Ein sehr feinerDiskurs, der da auf Spiegel Online zu lesen ist. Er zeigt aber leider auch, wie erfolgreich der Terrorismus der letzten Jahrzehnte war. So antwortet der keinesfalls als politikunerfahrene geltendeMatthias Matussek Herrn Friedman, als es um Freiheit oder Angst ging:
„Frage: Noch mal zurück zum spezifischen Fall: Ist es, Herr Friedman, nicht das geringere Übel, eine Karikatur nicht abzudrucken – auch wenn ich dabei vielleicht unsere freiheitlichen Werte untergrabe –, wenn auf der anderen Seite das Risiko steht, dass Menschen ihr Leben verlieren?”
Er selbst zeigt sogar schon in seinem Einschub, daß er die Brisanz dieser Entscheidung im Prinzip verstanden hat. Und am Ende ist es ihm doch wichtiger, daß bloß niemand direkt zu Schaden kommt, als die freiheitlichen Werte zu schützen.
Werte, ohne die das Leben noch nicht einmal lebenswert ist. Wir können vor Gewalt generell einknicken. Wir können uns all jenen anpassen, die uns körperlichen Schaden androhen. Wir können uns dem Schläger auf dem Schulhof unterordnen, obwohl der vielleicht total bescheuert ist. Wir können, je nach Wohnort, alle Glatzen tragen und Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln.
Oder aber: Verstehen, daß die Freiheit ein verdammt wichtiges Gut ist. Eines, daß man auch verteidigen muß, wenn es wirklich bedroht ist. Alles andere ist eine hohle Phrase, die viele junge Männer während eines 10 – 18 monatigen Saufaufenthaltes auf Staatskosten mal von sich gegeben haben, die meisten im Vollsuff.
Die Argumentation, daß ein Leben in Unfreiheit besser sei als den Verlust eines Menschenlebens in kauf zu nehmen, ist alt. Sie hieß früher mal „lieber rot als tot”, wurde abgewandelt in „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten” (=Unfreiheit ist auch gar nicht so schlimm für die, die ins Raster passen) und gipfelt nun in Matusseks Antwort auf die Karikaturenfrage.
Ein bereits hier zitierter Bekannter hat mich mal gefragt, ob denn eine totale Überwachung in einem Rechtsstaat, in dem man ja nichts zu befürchten habe, wenn man sich ans Programm halte, nicht ein nur kleiner Preis dafür sei, wenn auch nur ein Menschenleben gerettet werden könne.
Aber es ist kein kleiner Preis. Es ist viel zu hoch.
26. Juni, 2008 at 03:30
Deutschland, Deutschland…..
26. Juni, 2008 at 08:59
Weitgehend d’accord. Die von Ihnen zitierte Phrase „Lieber rot als tot“ allerdings ist lediglich eine Persiflage auf das lange Zeit verbreitete reaktionäre „Lieber tot als rot“. Nur letzteres war je ernst gemeint, ersteres hingegen veräppelte diesen rechtskonservativen Spruch – ähnlich wie etwa „Lieber gesund und reich als krank und arm“.
Insofern muss ich Ihnen die Persiflage als Beweismittel entziehen.
26. Juni, 2008 at 09:31
„Lieber tot als rot” ist dementsprechend aber gar nicht reaktionär. Es entspricht eben dem friesischen „lewwer duad üs slaav”.
Interessanterweise habe ich übrigens nur die Persiflage gehört, als ich jung war. Und die war wiederum damals sehr ernst gemeint.
26. Juni, 2008 at 12:45
we need 2.0nd Amendment;
„Blogger have the right to arm bears“
- SiVisPacemParabellumregierung.
26. Juni, 2008 at 13:17
Egal, was man macht, irgendeiner wird sich immer finden (lassen), der sich einreden könnte, man habe gerade seine „Ehre“ beleidigt.
Wenn hier auf einer Zeitung eine Zeichnung auftaucht, dann brennen woanders die Fahnen und die Botschaften.
Vielleicht sollte der Pöbel hierzulande mal so drastisch (und ferngesteuert) reagieren, wie der Pöbel dort?
Nein, das sollte er besser nicht. Sonst brennen hierzulande ganz schnell die Moscheen und es beginnt eine Hetzjagd auf Moslems. Bekanntlich haben die Deutschen eine gewisse Erfahrung und wenn sie etwas machen, dann gründlichst.
26. Juni, 2008 at 13:46
Großartig, WR. Ich hoffe nur, Sie meinen nicht den russischen.
Nik: Jo, irgendwer ist immer beleidigt. Das ist eben das Dumme mit der Meinungsfreiheit. Wenn man jedesmal nachgibt… ich übrigens verwahre mich gegen die Verunglimpfung von Kot. Der wird nämlich von vielen Leuten als scheiße empfunden.
Ich halte auch nichts von Volkszorn. Sondern viel mehr davon, daß Leuten, die glauben, unsere Toleranz ausnutzen zu können, gezeigt wird, daß sie kein Einknicken erwarten können.