Die elektrische Jalousie ist defekt, und so werde ich heute morgen nicht durch die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf meinem Gesicht geweckt. Sondern gar nicht. Als mein Körper sich wundert, warum er so lange in Ruheposition verharren darf, fragt er höflich nach. Meine Augen konzentrieren sich auf den Wecker, das Bild stellt sich langsam scharf. Es ist natürlich viel zu spät, ich gehöre wohl einfach nicht zu der Spezies der Frühaufsteher. In einer halben Stunde habe ich eine Besprechung, das ist nicht zu schaffen.

Es gibt ein paar Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Und dazu gehört nunmal eine ausgiebige Körperpflege am Morgen. Ich rasiere mich, dusche, benutze die diversen Mittelchen, die dazu beitragen sollen, mich jünger und schöner aussehen zu lassen, ärgere mich mal wieder darüber, so einen Placebo-Mist überhaupt gekauft zu haben, während meine Finger über das Gesicht streichen.

Heute gibt es Besprechungen und Kundenbesuche. Ich greife mir also den ersten Anzug aus dem Schrank, den Anzug, der eben heute dran ist. Es handelt sich um einen Zegna-Anzug, dunkelblau, mit Nadelstreifen. Eigentlich viel zu edel für heute, aber was solls? Ein weißes Hemd von Thomas Pink dazu, eine blaue Krawatte von Jim Thompson, Crockett&Jones-Schuhe in schwarz. Genau der richtige Aufzug, um durch den stets von Hausfrauen und Obdachlosen bevölkerten Park zu laufen.

Als ich kurz vor meinem Ziel bin, wage ich das erste Mal seit dem Aufstehen einen Blick auf die Uhr. 0930h. Verdammt. Ich schleiche in mein Büro, schließe sanft die Tür hinter mir und frage sofort per Mail nach der Besprechung.

Die Antwort zeigt mir, warum ich diese Branche so liebe:
„Oh, entschuldige bitte, ich habe so viel zu tun, können wir das auf zehn Uhr verschieben?”

Das Schriftbild der E-Mail läßt darauf schließen, daß sie von einem Handy aus verschickt wurde.