Fitneßcenter. Ich drücke irgendwelche Gewichte von mir weg, lasse meine Gedanken schweifen, verzähle mich natürlich deswegen und höre einfach irgendwann auf mit dem Training. Und höre der Unterhaltung an der Bar zu. Eine halbwegs prominente Ex-Kiezgröße (laut Matt Wagner) erklärt dort einem jungen, durchtrainierten Mann die Welt. Jedenfalls die Welt, die es mal gab. In seinem kleinen Kiezuniversum. Wie bei beschränkten Menschen üblich spricht er über die Welt der Zuhälter und Kleinganoven auf der Reeperbahn, als wären seine Erlebnisse und Eindrücke allgemeinverbindlich.

„Ja, nee, Teakwondoo und so, das gabs ja alles nicht damals, aber hömma, da gibts doch sicherlich jemanden, der dir überlegen ist, den gibts doch immer…” er redet und redet, spricht von vergangenen Zeiten, von seinen ruhmreichen Taten, läßt lediglich kurze Anmerkungen wie „äh” oder „aha” zu, erstickt alle anderen Einwände noch vor dem Entstehen. Und langweilt seinen Gesprächspartner unglaublich. Der sucht jetzt verzweifelt nach einer Möglichkeit, halbwegs höflich aus des Kiezludens Redeschwall zu entkommen, sieht dann irgendwann in einer Kunstpause die Chance und sagt nur „ich muß weg”, bevor er sich schnell abwendet und zu den Geräten zurückkehrt, obwohl er offensichtlich mit dem Training schon lange fertig ist.

Der Kiezlude bleibt allein zurück, schwafelt jetzt den Mann am Tresen voll, ganz so, als wäre das hier die Eckkneipe von Ulli und Helga, bis auch der sich verzieht. Zurück am Tresen bleibt ein einsamer, alter Sack, der lächerlich aussieht in seinem auf Jugend getrimmten Aufzug, mit seiner getönten Brille, mit seinem in den 70ern stehengebliebenen Geschmack.

In seiner Jugend mag er ja Anerkennung gefunden haben in seiner höchst unnützen und stupiden Arbeit, aber jetzt ist er schlimmer dran als all die „Spießer”, die er vermutlich sein Leben lang gehaßt und beneidet hat.

Und irgendwie freut mich das.