Wieso macht man sowas nur?

Wieso macht man sowas nur?

Der Stern kann es nicht lassen: Nach dem großen Erfolg mit der Beschimpfung seiner (Ex-)Leser als „Pöbel” ist nun die nächste Gruppe dran, die abgewatscht gehört: Mitglieder einer zynischen Subkultur, in die man nur ohne Registrierung reinkommt. krautchan.net also ist ein Ort, der unserer journalistischen Elite heute ein Dorn im Auge ist. Es handelt sich um ein sehr gefährliches Eckchen im Internet, weil da alles anonym zugeht, so der Stern. Weil dort Inhalte nur wenige Stunden online sind – im Gegensatz beispielsweise zu der Falschmeldung, Tim K. hätte seine Tat in einem Chatroom angekündigt, die noch lange nach der Aufklärung auf SternOnline zu lesen war.

Dieses ganze Internet, so merkt man deutlich, ist diesen Journalisten suspekt. Man muß da zwar mitmachen, auch wenn man nicht weiß, warum man das tun muß. „Hier steht: Wir müssen ins Internet.” –„Warum?” – „steht nicht da”. Aber an sich ist es ein Tummeplatz von Nazis, Kinderschändern und Zynikern, das haben meine Eltern auch schon immer gewußt.

Das hauptsächliche Problem aber besteht nicht darin, daß man sich wirklich über Zynismus aufregt: Das können Redakteure nun wirklich nicht tun, wenn sie sich nicht völlig lächerlich machen wollen. Wie der Alltag in einer Nachrichtenredaktion aussieht, weiß inzwischen (dank Internet?) fast jeder.

Nein, den Herren Journalisten geht es einzig und allein darum, irgendwie die Meinungshoheit über Nachrichten zu erhalten. Sie sind zum Scheitern verurteilt, und das wissen sie auch. Ihre Gelddruckmaschine bricht zusammen. Die Anzeigenpreise gehen zurück. Kommentare zu aktuellen Ereignissen (weniger die Berichterstattung selbst) werden nicht mehr von oben nach unten kommuniziert. Die Leser selbst diskutieren untereinander. Zwar nicht auf Stern.de, weil dort keine Kommentarfunktion zur Verfügung steht, aber eben auf anderen Seiten. Und auf Twitter.

Es gibt nun zwei Wege, wie ein Journalist darauf reagieren kann. Er kann sich entweder auf die neue Situation einstellen und versuchen, aufgrund seiner besseren Ausbildung und seines besseren Schreibstils weiterhin Leser zu gewinnen. Oder er kann versuchen, seine Leser zu behalten, indem er sie als Pöbel beschimpft und ihnen erklärt, daß sie keine Chance in seinem Revier gegen ihn hätten.

Der Journalist, der den ersten Weg beschreitet, wird seine Leser nicht als Gegener sehen. Und wird damit Erfolg haben. Der andere muß immer aggressiver und polemischer werden, bis er am Ende alle seine Leser so brüskiert hat, daß sie von ihm nichts mehr sehen und hören wollen. Er kann sich in masochistischer Art daran laben, von Twitterern fertiggemacht zu werden.

Und dann kann er weinend zu seinem Chef gehen und sagen: „Das Internet ist doof. Das mag mich nicht.”

Update: Bernd in Bildern bei Harald