
Kirche (im Dorf gelassen)
Gibt es eigentlich irgendetwas zwischen Klowand und Hybris? So etwas wie „Twitter ist ja ein netter Dienst, den manche Menschen sogar richtig zielführend einsetzen, aber es hat ganz klare Grenzen in der zwischenmenschlichen Kommunikation?” Oder: „Es muß nicht immer alles sinnvoll sein, was Spaß macht.”
Nein, das geht nicht. Es gibt ein „die” und ein „wir”. Und wie das bei uns Menschen nunmal so ist, muß ein vernünftiger Krieg her, damit der Konflikt ausgelöst wird. Und dieser Krieg kennt nunmal keine Grauzonen, wo kämen wir denn da auch hin? Da DARF es nunmal keinen etablierten Journalisten geben, der vernünftig über die „Generation C64” schreibt (übrigens ein guter Begriff, wie ich finde). Nein, der gehört ja zu den Feinden und muß daher ebenfalls angegriffen werden. Egal, wie abstrus die Argumentation auch ausfallen mag. Ich hatte ja früher mal etwas zu diesem ganzen Thema „ich bin etwas Besonderes” geschrieben.
Eins ist klar: Es gibt Menschen, die Angst vor Technik haben. Das war schon immer so. Und das wird auch immer so bleiben. Und nicht wenige von „uns”, die wir gerade so modern und zwo- bis dreinullig daherreden, werden auf diesem Niveau bleiben, wenn die Jugend dann schon ganz andere Spielzeuge hat. Die wir nicht mehr verstehen. Bei denen wir den Kopf schütteln und anfangen, von früher zu reden. Wie wir noch Netzblockaden organisierten. Wie wir Online-Petitionen abhielten. Aber dabei wenigstens noch Tastaturen benutzten. Oder was weiß ich.
In unserer Gesellschaft, in der Wissen und Erfahrung immer wichtiger werden, sind die meisten Entscheider alt. Jedenfalls haben sie die 50 meist überschritten. Fast immer ist das auch sehr vernünftig, denn mit steigendem Alter sinkt der Aggressionspegel, steigt die Bereitschaft zu Kompromissen, aber vor allem: hat der Mensch überhaupt erst genug Erfahrung, um – dank des hervorragend ausgeprägten und zu Unrecht verhaßten Schubladendenkens – Situationen vernünftig einschätzen zu können. Eine Gewähr für richtige Entscheidungen ist das nicht. Aber es minimiert das Risiko von Fehlern aufgrund missionarischen Eifers. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Altersstarrsinn einsetzt.
Im Falle des Mitmach-Webs ist nun der Fall eingetreten, daß die Entscheider anscheinend nicht genügend Wissen über etwas gesammelt haben, über das sie entscheiden müssen. Und sie haben eine diffuse Angst vor diesen technischen Dingen. Eine Angst, die eine Zeit lang durchaus populär war in Deutschland, und die, siehe Artikl in der Zeit, immer noch populär zu sein scheint. Diese Angst beeinflußt nun ihre Sichtweise.
Auf der anderen Seite stehen dann diejenigen, die das Internet als etwas völlig normales ansehen, weil sie mit Computern oder gar mit dem Netz selbst aufgewachsen sind. Die wiederum verstehen nicht, wie man etwas derart Simples nicht verstehen kann. Wie man ängstlich darauf reagieren kann. Und glaubt dabei, daß Unterhaltungen auf 140-Zeichen-Basis zwischen ein paar hundert Twitterern nicht das Gewicht für 0.8er Journalisten haben, das sie für die Mitwirkenden haben.
Und auf der anderen Seite? Nun, das Problem vieler junger Menschen ist ja, daß sie zu 150% von der Richtigkeit ihrer Sichtweise überzeugt sind. Selbstzweifel, das Begreifen, die eigene Meinung könnte falsch sein, Reflexion, das alles sind keine typisch jugendlichen Eigenschaften. So sind zwar nahezu 100% aller Blogschreiber und Twitter-User der Meinung, man dürfe ohne Fachwissen nicht über das Internet entscheiden, sehen es aber keineswegs als erwiesen an, daß auch Expertise bei Themen wie Wirtschaft, Grundeinkommen, Atomstrom oder Verteidigung nötig sei. Da wiederum nämlich reicht es völlig aus, eine Meinung zu haben.
Ich könnte jetzt mit wohlwollenden, mäßigenden Worten den Eintrag beschließen, aber das wäre heuchlerisch. Denn ich freue mich ja stets über solche Artikel. Ob nun Klowand oder Hybris.
3. Juni, 2009 at 16:10
Ist ja schön und gut, dass jetzt alle über den Begriff „Generation C64″ jubeln. Aber bei den 15-35-jährigen dürften die 25-jährigen die letzten sein, die noch mit der Kiste zu tun hatten. Meine jüngste Schwester (16, Macbook) würde den Namensgeber jedenfalls mit großen Augen anschauen und sich fragen, wovon der Opa da redet.
3. Juni, 2009 at 16:11
Mist, Tippfehler: Die 35-jährigen dürften die Untergrenze bilden.
3. Juni, 2009 at 16:14
Beim nächsten Bier erklärst du mir dann hoffentlich, was mein von dir verlinkter artikel mit twitter zu hat, ja?
3. Juni, 2009 at 16:22
In der Tat, Ramses, diesen Fehler bemängelt man mit Recht. Viel jünger als 35 dürfte die Generation C64 wirklich nicht sein; immerhin endete die glorreiche Brotkastenzeit gleichzeitig wie die DDR.
MSPro: Nur auf der Metaebene. Ich hatte dazu auch nen Kommentar geschrieben, der aber anscheinend in einer Spam-Warteschlange hängt. Letztlich ging es mir um das Feindbild, das Sie aufbauen.
Aber ein Bier zur Erklärung würd ich jederzeit ausgeben.
3. Juni, 2009 at 17:38
huch? tatsächlich. Der Kommentar war im Spam. Sorry, hab das nicht bemerkt. Sehr köstlich übrigens. Wäre schade drum gewesen. :)
3. Juni, 2009 at 17:52
hab jetzt auch drauf geantwortet.
3. Juni, 2009 at 18:34
Diese Angst vor Technik, vor Neuem, wird, wie Sie schon schrieben, immer fortlaufend sein. So wie es in der Vergangenheit schon immer gewesen ist. Im Mittelalter freies Denken (gut, in vielen Bereichen sogar heute noch nicht anerkannt), Das Telefon, Fernsehen, Anrufbeantworter, Video2000 (hier herrschte zurecht Skepsis^^), Computer, Internet …
Für meine Großeltern bspw. ist ein Anrufbeantworter nach wie vor eine Wundermaschine. Die haben früher irgendwann schleichend aufgehört, sich für neue Dinge zu interessieren. Meistens, was Technik anbelangt. Ich weiß nicht, ob das jedem von uns so einmal ergeht, dass das Interesse, die Neugier, das Verständnis für Neues irgendwann versiegt …
3. Juni, 2009 at 19:20
@Nils die Maus: Ich bin mir sicher, dass das passiert. Bei den einen früher, be den anderen später. Ich habe Freunde, die noch in den ersten Newsgroups am Start waren und schon E-Mails hatten, als Firmenhomepages noch Orchideen-Zeugs waren.
Die finden aber jetzt Blogs und Twitter zu anstrengend. Gar nichtmal zu schnell, ist einfach nicht deren Ding. Vielleicht geht es mir auch so, wenn es die Multimedia-Kontaktlinse mit GPS und Hastdunichtgesehen gibt. (Und die WIRD es geben.)
4. Juni, 2009 at 08:45
Hach ja, das Leben wird einfach immer anstrengender (vor allem ab 40), komplexer und in den Möglichkeiten der Informationsgewinnung immer fragmentierter. Ich will diesen internen zusätzlichen Datenspeicher aus Johnny Mnemonic – aber bitte ohne Nebenwirkungen. #William Gibson
4. Juni, 2009 at 10:40
Ich glaube nicht, daß es jedem einzelnen von uns so gehen wird, daß er das Interesse an neuer Technik verliert. Gegenbeispiele gibt es ja auch heute genug. Aber es wären dann eher Einzelfälle. Ich jedenfalls hoffe (und glaube), daß ich auch mit 60 noch Spaß daran habe, mich mit neuen Spielereien zu beschäftigen. Mein Vater bspw. tut das heute auch noch.
Und auf die Multimedia-Kontaktlinse warte ich auf jeden Fall jetzt schon mit Begeisterung.
4. Juni, 2009 at 13:38
Wenn wir jetzt im Tenor „irgendwann hören wir alle auf uns für den Fortschritt zu interessieren und werden konservativ“ reden gebe ich zu bedenken das der grundsätzliche Unterschied von uns „C64kiddies“ in diesem Bereich zur „Generation 50+“ doch der ist, das sich diese nie für Computertechnik interessiert haben. Die entsprechenden Entwicklungen gab es ja in derer Jugend gar nicht. Da waren es Autos, Errungenschaften in der Mechanik und was weiß ich. Also Dinge die diese Generation auch noch heute massiv beschäftigt.
Das gibt mir doch etwas Hoffnung das ich selbst, mit 60 auch noch für den Hirn-USB-Adapter 3.0 plädieren werde, weil ich immernoch so Computertechnik-verliebt bin.
Aber ich habe ehrlichgesagt auch keine Lust das bis dahin mit einer weniger Technik- und Fortschrittsfeindlichen Politik gewartet wird. Mir kommt es bei vielen Politikern und Firmenbossen (z.B. Sony Chef: „Das Internet hat bis heute nichts gutes hervorgebracht“) vor als wollten Sie mit Weidenruten die Evolution bekämpfen.
Nichts anderes sehen wir hier nämlich; ungesteuerte Entwicklung die niemand in Bahnen quetschen, und erst recht nicht aufhalten kann.
4. Juni, 2009 at 14:43
Ich glaube, man muß das mehr abstrahieren. Die Generation vorher hat vielleicht den Fernschreiber verbreitet. Und davor den Fernsprecher. Alles Dinge, die zum Internet beigetragen haben.
Vielleicht ist es in zwanzig Jahren ja etwas ganz anderes? Schauen Sie sich doch mal an, wieviele Technik-Nerds in meinem Alter (zwischen 30 und 40) schon auf Heise (!) über Smartphones meckern. Und zwar genau mit den technikfeindlichen Worten, die man selbst über Computer nie hören wollte (10 Jahre früher):
„Wer braucht denn sowas?”
„Total unnützer Schnickschnack”
„Mein Handy soll nur telefonieren und SMS-Schreiben können”
Es beginnt also schon. Bei manchen.
4. Juni, 2009 at 19:29
Was „wir“ manchmal übersehen, ist, wie „die“ die digitale (oder technische) Welt wahrnehmen. Es überrascht ja immer überraschend viele Blogger, wie wenig Leute regelmäßig Blogs lesen. Ich denke, die Leute googlen einfach und landen dann irgendwo. Ob das ein Blog ist? Wen interessierts?
Ich wette, auch dieses Blog hat Leser, die im Fragebogen ankreuzen würden, keine Blogs zu lesen, weil sie das für irgendein kryptisches Nerdzeug halten (RSS-Feed irgendjemand?).
Mir sind ja auch Dinge zu anstrengend oder ich brauche sie einfach nicht ICQ? Nie meins gewesen. Skype? Naja. Sobald ich mich in eine Technik zu sehr einarbeiten muss, lass ich sie links liegen. Es kommen andere, die besser sind. Bin ich technikfeindlich oder gar technophob oder so? Nö. Ich bin User (ergo: Faule Sau. Soll sich doch der Entwickler die Gedanken machen).
Bin gespannt auf google-wave. Das könnte mal wieder ein Klopper werden. Je nach Bedienbarkeit.
5. Juni, 2009 at 01:40
Hmpf. Es ist spät und ich habe trotzdem noch eine Meinung. Das dumme ist a) es gibt Marktplätze, an denen selbst ich selbige feilbieten kann, b) die Chance, hier vegetarisch tierisch was vom Leder zu lassen (>anonym) oder c)andere Meinungen einfach zu ignorieren und meine Aussage in den Raum zu stellen. All dieses möchte ich nicht. Ich möchte nur kundtun, dass ich es wertschätze, dass es Menschen gibt, die sich mit den Grundlagen der Demokratie, des Allgemeinwesens und des oft (fälschlich) zitierten mündigen Bürgertums befassen und diesen Werten einen Raum in ihrem Hirn lassen.
Alle weiteren Gedanken überlasse ich den Mitlesern – und bin froh.
P.S. Ich persönlich würde gerne gegen die globale Mischbatterie-Mafia vorgehen. Mein Exemplar in der Spüle z.B. verweigert einen Großteil der wesentlichen Innovationen der letzten 200 Jahre. Es gibt nur die Einstellungen eiskalt – verbrühwarm – Überflutung – Tropfen. In diesem Bereich sollte wirklich mal eine gesunde Mischung erfunden werden
8. Juni, 2009 at 10:24
OK, Schlenzalot, Sie müssen mir bitte verraten, was Sie vor dem Schreiben des Kommentars genommen haben ;-p
Aber hier können Sie auch gerne vom Leder ziehen. Wir sind hier alle Streit gewohnt. Also los. Mich interessiert nämlich die von Ihnen so geheimnisvoll angepriesene Meinung.
Ramses: Es gibt natürlich verschiedene Herangehensweisen. Technikbegeisterte Menschen nehmen auch mal in kauf, sich erst umständlich in irgendwas einarbeiten zu müssen.
Der normale Benutzer wägt Vor- und Nachteile ab. Das ist wohl der vernünftigste Weg.
Der Technophobe lehnt instinktiv erstmal alles Neue ab (siehe Kommentare bei dem Wave-Artikel in Welt-Online! Nicht auszuhalten, was für Klugscheißer da wieder allen erklären, warum das eh nix ist).
Die Frage ist nur, wohin wir uns entwickeln, wenn wir langsamer und lernresistenter werden.