestehe wiederum auf meinem Wunsch, bereite mich aber innerlich bereits darauf vor, die Bar anschließend zu verlassen. Richtig wäre es natürlich gewesen, hätte ich in diesem Moment um die Rechnung gebeten.

Zur Ehrenrettung des Becketts Kopf möchte ich aber noch anmerken, daß auch der „Perfect Martini“ mir sehr gut gefiel. Die Barleute hinterm Tresen verstehen eben durchaus etwas von ihrem Handwerk.

Nur bei ihrer Rolle als Gastgeber ist noch etwas, wie wir Berater sagen, „Wachstumspotential“.

In den kommenden Beiträgen werde ich mich dem „Shepheards“ in Köln, dem „Biancalani“ in Frankfurt und dem „Le Lion“ in Hamburg widmen.

Hätt sonst aber auch den Bond spielen können

Hätt sonst aber auch den Bond spielen können

„Die Demokratie geht unter“ – wie wir ja wissen, geht mittlerweile in der öffentlichen Diskussion ja nichts mehr ohne die komplette Apokalypse. Entweder geht gleich die gesamte Menschheit vor die Hunde, vielleicht auch der ganze Planet oder gar das Universum, mindestens aber die Demokratie.

Warum aber geht sie unter? Weil Julian Assange, Hacker und Schöngeist, nach Schweden ausgeliefert werden soll. Aber der Reihe nach:

Julian Assange ist per definition einer von den Guten. Denn er hat irgendwie den bösen Amis ans Bein gepißt, und dann ist es letztlich auch egal, ob nun die Methoden angemessen waren oder nicht. Möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht diskutieren.

Nun soll der gute Mann aber auch noch – in der spärlichen Freizeit zwischen Weltretten und dem Anbieten von Turbo-Pascal-Schulungen – eine Frau vergewaltigt haben. Daher sollte er nach Schweden ausgeliefert werden, wo ihn ein Gerichtsverfahren erwartete.

Assange aber flieht in die Botschaft von Ecuador. Sie wissen schon: Das immerhin 18.reichste Land Südamerikas. Also das Land, das einem wirklich als erstes einfällt, wenn es um die internationale Durchsetzung von Recht und Gesetz geht.

Assange entzieht sich also widerrechtlich dem Rechtsstaatssystem. Es paßt zu seiner Persönlichkeit; hat er sich doch stets als über den Gesetzen stehend angesehen. Er verletzt seine Auflagen, die ihm überhaupt ermöglichten, in Freiheit statt im Gefängnis auf den Prozeß zu warten. Es liegt ein rechtsgültiger Haftbefehl gegen ihn vor.

Auf Deutsch: Spätestens jetzt ist er ein Krimineller.

Großbritannien hat nun entschieden, Assange von der Botschaft aus kein freies Geleit zuzusichern, sondern ihn verhaften lassen wird, sobald er wieder englischen Boden betritt.

Und daher geht nämlich jetzt die Demokratie unter, wie ich auf Twitter und Facebook lesen durfte.

Denn in den Augen seiner Anhänger ist Assange erwiesenermaßen unschuldig. Begründung: Es sei ja ein abgekartetes Spiel der USA.

Das Blöde an dieser verdammten Welt ist aber das Folgende: Selbst wenn Assange ein strahelnder Held der Aufklärung war und ist, hat das keinerlei Bezug zu diesem Prozeß. Er kann der tollste und netteste Aufklärer sein – und DENNOCH ein Vergewaltiger. Es kann gut sein, daß sich einige Politiker sehr freuen, daß es zu diesem Prozeß kommen wird. Aber das hat keinerlei Auswirkungen auf die Beweislage. Ob er es ist oder nicht, haben nämlich genau NICHT irgendwelche Aktivisten oder Politiker zu entscheiden. Sondern die Justiz.

Bei Schweden, und das mag einige IKEA-Kunden überraschen, handelt es sich um einen demokratischen Rechtsstaat mit unabhängigen Gerichten. Schweden ist so ungefähr das letzte Land der Welt, vor dem man Angst haben müßte. Es ist auch eines der am wenigsten korrupten Länder der Welt

Verschwörungstheorien, die darauf abzielen, daß eine Gerichtsverhandlung abgekartet sei, sind eben nur das: der Versuch, einen Helden vor allen Vorwürfen in Schutz zu nehmen – und zwar unabhängig davon, ob an jenen etwas dran ist oder nicht. Das Traurige an der ganzen Geschichte: Diejenigen, die nun so vehement pro Assange streiten, vergessen dabei eines: Sie könnten sich irren. Das Vergewaltigungsopfer könnte tatsächlich vergewaltigt worden sein. Wir wissen, was das bedeutet: Schmerzen, Scham, Trauma. Eventuell ein ganzes Leben versaut.

Aber für die Assange-Freunde muß das Vergewaltigungsopfer eben auch mal ohne Prozeß in kauf genommen werden, wenn es um das Große Ganze geht.

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