Normalerweise liegt es mir ja fern, Menschen aufgrund ihres Fahrzeugs zu diskriminieren. Zu schnell ist man da bei der Neiddebatte. Und das ist ja abzulehnen.
Heute aber wird mir das große Glück zuteil, endlich einmal ein wandelndes Klischee direkt vor meinen Augen zu haben: Eine S-Klasse neueren Datums schleicht über eine Nebenstraße. Es ist kein Platz zum Überholen, dennoch läßt sich der Fahrer unheimlich viel Zeit. Mit gefühlten 15 km/h rollt er vor einer Kolonne anderer Autos her, der Fahrer blickt hektisch nach links und rechts. Auf die Idee, einfach mal seinen Blinker zu setzen und an den Fahrbahnrand zu fahren, kommt er nicht. Dann endlich scheint er sein Ziel ausgemacht zu haben: Er fährt auf einen Briefkasten zu, parkt die Limousine quer zu einer Nebenstraße halb auf dem Bürgersteig. Und steigt aus. Es handelt sich um einen kleinwüchsigen, dicken Mann, ungefähr Ende 50. Glatze. Paisley-Krawatte, Sakko mit zu langen Ärmeln. Er trottet auf den Postal-Service-Point zu, steckt behutsam einige Umschläge hinein, bleibt stehen, guckt sich um.
Auf der Nebenstraße stehen mittlerweile vier Autos, die an seiner S-Klasse nicht vorbeikommen. Eine Mutter mit Kinderwagen bemüht sich verzweifelt, ihren Weg zur Bushaltestelle fortzusetzen, aber es gibt kein Durckommen. Der dicke Mann guckt sich das einige Sekunden an, hebt dann lässig die Hand, setzt sich in seinen Wagen und fährt – natürlich ohne zu Gucken oder zu blinken – ruckartig auf die Straße.
Als vor ihm eine Ampel rot wird, stellt er sich direkt vor ein wartendes Fahrzeug aus einer anderen Nebenstraße. Ich gucke in das Innere des Mercedes: Er telephoniert.
Mir reicht es. Ich weiß genau, daß die vielen Zeugen, die hier zugegen sind, nicht gegen mich aussagen werden. Also ziehe ich meine schallgedämpfte Glock 17 aus der Prada-Tasche, ziele sorgfältig auf seine Schulter und drücke in dem Moment ab, als er losfährt. Die Reaktion war einfach zu berechnen. Er kommt auf die Linksabbiegerspur, auf der gerade ein Lastwagen seine wertvolle Fracht in mörderischem Tempo zu seinem Auftraggeber bringt. Bringen will.
Es scheint sich um einen Tanklastzug gehandelt zu haben.
Zwei Mercedes weniger auf der Welt.
Und aus dem brennenden Wrack glaube ich noch eine Paisley-Krawatte wehen zu sehen.
8. Juli, 2008 at 12:46
Na, na, na. Sie übertreiben sicher. Ich fahre übrigens seit kurzem einen Benz…
Muss jetzt aber los: eine neue Krawatte kaufen.
8. Juli, 2008 at 13:02
Gute Wahl. Darf ich Sie nun als Glöckner bezeichnen?
8. Juli, 2008 at 13:32
Nix gegen Mercedes im Allgemeinen. Keine Frage, die bauen tolle Autos. Aber der Kerl hier, der ging einfach mal gar nicht. Und leider paßt er auch in kein anderes Auto.
Gedankenlos=Mercedes. Mercedes != gedankenlos.
Nik: Ein wunderbarer Kalauer, auf den ich in der Tat nicht gekommen bin. Vielen Dank!
8. Juli, 2008 at 16:22
Wobei: Natürlich ist ein Mercedes tendenziell ein Rentnerauto. Auch AMG und Schnickschnack-Extras ändern daran nichts, habe ich feststellen müssen.
Merke: Ein Firmenwagen-Upgrade kann mit persönlichem Abstieg verbunden sein.
8. Juli, 2008 at 16:28
Hörense mal, ich werde demnächst auf AUDI umsteigen! Kommen Sie mir nicht mit Abstieg…
8. Juli, 2008 at 16:44
Hehehehe, da hast Du aus einer Patrone das maximale rausgeholt würd ich sagen.
Optimale Kosten-Nutzen – Verteilung
8. Juli, 2008 at 19:50
Ich hatte ein wenig darauf spekuliert, daß die hässliche Emanze auf ihrem alten Fahrrad, die gerade bei Rot gefahren ist, weil diese faschistischen Anlagen für sie nicht gelten, eine Sekunde nicht aufpaßt und noch irgendwie mit zermalmt wird. Hat nicht geklappt. Schade. Noch eine Kugel.
8. Juli, 2008 at 23:49
hässliche emanzen sind gerade hochaktuell, was? ;-)
9. Juli, 2008 at 15:14
Zugegeben: Die Inspiration dazu kommt von Ihnen :-)
24. Juli, 2008 at 23:59
… jetzt aber mal langsam … wenn man im Geiste jung bleibt, kann man doch auch unbeschwert S-Klasse fahren … *g*
Nicht jeder S-Fahrer ist hoffnungslos „trottelig“ … auch wenn auf der Hutablage ein quadratmeter großes, gehäkeltes Kissen liegt …
Ihr wißt doch selbst, Tarnung ist heutzutage alles … nur nicht aufmucken, nur nicht anders sein, nur nix besonderes haben, nur nix unüberlegtes sagen …
… und dann in der Besenkammer mit der Matchbox-S-Klasse mit glasigen Augen bis zur absoluten Verzückung spielen … *brrrrrm*
25. Juli, 2008 at 09:50
Man kann jederzeit S-Klasse fahren. Daher ja auch die ersten beiden Sätze. Mein Vater fuhr jahrelang S-Klasse und ich habe sie mir jahrelang gerne ausgeliehen. Es handelt sich, je nach Baujahr natürlich, zumeist um ein sehr schönes Fahrzeug.
Und selbstverständlich ist nicht jeder S-Klasse-Fahrer irgendetwas. Weil Verallgemeinerungen dieser Art eh nicht gehen.
Ich jedenfalls würde jederzeit S-Klasse fahren, mit Überzeugung, mit Begeisterung, wenn, und das ist eben die Krux an der Sache, die Firma nicht Audi als Firmenwagen hätte.