Ohne ersichtlichen Grund werfe ich mich heute morgen in einen Armani-Freizeitanzug, den ich mit einem merkwürdigen Rock’n'Roll-T-Shirt kombiniere. Als ob die 80er wieder angebrochen wären. Natürlich ist es viel zu heiß für diese Art von Auftritt, aber die Blicke der Passanten sind einfach Gold wert.

Als ich in den Fahrstuhl steige, zwängt sich ein älterer Herr mit Wuschelfrisur an mir vorbei, wortlos, aber brummelnd. Er blickt starr nach unten auf den Boden, obwohl ich dort nichts von Interesse zu entdecken vermag. Ich schmettere ihm ein freundliches „Moinmoin” entgegen und erhalte als Reaktion – nichts. Nicht einmal der Blick hebt sich, der Fahrstuhlboden ist offensichtlich viel interessanter als ich. Daß wir im selben Gebäude arbeiten, stört ihn dabei nicht im Geringsten, und nachdem er wortlos den Lift verlassen hat, stelle ich mir seinen weiteren Weg ins Büro vor: Wortlos an der Sekretärin vorbei, die ihn schon seit zehn Jahren nicht mal mehr registriert, vorbei an Kollegen, die ein Morgenschwätzchen halten, vielleicht an der Kaffeemaschine. Er wird sich ärgern, daß er jetzt keinen Kaffee bekommt, weil er dazu ja zumindest grüßen müßte.

Mit der Laune am Tiefstpunkt angekommen setzt er sich vor seinen Windows-Rechner, bedauert erneut, daß er keinen Kaffee hat, um die Wartezeit zu überbrücken, bis das ersehnte Hintergrundbild (Lokomotiven und ein Star-Trek-Logo) erscheint. Eine neue E-Mail mag sich in seinem Posteingang befinden, vielleicht von einem Kunden, der einen Versicherungsfall meldet. Der Sachbearbeiter sucht und sucht und wird fündig: Ein Formfehler beim Ausfüllen des angehängten Formulars Zehnstrichsechs. „Hab ich Dich, Du Arschloch,” murmelt er, für Außenstehend nicht hörbar, in seinen Bart, „Du bekommst gar nichts von uns.”

Seine Laune hebt sich ein wenig, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sein Chef ins Büro kommt. Und freundlich grüßt.