
This is not an exit
Ein Amoklauf erschütterte gestern also die Bundesrepublik. Ein Amoklauf, der aber in einer besonderen Zeit stattfand. In einer Zeit, in der das Internet Informationen sofort aufgreift. In einer Zeit, in der jeder Mensch seinen Kommentar zu jedem Thema abgeben kann – und das auch tut. So wurde beispielsweise über Twitter sehr ausführlich über Winnenden diskutiert, es wurden falsche Behauptungen aufgestellt, zynische Witze gemacht, Links zu vermeintlichen Tätern herumgeschickt.
Die Journalisten geben sich schockiert. „Das Internet verplappert sich” schreibt der Stern. Und meint damit, daß sich nun die hässliche Fratze des normalen Menschen zeigt. Verplappert hingegen hat sich vor allem der Stern, wenn er schreibt: „Wenn der Pöbel gleichzeitig zum Nachrichtenempfänger und Versender wird, bleibt häufig viel auf der Strecke”. Das ist nämlich das Problem der journalistischen Elite. Nicht, daß es zynische Kommentare über ein furchtbares Verbrechen gab. Die gab es nämlich immer schon. Dem Stern geht es anscheinend einzig und allein darum, mal wieder geradezuziehen, daß das Volk – im Gegensatz zu den seriösen, ethisch korrekten und hochgebildeten Journalisten – einfach nicht in der Lage sein darf, selbst Nachrichten zu verbreiten.
Die Presse jedenfalls fand es ethisch nicht bedenklich, eine Dame, die lediglich auch aus Winnenden kommt, auf dem Bahnhof zu belagern, um irgendetwas zu bekommen, das nach Augenzeuge aussah. Auch wenn dieser „Augenzeuge” in etwas so viel von dem Geschehen mitbekommen hat wie jemand, der in Hamburg, New York oder Südafrika lebt.
Twitter ist ja mittlerweile keine kleine Gruppe mehr. Niemand kann heute noch genau sagen, wieviele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt twittern. Aber dennoch fühlt man sich als homogene Gruppe, weswegen sich auch sofort für fremde Menschen geschämt wird. Picki beispielsweise schreibt in ihrem Blogeintrag, daß die „letzten Hemmschwellen des geschmacklosen Sarkasmus fallen”. Als ob die nicht vor 100 Jahren genauso gefallen wären! Als ob nicht in Kneipenrunden, in den Wohnzimmern, in den Gesprächskreisen unterschiedlicher Menschen derselbe Sarkasmus anzufinden wäre wie im Internet!
Ich erinnere mich an die Berichterstattung über den Amoklauf in Erfurt. Oder die über die Columbia High („Klebold und Harris, zwei Stümper ohne Plan”, wie damals ein Satiremagazin seriöserweise schrieb). Haben wir als Studenten damals eine andere Ethik vertreten als Studenten, die heute mit Twitter unterwegs sind? Nein, natürlich nicht. Wir haben in unserer Runde genauso gesessen, uns toll gefühlt mit unserem Zynismus. Weil nunmal jeder eine andere Art hat, mit solchen Katastrophen umzugehen.
Und so war es auch gestern bei Twitter: Es gab ruhige, besonnene Menschen, schockierte Menschen, traurige Menschen. Es gab Menschen, die mit dem Albtraum in Winnenden Späße machten, sich darüber in Zynismus ergingen. Ist daran das Internet schuld? Oder sind es die einzelnen Menschen?
Eine rhetorische Frage? Sicher. Aber wenn doch in einem Medium wie Twitter offensichtlich jeder Mensch für seine Beiträge verantwortlich ist, wie kann ich mich dann dafür schämen? Wieso sollte ich erwägen, Twitter abzuschalten, weil ich von meinen Bekannten, die ich ja selbst dazu gemacht habe, solche Beiträge lese?
Nein, schämen für das Medium ist sicherlich nicht angebracht. Vielleicht eher, mal die eigenen Twitter-Freunde zu überdenken. Vielleicht mal die „unfollow”-Funktion benutzen? Oder sich einfach sagen, daß jeder Mensch andere Methoden hat, mit grauenhaften Dingen fertigzuwerden.
12. März, 2009 at 10:54
Es bleibt mir nicht viel mehr als Ihnen für diese ehrlichen Gedanken “Chapeau” und “merci” zu sagen. Bedauerlich nur, dass die Anzahl der Menschen, die Ihre Gedanken teilen, gegenüber der “häßliche Fratze” der Massen verschwindend gering ist.
12. März, 2009 at 10:56
Sehr gut. Punkt.
12. März, 2009 at 10:57
*Auf-den-Tisch-klopf*
Da bin ich ganz mit Ihnen.
Ich denke das Followen und Entfollowen erfüllt da
seinen Zweck zu genüge.
Niemand wird gezwungen Sarkasmus zu mögen
und zu lesen.
Tweets sind halt nur 140 Zeichen
und lassen nicht den Platz, um die ganze
Killerspieldiskussion, die Waffenrechtsdiskussion
die “Was-ist-mit-solchen-Teenies-los?-Diskussion
gleichzeitig mit dem Tweet abzubilden.
Der eine nimmt´s mit Betroffenheit.
Der andere überspielt die Anteilnahme
mit zynischen Kommentaren.
Wir sind halt alle verschieden.
( …und ob die “Alptraum-Katastrophe” nun in Südostchina oder Winnenden passiert – per web sind wir alle total nah dran. Warum also sooo viel mehr Betroffenheit für Winnenden? Scheiße passiert jeden Tag an vielen Orten auf der Welt.)
- Grussregierung.
12. März, 2009 at 11:13
Das finde ich übrigens auch: Warum ist Winnenden schlimmer als Alabame? Warum Erfurt schlimmer als Sri Lanka? Warum heulen wir nicht jeden Tag über die Massaker in Afrika?
Der Amoklauf in Winnenden war für mich genausoweit weg wie einer in Neuseeland. Ich hätte beide gleichermaßen (nicht-)erlebt.
12. März, 2009 at 11:24
Über Zynismus hab ich gestern lange diskutiert. Es verhält sich damit genau so wie mit Schaulustigen bei einem Unfall, es ist unvermeidlich, man schämt sich teilweise für sie. Vor allem bietet sich für Nicht-Zyniker die einmalige Gelegenheit, den Zynikern mit der Moralkeule zu kommen. Das ist dann Zynismus in faschistoider Reinstform.
12. März, 2009 at 11:40
Die Moralkeule gegenüber den Zynikern ist vermutlich eine ähnliche Maßnahme wie der Zynismus selbst.
12. März, 2009 at 11:48
@4: Eben genau. Wenn man sich über alles Übel in der Welt permanent aufregen würde, würde man da gar nicht mehr rauskommen.
Das Leben an sich ist ein Risiko. Sehen wir’s endlich ein…
12. März, 2009 at 12:30
Das Internet mach aus der Welt ein Dorf. Wer mal in einem Dorf gelebt hat, weiß was ich meine. In einem Dorf gibt es (normalerweise) keine Dorfzeitung, die Form und Inhalt der Debatte erzwingt. Alle reden über alles in aller Form, Dorfklatsch 1.0. Und bei dieser Gelegenheit finde ich den Dorfklatsch 2.0 durchaus schmerzhaft. Nicht zu ändern, aber schmerzhaft.
Wenn es eben keine Gatekeeper/Medienhierarchie mehr gibt, muss man eben auch die weniger schönen Seiten dieser Tatsache aushalten. Fällt mir persönlich grad schwer, ehrlich gesagt. Ich finde die Entwicklung aber trotzdem grundsätzlich positiv. Unfollow bei Twitter und das Löschen im Feedreader sind dann das “mit den Füßen abstimmen 2.0″. Mildere Formen der Reaktion kenne ich nicht. Wäre aber schön, wenns das gäbe.
12. März, 2009 at 12:56
Wer Twitter nicht mag, soll es halt nicht nutzen. Sich über Twitter aufzuregen oder es als was-weiß-ich zu bezeichnen (ich erinnere an die Diskussion über die Klowände) kann man ja auch gern – das nennt man Meinungsfreiheit. Und sicher gibt es auch jede Menge Falschmeldungen und Unschärfen via SMS, Blog, Website, Telefongespräch, Stammtisch- und Gemüseladenunterhaltung.
Twitter und seine Nutzer wollen ja auch gar nicht mit Journalismus konkurrieren (hoffe ich zumindest) – es ist halt ein schnelles Medium und Ende. Welche Botschaften verschickt werden ist Sache der Nutzer. Wie bei jedem anderen Medium auch auch wenn die Website eines Nachrichtenmagazins natürlich in erster Line von Journalisten erstellt wird. Von Journalisten erwarte ich allerdings eine entsprechende Qualität – und sowohl dort als auch bei Twitter kann ich selbst entscheiden, ob ich alles auf eine (Informations-)karte setze oder nicht.
12. März, 2009 at 13:15
Gerd, das bedeutet ja im Umkehrschluß, daß Sie es für besser hielten, der quasi von oben „Form und Inhalt der Debatte erzwingt”.
Da bin ich aber sehr froh, daß die Welt ein globales Dorf geworden ist.
Das Beispiel der Titanic zeigt ja auch, daß Geschmacklosigkeit kein Privileg des Pöbels ist.
Guest68: Ja, erst kommen sie alle und wollen Twitter nutzen, das als Kommunikationsplattform für Privatleute erschaffen wurde, und dann regen sie sich darüber auf, daß doch tatsächlich Privatleute twittern. Ich persönlich sehe es so wie Sie: Twitter ist keine Konkurrenz zu Journalismus. Twitter ist eine Form von Kommunikation. Journalismus kann innerhalb und außerhalb von Twitter stattfinden.
12. März, 2009 at 15:27
…verbieten…web2.0? sollt man verBIEten…twittern? auch verbIETEN…internet?? sowieso VERBIEten…eigene Meinung??? Zynismus???? AUCH verBIETEN!! und Überhaupt: am besten ALLES VERBIETEN!!!!
aber mal ernst:
solang wir noch zynisch sind, sind wir noch am leben.
12. März, 2009 at 15:31
Zynismus ist dabei weder zu preisen noch zu verteufeln. Es ist eben EINE Art, damit umzugehen. Betroffenheit ist eine andere. Schweigen eine dritte.
Aber in punkto verbieten stimme ich zu: Wir sollten sowieso mal erstmal ALLES generell verbieten, und dann sollten wir einen Arbeitskreis bilden, der definiert, welche Dinge vom Verbot ausgenommen werden sollten. Punkt 1 auf der Liste: Politikerdiäten.
12. März, 2009 at 15:42
Als Punkt 2 hätte ich gerne STIHL Motorsägen ;)
12. März, 2009 at 15:59
äh…tschuldigung…
12. März, 2009 at 16:00
Und was bitte ist mit Chromäxten? (ebenso: tschuldigung)
12. März, 2009 at 17:25
@germanpsycho: Nee, heißt das nicht. Mich nervt einfach die Feststellung, das einerseits Meinungsfreiheit unbedingt irgendeiner Medienregulierung IMMER vorzuziehen ist und das andererseits diese Meinungsfreiheit einem bei solchen Anlässen gern mal seine HÄSSLICHSTE Seite ins Gesicht drückt. Das ist einfach suboptimal aber nicht zu ändern.
12. März, 2009 at 17:33
Ja, Meinungsfreiheit hat IMMER Vorrang in meinen Augen. Wenn wir beginnen, diese aufgrund von Befindlichkeiten (davon ausgenommen: Straftaten; da ist das Gesetz ja jetzt schon vor) aufzuweichen, dann sind wir auf dem besten Weg in eine Diktatur.
Meinungsfreiheit ist auf jeden Fall wichtiger als Stil oder Pietät, auch wenn ich ersteres ungern zugebe.
Aber da sind wir wohl einer Meinung, wenn ich Ihren letzten Satz richtig verstehe. Es ist unschön, ja, aber niemand möchte es ändern, weil die Änderung zu viel Schlimmerem führte.
13. März, 2009 at 11:08
RT @Jazzer Sehr gut. Punkt.
13. März, 2009 at 15:46
[...] Entrüstung darüber aber nun auch nicht verstehen und teile daher eher die Meinung eines anderen Bloggers zum Thema. Ich bin kein Journalist. Ich will auch keiner sein. Und meine (speziell die lesend [...]
22. November, 2010 at 16:18
[...] umzugehen. Eine davon ist Zynismus. Ähnliches Verhalten konnten wir ja auch schon während der jüngsten Amokläufe [...]
15. Januar, 2011 at 12:59
[...] Entrüstung darüber aber nun auch nicht verstehen und teile daher eher die Meinung eines anderen Bloggers zum Thema. Ich bin kein Journalist. Ich will auch keiner sein. Und meine (speziell die lesend [...]