Die Linken in diesem Land hatten es immer schwer mit mir. Schon allein deswegen, weil es zu der Zeit, als ich heranwuchs, so unglaublich angesagt war, links zu sein, daß ich allein schon deswegen keine Lust darauf hatte.
Etwas später, als ich so langsam anfing, mir eine eigene politische Meinung zuzulegen, gewann sie dann etwas, zumal meine Eltern streng konservativ waren. Ich begann, mit dem Begrif linksliberal zu spielen. Das klang gut, das war die Süddeutsche, das war Böll, das war Hildebrandt. Und das waren all die netten Studentinnen, die ich so in den Kneipen verschiedener Universitätsstädte traf. Damals war auch die Kampagne gegen den Begriff liberal noch nicht in Fahrt gekommen, da klang es noch nach Aufklärung, nach Freiheit.
Gleichheit war damals nicht so wichtig wie heute, damals gab es noch die DDR. Und unter Brüderlichkeit verstand man damals auch noch ein Geben und Nehmen, nicht nur das Geben.
Dennoch wurden Linke und ich nicht so recht zu Freunden. Zwar traf ich ab und an einige Anarchos, mit denen ich mich prima verstand, wenn wir über Bürgerrechte, Haschisch und besoffen Autofahren redeten. Aber der wunderbare Konsens schlug meist in regelrechten Haß um, wenn das Thema Wirtschaft und Globalisierung aufkam. Der Haß war einseitig, da ich einen politischen Diskurs immer als unabhängig von freundschaftlichen Gefühlen gesehen hatte, die meisten anderen Menschen in meiner Umgebung allerdings nicht.
Dann gab es da einige Realos, mit denen ich übereinstimmen konnte, wenn es um die deutsche Außenpolitik ging. Damals übrigens war Antisemitismus noch keine Modeerscheinung, sondern etwas, das sogar die Linke ablehnte. Schlimm wurde es immer dann, wenn wir über Steuermodelle oder Privatisierung sprachen.
Kurz gesagt: Es war eine Zeit voller spannender Unterhaltungen. Es verband mich einiges mit der Linken, aber nicht genug, um mich dazugehörig zu fühlen.
Denn ich stellte eines fest: In einigen Punkten mochten wir uns überschneiden, aber der fundamentale Unterschied bestand in der Staatsgläubigkeit der deutschen Linken. Für mich war das immer der große Widerspruch in der Ideologie, die einerseits nach weniger Überwachung der Bürger, andererseits aber strikter Kontrolle der Wirtschaft schrie. Und alle meine inhaltlichen Differenzen ließen sich wunderbar auf diesen Konflikt reduzieren. Wer an den Staat glaubt, der muß auch für Videoüberwachung eintreten. Wer staatskritisch ist, muß Konkurrenz im Wirtschaftsleben begrüßen. Oder weiter verkürzt: Wer an die Unfehlbarkeit einzelner Menschen glaubt, für den ist es besser, wenn wenige, dafür „gute” Menschen das Sagen haben, wer Menschen grundsätzlich für egoistisch hält, freut sich darüber, daß verschiedene Systeme darwinistisch gegeneinander antreten, um empirisch herauszufinden, wer Recht hat.
Meine halbe Freundschaft mit der Linken, die sich vor allem auf die gemeinsame Ablehnung der Rechten gründete, wurde dann in den letzten Jahren vollends zerstört. Denn Linke und Rechte haben erkannt, daß sie in vielen Punkten gar nicht so weit auseinanderliegen:
Sie befürworten den Staat, der für seine Bürger ein Lebensmodell entwirft.
Sie verabscheuen jede Art von wirtschaftlichen Leistungsträgern.
Sie sind Antisemiten.
Die Rechte ist dabei noch so ehrlich und spricht ihren Antisemitismus offen aus, die Linke verpackt es in Formulierungen wie „pro-palästinensisch”, „Israel-kritisch” oder „antizionistisch”.
Und ich erinner mich an den großen Film „Postal” von Uwe Boll.
„Denkt doch mal nach,” ruft der Amokläufer den amerikanischen Rednecks, den Waffenlobbyisten, den islamischen Gotteskriegern, der Weltuntergangssekte und den Aussteigern im Wohnwagenpark zu, „ihr habt doch gemeinsame Werte!”
Gemurmel.
„Stimmt! Wir alle hassen Juden.”
2. Juli, 2008 at 18:09
am besten finde ich immer noch müntes heuschrecken metapher, die in – sprachtheoretischen kategorien unglaublich – kurzer zeit in dem allgemeinen sprachschatz aufgenommen wurde. das ist die metapher des jahrzehnts! (und erinnert natürlich nur rein zufällig an andere tiermetaphern, die es in der zeit des, äh, naja…).
oder auch: „die wirtschaft muss für die menschen da sein – und nicht umgekehrt“ – aha, und was, wenn wirtschaft = menschen? wer „macht“ die wirtschaft, wenn nicht „die menschen“? also müssen menschen für menschen da sein, und nicht umgekehrt! so MACHT DAS SINN!
2. Juli, 2008 at 21:05
spätestens jetzt werde ich den werten Herren auf meinem blog verlinken… sehr gut geschrieben, das ist ein thema bei dem mir beim schreiben immer „der kern des ganzen“ entwischt ist. Da hab ichs gleich bleiben lassen.
Postal finde ich übrigens auch grandios, hab aber wenig menschen in meinem umfeld mit denen ich den gucken könnte… für die meisten ist das ein trash-shooter ohne sinn und moral. Und wenn man Ihnen erklärt das es eben genau das ist was ihn so großartig macht sind die meisten noch mehr dagegen.
PS: der alte eintrag zu „tangiert mich peripher“ könnte ja glatt von mir sein. :-)
2. Juli, 2008 at 21:07
Die Heuschrecken waren in der Tat eine sehr griffige Formulierung für die einfache Masse, die sowieso nicht begreift, was „Wirtschaft“ eigentlich ist („Inner Wirtschaft kost des Bier zwo fuffzich“), aber immer das Gefühl haben, das sei irgendwie etwas Bedrohliches, etwas Böses, „die da oben“.
Aber die Sache mit den Menschen, die finde ich auch klasse. Aber es stimmt ja: Es müssen nicht Menschen für Menschen da sein, sondern eine spezielle Klientel für die anderen, aber nicht umgekehrt.
2. Juli, 2008 at 21:12
Aber so einen Troll wie bei Ihnen, Devox, will ich auch wieder haben. Das ist soooo niedlich.
Mir entwischt übrigens bei den meisten meiner Kommentare des Pudels Kern, aber deswegen liebe ich ja den Gonzo-Journalismus auch so.
Und das mit dem Tangieren: Jo, das habe ich beim Lesen Ihrer grandiosen Replik auf den Troll auch gedacht.
3. Juli, 2008 at 01:32
Auch der gute alte Aesop, Herr Junkhead, hielt viel von Tiermetaphern (das nennt man übrigens „Fabeln“), ohne dass der Gute in der Zeit des, äh, naja … Sie wissen schon.
Übrigens muss ich als (mittlerweile) undogmatischer Linker Sie, Herr GP, zu meinem eigenen Unbehagen korrigieren: Ein latenter Antisemitismus zieht sich durch die gesamte Geschichte der deutschen radikalen Nachkriegslinken, war also schon da, als Sie noch in trauter Runde mit Linken diskutierten.
Gleichwohl ist es ärgerlich und letztlich Ihrem Intellekt nicht angemessen, dass Sie alle aufgezählten Begriffe („pro-palästinenisch“ etc.) immer wieder reflexhaft in den Topf des Antisemitismus werfen. Das verhindert natürlich jede differenzierte Betrachtung der hochdiffizilen Lage in Nahost – und soll wohl den Zweck haben (wenn Sie mir eine psychologische Deutung gestatten), Ihre These gegen jede Kritik zu immunisieren.
Darüber müssen wir noch mal ernsthaft reden, glaube ich.
3. Juli, 2008 at 09:03
Oh, benutzen wir jetzt schon unerlaubte Umkehrschlüsse, Matt? ;-)
Wenn ich sage, daß Antisemitismus sich als pro-palästinensisch und antiisraelisch tarnt, dann bedeutet dies nicht, daß jeder, der Kritik an der Außenpolitik Israels äußert, ein Antisemit ist.
Alle Mörder sind Menschen heißt ja auch nicht, daß alle Menschen Mörder sind.
3. Juli, 2008 at 09:09
Dann ist ja gut!
3. Juli, 2008 at 09:32
Daß die Linke schon früher antisemitisch war, ist mir während meiner Jugend offensichtlich entgangen. Tatsächlich erschien es mir damals als Grundkonsens, daß eine solche Einstellung indiskutabel sei. Aber das kann auch meine verzerrte Wahrnehmung sein. Passiert mir häufiger.
Aesop und Fabeln: Eine Fabel ist aber doch etwas anderes als eine Metapher. Und eine Fabel kann ich in Müntes Heuschrecken nicht erkennen.
3. Juli, 2008 at 11:44
hallo, wobei es mir hier um die negativen konnotationen geht, also „die heuschrecken“ als biblische, anti-humane plage, die unschuldige ernten (=unternehmen) auffressen und vernichten.
auch der „raubtierkapitalismus“ fällt in diese bangemachende bebilderungstechnik.
wäre hätte denn schon angst vor einem schäfchen-kapitalismus (wo doch der oft zitierte herdentrieb der börsenhändler empirisch nachgewiesen wurde und damit deutlich besser passen würde – wenn es nicht eine entsprechende politische agenda dahinter gäbe – huch? verschwörungstheorie?).
sei es drum, natürlich ist nicht jede tiermetapher böse, aber eben einige sehr wohl. judensau z.B. – um es mal beim namen zu nennen (übrigens keine erfindung der nazis, da reicht ein blick auf altes kirchengemäuer, dort finden sich immer hakennäsige gesichtszüge in schweinekörpern). aber das führt jetzt zu weit. auffallend sind dann eben doch auch die bildlichen darstellungen, beispielsweise bei der IG Metall. siehe: http://www.igmetall.de/
cps/rde/xchg/internet/
style.xsl/view_4764.htm
„Die Plünderer sind da“
Interessant (und lesenswert): http://gewantifa.antifa.net/content/
die-antisemitisch-nationalistische-
titelseiten-karikatur-der-ig-metall-
zeitung-vom-mai-2005
(sorry für die Umbrüche!)
Zitat: Die Stechmücke mit der gebogenen Nase und dem US-amerikanischen Hut auf der Titelseite der „metall“ kann man nicht ernsthaft diskutieren. Es sind alle Elemente der Karikaturen der Nazi-Propaganda enthalten. Hier geht es um die Kombination von deutschem Antisemitismus und Nationalismus, die emotional das Fundament der massenhaften Wirksamkeit der Nazi-Propaganda war. Von „Kapitalismus-Kritik“ keine Spur. Es geht um „US-Firmen in Deutschland – Die Aussauger“, so die Titelseite, und um nichts weiter. Die IG-Metall-Führung macht sich wieder einmal zum Propagandisten des deutschen Kapitals und der Ideologie vom „Standort Deutschland“ im Kampf gegen die imperialistische Konkurrenz. Diese Karikatur in der Tradition von Goebbels erfüllt auch nach bundesrepublikanischen Gesetzen den Tatbestand der Volksverhetzung.
3. Juli, 2008 at 13:58
Grandios auch die Heftbeiträge: „Jürgen Peters: Lohn ist nicht nur der Preis für Arbeit.”
Sondern der Angst, oder was?
3. Juli, 2008 at 14:12
„Lohn der Angst“ ist wenigstens ein großartiger Film…
3. Juli, 2008 at 14:20
Erklären Sie mir schon wieder meine Witze? ;-)
3. Juli, 2008 at 14:28
ach ja, appropos Troll: das ist der seit 6 Monaten konstant meistgelesenste blog auf myblog.de, der mich dort angeTrollt hat…
Ein weiterer Grund dort zu verschwinden, wenn solche Menschen dort so regen zufluß verzeichnen. Sie haben das schon richtig gemacht, mit dem wechsel zu wordpress. Würde auch gerne diesem Molloch entfliehen, aber dann sind Jahre des schreibens futsch… Naja, mal sehen.
4. Juli, 2008 at 00:24
„Stimmt! Wir alle hassen Juden.”
Stimmt nicht: Nach Freud hassen wir das, was wir an uns hassen.
4. Juli, 2008 at 01:26
GP, eine Fabel ist sozusagen ein Konglomerat von Metaphern.
Junkhead, das atemberaubende Tempo, mit dem Sie vom ursprünglichen Thema Antisemitismus zum IG-Metall-Bashing eilen, macht mich schwindeln. Aber gut: Wir sind ja hier nicht im Politologiehauptseminar.
4. Juli, 2008 at 01:45
Auch Murdochs Fox übt sich angeblich gerade in Antisemitismus. Das Vorgängerunternehmen wurde übrigens Anfang des 20. Jahrhunderts vom jüdischen Immigranten Wilhelm Fuchs gegründet.
4. Juli, 2008 at 09:46
Matt, kommense. Eine Fabel benutzt Tiere, um verschiedene menschliche Eigenschaften darzustellen, und zwar anhand einer Geschichte.
Der Heuschrecken-Vergleich hingegen sollte ausschließlich Menschen diskreditieren, indem sie mit einem hässlichen und negativ belegten Tier in Verbindung gebracht wurden, ohne daß dabei die Charaktereigenschaften fabel-haft gebraucht wurden.
JT: Das ist eine sehr interessante These, die mir letztens auch von einer Exkollegin vorgehalten wurde. Und ich habe lange darüber nachgedacht, komme aber zu dem Schluß, daß die ich mir diese Ausschließlichkeit nicht zu eigen machen kann.
4. Juli, 2008 at 10:51
Dank für den link, Matt. Das ist kein sehr feiner Zug von Fox. Ob hinter den abstehenden Ohren und großen Nasen (und gelben Zähnen, buah!) antisemitische Tendenzen stecken, ist eine interessante Frage, die ich aber angesichts der Israelfreundlichkeit des Senders bezweifeln mag. Oder sagen wir es so: Die sind rechts, also KÖNNEN die gar nicht antisemitisch sein ;-)
4. Juli, 2008 at 14:27
Irgendwie sehen die Figuren nach der Bearbeitung wie der M.-mit-Höhs aus..
5. Juli, 2008 at 19:24
Der linke Antisemitismus ist natürlich viel älter als Sie es sind und er ist vor allem eins: international.
Auch würde ich es ehrlicher finden, wenn Sie das „deutsche“ in der Überschrift weggelassen hätten.
5. Juli, 2008 at 20:32
Schauen Sie, Neo-Bazi, ich kenne die Linke in der Welt nicht. Das, was in den USA als links gilt, ist vermutlich ziemlich auf meiner Linie. Oder ist sie dort auch antisemitisch?
6. Juli, 2008 at 07:33
Eine solche Verallgemeinerung ist nicht zulässig. Nicht die Linke ist antisemitisch sondern es gibt auch den linken Antisemitismus und dieser existiert international. Daß Sie ihn nicht kennen kann doch nicht bedeuten, daß es ihn nicht gibt.
Die Sowjetunion hat die israelische Staatsgründung nur kurzzeitig unterstützt und in der französischen Linken halte ich ihn noch heute für ausgeprägterter als in der deutschen. Für mich gipfelt er in den Umsiedlungsplänen Stalins.
Der amerikanische Antizionismus bzw. Antisemitismus hatte seinen Höhepunkt zu Zeiten der Einwanderungswelle um 1900 herum und war im gesamten politischen Spektrum verwurzelt. Henry Ford – freilich kein Linker – betätigte sich sogar publizistisch.
Über Länder wie z.B. Österreich usw. wollen wir lieber gar nicht reden.
6. Juli, 2008 at 07:36
*ausgeprägter*
6. Juli, 2008 at 08:12
Ich habe ja nicht behauptet, daß es ihn nicht gegeben hat, Neo-Bazi, sondern lediglich, daß ich ihn nicht kenne. Er erschien mir damals nicht in den Gesprächen, er erscheint mir mittlerweile aber deutlich präsenter.
6. Juli, 2008 at 18:52
Ähnlich ging es mir mit ein paar Liberalen ;-)
8. Juli, 2008 at 09:40
Daß Sie Ihnen nicht in Gesprächen erschienen sind?