Normalerweise liegt es mir ja fern, Menschen aufgrund ihres Fahrzeugs zu diskriminieren. Zu schnell ist man da bei der Neiddebatte. Und das ist ja abzulehnen.

Heute aber wird mir das große Glück zuteil, endlich einmal ein wandelndes Klischee direkt vor meinen Augen zu haben: Eine S-Klasse neueren Datums schleicht über eine Nebenstraße. Es ist kein Platz zum Überholen, dennoch läßt sich der Fahrer unheimlich viel Zeit. Mit gefühlten 15 km/h rollt er vor einer Kolonne anderer Autos her, der Fahrer blickt hektisch nach links und rechts. Auf die Idee, einfach mal seinen Blinker zu setzen und an den Fahrbahnrand zu fahren, kommt er nicht. Dann endlich scheint er sein Ziel ausgemacht zu haben: Er fährt auf einen Briefkasten zu, parkt die Limousine quer zu einer Nebenstraße halb auf dem Bürgersteig. Und steigt aus. Es handelt sich um einen kleinwüchsigen, dicken Mann, ungefähr Ende 50. Glatze. Paisley-Krawatte, Sakko mit zu langen Ärmeln. Er trottet auf den Postal-Service-Point zu, steckt behutsam einige Umschläge hinein, bleibt stehen, guckt sich um.

Auf der Nebenstraße stehen mittlerweile vier Autos, die an seiner S-Klasse nicht vorbeikommen. Eine Mutter mit Kinderwagen bemüht sich verzweifelt, ihren Weg zur Bushaltestelle fortzusetzen, aber es gibt kein Durckommen. Der dicke Mann guckt sich das einige Sekunden an, hebt dann lässig die Hand, setzt sich in seinen Wagen und fährt – natürlich ohne zu Gucken oder zu blinken – ruckartig auf die Straße.

Als vor ihm eine Ampel rot wird, stellt er sich direkt vor ein wartendes Fahrzeug aus einer anderen Nebenstraße. Ich gucke in das Innere des Mercedes: Er telephoniert.

Mir reicht es. Ich weiß genau, daß die vielen Zeugen, die hier zugegen sind, nicht gegen mich aussagen werden. Also ziehe ich meine schallgedämpfte Glock 17 aus der Prada-Tasche, ziele sorgfältig auf seine Schulter und drücke in dem Moment ab, als er losfährt. Die Reaktion war einfach zu berechnen. Er kommt auf die Linksabbiegerspur, auf der gerade ein Lastwagen seine wertvolle Fracht in mörderischem Tempo zu seinem Auftraggeber bringt. Bringen will.

Es scheint sich um einen Tanklastzug gehandelt zu haben.

Zwei Mercedes weniger auf der Welt.

Und aus dem brennenden Wrack glaube ich noch eine Paisley-Krawatte wehen zu sehen.