Ich bin mit Ramses und der Weltregierung verabredet, eine kleine Begehung der Schanze. Entsprechend kleide ich mich: Unauffällig, dem uniformierten Schanzenlook angepaßt, ohne ihn direkt zu kopieren. Zu einer ausgewaschenen, engen 7-Jeans trage ich ein bordeauxfarbenes Zegna-Hemd sowie Deckschuhe von Sebago. Für meine Verhältnisse ziemlich Unterklasse, für die Schanze fast zu schick. Ein guter Kompromiss.

Die Schanze ist keine meiner Lieblingsgegenden in Hamburg. Zu konformistisch-nonkonformistisch sind die Menschen dort, zu sehr ist das Pseudo-Unangepaßte notwendig, um dazuzugehören. Aber ab und an ist es einfach sehr nett, sich mit den Übrigbleibseln der 68er und dem neu hinzugekommenen Möchtegernproletariat, bestehend aus Werbern und Kreativen, zu unterhalten.

Wir verfolgen das Fußballspiel nur am Rande, während wir uns durch die Kneipen saufen. Nachdem Spanien gewonnen hat, stehen wir vor der Roten Flora. 5 Euro Eintritt soll es heute kosten. Ich rede mit dem Kassierer. Warum denn nun selbst ein Laden wie dieser vor dem Kapital kapituliert habe. Seine Begründung stimmt mich ebenso hoffnungsvoll wie seinerzeit die Bourgeoisierung Josef Fischers: „Wir müssen ja schließlich Miete bezahlen.”
Eben. Und genau deswegen funktioniert letztlich auch der Kapitalismus so gut, auch wenn der kapuzentragende und mich recht offensichtlich hassende Kassierer das vehement bestreitet.

Ich stehe also, da ich keine Lust habe, mit meinem Eintrittsgeld einen Beitrag zum Sieg der kommunistischen Weltrevolution (oder aber der Miete) zu leisten, am Geländer vor dem Etablissement, den Sieg des Kapitalismus in tiefen Zügen einatmend. Eine dicke alte Frau spricht mich an. Sie ist erkennbar betrunken, faselt aber davon, daß sie es schlimm fände, wie die Fans der deutschen Nationalmannschaft ständig betrunken seien. Ich benutze ein paar Alt-68er Vokabeln und überzeuge sie davon, daß Nationalstolz im Fußball völlig in Ordnung ist. Sie zieht ab, sichtlich verwirrt, irgendwie auch verärgert.

Ich feiere meinen Sieg, indem ich mit einer nett anzuschauenden Grundschullehrerin herumflirte, bis ein alter Glatzkopf sie mir wegschnappt.

Man kann nicht immer gewinnen.