
Der Regen plätschert lustlos an die dreckigen Büroscheiben. Ich sitze meinem Kollegen J. gegenüber, der, den Kopf auf beide Hände gestützt, irgendeinen Film auf seinem Rechner zu betrachten scheint. Meine Beine liegen locker auf der Schreibtischkante, mein Blick schweift von der ehemals weißen Wand links von mir zur mittlerweile bräunlich vergilbten Wand rechts von mir. Unterhaltung funktioniert nicht, zu sehr ist J. damit beschäftigt, sein MacBookPro anzustarren. Wenn er antwortet, dann kurz und sinnleer. So in etwa, als spräche er mit einem Kunden.
Wir sitzen eigentlich auch nur aus reiner Routine in diesem Büro. Es gibt kein Telefon, keinen Internetzugang und keine Ablenkung. Nicht einmal die Maschine in der erbärmlich kleinen Kaffeeküche funktioniert. Es gibt auch keine Sekretärinnen oder Empfangsdamen, mit denen ich einen kleinen Plausch führen kann. Nur den Mitarbeiter und mich. Und mindestens einer davon hat gerade keine Lust auf Kommunikation.
Also öffne ich behutsam das Fenster, um ihn in seiner Konzentration nicht zu stören, entzünde mir meine letzte Gauloises und wedele den Rauch zum Fenster hinaus, gerade so, als könne ich damit seinen Passivraucherlungenkrebs verhindern. Er guckt mich nur müde an, in seinen Augen blitzt es kurz auf, ganz so, als wolle er sich doch noch einen Ruck geben und mich zumindest auf mein inakzetables Verhalten hinweisen, aber dann verdunkeln sich seine Augen wieder, er schiebt die Ray-Ban hinunter auf die Nase und starrt wieder auf den Monitor. Aus den billig wirkenden Kopfhörern kann ich Geräusche hören, die darauf hindeuten, daß er einen Actionfilm sieht.
Ich gucke aus dem Fenster, den Rauchschwaden hinterher, finde in der Schublade des Schreibtisches eine Flasche Scotch, kippe das Wasser, das mir J. hingestellt hatte, aus dem Fenster, höre unten einen überraschten Ausruf, kippe das Glas randvoll mit Whiskey und stürze ihn hinunter.
„Zeit, Feierabend zu machen,” höre ich mich sagen, verabrede mich mit einem Freund von der Polizei auf einen Cocktail, rücke die Jim-Thompson-Krawatte zurecht und gehe vor die Tür. Auf dem Weg nach draußen kommen mir Versicherungsvertreter und Rechtsanwälte entgegen, also genau die Spezies Mensch, die man an einem Dienstagabend einfach nicht ertragen kann. Grußlos gehe ich die Treppen hinab, suche in der Tiefgarage verzweifelt meinen Mietwagen und fahre los. Ich habe noch Zeit, also fahre ich ziellos durch die Gegend.
Und verirre mich im Westend.
12. Mai, 2009 at 23:28
Klasse geschrieben!
Die Stimmung war schon in den späten Neunzigern so – nur übertüncht mit täglich gekünsteltem und geheucheltem Wachstumsfieber.
13. Mai, 2009 at 05:59
Stimme ich zu. Also, dem Schreibstil jetzt. Für Stimmungserfahrungen war ich den 90ern zu jung – mit 10 hat man einfach andere Sachen im Kopf.
Aber das Bild aus Wikipedia finde ich auch immer wieder klasse!
13. Mai, 2009 at 09:02
Bitte sagen Sie mir, dass der Scotch nicht aus dem Supermarkt stammt …
13. Mai, 2009 at 09:39
Immer gut, Freunde bei der Polizei zu haben. Vielleicht interessant für Sie ist auch diese interessante Einkaufsliste:
http://www.express.de/nachrichten/news/vermischtes/die-schaurige-einkaufsliste-des-frauen-schlaechters_artikel_1241870269137.html
13. Mai, 2009 at 16:46
Was ist denn an Scotch aus dem Supermarkt verkehrt? Ich kenne mich in Whiskey-Angelegenheiten kaum aus, aber was die Wodka-Auswahl angeht, bin ich mit einem Viking Fjord oder Finlandia durchaus zufrieden …
Ist Johnnie Walker denn so verkehrt?
Das soll jetzt kein Angriff sein, ich frage nur interessehalber und bin um Aufklärung sehr dankbar :)
13. Mai, 2009 at 17:05
Ich sollte das wohl nicht verraten, aber der part mit der whiskey-flasche war frei erfunden. Aber in der phantasie war es j&b. Höherwertig paßt einfach nicht zum ambiente.
13. Mai, 2009 at 17:09
Twitterleser wußten hier wie immer mehr ;)
13. Mai, 2009 at 20:07
Twitter, WordPress und die Realität (also zumindest jene einer größeren Gruppe) sind so extrem getrennte Welten, das ihre Verknüpfung zu viele Ernüchterungen hervorbringen würde.
13. Mai, 2009 at 21:26
Wie, am Ende sind Sie gar kein Zyniker? ;-)
14. Mai, 2009 at 12:06
interessant…