Juni 2009


Teil eines Düsseldorfer Bestsellers: Das Fahrtziel Köln wird gar nicht angezeigt.

Teil eines Düsseldorfer Bestsellers: Das Fahrtziel Köln wird gar nicht angezeigt.

Wie schreibt man einen Bestseller?
Nun, das ist viel einfacher, als man denkt. Das Prinzip ist seit Jahren bekannt, viele Autoren halten sich daran. Zunächst wählt das angehende Wunderkind einen Ort aus. Das darf beispielsweise heutzutage ausschließlich Berlin sein. Im Ausnahmefall auch Hamburg, aber dann darf der Roman ausschließlich in Bergedorf (Wohnort des Ich-Erzählers), St.Pauli (inklusive Gentrifizierungsdiskussion), auf der Schanze und (ganz selten) in Blankenese (Anwesen des Antagonisten) spielen. Dabei ist es wichtig, Blankenese ausschließlich mit negativen Adjektiven zu beschreiben.

Das Wichtigste ist dann, ein Feindbild aufzubauen. Das ist in der heutigen Zeit einfach: Der Antagonist sollte Unternehmer sein. Daraus ergibt sich, solange wir in der Welt des einfachen Bestsellers bleiben, zwangsläufig eine von zwei Beschreibungen: Entweder ist der dick und stinkt nach Schweiß. Dieser Typ ist zu wählen, wenn es sich bei dem Buch um einen Kriminalroman handelt. Am Ende hat der dicke Industrielle nämlich aufgrund seiner Lobbyarbeit und seines Geldes einen Kinderpornoring vor den Augen der (korrupten) Polizei versteckt.

Wenn das Ziel aber sein soll, einen „gesellschaftskritischen” Bestsellerroman zu schreiben, dann greift man lieber zu der einzigen Alternative: Er ist sportlich und durchtrainiert, hat weiße Zähne, lockige und gleichzeitig gegelte Haare, trägt Rolex, lachsfarbene Polohemden (mit hochgestelltem Kragen) und ist stets guter Laune.

Jetzt zu den Hauptpersonen. Sie dürfen auf gar keinen Fall Geld haben! Wichtig ist es, daß der Held, ob nun ehemaliger (!) Polizeibeamter, der aufgrund seines Gewissens den Dienst im Staatsapparat nicht mehr leisten wollte, ob Studienrat ohne feste Lehranstellung, weil die Schulen zuwenig Geld haben, ob Künstler, dessen Bücher wegen ihres kapitalismuskritischen Inhaltes nicht veröffentlicht werden: Sie alle müssen am Hungertuch nagen und jeglichen Freuden, die ein normaler Student oder Leiharbeiter genießt (Urlaub, Auto, Essen) entsagen. Für einen Roman der Kategorie Gesellschaftskritik sollte übrigens unbedingt der Künstler gewählt werden, wobei es völlig unerheblich ist, ob er malt, schreibt oder experimentelle Action-Kunst betreibt.

Jetzt zum wesentlichen Handlungsstrang: Die Figuren dürfen keine über das Klischee hinausgehenden Charakterzüge aufweisen. Gerade beim Antagonisten ist es absolut notwendig, daß er stets ausbeuterisch, wichtigtuerisch und kein bißchen selbstreflektiert durch die Gegend turnt! Ein einziger Gedanke über seine soziale Verantwortung, wie sie im echten Leben gerade mittelständische Unternehmer häufig haben, kann den gesamten Bestsellergedanken zerstören. Denn die Klientel will sich nicht mit Widersprüchen, Grauzonen und Pointen herumschlagen, sondern lediglich a) bestätigt wissen, b) den Antagonisten verachten und c) auf den Helden herabblicken können („wenigstens gehts dem noch schlechter als mir”). Und die wichtigste Eigenschaft der Klientel ist nunmal:
Neid.

Und der ist bekanntlich – im Gegensatz zu Gier – nicht nur in Ordnung, sondern Ausdruck des (selbst-)gerechten Volkszorns.

Große Onkelz-Fans: Die Toten Hosen

Große Onkelz-Fans: Die Toten Hosen

Das ist mal eine gelungene Empfehlung von Apples Genius-Dienst. Klar: Wer gerne die Toten Hosen hört, der muß einfach auch die Böhsen Onkelz hören. Und umgekehrt bestimmt auch.

Komisch nur: Ich kenne kaum Fans der Hosen, die dieser Empfehlung tatsächlich folgen würden. Und umgekehrt bestimmt auch nicht.

Auch wichtig: Heilpädagogische Schulen für behinderte Kinder in Südindien

Auch wichtig: Heilpädagogische Schulen für behinderte Kinder in Südindien

Das ganze Dilemma der Linken offenbart sich in diesem Spiegel-Artikel: „Wie Eltern gute Schulen verhindern”. Es geht darin, soviel sei verraten, um eine ganz und gar verantwortungslose Gruppierung innerhalb unserer Gesellschaft. Eine Lobbyistentruppe mit bizarren und gefährlichen Motiven. Eltern.

„Wie,” so mögen Sie sich fragen, „kann man denn Eltern den Vorwurf des Lobbyismus machen?” Im Prinzip haben Sie mit dieser Frage natürlich recht. Es bedarf dazu einiger Kunstgriffe, die aber ein Linker mühelos beherrscht.

Man benötigt dazu eine Überzeugung, die sich freimacht von bürgerlichen Vorstellungen wie Faktenlage, Erkenntnissen und Zahlenmaterial. Die Überzeugung dagegen muß jeglicher Realität problemlos standhalten, egal, wie heftig sie einem ins Gesicht bläst. Die Überzeugung muß sein: Die beste Schule für unsere Kinder ist die, in der alle gleich sind. Und diese Schule ist nicht nur für die schlechten Schüler gut, sondern auch für die guten und vor allem für unsere Gesellschaft.

Wenn dann aber ein paar von diesen „Eltern” daherkommen und ihre Kinder auf andere Schulen schicken wollen, dann verdienen sie weder Verständnis, noch Mitleid, sondern nur unseren ungeteilten Hass. Denn sie stehen uns im Weg. Im Weg, der in eine bessere Zukunft führt. Ganz perfide an dieser Lobbyistentruppe ist nun, daß sie auch noch zu einem nicht unerheblichen Teil aus denselben Menschen besteht, die lauthals FÜR eine Einheitsschule eintreten. Aber das, so lehrt uns die Dialektik, ist eben auch kein Problem, solange die eigene Überzeugung nur fest genug ist.

Aber diese widerliche Terrorzelle geht ja noch einen Schritt weiter. Nicht nur, daß sie sich, wenn es um ihre Kinder geht, eigene Gedanken zu machen erlaubt, nein, sie respektiert noch nicht einmal die Obrigkeit! „Von oben gab es einhelliges Lob für Zöllners Ideen(…)” schreibt der zurecht empörte Linke, „nur die Eltern polterten.”.

Es bringt das Demokratieverständnis der Linken auf den Punkt: Etwas, das in einem basisdemokratischen Rat in nächtelanger Diskussion mit viel Tee und Canabis von vielen Studienräten ersonnen wurde, das ist etwas, zu dem notfalls das uneinsichtige Volk gerne auch gezwungen werden darf. Dieses Pack! möchte man ausrufen, was bildet es sich bloß ein, die Interessen der eigenen Kinder über das Große Ganze zu stellen?

Doch es wird noch schlimmer. Der Chefideologe der Eltern hat noch einen Pfeil im Köcher. „Berlins Eltern-Cheflobbyist heißt André Schindler, er drohte dem Senator gar: »Wir Eltern werden Wege finden, unsere Kinder aufs Gymnasium zu bringen.«”
Jetzt werden sogar schon Senatoren fast körperlich bedroht, indem man ankündigt, die Kinder zur Schule zu schicken!

Hier muß etwas getan werden. Denn wenn wir den „Eltern” weiterhin gestatten, offen zu reden, dann kommen sogar teuflische Botschaften ins Spiel:
„Als in Bayern über die Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen nur nachgedacht wurde, fragte Ingrid Ritt, Landesvorsitzende der Realschuleltern, sofort dämonisch: «Was folgt als Nächstes? Der willkürliche Austausch von Schülern zwischen den Schularten?» Gerade so, als wären Hauptschüler eine ansteckende Krankheit.” Eben! Es ist doch völlig egal, ob ein Kind nun auf eine Hauptschule geht oder nicht. Und so ansteckend ist doch eine Hauptschule gar nicht, immerhin schaffen es auch ein paar wenige Kinder von da aus auf die Realschule. Also ruhig mal ein paar intelligente Kinder in die Hauptschule stecken, quasi als Strafe dafür, daß sie als Gymnasiasten ja ansonsten vielleicht wohlhabende Manager und Heuschrecken geworden wären.

Liebe Eltern!

Ich weiß, ich sollte Ihnen dankbar sein. Und in gewisser Weise bin ich das auch. Sie tragen dazu bei, daß unser Land nicht völlig ausstirbt. Sie nehmen es auf sich, einen jungen Menschen zu einem hoffentlich produktiven Mitglied unserer Gesellschaft zu machen. Sie stehen morgens früh auf, Sie wischen dem Balg die Scheiße vom Hintern. Das ist alles äußerst lobenswert.

Aber! Wenn Sie glauben, daß ich es gutheiße oder auch nur ertrage, wenn Sie mit Ihrem Neugeborenen mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen, dann täuschen Sie sich gewaltig. Es ist nun oft schon darüber geschrieben worden, daß das Geschrei von (fremden) Babys den Streßpegel höher anschwellen läßt als ein Gefecht mit Taliban-Truppen. Es ist auch recht offensichtlich, daß Babys mit dem Druck in der Flugzeugkabine nicht gut zurechtkommen.

Wenn Sie ein Baby haben, dann heißt das nicht, daß Sie auf Urlaub verzichten müssen. Es bedeutet auch nicht, daß Sie Ihr Baby unbedingt einem Babysitter überlassen müssen, obwohl das durchaus eine Möglichkeit ist. Aber es bedeutet zumindest, auf das Flugzeug als Transportmittel zu verzichten. Wenn Sie zu den vielen Menschen gehören, die sich einen Dreck um Ihre Mitmenschen scheren, dann bringt es wohl nichts, Sie zu bitten, aus Rücksicht darauf zu verzichten. Dann ist es zwecklos, Ihnen auseinanderzusetzen, wie stark Sie Ihre Mitreisenden damit belasten. Aber tun Sie es doch verdammt noch mal Ihrem Kind zuliebe. Oder noch besser: Ihnen selbst zuliebe.

Denn das nächste Mal, wenn mich Ihr Nachwuchs 2 Stunden lang vollplärrt, während ich versuche, zu schlafen, weil Sie sich natürlich auch noch den Flug aussuchen, der jeden Tag ausgebucht ist, dann werde ich Ihnen beweisen, daß ich auch ins Flugzeug eine Chromaxt zu schmuggeln weiß.

„Nö, da brauchen wir keine Purchase Order für,” sagt der Mann im kurärmeligen und ungebügelten Hemd, bevor er sich wieder auf sein Thinkpad konzentriert. Es folgt eine kurze Unterhaltung zwischen Buchhaltern, die ich mir beim besten Willen nicht merken kann, somit auch nicht wiedergeben. Es ist in gewisser Weise schade, denn ich bin sicher, Sie hätten viel besser verstanden, warum ich nur mühsam das Loslachen verhindern konnte.

Ich gucke mir die Runde mal in Ruhe an. Da ist der Kurzarmhemdträger. Sein Bauch wölbt sich massiv unter den verschiedenfarbigen Streifen des frotteeähnlichen Stoffes hervor, und ich denke mal, er ist nicht er einzige in der Runde, der sich die Zeiten zurückwünscht, als er noch nicht dem Diktat des „business casual” unterlag. Neben ihm sitzt eine Frau, die ich erst auf den zweiten Blick als solche erkenne. Eine blaues Männerhemd, das in einem Paar olivgrüner Chinos steckt, lenkt den Blick ausschließlich auf ihren ausladenden Bauch, weniger auf die gering ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale und – zum Glück! – auch nicht auf das verhärmte, männliche Gesicht, das man wohl haben muß, wenn man mit SAP-Produkten arbeiten muß.

Ein eher jüngeres Pärchen sitzt direkt daneben. Er trägt immerhin eine blasierte Arroganz vor sich her, die ihn irgendwie sympathisch erscheinen läßt, aber vermutlich liegt das nur an seinem rosafarbenen Hemd, mit dem er einfach ordentlicher aussieht als seine Kollegen. Bis auf: Eine blonde junge Dame, ide neben ihm sitzt, ihn aber keines Blickes würdigt. Sie ist schlicht gekleidet, aber geschmackvoll: Schwarzes Oberteil mit V-Ausschnitt, phantasieanregend, aber nicht obszön, Jeans ohne Löcher, High Heels. Sie hat eine ziemlich ordinäre Art zu lachen, was mir irgendwie ja bei Frauen immer gefällt.

Ich wünsche mir einen Kollegen herbei, mit dem ich jetzt über die größten Flugzeugkatastrophen der letzten 100 Jahre philosophieren könnte. Immerhin sind wir kurz davor, wieder in einen Airbus zu steigen, was mir übrigens deutlich mehr Unbehagen verursacht, als ich jemals zugeben würde, schließlich bin ich ja abgebrühter Vielflieger.

„Wir müssen die Leiche selber rausziehen und wieder rausschaufeln”, faselt der Dicke mit norddeutschem Dialekt nun und ich muß seine blonde Kollegen anlächeln, die mit verdrehten Augen signalisiert, daß auch sie diese Art der Konversation nicht für besonders anregend hält. Bevor ich mich mit ihr unterhalten kann, werden wir gebeten, uns zum Einsteigen fertigzumachen.

Nach fünf Stunden auf dem Genfer Flughafen wurde ich wohl etwas unleidlich. Ich komme wieder zu mir, als ich gerade dabei bin, die Klappe zum Stauraum des Bombardier-Jets (!) zu schließen. Mich blicken dabei drei leere Augenpaare an, gar nicht vorwurfsvoll, eher dankbar. „Schon gut, Jungs, schon gut,” murmele ich ihnen zu, „keiner von Euch muß je wieder eine Purchase Order anlegen.”

Zombies vor Atomexplosion

Ein Kunde kommt nach Hamburg. Ich schlage ein gemeinsames Essen vor, mit anschließendem Reeperbahnbesuch. Immerhin ist der Kunde ungefähr in meinem Alter und ein ziemlich netter Kerl. Also schlagen wir uns die Mägen im Copperhouse voll, und ich muß, obwohl ich kein Freund von Buffets bin, unbedingt einen Besuch empfehlen. Allein schon wegen der chinesischen BBQ-Sauce. Und dem ganzen rohen Fleisch, das da rumliegt und darauf wartet, vom Gast auf einen Teller gepackt, einem der Grillmeister überreicht und anschließend wiederum vom Gast verspeist zu werden.

Etwas später. Wir hängen im King Calavera herum, weil das nunmal eine ganz hervorragende Kneipe ist. Beim Astra-Bestellen fällt uns ein junges Mädchen auf, das scheinbar desolat am Boden herumhängt. Ich will schon meine Hilfe anbieten, als ich bemerke, daß es nicht der Alkoholeinfluß ist, der die Dame dort am Boden hält: Um sich herum hat sie ein großes Handtuch ausgebreitet, damit sie angenehmer darauf knien kann. Um den Hals trägt sie ein Hundehalsband, der Rest der Kleidung ist knapp, figurbetont und schwarz. Um sie herum stehen gut gebaute Männer, die sie anscheinend vor eventuellen Übergriffen bewahren sollen.

Wir gucken uns das Schauspiel an, mir gefällt es, dem Kunden auch. Etwas später kommt ihre Freundin hinzu. Eine attraktive Blonde mit arrogantem Gesichtsausdruck. Zur Begrüßung tritt sie der am Boden kauernden erstmal kräftig in den Hintern, anschließend stopft sie ihr eine Handvoll Erdnußflips in den Mund. Liebe geht anscheinend in allen Spielarten durch den Magen.

Der Kunde zeigt sich beeindruckt: „Sowas gibtet bei uns in Dortmund nicht. Dafür mehr Nazis.”

Ich bin ein bißchen stolz auf meinen Kiez.

Einige Zeit später stehe ich alleine am Tresen einer Karaokebar. Eine junge Dame fängt mit mir ein Gespräch an. Sie ist nicht besonders attraktiv, aber ich bin vermutlich aufgrund des vorhin gesehenen Schauspiels durchaus nicht mehr in der Lage, nennenswerte Gegenwehr gegenüber Flirtversuchen zu leisten. Eine Stunde später sind wir bei ihr zu Hause. Den Nachhauseweg trete ich um 0800h an. Und frage mich, warum gerade die Abende, die so harmlos beginnen, immer die schlimmsten werden.

Das Bild hat übrigens ziemlich wenig mit dem Abend zu tun, aber es hat etwas Apokalyptisches.

Gnadenlose Fleischeslust

Gnadenlose Fleischeslust

„Jugendliche werden auch vom System Schule, von der Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft zu Amokläufern” schreibt die Piratenpartei. Und natürlich stimme ich der grundlegenden Aussage zu, nämlich der, daß es nicht „Killerspiele”, Fernsehkonsum oder Papas Sportgewehre sind, die Jugendliche dazu bringen, sich und andere grundlos zu töten. Das hat die Piratenpartei auch sehr schön zusammengefaßt, und ich will nicht hier noch gesondert darauf eingehen. Zumal ich es bereits schon hier tat.

Ins Auge gestochen ist mir aber der oben zitierte Absatz. Und er beschreibt etwas, das ich häufig im Netz lese, etwas, das schon fast konsensfähig zu sein scheint: Wir leben angeblich in einer sozial kalten, gnadenlosen Ellenbogengesellschaft.

Nur möchte ich mal eine Frage stellen: Wo und wann gab es denn mal einen Staat oder auch nur ein Stück Land, in dem die Menschen weniger gnadenlos waren? Wenn ich mir die Geschichte unseres Landes ansehe, dann entdecke ich kaum eine Zeit, in der die Menschen so unbeschwert leben konnten, wie wir das heute und hier tun.

Fangen wir ganz früher an: In der Steinzeit mußten sich unsere Vorgänger noch darum kümmern, nicht zu verhungern. Und nicht gefressen zu werden. Da blieb nicht viel Zeit, um auf Schwächere Rücksicht zu nehmen. Wer nicht gut genug mit Waffen umgehen konnte, nicht schnell genug war, starb. Ganz einfach. Extrem gnadenlos. Im Mittelalter führte man ständig Kriege, die beiden Oberschichten beuteten die Masse der Bevölkerung aus, wo es nur ging, und Frauen wurden gefoltert, wenn sie dem falschen Kerl die falschen Signale sendeten. Gnadenlos. Im 30jährigen Krieg zogen Söldnerheere marodierend durch Deutschland, plünderten, vergewaltigten und stahlen den letzten Rest der Ernte.

Und heute? Heute gibt es diese ganzen Probleme nicht mehr. Ein Kind, das in Deutschland aufwächst, hat Anspruch auf Schulbildung. Extreme Arbeit ist unter Strafe verboten. Mitdenken ist nicht nur erlaubt, sondern wird gefördert. Vielleicht nicht so sehr, wie man es sich im Ideal vorstellt, aber auf jeden Fall deutlich mehr als zu allen anderen Zeiten. In allen Ländern.

Ein Jugendlicher hat nicht das Problem, daß er neben der Schule dafür sorgen muß, daß er nicht verhungert. Überhaupt hat niemand mehr den Hungerstod vor Augen, weil unsere Gesellschaft so reich ist, daß sie es sich leisten kann, auch für diejenigen zu sorgen, die nichts beitragen können (aus welchen Gründen auch immer).

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Teamwork wichtig ist. In der eine der Hauptanforderungen an junge Menschen lautet: Bring Dich ins Team ein, erreiche mehr gemeinsam mit anderen Menschen, als Ihr es jeweils einzeln schaffen könntet!

Aber wir haben natürlich auch ein Ideal vor Augen. Natürlich. Denn das ist das Konzept des Menschen: Niemals mit dem Status Quo zufrieden sein. Niemals einfach nur zu sagen, daß es jetzt perfekt ist. Denn das wird es nie sein. Es ist dasselbe Prinzip, nach dem die Marktwirtschaft funktioniert. Niemals aufgeben, die Welt, sich selbst, das Unternehmen, die Umwelt verbesser zu wollen. Es ist ein Prinzip, daß so tief in uns verwurzelt ist, weil es uns überhaupt erst dazu gebracht hat, als Spezies so erfolgreich zu sein.

Dieses Ideal sieht für jeden anders aus, aber grundsätzlich wollen wir alle, daß wir den armen Menschen noch mehr helfen, die Benachteiligten noch besser schützen müssen. Und ich bin absolut der festen Überzeugung, daß wir weiterhin danach streben sollten, unsere Gesellschaft zu verbessern, bzw. Fehlentwicklungen aufzuhalten. Wie zum Beispiel die Entwicklung weg von der individuellen Freiheit der Menschen hin zu einem fürsorgenden und übermächtigen Staat, der uns vorschreibt, wie wir zu leben und zu arbeiten haben.

Aber dabei sollten wir auch unser Augenmaß behalten: Unsere Gesellschaft ist nicht „gnadenlos”. Sie ist im Gegenteil sozialer als je zuvor, risikoärmer als je zuvor und freier als je zuvor.

Vielleicht kommen einige Menschen mit dieser Freiheit und Selbstverantwortung nicht zurecht?

Kirche (im Dorf gelassen)

Kirche (im Dorf gelassen)

Gibt es eigentlich irgendetwas zwischen Klowand und Hybris? So etwas wie „Twitter ist ja ein netter Dienst, den manche Menschen sogar richtig zielführend einsetzen, aber es hat ganz klare Grenzen in der zwischenmenschlichen Kommunikation?” Oder: „Es muß nicht immer alles sinnvoll sein, was Spaß macht.”

Nein, das geht nicht. Es gibt ein „die” und ein „wir”. Und wie das bei uns Menschen nunmal so ist, muß ein vernünftiger Krieg her, damit der Konflikt ausgelöst wird. Und dieser Krieg kennt nunmal keine Grauzonen, wo kämen wir denn da auch hin? Da DARF es nunmal keinen etablierten Journalisten geben, der vernünftig über die „Generation C64” schreibt (übrigens ein guter Begriff, wie ich finde). Nein, der gehört ja zu den Feinden und muß daher ebenfalls angegriffen werden. Egal, wie abstrus die Argumentation auch ausfallen mag. Ich hatte ja früher mal etwas zu diesem ganzen Thema „ich bin etwas Besonderes” geschrieben.

Eins ist klar: Es gibt Menschen, die Angst vor Technik haben. Das war schon immer so. Und das wird auch immer so bleiben. Und nicht wenige von „uns”, die wir gerade so modern und zwo- bis dreinullig daherreden, werden auf diesem Niveau bleiben, wenn die Jugend dann schon ganz andere Spielzeuge hat. Die wir nicht mehr verstehen. Bei denen wir den Kopf schütteln und anfangen, von früher zu reden. Wie wir noch Netzblockaden organisierten. Wie wir Online-Petitionen abhielten. Aber dabei wenigstens noch Tastaturen benutzten. Oder was weiß ich.

In unserer Gesellschaft, in der Wissen und Erfahrung immer wichtiger werden, sind die meisten Entscheider alt. Jedenfalls haben sie die 50 meist überschritten. Fast immer ist das auch sehr vernünftig, denn mit steigendem Alter sinkt der Aggressionspegel, steigt die Bereitschaft zu Kompromissen, aber vor allem: hat der Mensch überhaupt erst genug Erfahrung, um – dank des hervorragend ausgeprägten und zu Unrecht verhaßten Schubladendenkens – Situationen vernünftig einschätzen zu können. Eine Gewähr für richtige Entscheidungen ist das nicht. Aber es minimiert das Risiko von Fehlern aufgrund missionarischen Eifers. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Altersstarrsinn einsetzt.

Im Falle des Mitmach-Webs ist nun der Fall eingetreten, daß die Entscheider anscheinend nicht genügend Wissen über etwas gesammelt haben, über das sie entscheiden müssen. Und sie haben eine diffuse Angst vor diesen technischen Dingen. Eine Angst, die eine Zeit lang durchaus populär war in Deutschland, und die, siehe Artikl in der Zeit, immer noch populär zu sein scheint. Diese Angst beeinflußt nun ihre Sichtweise.

Auf der anderen Seite stehen dann diejenigen, die das Internet als etwas völlig normales ansehen, weil sie mit Computern oder gar mit dem Netz selbst aufgewachsen sind. Die wiederum verstehen nicht, wie man etwas derart Simples nicht verstehen kann. Wie man ängstlich darauf reagieren kann. Und glaubt dabei, daß Unterhaltungen auf 140-Zeichen-Basis zwischen ein paar hundert Twitterern nicht das Gewicht für 0.8er Journalisten haben, das sie für die Mitwirkenden haben.

Und auf der anderen Seite? Nun, das Problem vieler junger Menschen ist ja, daß sie zu 150% von der Richtigkeit ihrer Sichtweise überzeugt sind. Selbstzweifel, das Begreifen, die eigene Meinung könnte falsch sein, Reflexion, das alles sind keine typisch jugendlichen Eigenschaften. So sind zwar nahezu 100% aller Blogschreiber und Twitter-User der Meinung, man dürfe ohne Fachwissen nicht über das Internet entscheiden, sehen es aber keineswegs als erwiesen an, daß auch Expertise bei Themen wie Wirtschaft, Grundeinkommen, Atomstrom oder Verteidigung nötig sei. Da wiederum nämlich reicht es völlig aus, eine Meinung zu haben.

Ich könnte jetzt mit wohlwollenden, mäßigenden Worten den Eintrag beschließen, aber das wäre heuchlerisch. Denn ich freue mich ja stets über solche Artikel. Ob nun Klowand oder Hybris.