Stau auf der Datenautobahn

Stau auf der Datenautobahn

Ich weiß ja, Ihr seid an sich ganz tolle Menschen. Ihr tretet für die unterdrückten Menschen in der Welt ein, indem Ihr Fair-Trade-Kaffee kauft und auf Pelzwaren (aber nicht auf Lederschuhe) verzichtet. Ihr seid die Kreativen. Ihr erklärt den einfachen Menschen die Welt.

Und von mir aus könnt Ihr Euch auch gerne weiterhin so sehen. Ist ja ein freies Land. Ihr könnt Euch auch gerne weiterhin ausführlich darüber auslassen, warum es kein Widerspruch ist, kapitalismuskritisch zu sein und in der Werbe-/PR-Branche zu arbeiten. Ich werde das nie wieder ansprechen. Versprochen!

Aber laßt doch bitte, bitte in Eurer Arbeit wenigstens einen Internetdienst mal aus. Ihr müßt nicht jedem Unternehmen erklären, warum es twittern muß. Ihr müßt nicht schon wieder die alte Leier spielen, nachdem zwischenmenschliche Kontakte allein der Maximierung des persönlichen Nutzens dienen. Ihr müßt keine Strategien entwickeln, wie man sich gegen die Masse der Konsumenten durch Manipulation erfolgreich zur Wehr setzt.

Mir geht das nun schon eine ganze Weile lang auf die Nerven. Ich twittere so vor mich hin, und auf einmal werde ich von neuen Followern überrascht, die alle „irgendwas mit PR” machen. Und die auch nur aus diesem Grunde twittern. Nein, ich will Euch nicht helfen. Ich bin nur zu höflich, um jedesmal auf „block” zu klicken. Ich bin sogar so höflich, daß ich ständig Eure Websites ansehe. Wo Ihr, die Ihr ungefähr 2007 mit dem Bloggen angefangen habt, der Welt erklärt, warum Ihr „early adaptors” verstündet, wie man „die Blogosphäre” zum eigenen Vorteil einsetzt.

Ich sage Euch was, liebe Web2.0-Profis: Ihr werdet scheitern. Ihr werdet Eure Kunden viel Geld kosten. Ihr werdet Ihnen unsinnige Aufgaben und Stellen aufbürden (10 Web2.0-Mitarbeiter, die sich durch alle Blogs, Social Networks und Twitter/Identi.ca/Friendfeed klicken, um Trends aufzuspüren und ihnen entgegenzuwirken; dazu 20 fest eingeplante Consultants, die stets die neuesten Web2.-4.x-Veranstaltungen aufsuchen und bei Häppchen und Bier unheimlich wichtigtuerisch reden, obwohl sie Mundgeruch haben). Ihr werdet Ihnen sagen, daß sie eine Chance hätten, gegen echte Menschen mit echten Interessen anzukommen, indem sie nur so tun, als seien sie an bestimmten Themen interessiert.

Und am Ende werdet Ihr sogar noch eine Erklärung dafür haben, warum eine weitere Blase geplatzt ist. Während Ihr Euren Kunden erklärt, warum sie unbedingt beim Mash-Up mitmachen müssen oder beim Beipackzettelkaraoke.

Ich sage Euch etwas, liebe PR-Profis: Ihr werdet scheitern. Weil Ihr zwar versucht, moderne Techniken anzuwenden, aber völlig vergeßt, warum überhaupt das ganze „Mitmach-Web” entstanden ist. Weil „die Verbraucher” es satt sind, von Euch manipuliert zu werden. Weil wir immer noch glauben, daß wir unsere Kaufentscheidungen ohne Eure Hilfe treffen können. Und weil wir Euch zeigen wollen, daß es Dinge gibt, die Ihr nie verstehen werdet:

Daß Bekanntschaften zwischen Menschen nicht unbedingt auf Profit ausgerichtet sein müssen.