Die gute Nachricht: Neil Young kann richtig rocken, obwohl er älter ist als mein Vater. Letzterer hingegen, ach, lassen wir das.
Ich stehe inmitten einer Menge Menschen. „Bei einem Neil-Young-Konzert”, so erläutert mir Matt, „ist die Arschlochdichte besonders niedrig.” Natürlich glaube ich ihm das unbenommen, schließlich hat er ja einige hundert Konzerte mehr besucht als ich. An alternde Hippies denke ich, an Rocker mit Rauschebart, an junge Leute, die einfach mal wieder richtigen Rock sehen wollen, an schwärmende Mädchen, deren Mütter und Großmütter, denke ich.
Realitätscheck: Vor mir steht ein ungefähr 30jähriger Mann in Jeanshosen und -jacke, der voller Stolz einen Aufnhäher trägt, auf dem steht: „Gehasst, verdammt, vergöttert” – eine Liebeserklärung an die Böhsen Onkelz, deren Fans mir zumindest suspekt sind. Daneben wankt ein etwas älterer Herr mit wirren Haaren umher, der nicht nur total betrunken ist, sondern dabei auch noch einen äußerst aggressiven Gesichtsausdruck mit sich herumträgt. Ich wende den Blick ab, streife ein nettes Lesbenpärchen, das schmusend zum Takt hin- und herwippt, als mich auf einmal ein Ellenbogen im Nacken erwischt. Der Urheber grinst mir merkwürdig zu, singt mich an. Er ist textsicher, das will er den Umstehenden zeigen. Leider nicht besonders musikalisch, so daß die Darbietung nicht das Maß an Bewunderung einbringt, die er sich erhofft hatte.
Das alles aber kann mich gar nicht groß schockieren, schließlich singt da vorne Neil Young, einer der wirklich großen im Rock’n Roll. Und wenigstens gehört Matt zu den lockeren Journalisten, die niemals akribisch alle Details eines Konzertes festhalten, um sie anschließend in einem sinnentleerten Artikel unterzubringen. Ich will meine Beobachtungen mit ihm teilen, aber als ich mich zu ihm umdrehe, ist er hektisch dabei, die Reihenfolge der Lieder auf einem Zettel zu notieren.
Kurz darauf kippt mein Hintermann sein Bier auf meiner Hose aus.
Aber Neil Young spielt „Hey Hey, My My”, wir wechseln den Standort, und somit sind mir diese Kleinigkeiten auch völlig egal. Bis ich versuche, ein Photo zu schießen und feststelle, daß die Kamera des iPhones wirklich so scheiße ist, wie alle immer sagen.

14. August, 2008 at 20:52
Immerhin haben die Onkelz Ihren “Schrei nach Freiheit”, der Ihnen aus dem vorigen Blogbeitrag attestiert wurde vertont….
Aber die Kamera ist echt mies.
14. August, 2008 at 22:18
Meine Kamera ist noch schlechter. Zumindest bei den dokumentierten Lichtverhältnissen.
Die Songliste kann ich Ihnen übrigens gerne mailen. Ein Augenzwinkern genügt.
15. August, 2008 at 10:26
Beraternase: Ja, ich bin da immer zwiegespalten. Einerseits gibt es da diese sehr rechts angehauchte Fangemeinde, andererseits haben die Onkelz solange ich denken kann versucht, sich aktiv von dieser Szene abzugrenzen. Mit „Scheissegal” hatten sie auch einen Song, der mir wirklich gut gefiel. Insgesamt mochte ich das prollig-frankfurterische bei den Jungs.
Ich war allerdings auch mal (Jugendsünde) auf einem Konzert der Gruppe. Anschließend habe ich aufgehört, ihnen zu lauschen. Was da an Gesocks herumlief, in dem damals in der rechten Szene so angesagten „Trümmertarn”, beglatzt, mit Springerstiefeln und weißen Schnürsenkeln, das war nur noch zum Erbrechen.
Ich glaube, damals fingen meine Gewaltphantasien an ;-)
15. August, 2008 at 10:26
Matt: ;-)
15. August, 2008 at 13:10
Herr Psycho, Ihre Gewaltphantasien entstammen also nicht der unglücklichen Kindheit mit Waldorfschule und so?
Das sollten wir mal ernsthaft ergründen. Melden Sie sich doch einfach bei mir.
Aber bitte so, daß ich auch verstehen kann, was Sie mir sagen.
15. August, 2008 at 15:38
Ein erfrischender Artikel. Aber es wundert mich, dass Sie bei der ganzen Rempelei, “Bier-auf-die-Hose-kipp” und Angröhlerei die Ruhe bewahrt haben.
Waren es die Töne der Rocklegende Young oder haben Sie vorher die gerade in der Presse wieder aufkommenden Beta-Blocker eingeschmissen?
Als letzte Frage würde mich interessieren ob Sie eine Dichteverteilung der Arschgeigen auf solch einem Konzert ermitteln können. Zu gerne würde ich wissen, ob eben jene lieber links neben der Bühne oder doch lieber rechts daneben, vielleicht aber auch lieber mittig davor, weiter vorne oder doch weiter hinten, etc., stehen. (Die Interpunktion in diesem Satz steht in keinem Verhältniss zu dessen Bedeutung.)
Herzlichst,
-m
18. August, 2008 at 16:42
Ja nun, so genau weiß ich das auch nicht. Die Onkelz-Fans jedenfalls standen von der Bühne aus gesehen links. Nicht da, wo man sie erwartete.