Mainhatten

Der Regen plätschert lustlos an die dreckigen Büroscheiben. Ich sitze meinem Kollegen J. gegenüber, der, den Kopf auf beide Hände gestützt, irgendeinen Film auf seinem Rechner zu betrachten scheint. Meine Beine liegen locker auf der Schreibtischkante, mein Blick schweift von der ehemals weißen Wand links von mir zur mittlerweile bräunlich vergilbten Wand rechts von mir. Unterhaltung funktioniert nicht, zu sehr ist J. damit beschäftigt, sein MacBookPro anzustarren. Wenn er antwortet, dann kurz und sinnleer. So in etwa, als spräche er mit einem Kunden.

Wir sitzen eigentlich auch nur aus reiner Routine in diesem Büro. Es gibt kein Telefon, keinen Internetzugang und keine Ablenkung. Nicht einmal die Maschine in der erbärmlich kleinen Kaffeeküche funktioniert. Es gibt auch keine Sekretärinnen oder Empfangsdamen, mit denen ich einen kleinen Plausch führen kann. Nur den Mitarbeiter und mich. Und mindestens einer davon hat gerade keine Lust auf Kommunikation.

Also öffne ich behutsam das Fenster, um ihn in seiner Konzentration nicht zu stören, entzünde mir meine letzte Gauloises und wedele den Rauch zum Fenster hinaus, gerade so, als könne ich damit seinen Passivraucherlungenkrebs verhindern. Er guckt mich nur müde an, in seinen Augen blitzt es kurz auf, ganz so, als wolle er sich doch noch einen Ruck geben und mich zumindest auf mein inakzetables Verhalten hinweisen, aber dann verdunkeln sich seine Augen wieder, er schiebt die Ray-Ban hinunter auf die Nase und starrt wieder auf den Monitor. Aus den billig wirkenden Kopfhörern kann ich Geräusche hören, die darauf hindeuten, daß er einen Actionfilm sieht.

Ich gucke aus dem Fenster, den Rauchschwaden hinterher, finde in der Schublade des Schreibtisches eine Flasche Scotch, kippe das Wasser, das mir J. hingestellt hatte, aus dem Fenster, höre unten einen überraschten Ausruf, kippe das Glas randvoll mit Whiskey und stürze ihn hinunter.

„Zeit, Feierabend zu machen,” höre ich mich sagen, verabrede mich mit einem Freund von der Polizei auf einen Cocktail, rücke die Jim-Thompson-Krawatte zurecht und gehe vor die Tür. Auf dem Weg nach draußen kommen mir Versicherungsvertreter und Rechtsanwälte entgegen, also genau die Spezies Mensch, die man an einem Dienstagabend einfach nicht ertragen kann. Grußlos gehe ich die Treppen hinab, suche in der Tiefgarage verzweifelt meinen Mietwagen und fahre los. Ich habe noch Zeit, also fahre ich ziellos durch die Gegend.

Und verirre mich im Westend.