Heute mittag muß es ein Burger sein. Das forderte mein Magen einfach mal so. Da es so langsam zu regnen beginnt, eile ich ein paar Schritte zum nächstgelegenen Imbiß, bestelle zügig und genieße den kurzen Moment der Vorfreude, bevor das labbrige Fleisch und die mit Sauce ertränkten Salatblätter mich in die Realität zurückholen können. Neben mir sitzt eine junge Dame, ich schätze sie aufgrund ihrer noch nicht ganz abgeklungenen Akne auf Anfang 20. Und vor ihr steht ein verwirrtes, stinkendes Wesen mit einer Jägermeisterflasche in der Hand. Ich beiße in meinen Hamburger, stelle wieder einmal fest, wie groß der Unterschied zwischen erinnertem und tatsächlichem Geschmack ist, dann schnellt mein Blick zurück auf das halbmenschliche Etwas, das früher einmal eine Frau gewesen sein muß.

Sie redet ohne erkennbaren Sinn, wie das nunmal viele Menschen tun, die sich das Gehirn weggesoffen haben. Aber sie redet nicht nur vor sich hin, sondern auf das offensichtlich verschüchterte Mädchen neben mir ein. Ich winke die Obdachlose heran und bitte sie, wenn sie schon unbedingt jemandem auf die Nerven gehen müsse, das wenigstens bei mir zu tun. Sofort beginnt sie, mir zu erklären, wo sie wohne. Und bedeutet mir, später dorthin zu kommen. Kurz darauf fragt sie, um wirklich sicherzugehen, ob ich denn noch wisse, wo ihr Haus stünde.

Ich habe wirklich schlechte Laune. Den ganzen Tag über. Und ich bemerke, wie meine Hände zu zittern beginnen. Das ist normalerweise ein schlechtes Zeichen, vor allem dann, wenn zufällig eine Chromaxt in Reichweite ist. Meine Finger tasten am Tisch herum, finden aber nur kaputte Strohhalme und benutzte Servietten. Also stehe ich auf. Irgendwie muß ich ihr den Ernst der Lage ja begreiflich machen. Ich bin erstaunt: Obwohl ich nicht übermäßig laut werde, als ich sie frage, ob sie innerhalb der nächsten fünf Minuten außerhalb meiner Sichtweite sein könne, weil ich ihr andernfalls die Augen aus dem Kopf stechen müßte, dauert es keine zehn Sekunden und sie ist verschwunden.

Mein Hamburger schmeckt nicht mehr, lustlos stochere ich in den Pommes Frites herum. Als auf einmal ein dünner Schatten auf den Tisch fällt, dazu ein penetranter und doch vertrauter Geruch in meine Nase steigt. Sie will irgendetwas sagen, kommt dazu aber nicht mehr. Diesmal in durchaus gehobener Lautstärke bedeute ich ihr, sich endlich zu verpissen, weil sie stinkt und nervt.

Ganz tief in mir drin habe ich Mitleid mit ihr und schäme mich für meine Worte.

Aber erst nach dem Essen.