schon wieder ohne Krawatte??

schon wieder ohne Krawatte??

„Bei uns geht es immer ganz locker zu, jeder kann so kommen, wie er will,” sagt der zukünftige Chef beim Einstellungsgespräch, und glaubt, damit beim Bewerber Punkte gesammelt zu haben. Doch der reagiert reserviert. Er scheint sich gar nicht so unwohl zu fühlen in seinem beigefarbenen Sommeranzug mit weissem Hemd und rot/weiß-gestreifter Krawatte. Das Überlegenheitsgefühl des Chefs schwindet, obwohl er sich doch heute extra seinen Lieblingskapuzenpulli herausgesucht hat, um dem Bewerber zu demonstrieren, daß er Boss es keinesfalls nötig hat, sich für einen Bittsteller gut anzuziehen.

Der Gesprächspartner hakt nach. „Sagen Sie, ist der Stil, den Sie heute tragen, verbindlich für das Unternehmen?” -„Aber nein,” poltert der mittlerweile ehemals zukünftige Chef, „bei uns kommt jeder so, wie es ihm paßt. Sie können die Krawatte ruhig weglassen.” „Und wenn ich das nicht möchte?” -„Nun,” murmelt der Arbeitgeber, „das sähe schon irgendwie komisch aus.”

„Also ist es nicht so, daß sich jeder so kleiden kann, wie er will, sondern nur dann, wenn er nicht allzu elegant auftritt?” -„So kann man das ja nicht sagen, wir halten eben nichts von unnötigem Uniformismus, von dieser zwanghaften Schlipstragerei wie in den Banken.”
„Darf ich denn in Frauenkleidung kommen?” -„Wie bitte?”
„Also halten wir fest: Sie sind gegen Uniformen, verbieten aber Anzüge und Frauenkleidung (bei Männern). Jeder darf so zur Arbeit erscheinen, wie er will, solange das in Jeans und Pulli, Jeans und Hemd oder Jeans und T-Shirt ist?” -„Also, nur T-Shirt? Das ist vielleicht, naja, wenn kein Kundentermin ist…”
„Finden Sie mich hässlich angezogen?” -„Nein, der Anzug steht Ihnen ganz ausgezeichnet.”
„Aber ich darf ihn in der Firma nicht tragen, obwohl Sie mir zustimmen, daß ich darin gut aussehe?” -„Das wirkt dann auf die anderen Kollegen immer so…”
„Auf mich wirken Menschen im Kapuzenpulli aber nicht automatisch kompetent. Und wenn ich mir sowas anzöge, sähe ich verkleidet aus. Außerdem fühle ich mich darin nicht wohl.”

Als der Bewerber durch den Augang der Marketingabteilung geht, findet er sich in der Schalterhalle wieder, wo hinter dicken Panzerglasscheiben Menschen, die sich im Anzug offensichtlich unwohl fühlen, viele Menschen in möglichst kurzer Zeit abfertigen, indem sie ihnen unverständliche Fonds aufschwatzen.

Er beschließt, seinen kreativen Kopf doch lieber woanders einzusetzen.