
Ich schwitze vor mich hin, während ich auf dem Laufband stehe und mir Gedanken darüber mache, warum es eigentlich Laufbänder überhaupt gibt. Auf den nicht besonders großzügig dimensionierten Fernsehern läuft das ganze Grauen, das sich im Abendprogramm festgesetzt hat. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich irgendwo Feldgrau aufblitzen, gucke entsprechend dorthin und sehe mir „Die Krupps” an, wenn auch ohne Ton.
Zunächst glaube ich, daß die schauspielerische Leistung ja wohl unter aller Sau sei, so ungelenk, wie die einzelnen Personen da in der Gegend herumstaksen. Aber die Mimik und Gestik ist gar nicht so schlimm. Es ist etwas anderes, das mich am Bewegungsablauf stört. Auf dem Laufband kann ich besser schwitzen als denken, und so dauert es weitere zehn Minuten, bis mir dämmert: Es liegt an den Anzügen! Die Schauspieler wirken deswegen so ungelenk, weil sie allesamt verkleidet sind. Sie tragen nämlich Anzüge.
Es ist eine alte Binsenweisheit, daß man im Anzug nur dann gut aussieht, wenn man ihn wie selbstverständlich trägt. So mußte Sean Connery gezwungenermaßen in seinem Anzug schlafen, damit er sich daran gewöhnt. Terence Young hat das damals sehr vernünftig gehandhabt, denn was passiert, wenn man Schauspielern, die es einfach nicht mehr gewohnt sind, sich im Dreiteiler zu bewegen, einfach ein solches Kleidungsstück überstülpt, konnte man hervorragend in „Die Krupps” sehen: Eine Hand pseudo-lässig in die Seiten(!)tasche des Sakkos gesteckt, und zwar den gesamten Film über, die andere Hand krampfhaft locker an der Filterlosen festgeklebt. Dabei den Kopf bloß nicht zu sehr bewegen, weil da ja ein Hemdkragen im Weg ist. Sein Gegenüber: Die Arme einfach mal affenartig an den Seiten herunterhängen lassen und nicht bewegen. Gut, das las vermutlich auch daran, daß die Ärmel viel zu kurz waren. Und zwar sowohl von Jackett als auch vom Hemd. Also stand er da, wirkte wie ein Pennäler, der zur Konfirmation soll.
Ich weiß nicht, ob es daran lag, daß ich das Fernsehereignis ohne Ton verfolgte. Vielleicht wirkte es noch viel bizarrer auf diese Weise. Aber so weit sind wir schon: Das Tragen eines Anzugs ist für Schauspieler schon genauso ungewöhnlich wie eine Ritterrüstung. Vielleicht merkt es derjenige gar nicht und glaubt, er bewege sich genauso, wie die Menschen früher auch. Vielleicht ist er sogar jemand, der ab und an mal zu Feierlichkeiten Anzüge trägt und es als normal ansieht, wenn man darin etwas staksig umherläuft und sich völlig gekünstelt gebärdet. Aber gerade in einem Film über die gehobene Gesellschaft sollte es eigentlich normal sein, daß der Anzug nicht „gelackt” aussieht, daß man sich darin völlig natürlich und frei bewegt, daß man seinen Kopf normal drehen kann. Und die Bewegung, das Sakko zu schließen, nachdem man vom Tisch aufgestanden ist, könnte sicherlich auch ohne großes Getue erfolgen.
Viel geschmeidiger und normaler bewegten sich im Film übrigens die SA-Leute.
26. März, 2009 at 14:33
…die hatten ja auch viel bequemere (kampf-)anzüge.
26. März, 2009 at 18:26
Der Knaller im letzten Satz…großartig!! Das macht Ihnen so schnell keiner nach :)
26. März, 2009 at 23:54
Da ist (leider) was wahres dran.
27. März, 2009 at 12:03
Furchtbar. Es gibt auch keine Anzugträger mehr im Fernsehen, die nicht total gelackt aussehen. So ganz normal einen Anzug tragen, das scheint nicht mehr zu gehen.
Außer bei mir. Ich tue das gerade. ;-)
27. März, 2009 at 12:33
Es mangelt an jüngeren Vorbildern mit Medienpräsenz. Ein Anzug wird von Schauspielern, Sportlern, Musikern und sogenannten Prominenten in der Regel selten und wie eine Verkleidung, z.B. beim Maskenball getragen. Dort tut man sich im Gorillakostüm ja auch schwer, nonchalant zu wirken.
27. März, 2009 at 18:54
Der Liebste tut das zum Glück auch ganz normal. Da ist es manchmal schon schwer ihn da wieder raus zu kriegen.
Von daher wundert’s mich auch nicht, daß auf meinem Blog immer Leute die nach “Anzug zusammenlegen” oder “Krawatte binden” landen. Neben den unanständigen Anfragen natürlich.
Da fällt mir auf – hab da schon lange nichts mehr darüber geschrieben. Über Anzüge mein ich.
31. März, 2009 at 19:34
Ich persönlich finde die Anzüge von Boston Legal klasse. Niemand hat so viel klasse wie Captain Kirk.
Sehr lustig ist dann der Vergleich mit Ally McBeal – dort laufen alle wie Penner mit Opa-Krawatten (braunes Karo auf braunem Grund) herum. Dabei sollte dies doch auch eine Anwaltsserie in Boston sein.
Nach 7 Jahren unter Ingenieuren bei Siemens bin ich aber schon froh, wenn jemand keine grauen Hemden mit grauen Krawatten und Birkenstock-Schlappen trägt.
1. April, 2009 at 13:38
Ich muss zu meiner Schande gestehen das ich in meinem Leben noch nie einen Anzug getragen habe.Ich hatte mal so ein ding für den Abschlussball der Schule und den Tanzunterricht, aber ich würde das nicht als Anzug beschrieben. Eher “eine dunkle Hose und ein Sakko”. Trotzdem habe ich mir letzte Woche eine Krawatte gekauft (schwarz und sehr schmal)… komisch. Was bezahlt man denn für einen guten Anzug? Und was ich sie schon immer mal fragen wollte: ruiniert man sich diesen wirklich wenn man damit in den Regen kommt? Ist er dann wirklich hin? Also untragbar, selbst nach chemischer reinig- und Aufbügelung?
1. April, 2009 at 13:55
Was bezahlt man für einen Anzug? Was bezahlt man für ein Auto? Schwierig so zu beantworten. Bei C&A bekommt man „Anzüge” sicherlich für 50 Euro oder so. Bei Kiton oder Tom Reimer auch gerne für 3000 Euro. Manche fliegen auch nach London, um dort dann 5000 Pfund auszugeben. Geht alles.
Ich bezahle für meine Anzüge zwischen 500 und 1500 Euro. Ich mag allerdings auch gerne meine Auswahl. Vernünftiger wäre es wohl, nur drei Anzüge zu besitzen, die dafür alle maßgeschneidert sind (und vermutlich um die 3000 kosteten).
Regen: Nö, das sollte eigentlich nicht passieren. Kommt natürlich auf den Stoff an. Bei einem Seidenanzug mag das stimmen, aber wer trägt sowas schon hierzulande? Bei vernünftiger Schurwolle jedenfalls kann man auch mal durch den Regen gehen. Schöner wird der Anzug dadurch nicht, aber sofort untragbar? Näh.
Wenns häufiger passiert: Tweed-Anzug kaufen.
2. April, 2009 at 14:23
Was ist denn eigentlich mit Maßkonfektion? Ist das eher vergleichbar mit “Maß” oder mit “Konfektion”?
2. April, 2009 at 14:40
Maßkonfektion ist eigentlich (!) eine Mischform: Die Standardgrößen werden anprobiert, dann kommt der Schneider und mißt, an welchen Teilen was geändert werden muß. Dazu gibt es dann so ein Formular, in das er einträt: Arm links -2cm, Arm rechts -1cm, Schulter +2cm, usw.
De facto ist es aber meist ein ähnliches Ergebnis, als brächte ich einen vernünftig sitzenden Anzug zum Änderungsschneider.
Häufig tun Maßkonfektionäre auch so, als seien sie Maßschneider. Da wird eben von einem „Maßanzug” gesprochen, der für 300 Taler über die Ladentheke geht, wobei man weiß, daß für unter 1000 Euro echte Maßarbeit gar nicht rentabel funktioniert, wenn man die Arbeit nicht nach Indien oder Thailand outsourct.
Ein Maßanzug hingegen wird quasi an Ihrem Körper erstellt. Der Schneider vermißt Sie, bevor er auch nur beginnt, den Stoff zu schneiden (bei der Maßkonfektion wird immer von einem vorher hergestellten Teil, also Sakko, Hose, Weste, ausgegangen, an dem dann geändert wird.
Die erste Anprobe beim Maßschneider ist auch entsprechend unspektakulär, weil er Ihnen nur einzelne Stoffteile um den Körper legt. Und auch nicht vom echten Stoff, sondern erstmal quasi als Gerippe. Dann wird er Ihnen bei der nächsten Anprobe die einzelnen Teile von Sakko und Hose anlegen. Also die Ärmel. Zwei einzelne Hosenbeine. Uswusf.
Sie brauchen mindestens drei, eher vier Anproben, bevor der Anzug fertig ist, werden dafür aber mit einem Anzug belohnt, der bei keiner Bewegung verrutschen kann. Ob Sie dann stehen oder sitzen, der Kragen wird niemals den Hemdkragen „fressen”. Das Hemd wird nie unter dem Ärmel verschwinden, aber es wird auch die Umschlagmanschette nie komplett aus dem Arm herausragen.
Da es nur noch wenige, dafür aber hochpreisige Maßschneider gibt, werden Sie auch für den jeweiligen Anlaß den perfekten Stoff haben. Bei Maßkonfektion kann es Ihnen passieren, wirklich übles Zeuchs zu erhalten (Dolzer).
2. April, 2009 at 19:39
Ich möchte Ihnen ein neues Buch empfehlen, welches im Spiegel (S. 72) geradezu hymnisch gelobt und dessen Rezension ebenda mit einem Foto von Cary Grant garniert wird: „Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher“ von Ruth Sprenger, Böhlau Verlag, Wien, 244 Seiten, 35 Euro.
Nach der Lektüre des kleinen Textes hätte ich nicht übel Lust, mich in die Hände von Maßschneidern zu begeben, verdammt.
3. April, 2009 at 18:10
… und ich wollte eigentlich zur Maßschneiderei. Hab ich jetzt auch abgehakt. Damn. (Bzw.: Danke)
5. April, 2009 at 20:22
Das wird der Liebste wohl demnächst machen. Der regt sich immer mehr über seine gekauften Anzüge auf.
6. April, 2009 at 09:39
Ramses, ich kann Ihnen nur den Herrn Kresse ans Herz legen. Der macht Ihnen einen richtig guten Anzug. Maß. Da wird zwar nicht so ein Bohei ums Vermessen etc. gemacht, aber der Kerl kann Ihnen einen perfekten Anzug aus gutem Stoff (allerdings unbekannterer Marken) für 850 bis 1000 Euro zaubern. Meines Erachtens ein sehr vernünftiger Kompromiss.
„Mein” Schneider.