Mai 2009
Monatsarchiv
27. Mai, 2009
Posted by germanpsycho under
Politik,
Technik [55] Comments

Bilogie: 6! Bebilderung des Hits: Da stehtn Pferd aufm Flur
Eine interessante Twitterdiskussion ist da im Gange: Soll man den Twitteraccount der NPD-Fraktion nun blockieren oder nicht?
Was genau ist denn da los, mag sich der Nicht-Twitterer fragen? Es ist eigentlich ganz einfach. Twitter hat eine Funktion eingebaut, die vor allem gegen unerwünschte Werbung helfen soll. Ein Benutzer kann andere Profile blockieren. Der Blockierte kann somit keine Nachrichten mehr an den Blockierer verschicken, außerdem kann er ihm nicht mehr die „Follow”-Funktion benutzen.
Der Clou an der Sache: Wenn genügend „Blocks” zusammenkommen, wird der Twitter-Account gelöscht. Daher auch die Idee, daß möglichst viele Twitterer die NPD blockieren mögen, um dafür zu sorgen, daß die erforderliche Anzahl an Klicks zusammenkommt und die NPD zumindest nicht mehr unter ihrem Namen ihre Nachrichten in die Welt hinausjagen kann.
Einige Twitterer sagen nun, es gehöre sich nicht, gegen „Zensursula” zu protestieren, dann aber im Twitter zu fordern, die NPD zu blockieren. Andere sagen, das brächte ja eh nichts, weil die NPD dadurch ja nicht verschwände, sondern lediglich dieser Twitter-Name gesperrt würde. Und wiederum andere empfinden es als sinnvoller, die NPD anhand ihrer Tweets vorzuführen, sie lächerlich zu machen.
Nach kurzer Diskussion fällt mir auf, daß der 140-Zeichen-Dienst einfach nicht geeignet ist, über so ein Thema zu schreiben. Daher dieser Blogeintrag.
1. Der Zensurvorwurf
Keinem Gegner des Gesetzesentwurfs zur Sperrung von Kinderpornoseiten geht es darum, daß generell eine Zensur kinderpornographischer Inhalte falsch wäre. Im Gegenteil, viele sind sogar sehr dafür, wenn solcherlei Schweinereien eben nicht zur allgemeinen Belustigung verfügbar wären. Die Meinungsfreiheit ist eben auch nur ein Teil des allgemeinen Begriffs Freiheit. Und grenzenlose Freiheit aller Individuen hieße Anarchie, Selbstjustiz, das Recht des Stärkeren, keinerlei Schutz für Minderheiten und Schutzbedürftige.
Es ist also mehr als naiv, wenn jemand im Namen der Meinungsfreiheit für die NPD eintritt, die stets deutlich macht, was sie von unserem demokratischen und freien System hält. Es ist aber fast schon bösartig, wenn das (unwirksame und rechtsstaatlich höchst bedenkliche) staatliche Sperren von Websites verglichen wird mit dem Blockieren eines Twitter-Accounts durch Privatpersonen. Denn natürlich hat jeder einzelne Mensch das Recht, für sich zu entscheiden, mit wem er sprechen oder nicht sprechen will, und was er gedanklich so sehr ablehnt, daß er darüber gar nichts lesen möchte. Das ist Meinungsfreiheit!
Daß nun Twitter als Dienst Inhalte sperrt, wenn genügend einzelne Personen der Meinung sind, die Ergüsse der NPD seien nicht lesenswert, dann ist das ebenfalls mit Zensur nicht zu vergleichen: Twitter ist keine staatliche Behörde, hat kein Monopol auf die Meinungsfindung im Internet und ist weder moralisch noch juristisch verpflichtet, der NPD eine kostenfreie Plattform zur Werbung zu bieten.
2. Die NPD ist ja noch da, aber unter anderem Namen (Vorwurf der Unwirksamkeit):
Natürlich können sich Nazis auch unter anderem Namen anmelden und weiterhin Hasstiraden verbreiten. Aber: Die zentrale Anlaufstelle für Interessierte oder Verführbare ist erstmal weg. Es wird also länger dauern, bis sich ein brauner Twitterer so etablieren kann, daß er automatisch von rechtsextremistisch eingestellten Menschen gefunden wird. Und wenn derjenige so etabliert ist, kann man ihn wiederum auch zu blockieren versuchen.
Unwirksam ist es also keinesfalls, wenn Accounts mit den Namen extremistischer Parteien massenhaft blockiert werden.
3. Die NPD entlarv sich doch selbst / Ich möchte die gerne vorführen
Diese Diskussion ist viel älter als das Web2.0. Oder das Web überhaupt. Diese Frage dreht sich darum, ob es sinnvoller ist, sich mit radikalen Meinungen im politischen Diskurs auseinanderzusetzen, oder ob es Dinge wie Parteiverbote geben solle, um die Demokratie zu schützen.
Eines muß man als Freund der Meinungsfreiheit immer bedenken: Parteien wie die NPD halten sich nicht an Spielregeln. Ihr Ziel ist es, unser System zu unterwandern. Wenn dazu das Prinzip der Meinungsfreiheit dienlich ist, dann werden sie es benutzen. Allerdings sollten wir nicht den Fehler begehen, daran zu glauben, daß die Freiheit auch für NPD-Anhänger ein wichtiges Gut ist. Es ist nur solange wichtig, wie es ihren Zielen nützt. Anschließend wäre sie die erste, die abgeschafft würde.
Eine Demokratie hat das Problem, das sie stets auf einen Konsens ausgerichtet sein muß, dabei aber möglichst viele unterschiedliche Meinungen unter einen Hut zu bringen hat. Das nutzen Parteien am links- und rechtsextremen Flügel gerne aus. Das haben sie in der Weimarer Republik eindrucksvoll unter Beweis gestellt, als sie gemeinsam – trotz teilweise äußerst konträrer Ziele – solange gegen die demokratischen Parteien stimmten, daß diese keine sinnvollen Beschlüsse mehr fassen konnten.
Viele Menschen glaubten damals, daß man extreme Parteien wie die NSDAP nur mal in die Regierungsverantwortung lassen müsse, dann entlarvten sie sich selbst. Diese Einschätzung war offensichtlich falsch. Genauso falsch wie der Glaube, man selbst könne deren Sichtweisen öffentlich so lächerlich machen, daß die Partei keine neuen Anhänger gewinnt.
Ein Blockieren der NPD ist also weder undemokratisch, unwirksam oder unsinnig: Es ist eigentlich nur: notwendig.
Das Zebra im Bild steht übrigens nur da, weil es etwas über Schwarz-Weiß-Sichtweisen aussagen soll. Ich weiß aber nicht mehr was.
20. Mai, 2009

schon wieder ohne Krawatte??
„Bei uns geht es immer ganz locker zu, jeder kann so kommen, wie er will,” sagt der zukünftige Chef beim Einstellungsgespräch, und glaubt, damit beim Bewerber Punkte gesammelt zu haben. Doch der reagiert reserviert. Er scheint sich gar nicht so unwohl zu fühlen in seinem beigefarbenen Sommeranzug mit weissem Hemd und rot/weiß-gestreifter Krawatte. Das Überlegenheitsgefühl des Chefs schwindet, obwohl er sich doch heute extra seinen Lieblingskapuzenpulli herausgesucht hat, um dem Bewerber zu demonstrieren, daß er Boss es keinesfalls nötig hat, sich für einen Bittsteller gut anzuziehen.
Der Gesprächspartner hakt nach. „Sagen Sie, ist der Stil, den Sie heute tragen, verbindlich für das Unternehmen?“ -„Aber nein,” poltert der mittlerweile ehemals zukünftige Chef, „bei uns kommt jeder so, wie es ihm paßt. Sie können die Krawatte ruhig weglassen.” „Und wenn ich das nicht möchte?” -„Nun,” murmelt der Arbeitgeber, „das sähe schon irgendwie komisch aus.”
„Also ist es nicht so, daß sich jeder so kleiden kann, wie er will, sondern nur dann, wenn er nicht allzu elegant auftritt?” -„So kann man das ja nicht sagen, wir halten eben nichts von unnötigem Uniformismus, von dieser zwanghaften Schlipstragerei wie in den Banken.”
„Darf ich denn in Frauenkleidung kommen?” -„Wie bitte?”
„Also halten wir fest: Sie sind gegen Uniformen, verbieten aber Anzüge und Frauenkleidung (bei Männern). Jeder darf so zur Arbeit erscheinen, wie er will, solange das in Jeans und Pulli, Jeans und Hemd oder Jeans und T-Shirt ist?” -„Also, nur T-Shirt? Das ist vielleicht, naja, wenn kein Kundentermin ist…”
„Finden Sie mich hässlich angezogen?” -„Nein, der Anzug steht Ihnen ganz ausgezeichnet.”
„Aber ich darf ihn in der Firma nicht tragen, obwohl Sie mir zustimmen, daß ich darin gut aussehe?” -„Das wirkt dann auf die anderen Kollegen immer so…”
„Auf mich wirken Menschen im Kapuzenpulli aber nicht automatisch kompetent. Und wenn ich mir sowas anzöge, sähe ich verkleidet aus. Außerdem fühle ich mich darin nicht wohl.”
Als der Bewerber durch den Augang der Marketingabteilung geht, findet er sich in der Schalterhalle wieder, wo hinter dicken Panzerglasscheiben Menschen, die sich im Anzug offensichtlich unwohl fühlen, viele Menschen in möglichst kurzer Zeit abfertigen, indem sie ihnen unverständliche Fonds aufschwatzen.
Er beschließt, seinen kreativen Kopf doch lieber woanders einzusetzen.
18. Mai, 2009

Neuer Firmenwagen?
Das Einkaufszentrum war noch nie besonders schön, aber mit den Baumaßnahmen, die überall durchgeführt werden, gewinnt es eine ganz besondere Note. Die Parkhausanlage, die anzeigt, ob noch verfügbare Plätze vorhanden sind, scheint ziemlich überfordert zu sein. Zig Autos fahren kreuz und quer durch die Hallen, alle auf der Suche nach einem Wegfahrer. Kurz vor mir sehe ich, wie jemand in seinen Wagen steigt. Wenn ich jetzt anhalte, staut sich hinter mir der Verkehr, also fahre ich an dem Auto vorbei, quetsche mich ganz rechts an den Fahrbahnrand und warte. Warte darauf, daß der Wagen hinter mir an mir vorbeifährt, damit es kein völliges Chaos gibt. Ich setze den Blinker, um anzuzeigen, daß ich diese entstehende Parklücke tatsächlich gerne benutzen möchte. Doch der Wagen hinter mir bleibt stehen, blinkt ebenfalls. Und parkt tatsächlich ein. Ich steige aus, frage höflich die Dame mittleren Alters, die am Steuer des Ford Kombis sitzt, ob das nun ihr Ernst sei. Und dann plappern zwei aufgeschreckte Frauen und ein Mädchen hektisch auf mich ein, daß derjenige, der zuerst den Blinker setze, den Anspruch auf den Parkplatz habe.
Ich versuche gar nicht erst, ihnen den Unterschied zwischen Recht und Anstand zu erklären, hole die Chromaxt hinter meinem Rücken hervor und spalte den ständig auf- und zuklappenden Unterkiefer sauber vom Rest des Kopfes ab. Die beiden anderen Frauen fangen dafür umso lauter an zu kreischen. Ich flüstere ihnen zu, daß sie jetzt besser den Mund hielten, weil sie mich von der Arbeit abhielten, aber das scheint sie auch nicht zu interessieren.
Meine Schwester reicht mir die Schlagbohrmaschine, die ich eigens mit einem leistungsstarken Akku versehen habe, und ich beginne mit der Heimwerkertätigkeit. Eine halbe Stunde später bin ich fertig. Und stolz auf mein Werk: Mutter, Tochter und Großmutter liegen übereinandergestapelt im Fond, die Händer der Mutter umklammern (wie festgenagelt) aber weiterhin das Lenkrad. Die Tochter guckt aus dem hinteren Fenster heraus, obwohl ihr Oberkörper der Windschutzscheibe zugeneigt scheint. Die Großmutter hält ihr Herz in beiden Händen, die sie wiederum auf die Brust gepresst hat. Mit einzelnen Bohrlöchern steht auf ihrer Stirn geschrieben: „Mein Herz, mein Herz!”, was den Ermittlern einen kleinen Tip auf die Todesursache geben soll.
Kurz überlege ich mir, ob ich den Wagen noch aus der Parklücke entfernen soll, stelle aber fest, daß es einen viel besseren Platz direkt neben der Eingangstür gibt. Dann gehen wir Shoppen. Ich brauche dringend einen neuen Anzug.
12. Mai, 2009
Posted by germanpsycho under
Beraterleben [10] Comments

Der Regen plätschert lustlos an die dreckigen Büroscheiben. Ich sitze meinem Kollegen J. gegenüber, der, den Kopf auf beide Hände gestützt, irgendeinen Film auf seinem Rechner zu betrachten scheint. Meine Beine liegen locker auf der Schreibtischkante, mein Blick schweift von der ehemals weißen Wand links von mir zur mittlerweile bräunlich vergilbten Wand rechts von mir. Unterhaltung funktioniert nicht, zu sehr ist J. damit beschäftigt, sein MacBookPro anzustarren. Wenn er antwortet, dann kurz und sinnleer. So in etwa, als spräche er mit einem Kunden.
Wir sitzen eigentlich auch nur aus reiner Routine in diesem Büro. Es gibt kein Telefon, keinen Internetzugang und keine Ablenkung. Nicht einmal die Maschine in der erbärmlich kleinen Kaffeeküche funktioniert. Es gibt auch keine Sekretärinnen oder Empfangsdamen, mit denen ich einen kleinen Plausch führen kann. Nur den Mitarbeiter und mich. Und mindestens einer davon hat gerade keine Lust auf Kommunikation.
Also öffne ich behutsam das Fenster, um ihn in seiner Konzentration nicht zu stören, entzünde mir meine letzte Gauloises und wedele den Rauch zum Fenster hinaus, gerade so, als könne ich damit seinen Passivraucherlungenkrebs verhindern. Er guckt mich nur müde an, in seinen Augen blitzt es kurz auf, ganz so, als wolle er sich doch noch einen Ruck geben und mich zumindest auf mein inakzetables Verhalten hinweisen, aber dann verdunkeln sich seine Augen wieder, er schiebt die Ray-Ban hinunter auf die Nase und starrt wieder auf den Monitor. Aus den billig wirkenden Kopfhörern kann ich Geräusche hören, die darauf hindeuten, daß er einen Actionfilm sieht.
Ich gucke aus dem Fenster, den Rauchschwaden hinterher, finde in der Schublade des Schreibtisches eine Flasche Scotch, kippe das Wasser, das mir J. hingestellt hatte, aus dem Fenster, höre unten einen überraschten Ausruf, kippe das Glas randvoll mit Whiskey und stürze ihn hinunter.
„Zeit, Feierabend zu machen,” höre ich mich sagen, verabrede mich mit einem Freund von der Polizei auf einen Cocktail, rücke die Jim-Thompson-Krawatte zurecht und gehe vor die Tür. Auf dem Weg nach draußen kommen mir Versicherungsvertreter und Rechtsanwälte entgegen, also genau die Spezies Mensch, die man an einem Dienstagabend einfach nicht ertragen kann. Grußlos gehe ich die Treppen hinab, suche in der Tiefgarage verzweifelt meinen Mietwagen und fahre los. Ich habe noch Zeit, also fahre ich ziellos durch die Gegend.
Und verirre mich im Westend.
11. Mai, 2009

Ich muß etwas beichten. Etwas, das mich gerade als Blogger zu einer Minderheit macht. Nein, ich fange nicht schon wieder mit Politik an.
Ich war nie ein Trekkie.
OK, als Kind habe ich natürlich William Shatner dabei zugesehen, wie er 48 Minuten lang den Bauch einzog. 48, weil ich damals die Serie im deutschen Fernsehen guckte. Ich habe dann natürlich auch ab und an mal so einen der Star-Trek-Kinofilme gesehen. Aber so richtig umgehauen hat es mich nie. Mit Picard und Konsorten konnte ich überhaupt nichts anfangen, Janeway gefiel mir, weil ich immer schon ein Faible für MILFs hatte, aber an die Serie erinnere ich mich auch kaum noch.
Dann kam „Der Erste Kontakt”. Endlich mal ein Film nach meinem Geschmack. Leicht unheimliche Atmosphäre, nicht zu viele Anspielungen, die ich eh nicht verstanden hätte, und trotz Picard ein insgesamt äußerst erträglicher Film.
Als mich dann vor ein paar Tagen Guest68 anfunkte, daß ich ja bestimmt voll der Fan sei, und daß es absolut erforderlich sein, uns den aktuellen Film anzugucken, war ich skeptisch. Ich hatte unheimlich schlechte Erinnerungen an „den Aufstand”, und zwar so miese, daß ich ihn noch nicht einmal hier verlinken möchte.
Und jetzt kommt der 11. Film, einfach nur „Star Trek” genannt. So, wie Whitney Houstons erstes Album einfach nur Whitney hieß, und 4 Nummer-1-Hits enthielt. Und dieser Film ist der Hammer. Ich glaube, es ist nicht nur ein ganz großer Wurf für Kenner der Serie, sondern eben auch für all diejenigen, die mit Star Trek bisher nicht viel am Hut hatten. Gut, es gibt viele Anspielungen auf so ziemlich alle Serien, aber letztlich führt die Unkenntnis über die Hintergrundgeschichte nicht dazu, den Film nicht zu verstehen.
Anspielungen sind allerdings schon ein Hauptthema des Films. Ich erinnere mich jedenfalls an keinen Star-Trek-Film, der Sherlock Holmes zitierte. Und vor allem erinnere ich mich an keinen, bei dem die Besetzung derartig geglückt ist: Gut, Uhura sah in der Serie natürlich deutlich sexyer aus, weil sie nicht so dürr war, aber Simon-fucking-Pegg als Scotty? Das ist ja fast so, als spielte John Cleese in einem James-Bond-Stück den Q!
Die Effekte sind großartig, die handelnden Personen interessant, und vor allem sieht man endlich mal die Enterprise aus vollen Rohren schießen. Über den Soundtrack gibt es erstaunlich wenig zu sagen, er ist perfekt, was ich daran merke, daß ich mich nicht an die einzelnen Stücke erinnere.
Und eine Sache, die mich immer schon am Star-Trek-Universum störte, ist nun auch behoben: Es wird kein überdeutlicher moralischer Zeigefinger mehr erhoben. Das macht den Film auch für Zyniker sehenswert, wie mir Guest68 glaubhaft versicherte.