März 2009
Monatsarchiv
26. März, 2009
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Filme,
Stil und Mode [15] Comments

Ich schwitze vor mich hin, während ich auf dem Laufband stehe und mir Gedanken darüber mache, warum es eigentlich Laufbänder überhaupt gibt. Auf den nicht besonders großzügig dimensionierten Fernsehern läuft das ganze Grauen, das sich im Abendprogramm festgesetzt hat. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich irgendwo Feldgrau aufblitzen, gucke entsprechend dorthin und sehe mir „Die Krupps” an, wenn auch ohne Ton.
Zunächst glaube ich, daß die schauspielerische Leistung ja wohl unter aller Sau sei, so ungelenk, wie die einzelnen Personen da in der Gegend herumstaksen. Aber die Mimik und Gestik ist gar nicht so schlimm. Es ist etwas anderes, das mich am Bewegungsablauf stört. Auf dem Laufband kann ich besser schwitzen als denken, und so dauert es weitere zehn Minuten, bis mir dämmert: Es liegt an den Anzügen! Die Schauspieler wirken deswegen so ungelenk, weil sie allesamt verkleidet sind. Sie tragen nämlich Anzüge.
Es ist eine alte Binsenweisheit, daß man im Anzug nur dann gut aussieht, wenn man ihn wie selbstverständlich trägt. So mußte Sean Connery gezwungenermaßen in seinem Anzug schlafen, damit er sich daran gewöhnt. Terence Young hat das damals sehr vernünftig gehandhabt, denn was passiert, wenn man Schauspielern, die es einfach nicht mehr gewohnt sind, sich im Dreiteiler zu bewegen, einfach ein solches Kleidungsstück überstülpt, konnte man hervorragend in „Die Krupps” sehen: Eine Hand pseudo-lässig in die Seiten(!)tasche des Sakkos gesteckt, und zwar den gesamten Film über, die andere Hand krampfhaft locker an der Filterlosen festgeklebt. Dabei den Kopf bloß nicht zu sehr bewegen, weil da ja ein Hemdkragen im Weg ist. Sein Gegenüber: Die Arme einfach mal affenartig an den Seiten herunterhängen lassen und nicht bewegen. Gut, das las vermutlich auch daran, daß die Ärmel viel zu kurz waren. Und zwar sowohl von Jackett als auch vom Hemd. Also stand er da, wirkte wie ein Pennäler, der zur Konfirmation soll.
Ich weiß nicht, ob es daran lag, daß ich das Fernsehereignis ohne Ton verfolgte. Vielleicht wirkte es noch viel bizarrer auf diese Weise. Aber so weit sind wir schon: Das Tragen eines Anzugs ist für Schauspieler schon genauso ungewöhnlich wie eine Ritterrüstung. Vielleicht merkt es derjenige gar nicht und glaubt, er bewege sich genauso, wie die Menschen früher auch. Vielleicht ist er sogar jemand, der ab und an mal zu Feierlichkeiten Anzüge trägt und es als normal ansieht, wenn man darin etwas staksig umherläuft und sich völlig gekünstelt gebärdet. Aber gerade in einem Film über die gehobene Gesellschaft sollte es eigentlich normal sein, daß der Anzug nicht „gelackt” aussieht, daß man sich darin völlig natürlich und frei bewegt, daß man seinen Kopf normal drehen kann. Und die Bewegung, das Sakko zu schließen, nachdem man vom Tisch aufgestanden ist, könnte sicherlich auch ohne großes Getue erfolgen.
Viel geschmeidiger und normaler bewegten sich im Film übrigens die SA-Leute.
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17. März, 2009
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Zocken [21] Comments

Hellhäutige Afrikanerin mit Zombies
Die Demo hatte mich nicht unbedingt umgehauen. Genaugenommen habe ich lustlos 15 Minuten davor verbracht, um sie dann direkt wieder zu löschen. Als ich dann las, das Spiel käme in Deutschland ungeschnitten heraus, dachte ich zunächst: „Ja gut, aber langweilig ist es dennoch.” Einem spontanen Impuls folgend kaufte ich es dann doch. Um ehrlich zu sein: Ich erinnere mich überhaupt nicht mehr an den Grund. Vielleicht war es das Packungsdesign? Oder das Firmenlogo Capcoms, von denen ich irgendwie immer gute Software erwarte.
Die Entscheidung, für welche Plattform ich mir das Spiel zulegen soll, wird nach einer kurzen Recherche mit dem iPhone geklärt: Grafisch nehmen sich XBox- und Playstation-Version eigentlich nichts, aber auf der PS3 neigt es zu Rucklern. Außerdem hat mich der Reinfall mit „Fallout 3” (keine Zusatzinhalte über Playstation-Network) vorsichtig gemacht. Ich besorge also die XBox-Version, beeile mich, nach Hause zu kommen, und gucke mir das Intro an. Nett gemacht, obwohl ich mich frage, wieso die mir als Partnerin zugeteilte Afrikanerin so weiße Haut hat.
Dann werde ich sofort ins Tutorial geworfen, welches wie üblich direkt ins Spiel integriert ist. Wie das Spiel sich so spielt, kann ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sagen, denn die Steuerung ist unspektakulär, aber solide; vor allem aber werde ich von der phantastischen und stimmungsvollen Grafik abgelenkt. In einigen Testberichten wird kritisiert, daß RE5 nicht mehr furchteinflößend sei. Weil es in Afrika spiele und dort die Sonne scheine. Ich weiß nicht genau, warum die meisten Menschen unbedingt düstere Ecken und blöde Taschenlampen bei einem Horrorspiel erwarten, ich jedenfalls empfand die ganze Szenerie als äußerst bedrückend und durchaus eines Resident Evils würdig.
Das Spiel selbst ist übrigens in der Tat zuallererst ein Shooter. Gegenstände kombinieren, um Ecken herumschleichen? Nö. Vor einer Horde zombieartiger Menschen davonlaufen, die mit Schaufeln, Kettensägen und Molotov-Cocktails bewaffnet sind? Oh ja! Und nebenbei ist RE5 auch noch eines der wenigen Spiele, die das Schießen neuartig simulieren: Um Amokläufe zu verhinden kann man bei RE5 nicht gleichzeitig laufen und um sich schießen. Es gilt also, situationsabhängig zu entscheiden: Lohnt es sich, stehenzubleiben, die Meute näher an mich heranzulassen, wenn ich dafür auf sie schießen kann? Sind es zu viele Zombies? Oder ist hier die entscheidende Stelle, um zur statischen Verteidigung überzugehen?
Im Koop-Spiel wäre das sicherlich noch um einiges interessanter, so käme man sicherlich mit der Methode des überschlagenden Sicherns weiter: Einer bleibt stehen und schießt auf die Meute, dreht sich dann um (A+nach hinten, sehr vorbildlich!) und rennt zurück, während der zuvor laufende Kollege wartet und seinerseits auf den Feind einwirkt. Das geht im Spiel nur leidlich, weil der Computerspieler nicht erahnt, daß ich ein solches Vorgehen für sinnvoll erachte.
Ein ganz großer Pluspunkt ist as Weiterentwickeln der eigenen Bewaffnung. Ich finde nämlich nicht ständig neue Waffen, sondern kann sie mit Upgrades versehen. So wird nach und nach aus der ollen Schrotflinte die perfekte Nahkampfwaffe, während die MP5 perfekt über mittlere Distanzen mehrere Gegner durchsiebt.
Ich bin jetzt erst im 4. Kapitel, merke aber, daß ich vor RE5 einfach hängenbleibe. Im Gegensatz zu Killzone 2, dem angeblich so großartigen Exklusivtitel für die PS3, oder dem, ehrlich gesagt, eher lauwarmen Aufguß von GTA, The Lost And Damned. Und auch Dead Space liegt mittlerweile auf dem Stapel durchzuspielender Werke.
RE5 ist für mich bisher das Spiel des Jahres. Gut, so weit fortgeschritten sind wir ja auch noch nicht.
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16. März, 2009
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Politik,
Serienmord [16] Comments
Nach dem Amoklauf in Winnenden kristallisierten sich vor allem zwei Forderungen heraus:
1. Verbot von „Killerspielen” und
2. Verbot von privatem Waffenbesitz.
„Killerspiele” deswegen, weil die potentiellen Täter dadurch abgestumpft würden und das Abdrücken bei menschlichen Wesen übten. Diese Forderung wird in vielen Blogs vehement zurückgewiesen, schließlich wird ein Mensch nicht zum Amokläufer, weil er Spiele gespielt hat. Nicht wegzudiskutieren ist hingegen, daß wissenschaftliche Untersuchungen bisher keine eindeutigen Ergebnisse lieferten, aber eine erhöhte Aggression der Spieler während des Zockens durchaus meßbar ist. Allerdings nicht nur bei „Killerspielen”, sondern auch bei Autorennen, Fußball oder Taschenbillard.
Viele Blogschreiber weisen zu recht darauf hin, daß ein so gravierender Eingriff in die Freiheitsrechte – denn ein Verbot von „Killerspielen” bedeutete ja auch, daß Erwachsene diese nicht mehr hierzulande kaufen könnten, daß Unternehmen sie hier nicht mehr produzieren könnten, sprich: daß in einer aufstrebenden Branche Arbeitsplätze gestrichen würden – nicht mit einem diffusen „Vielleicht sind die ja irgendwie dafür verantwortlich” begründet werden könne.
Absurd wird es aber dann, wenn dieselben Leute, die sich gerade noch darüber empörten, daß ihr Hobby von Politikern, die keine Ahnung davon haben, angegriffen wird, sich nun wiederum darüber auslassen, daß doch die Waffengesetze verschärft gehörten. Und sie stricken gleich noch vorab eine Verschwörungstheorie dazu, falls nun die Waffengesetze eben doch nicht geändert werden sollten. Das, so scheinen einige Blogschreiber zu glauben, liege nicht daran, daß Deutschland eines der härtesten Waffengesetze der Welt habe, auch nicht daran, daß von den Straftaten lediglich 0,03% mit legalen Waffen verübt werden und auch nicht daran, daß in Deutschland die Zahl der illegalen Waffen doppelt so hoch wie die der legalen ist. Sondern daran, daß die CDU und vor allem die CSU traditionell irgendwie mit Schützenvereinen und Jägern (was ja irgendwie dasselbe ist, denn beide haben Waffen) verbandelt ist.
So nachvollziehbar ich es finde, das eigene Hobby zu verteidigen, so unverständlich ist es mir, wenn mit derselben Unwissenheit, denselben Vorurteilen gegenüber andere Gruppen vorgegangen wird. Gerade so, als wolle man einfach nur jemand anderem den schwarzen Peter zuschieben.
Was aber sind nun die Lehren, die man aus der Tragödie ziehen kann? Nun, vielleicht könnten einige Medien lernen, was Pietät ist. Vielleicht, daß es nicht unbedingt von Fingerspitzengefühl zeugt, wenn zwölfjährige Kinder nach einem Amoklauf befragt und zitiert werden. Vielleicht, daß es unanständig ist, am Abend des Verbrechens schon eine Fernsehsendung dazu zu machen, nur um der erste zu sein?
Ganz besonders deutlich erscheint mir aber, daß die Politiker sich wieder im Populismus-Wettstreit befinden. Ich verstehe ja sogar, warum sie glauben, so handeln zu müssen, wie sie es tun. Da ist ein schreckliches Verbrechen geschehen. Die Menschen haben Angst. Sie sind aber auch wütend. Sie fordern Konsquenzen. In der heutigen Zeit bedeuten Konsequenzen immer, daß die Politik etwas tun muß. Es stellt sich nicht die Frage, wie wir die Menschen dazu bringen, wieder mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Es stellt sich nur die Frage, welche Verbote jetzt her müssen, um soetwas in Zukunft zu vermeiden.
Ich behaupte, daß weder das Killerspielverbot noch eine weitere Verschärfung des Waffenrechts einen weiteren Amoklauf verhindern werden. Wäre es nämlich so einfach, daß Verbote Verbrechen verhindern, dann könnte man ja einfach den Amoklauf verbieten, und schon gäbe es kein Problem mehr.
Es gab in der deutschen Presse vor einigen Jahren mal einen Konsens, über Selbstmorde nicht mehr zu berichten, damit potentiellen Nachahmern nicht noch gezeigt wird, daß ein Selbstmord tatsächlich für Aufsehen sorgt. Nun stellen wir uns mal vor, ein solcher Konsens bestünde auch bei Amokläufen: Der Name und das Bild des Täters würden nicht gedruckt, es bliebe bei einer Meldung. Keine Sensationsberichterstattung, keine Glorifizierung des Täters, die aus einem kleinen Würstchen mit kleinem Schwanz und großem Selbstbewußtseinsproblem einen rächenden Halbgott mit Killerspielerfahrung macht.
Wäre das vielleicht eine Maßnahme? Vielleicht hielte das mehr potentielle Mörder davon ab als das dritte Remake von Counterstrike?
Etwas Gelassenheit erwartete ich von unseren Volksvertretern. Die Gelassenheit, die man eben ausstrahlen muß, wenn man weiß, daß etwas geschehen ist, das kaum zu verhindern war, jedenfalls nicht von zentraler, staatlicher Stelle. Hätten die Lehrer dem Jungen zugehört, wären die Eltern ihrer Verantwortung als Erziehungsberechtigte und -verpflichtete gerecht geworden – ja, das hätte ihn sicherlich aufgehalten. So aber winkten zum einen Ruhm und Ehre, andererseits weiterhin das Leben als Durchschnittsjugendlicher. Und das in einer Zeit, in der nichts so erniedrigend zu sein scheint, als zum Durchschnitt zu gehören.
Früher übrigens hat man die Gewaltbereitschaft junger, frustrierter Männer ausgenutzt, um sie in den Krieg zu schicken. Diese Möglichkeit haben wir glücklicherweise nicht mehr.
Ähnlich, wenn auch besser formuliert, steht das auch hier.
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13. März, 2009

Wieso macht man sowas nur?
Der Stern kann es nicht lassen: Nach dem großen Erfolg mit der Beschimpfung seiner (Ex-)Leser als „Pöbel” ist nun die nächste Gruppe dran, die abgewatscht gehört: Mitglieder einer zynischen Subkultur, in die man nur ohne Registrierung reinkommt. krautchan.net also ist ein Ort, der unserer journalistischen Elite heute ein Dorn im Auge ist. Es handelt sich um ein sehr gefährliches Eckchen im Internet, weil da alles anonym zugeht, so der Stern. Weil dort Inhalte nur wenige Stunden online sind – im Gegensatz beispielsweise zu der Falschmeldung, Tim K. hätte seine Tat in einem Chatroom angekündigt, die noch lange nach der Aufklärung auf SternOnline zu lesen war.
Dieses ganze Internet, so merkt man deutlich, ist diesen Journalisten suspekt. Man muß da zwar mitmachen, auch wenn man nicht weiß, warum man das tun muß. „Hier steht: Wir müssen ins Internet.” –„Warum?” – „steht nicht da”. Aber an sich ist es ein Tummeplatz von Nazis, Kinderschändern und Zynikern, das haben meine Eltern auch schon immer gewußt.
Das hauptsächliche Problem aber besteht nicht darin, daß man sich wirklich über Zynismus aufregt: Das können Redakteure nun wirklich nicht tun, wenn sie sich nicht völlig lächerlich machen wollen. Wie der Alltag in einer Nachrichtenredaktion aussieht, weiß inzwischen (dank Internet?) fast jeder.
Nein, den Herren Journalisten geht es einzig und allein darum, irgendwie die Meinungshoheit über Nachrichten zu erhalten. Sie sind zum Scheitern verurteilt, und das wissen sie auch. Ihre Gelddruckmaschine bricht zusammen. Die Anzeigenpreise gehen zurück. Kommentare zu aktuellen Ereignissen (weniger die Berichterstattung selbst) werden nicht mehr von oben nach unten kommuniziert. Die Leser selbst diskutieren untereinander. Zwar nicht auf Stern.de, weil dort keine Kommentarfunktion zur Verfügung steht, aber eben auf anderen Seiten. Und auf Twitter.
Es gibt nun zwei Wege, wie ein Journalist darauf reagieren kann. Er kann sich entweder auf die neue Situation einstellen und versuchen, aufgrund seiner besseren Ausbildung und seines besseren Schreibstils weiterhin Leser zu gewinnen. Oder er kann versuchen, seine Leser zu behalten, indem er sie als Pöbel beschimpft und ihnen erklärt, daß sie keine Chance in seinem Revier gegen ihn hätten.
Der Journalist, der den ersten Weg beschreitet, wird seine Leser nicht als Gegener sehen. Und wird damit Erfolg haben. Der andere muß immer aggressiver und polemischer werden, bis er am Ende alle seine Leser so brüskiert hat, daß sie von ihm nichts mehr sehen und hören wollen. Er kann sich in masochistischer Art daran laben, von Twitterern fertiggemacht zu werden.
Und dann kann er weinend zu seinem Chef gehen und sagen: „Das Internet ist doof. Das mag mich nicht.”
Update: Bernd in Bildern bei Harald
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12. März, 2009
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Politik,
Serienmord [10] Comments
„Der Amoklauf von Winnenden fand auch live bei Twitter und anderen sozialen Netzwerken statt. Das zeigt deutlich: Egal, wo etwas Dramatisches passiert: Der Jedermann-Journalismus bringt Nachrichten sofort ins Internet. Ohne Rücksicht auf Rechte und Verluste”, schreiben Sie. Ich möchte es etwas anders formulieren:
Der Amoklauf von Winnenden fand auch in der Presse statt. Das zeigt deutlich: Egal, wo etwas Dramatisches passiert: Der Journalismus bringt Nachrichten sofort ins Internet. Ohne Rücksicht auf Rechte und Verluste. Denn was einer Ihrer (Print-)Kollegen da ablieferte, das hätten Sie, wenn es denn auf Twitter von einem Nicht-Journalisten gebracht worden wäre, sofort als „Das Jeder-kann-mitmachen-Internet zeigt seine Fratze” bezeichnet.
Aber so ist es: Eine satirische, eventuell geschmacklose, aber eben journalistische Arbeit, die es vor jeglicher Zensur zu bewahren gilt. Natürlich.
Was nun? Zynismus ist gar nicht nur im Internet zu finden? Wie? Journalisten können auch etwas anderes, als nur den Betroffenen zu spielen?
Update: Weitere Beispielsweise für seriösen Qualitätsjournalismus:
Die letzten Minuten des Amokläufers bei SkyNews
Hinweis auf dieses Video bei Stern Online
Seriöse Fotostrecke mit weinenden Menschen bei Spiegel Online
Der Amoklauf als Flash-Video zum Nachspielen bei Bild Online
Und Selbsterkenntnis statt Twitter-Bashing im Journalistenverband
Im Gegensatz zu den Pöbeleien in Blogs wie diesem, jenem oder jenem.
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12. März, 2009

This is not an exit
Ein Amoklauf erschütterte gestern also die Bundesrepublik. Ein Amoklauf, der aber in einer besonderen Zeit stattfand. In einer Zeit, in der das Internet Informationen sofort aufgreift. In einer Zeit, in der jeder Mensch seinen Kommentar zu jedem Thema abgeben kann – und das auch tut. So wurde beispielsweise über Twitter sehr ausführlich über Winnenden diskutiert, es wurden falsche Behauptungen aufgestellt, zynische Witze gemacht, Links zu vermeintlichen Tätern herumgeschickt.
Die Journalisten geben sich schockiert. „Das Internet verplappert sich” schreibt der Stern. Und meint damit, daß sich nun die hässliche Fratze des normalen Menschen zeigt. Verplappert hingegen hat sich vor allem der Stern, wenn er schreibt: „Wenn der Pöbel gleichzeitig zum Nachrichtenempfänger und Versender wird, bleibt häufig viel auf der Strecke”. Das ist nämlich das Problem der journalistischen Elite. Nicht, daß es zynische Kommentare über ein furchtbares Verbrechen gab. Die gab es nämlich immer schon. Dem Stern geht es anscheinend einzig und allein darum, mal wieder geradezuziehen, daß das Volk – im Gegensatz zu den seriösen, ethisch korrekten und hochgebildeten Journalisten – einfach nicht in der Lage sein darf, selbst Nachrichten zu verbreiten.
Die Presse jedenfalls fand es ethisch nicht bedenklich, eine Dame, die lediglich auch aus Winnenden kommt, auf dem Bahnhof zu belagern, um irgendetwas zu bekommen, das nach Augenzeuge aussah. Auch wenn dieser „Augenzeuge” in etwas so viel von dem Geschehen mitbekommen hat wie jemand, der in Hamburg, New York oder Südafrika lebt.
Twitter ist ja mittlerweile keine kleine Gruppe mehr. Niemand kann heute noch genau sagen, wieviele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt twittern. Aber dennoch fühlt man sich als homogene Gruppe, weswegen sich auch sofort für fremde Menschen geschämt wird. Picki beispielsweise schreibt in ihrem Blogeintrag, daß die „letzten Hemmschwellen des geschmacklosen Sarkasmus fallen”. Als ob die nicht vor 100 Jahren genauso gefallen wären! Als ob nicht in Kneipenrunden, in den Wohnzimmern, in den Gesprächskreisen unterschiedlicher Menschen derselbe Sarkasmus anzufinden wäre wie im Internet!
Ich erinnere mich an die Berichterstattung über den Amoklauf in Erfurt. Oder die über die Columbia High („Klebold und Harris, zwei Stümper ohne Plan”, wie damals ein Satiremagazin seriöserweise schrieb). Haben wir als Studenten damals eine andere Ethik vertreten als Studenten, die heute mit Twitter unterwegs sind? Nein, natürlich nicht. Wir haben in unserer Runde genauso gesessen, uns toll gefühlt mit unserem Zynismus. Weil nunmal jeder eine andere Art hat, mit solchen Katastrophen umzugehen.
Und so war es auch gestern bei Twitter: Es gab ruhige, besonnene Menschen, schockierte Menschen, traurige Menschen. Es gab Menschen, die mit dem Albtraum in Winnenden Späße machten, sich darüber in Zynismus ergingen. Ist daran das Internet schuld? Oder sind es die einzelnen Menschen?
Eine rhetorische Frage? Sicher. Aber wenn doch in einem Medium wie Twitter offensichtlich jeder Mensch für seine Beiträge verantwortlich ist, wie kann ich mich dann dafür schämen? Wieso sollte ich erwägen, Twitter abzuschalten, weil ich von meinen Bekannten, die ich ja selbst dazu gemacht habe, solche Beiträge lese?
Nein, schämen für das Medium ist sicherlich nicht angebracht. Vielleicht eher, mal die eigenen Twitter-Freunde zu überdenken. Vielleicht mal die „unfollow”-Funktion benutzen? Oder sich einfach sagen, daß jeder Mensch andere Methoden hat, mit grauenhaften Dingen fertigzuwerden.
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11. März, 2009

Wenn selbst Kalauerfreunde zu heulen beginnen
Es ist der zweite Messetag. Ich habe gerade mit einigen völlig uninteressanten Menschen gesprochen, die sich für irgendwas interessierten, das meine Firma nicht anbietet. Sich nur mit größter Mühe abwimmeln ließen. Ich habe damit einen ganzen Vormittag zugebracht, kam nicht zum Rauchen, nicht zum Essen, nicht zum Kaffeetrinken.
Aus den Augenwinkeln sehe ich eine mir bekannt vorkommende Dame, es handelt sich wohl um PickiHH, begrüße sie und stelle fest, daß auch sie Schwierigkeiten hat, mich einzuordnen. Also wechseln wir zwei Sätze, mir fällt ein, wer sie ist, da ist sie auch schon weg, und ich begebe mich nach draußen zum Rauchen, wo ich mich in illustrer Runde wiederfinde, inklusive der Elite des Web 2.0. Hab aber schon wieder vergessen, wie die alle hießen. Bis auf die Ausnahmen, die mir den Aufenthalt auf der CeBit so verschönert haben, daß ich vom Gebrauch der alten Chromaxt absehen konnte.
Was mich an mir ja sehr stört: Wenn ich jemanden treffe, aber gerade rauchen möchte, dann denke ich mir immer, daß ich das Treffen ja anschließend nachholen könnte. Und so verpasse ich es, den einen oder anderen Twitterer persönlich kennenzulernen, obwohl sie direkt neben mir stehen. Schade. Denn viel schneller als gedacht steht auch schon das Bier auf dem Tresen, irgendjemand drängt mir eins auf, ich wiederum dränge andere zum Mittrinken und am Ende lande ich mit MSPro, nerotunes, ennomane und anderen bei Kapersky, wo sich die Hälfte mit Wodka zuschüttet, die andere mit Bier (ich: Bier). Wenn man einmal anfängt, über Stalinismus zu diskutieren, dann kann das ausarten. Jedenfalls finde ich mich in überschaubarer Runde an einer Hotelbar wieder (ich glaube, es war mein Hotel), wo ich mit Engländern über Fußball rede, bevor wir uns wieder dem Lieblingsthema widmen.
Gefühlte zwei Minuten später klingelt der Wecker, und ich dusche mich, und ich ziehe mich an, und ich fahre zur Messe, und ich halte dort Präsentationen und bekomme am Abend ein Bier in die Hand gedrückt.
Irgendwann wache ich auf und stelle fest, daß ich auf der Autobahn Richtung Hamburg bin. Auf der Plus-Seite stehen lustige Erlebnisse, auf der Minus-Seite meine Leber und meine Lunge. Ein guter Kontostand für eine Messe.
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10. März, 2009
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Ausgehen,
Beraterleben [4] Comments

Niveauvoller Humor erwachsener Menschen
„Ich bin ja über 2.0 schon längst hinaus,” versteige ich mich zunehmend zu unsinnigeren Thesen, „und installier mir jetzt das Web 3.11”. Es ist das vierte Bier am vierten Messetag, da kann einem sowas schon passieren. Stunden zuvor hatte mich mit einigen nachdenklichen Kommentaren auf der Twitterwand verewigt, was mich und einige andere Menschen in die Art von Begeisterung versetzte, die man nur aufbringen kann, wenn man einen Messekoller hat.
Wir stehen vor dem VIP-Shuttle, das Svennov fortschrittlicherweise organisiert hat und überlegen uns, auf welche Messeparty wir gehen sollten. Auf unserer Liste, die die Tage zuvor durchaus umfangreich war, stehen heute nur zwei Veranstaltungen. Wir klappern beide ab: Fehlanzeige. Es ist nichts mehr los auf der CeBit, die Hallen sind leer, die Biervorräte auch.
Nach kurzer Beratung muß ich mich aus der Gruppe verabschieden: Mein Kumpel O., der mit dem „Web 2.0” nicht so wahnsinnig viel anfangen kann, möchte nach Hause. Zögernd schließe ich mich ihm an, obwohl die Aussicht, mich einen weiteren Abend in der Limmerstraße herumzutreiben, durchaus nicht unangenehm ist. Immerhin endete der letzte Ausflug zwar mit einem leichten Filmriß, aber doch diffus positiven Pseudoerinnerungen. Ausschlaggebend ist letztlich, daß ich denselben Anzug wie beim letzten Mal trage, was mir irgendwie peinlich ist.
Der Abend endet in einer Dorfdisco in der Nähe von Hannover. Als wir eintreffen, ist es noch ziemlich leer, so daß wir Zeit für ein paar Sozialstudien haben.
Ein äußerst leicht bekleidetes, ansonsten aber unscheinbares Mädchen, das seine Cellulite dadurch besonders zur Geltung bringt, indem es die Jeans knapp oberhalb der Oberschenkel abgeschnitten hat, sitzt einem hässlichen Proll gegenüber, der den Kragen seines C&A-Polohemdes hochgeschlagen hat, vermutlich, um damit wie ein Großstädter auszusehen. Sie reden kaum, er stiert ihr die ganze Zeit in den Ausschnitt, der den Blick auf zwei recht kleine Brüste und einen ausladenden Bauch freigibt. Sie beachtet ihn kaum, guckt aber ständig in die Runde, um herauszufinden, ob sie sich heute noch statustechnisch verbessern kann. O. und ich überlegen uns, ob wir sie mitnehmen sollten, um sie in dem Waldweg, der zu unserer Behausung liegt, zerstückeln zu können, stellen aber fest, daß uns die koordinatorischen Fähigkeiten dazu mittlerweile fehlen.
Etwas später sehen wir sie ungelenk an einer Stange tanzen, während er mit offenem Mund etwas abseits steht und zuguckt, wie sie sich an diversen Männerkörpern reibt. Das Schauspiel wird unerträglich, also brechen wir den Abend ab, wandern nach Hause und entspannen bei einem letzten Bier, gemeinsam mit O.s Vater, der gerade wieder wach wird, bevor ich mich dann ins Bett im Gästezimmer fallen lasse.
Beziehungsweise daneben.
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