Fitneßcenter. Ich drücke irgendwelche Gewichte von mir weg, lasse meine Gedanken schweifen, verzähle mich natürlich deswegen und höre einfach irgendwann auf mit dem Training. Und höre der Unterhaltung an der Bar zu. Eine halbwegs prominente Ex-Kiezgröße (laut Matt Wagner) erklärt dort einem jungen, durchtrainierten Mann die Welt. Jedenfalls die Welt, die es mal gab. In seinem kleinen Kiezuniversum. Wie bei beschränkten Menschen üblich spricht er über die Welt der Zuhälter und Kleinganoven auf der Reeperbahn, als wären seine Erlebnisse und Eindrücke allgemeinverbindlich.
„Ja, nee, Teakwondoo und so, das gabs ja alles nicht damals, aber hömma, da gibts doch sicherlich jemanden, der dir überlegen ist, den gibts doch immer…” er redet und redet, spricht von vergangenen Zeiten, von seinen ruhmreichen Taten, läßt lediglich kurze Anmerkungen wie „äh” oder „aha” zu, erstickt alle anderen Einwände noch vor dem Entstehen. Und langweilt seinen Gesprächspartner unglaublich. Der sucht jetzt verzweifelt nach einer Möglichkeit, halbwegs höflich aus des Kiezludens Redeschwall zu entkommen, sieht dann irgendwann in einer Kunstpause die Chance und sagt nur „ich muß weg”, bevor er sich schnell abwendet und zu den Geräten zurückkehrt, obwohl er offensichtlich mit dem Training schon lange fertig ist.
Der Kiezlude bleibt allein zurück, schwafelt jetzt den Mann am Tresen voll, ganz so, als wäre das hier die Eckkneipe von Ulli und Helga, bis auch der sich verzieht. Zurück am Tresen bleibt ein einsamer, alter Sack, der lächerlich aussieht in seinem auf Jugend getrimmten Aufzug, mit seiner getönten Brille, mit seinem in den 70ern stehengebliebenen Geschmack.
In seiner Jugend mag er ja Anerkennung gefunden haben in seiner höchst unnützen und stupiden Arbeit, aber jetzt ist er schlimmer dran als all die „Spießer”, die er vermutlich sein Leben lang gehaßt und beneidet hat.
Und irgendwie freut mich das.
20. Februar, 2009 at 13:02
Vor ein paar Monaten hat der “schöne Klaus” beim Perfekten Dinner auf VOX mitgemacht. Und ich meine das normale, nicht das “Promi-Dinner” für vergessene C-Promis. Das fand ich sehr bezeichnend.
20. Februar, 2009 at 13:19
Wer ist denn der schöne Klaus?
20. Februar, 2009 at 13:33
Das war ein Zuhälter aus den 80ern mit langer blonder Löwenmähne und Lamborghini Countach (weiß, glaube ich). “Schöner Klaus” war halt sein Spitzname. Hatte wohl den falschen Anlageberater.
20. Februar, 2009 at 16:20
Wieso freut das?
Wenn – warum auch immer – ein eh kaputtes Leben scheitert und der/die, der/die da scheitert, krampfhaft versucht noch einen letzten Rest von (für sich selber) Würde zu bewahren, dann ist das für mich erst einmal traurig. Vor den Ruinen seines verpfuschten Lebens zu stehen und das dann auch zuzugeben bedingt eine Form von Stärke, die so jemand eventuell einfach nicht hat. Sonst hätte er vielleicht sein Leben auch anders leben können, als so!
Es zeugt (imho) dann aber keinstenfalls von eigener Stärke, sich mit Schadenfreude “über” so einen gescheiterten Menschen zu stellen. Damit stellt man sich im Endeffekt nämlich doch wieder auf exakt dieselbe Stufe dieses Menschen. Der hat sich früher relativ sicher ebenso Schadenfroh über “Looser” geäußert. Und wo ist er nun selber?
Comprende? So keep on rockin’
20. Februar, 2009 at 16:34
I didn’t say “do as I do” but “do as I say” ;-)
Aber mal ernsthaft: Der Herr hat keinesfalls versucht, sein Scheitern in Würde zu ertragen. Er trägt weiterhin seine Haltung, wie cool und toll das Leben als Verbrecher auf der Reeperbahn war, vor sich her. Und geht auch noch anderen Menschen damit auf die Nerven.
Wäre dieser Kerl jemand, der einfach nur gescheitert wäre, so wäre ich nicht schadenfroh. Im Gegenteil, ich mag Menschen, die mit Würde scheitern. Und ich kann ja auch nicht sagen, ob ich nicht in ein paar Jahren, nach ein paar heftigen Rückschlägen, mal irgendwo als Obdachloser auf der Straße lande.
Aber jemand, der sich in seiner Jugend einen Spaß (und Beruf) daraus gemacht hat, auf Schwächere einzuprügeln, dem gönne ich das Scheitern mit einem Genuß, der dem des Wiener Schnitzels, welches ich gleich zu mir zu nehmen gedenke, in kaum etwas nachstehen dürfte.
20. Februar, 2009 at 17:31
Ich frage mich, ob Sie den meinen, den ich gerade meine.
Und amüsiere mich darüber, daß Sie Sporterlebnisse tatsächlich unter “Ausgehen” verbuchen. Ts, ts. Diese jungen Dinger heutzutage…
20. Februar, 2009 at 18:23
@Matt W.
Wer schreibt denn Loser mit Doppel-o?
Two to Tolouse and nun Swing the Boogie!
21. Februar, 2009 at 01:49
Nik, ich habe keine Ahnung, wo diese Schreibweise Usus sein soll. In meinem Universum jedenfalls nicht. Aber warum fragen Sie MICH das?
Der Exlude im Fitnessclub erinnert mich immer daran, dass es doch der richtige Weg war, mir eine Arbeit zu suchen, bei der ich nicht ständig den Gockel mimen muss. Und dafür bin ich ihm geradezu dankbar.
21. Februar, 2009 at 10:45
Werter Matt, nachdem ich meinen Lapsus bemerkt habe, bitte ich Sie zutiefst um Abbitte.
“Loser” sind Verlierer.
Menschen, die heute noch von dem Glauben leben, wie wären früher mal was gewesen. Daß sie früher nur ein kleiner Krimineller und Ausbeuter waren, das verdrängen sie gerne.
“To loose” bedeutet u.a. etwas zu lösen, zum Beispiel eine festgerostete Schraube.
Daß bei einigen (ehemaligen) Kiez-’Größen’ die eine oder andere Schraube locker sei, glaube ich gerne, in sofern könnte mancher dieser Loser im wahrsten Sinne des Wortes auch ein Looser sein.
So, das war aber jetzt genug Bildungs-Bloggen für den frühen morgen.
Alles weitere bei einem Bier an der Bar, da erzähle ich Ihnen dann gerne langweilige Geschichten meiner längst vergangenen Heldentaten… Damals, als ich mit Lettow-Vorbeck durch Afrika ritt oder wie Herr Psycho und ich mal gemeinsam…
23. Februar, 2009 at 01:12
Gewiss werden Sie es verblüffend und merkwürdig finden, verehrter Nik, dass Sie einfach so lässig den Namen des Generals Paul von Lettow-Vorbeck in die Runde werfen – und ich Ihnen jetzt bekanntgebe, dass ich einst das Vergnügen hatte, dessen hochbetagte Tochter kennenzulernen.
Ihr Name war Heloise, und sie residierte noch Mitte der 90er in einer wunderbaren Marburger Altbauwohnung hoch über der Stadt und erzählte uns ihre wahrhaft schillernden Erinnerungen.
Das hätten Sie jetzt nicht gedacht, was?
23. Februar, 2009 at 10:16
Ich bin ja immer wieder überrascht, welch interessanten Menschen Sie kennen / kannten, werter Matt.
vL-V hat mir im Geschichtsunterricht mal zu einer Sternstunde verholfen. Die Lehrerin fragte, welcher berühmte General in Deutsch Südwest wohl die Nadelstichtaktik gegen die Briten perfektionierte. Eine Mitschülerin meinte daraufhin: Rommel. Und als ich murmelte, daß der zu der Zeit doch in den Bergen zwischen Italien und Österreich-Ungarn weilte, bekam ich für besonders gute mündliche Mitarbeit ein Lob.
Und glauben Sie mir: Das geschah nicht häufig.
25. Februar, 2009 at 01:09
Im Zweifelsfall gilt übrigens immer: lieber L-V als Rommel. Am besten allerdings gar keiner.
25. Februar, 2009 at 15:53
Echt? Also als Taktiker waren sie beide sehr gut bewandert, vermutlich wäre mir ein L-V in Sachen Guerillataktik lieber, ein Rommel aber auf jeden Fall in bezug auf Panzertaktik.
Im politischen Sinn ist mir ein Rommel lieber, der sich zwar spät, aber immerhin überhaupt dem Widerstand anschloß. In den Jahren zwischen den Kriegen war Rommel wenigstens nicht in Freikorps oder am Kapp-Putsch beteiligt.
Persönlich kann ich die Personen nur schwer einschätzen. Rommel erscheint ein sehr besserwisserischer Mensch gewesen zu sein, L-V hat zumindest den Charme des Kosmopoliten.
Also wofür ist Ihnen nun wer lieber? ;-)
26. Februar, 2009 at 00:10
Nun, L-V hat sich nicht von den Nazis vereinnahmen lassen.
(Das mit den Hereros vergesse ich ihm trotzdem nicht.)
27. Februar, 2009 at 10:01
Das ist aus mehreren Gründen unfair, wie ich finde.
1. hat L-V aktiv die Demokratie zu beseitigen geholfen (Kapp-Putsch, Freikorps, Reden für die DNVP) – Rommel hingegen hat die Demokratie in Weimar aktiv als Mitglied der Reichswehr unterstützt; da er lange Zeit politisch nicht interessiert war, schützte er als Soldat diejenigen, die eben in der Politik das Sagen hatten.
2. war Rommel im Widerstand, hat also – im Gegensatz zu L-V – erkannt, daß das Regime verbrecherisch war.
27. Februar, 2009 at 21:24
An Rommels Widerständlertum gibt es starke Zweifel, wie Sie bitte dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag entnehmen möchten. Und damit meine ich nicht nur seinen Kommentar zum Stauffenberg-Attentat: „Zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott danken, daß es so gut abgegangen ist.“ Ihm hat Treue mindestens so viel gegolten wie L-V, nur dass Letzterer den Avancen der Nazis widerstand, die ihn als Kolonialhelden instrumentalisieren wollten, während Rommel Karriere machte.
10. März, 2009 at 09:36
Der Wikipedia-Eintrag in bezug auf Rommel bezieht sich zu stark auf die „Teufels General”-Betrachtung, die in den 90ern stark als Gegenthese zur viel zu einseitig positiven Sichtweise der Nachkriegszeit.
Aber das diskutieren wir mal in Ruhe. Mit entsprechender Literatur ausgestattet.
Jedenfalls sagt selbst der Wikipedia-Artikel, daß er in die Verschwörung eingeweiht war. Für jemanden mit seinem Hintergrund eine sehr beachtliche Wandlung.
Jemand, der seine gesamte Erziehung, alles, woran er gedrillt war zu glauben, über Bord schmeißt, wenn er erkennt, auf dem falschen Weg zu sein, verdient höchsten Respekt. Jedenfalls in meinen Augen.
Ein L-V. hingegen ist seiner Linie treu geblieben, hat sich politisch bei der Beseitigung der Demokratie verausgabt und hat letztlich nichts gegen die Nazis unternommen.
Meine Sympathie ist eindeutig verteilt.