Heute beschließe ich, erst recht spät zum Sport zu fahren. Denn vorher ist ja hier so ein Triathlon oder sowas in der Art, genau weiß ich das nicht, weil ich da eh noch (?) nicht mitmachen kann. Also abwarten, ein wenig „Metal Gear Solid 4” zocken.

Kurz nach fünf raffe ich mich dann endlich auf. Laufe zur nächsten Bushaltestelle. Der Bus ist ausnahmsweise mal nicht zu spät. Sondern zu früh. Ich sehe seine Rücklichter noch. Wieder einmal verfluche ich den ÖPNV, so wie das eben zur Gewohnheit wird, wenn man auf ihn angewiesen ist. Der nächste ist dafür zu spät. Es ist ungefähr sechs Uhr, als ich endlich in Richtung Fitneßcenter unterwegs bin. Allerdings fahren wir irgendwie eine andere Route, als ich sie so in Erinnerung hatte. Natürlich erklärt der Fahrer nicht, wohin wir aus welchem Grund fahren. Ich bereite mich innerlich darauf vor, jetzt als Geisel eines durchgeknallten HVV-Angestellten zu fungieren und mein Leben unrühmlich am Fenster eines Linienbusses auszuhauchen. Traurige Vorstellung, zumal ich keinesfalls in meinem heutigen Aufzug die Welt verlassen möchte: Ein einfaches Burberry-Polohemd, Levis-Jeans, Boss-Sneaker. Wenn man mich so findet, dann wird sogar noch der Leichenbeschauer die Nase rümpfen über meinen Mangel an Stil.

Also ein Fluchtplan. Ich beginne, die ersten Ideen zu entwicklen. Dann eröffnet sich eine ebenso simple wie effektive Möglichkeit: Der Bus hält an und öffnet die Türen. Also sprinte ich hinaus, suche mir die nächste U-Bahn-Haltestelle. Mal ein anderes Verkehrsmittel wählen.

In der U-Bahn hängen merkwürdige Menschen herum. Girlanden, Perücken, silberfarbene Sakkos, Leopardenhosen: Schlagermove. Nun habe ich ja selbst einmal an diesem Umzug teilgenommen, damals ebenfalls mies angezogen. Aber da war ich auch Anfang 20. In dem Alter wirkt diese Verkleidung eben gerade noch als Parodie. In der U-Bahn hingegen ist das Durchschnittsalter gefühlt 50. Es ist unglaublich lächerlich. Und ich muß die ganze Zeit vor mich hin grinsen. Alle sind betrunken, also falle ich nicht auf.

Eine lustige Runde neben mir wärmt alte Witze auf: „Und dann gehen wir an den Strand und sagen zur Kellnerin: Einmal Sex on the Beach bitte. Und einen Cocktail.”

In einem unbeobachteten Moment schlitze ich ihnen die Kehlen auf, der rote, rote, Vino fließt in Strömen, „Sangria,” erläutere ich grundlos einem vorbeitorkelnden Penner.

Und dann komme ich endlich an.