
Gnadenlose Fleischeslust
„Jugendliche werden auch vom System Schule, von der Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft zu Amokläufern” schreibt die Piratenpartei. Und natürlich stimme ich der grundlegenden Aussage zu, nämlich der, daß es nicht „Killerspiele”, Fernsehkonsum oder Papas Sportgewehre sind, die Jugendliche dazu bringen, sich und andere grundlos zu töten. Das hat die Piratenpartei auch sehr schön zusammengefaßt, und ich will nicht hier noch gesondert darauf eingehen. Zumal ich es bereits schon hier tat.
Ins Auge gestochen ist mir aber der oben zitierte Absatz. Und er beschreibt etwas, das ich häufig im Netz lese, etwas, das schon fast konsensfähig zu sein scheint: Wir leben angeblich in einer sozial kalten, gnadenlosen Ellenbogengesellschaft.
Nur möchte ich mal eine Frage stellen: Wo und wann gab es denn mal einen Staat oder auch nur ein Stück Land, in dem die Menschen weniger gnadenlos waren? Wenn ich mir die Geschichte unseres Landes ansehe, dann entdecke ich kaum eine Zeit, in der die Menschen so unbeschwert leben konnten, wie wir das heute und hier tun.
Fangen wir ganz früher an: In der Steinzeit mußten sich unsere Vorgänger noch darum kümmern, nicht zu verhungern. Und nicht gefressen zu werden. Da blieb nicht viel Zeit, um auf Schwächere Rücksicht zu nehmen. Wer nicht gut genug mit Waffen umgehen konnte, nicht schnell genug war, starb. Ganz einfach. Extrem gnadenlos. Im Mittelalter führte man ständig Kriege, die beiden Oberschichten beuteten die Masse der Bevölkerung aus, wo es nur ging, und Frauen wurden gefoltert, wenn sie dem falschen Kerl die falschen Signale sendeten. Gnadenlos. Im 30jährigen Krieg zogen Söldnerheere marodierend durch Deutschland, plünderten, vergewaltigten und stahlen den letzten Rest der Ernte.
Und heute? Heute gibt es diese ganzen Probleme nicht mehr. Ein Kind, das in Deutschland aufwächst, hat Anspruch auf Schulbildung. Extreme Arbeit ist unter Strafe verboten. Mitdenken ist nicht nur erlaubt, sondern wird gefördert. Vielleicht nicht so sehr, wie man es sich im Ideal vorstellt, aber auf jeden Fall deutlich mehr als zu allen anderen Zeiten. In allen Ländern.
Ein Jugendlicher hat nicht das Problem, daß er neben der Schule dafür sorgen muß, daß er nicht verhungert. Überhaupt hat niemand mehr den Hungerstod vor Augen, weil unsere Gesellschaft so reich ist, daß sie es sich leisten kann, auch für diejenigen zu sorgen, die nichts beitragen können (aus welchen Gründen auch immer).
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Teamwork wichtig ist. In der eine der Hauptanforderungen an junge Menschen lautet: Bring Dich ins Team ein, erreiche mehr gemeinsam mit anderen Menschen, als Ihr es jeweils einzeln schaffen könntet!
Aber wir haben natürlich auch ein Ideal vor Augen. Natürlich. Denn das ist das Konzept des Menschen: Niemals mit dem Status Quo zufrieden sein. Niemals einfach nur zu sagen, daß es jetzt perfekt ist. Denn das wird es nie sein. Es ist dasselbe Prinzip, nach dem die Marktwirtschaft funktioniert. Niemals aufgeben, die Welt, sich selbst, das Unternehmen, die Umwelt verbesser zu wollen. Es ist ein Prinzip, daß so tief in uns verwurzelt ist, weil es uns überhaupt erst dazu gebracht hat, als Spezies so erfolgreich zu sein.
Dieses Ideal sieht für jeden anders aus, aber grundsätzlich wollen wir alle, daß wir den armen Menschen noch mehr helfen, die Benachteiligten noch besser schützen müssen. Und ich bin absolut der festen Überzeugung, daß wir weiterhin danach streben sollten, unsere Gesellschaft zu verbessern, bzw. Fehlentwicklungen aufzuhalten. Wie zum Beispiel die Entwicklung weg von der individuellen Freiheit der Menschen hin zu einem fürsorgenden und übermächtigen Staat, der uns vorschreibt, wie wir zu leben und zu arbeiten haben.
Aber dabei sollten wir auch unser Augenmaß behalten: Unsere Gesellschaft ist nicht „gnadenlos”. Sie ist im Gegenteil sozialer als je zuvor, risikoärmer als je zuvor und freier als je zuvor.
Vielleicht kommen einige Menschen mit dieser Freiheit und Selbstverantwortung nicht zurecht?
5. Juni, 2009 at 23:57
Ach, Herr Psycho, wenn Sie es nicht besser wüssten, müssten Sie glauben, ich lauerte nur hinter der Hecke um in Ihrem Blog wieder Contra zu geben. Wobei das diesmal relativ ist.
Relativ ist zum Beispiel die Gnadenlosigkeit. Bzw deren Ergebnis. Natürlich ist es schlimm, wenn Magd Magda als Hexe auf dem Scheiterhaufen brennen musste, weil sie dabei erwischt wurde, wie sie dem Erzbischof keinen blasen wollte und dann noch von ihm der Verzauberung bezichtigt wurde.
Aber es ist auch schlimm, wenn Jaqueline-Chantalle Kalowski aus Horn nicht zum Vorstellungstermin geladen wird, weil sie heißt, wie sie heißt und wohnt, wo sie wohnt.
Gnadenlosigkeit in Bezug zum Dreißigjährigen Krieg zu setzen, ist natürlich leicht. Aber wenn Sie mal für einen Moment sämtliche Vergleiche weglassen und sich auf den Begriff konzentrieren, werden Sie feststellen, dass es auch in unserer Gesellschaft mitunter an Gnade und ähnlichem mangel. Wobei ich ja eher das übermäßig werdende Mangeln an Empathie beklagt hätte – geht aber in die gleiche Richtung.
Wenn 15-jährige aus gutem Hause einen Obdachlosen zusammentreten, kann das ja nicht nur Gnadenlosigkeit sein (die ja mitunter sogar verständlich sein kann: Um den letzten Schluck Wasser in der Wüste würde wohl jeder gnadenlos kämpfen). Dann ist das mangelnde Empathie. Das völlige Freisein von Schuldbewusstsein.
Das Ergebnis ist das gleiche wie damals im Krieg. Nur das die besagten Kinder keine Ahnung haben, wie man einen Schwedentrunk zusammenrührt. Gnadenlos ist beides und beides kommt aus der Gesellschaft – nicht aus der Zeit.
(PS: Lustig übrigens, gerade hab ich im Blog auch einen Gedanken der Piratenpartei kommentiert und mich beim Schreiben gefühlt wie ein FDP-Wähler)
6. Juni, 2009 at 00:00
PPS: Puuuh. Für die Tippfehler beschweren Sie sich bitte bei SAmsung (Tastatur) und Astra (Sie wissen schon).
6. Juni, 2009 at 06:52
@Ramses101
SaMsUnG NC10, oder?
6. Juni, 2009 at 15:24
Tja, irgendwie ist es alles nicht so einfach. Wenn die Sekretärin bei Daimler Benz einen Einser-Schnitt im Abi haben muß und in Hamburg angeblich niemand mehr zur Friseuse (sorry: Haarstylistin) ausgebildet wird, wenn sie kein Abi hat – das ist für jemanden, der in den 70er und 80er Jahre aufgewachsen ist, schon starker Tobak.
Damals gab es noch sichere und ruhige Jobs in Hülle und Fülle mit automatischer Beförderung und Gehaltserhöhung in jedem Jahr. Kein Konkurrenzdruck, keine Panik vorm Wegrationalisiert-werden, nur weil mal wieder die Jungs von Boston Consulting vorbeigekommen sind.
Heute muß ich schon verdammt gut sein, wenn ich eine Gahaltserhöhung will und muß darauf vorbereitet sein, mir einen neuen Job zu suchen, und natürlich ist die Konkurrenz heute sehr viel größer als früher.
Die Frage ist halt: Ist das wirlich „gnadenlos“? Oder ist es einfach eine Folge der Globalisierung, bei der wir im Wohlstands-Westen eben dieses Mal nicht mehr die unangefochtenen Gewinner sind, sondern auch die Chinesen, Inder, Osteuropäer etc.?
Heute müßen wir uns halt mächtig anstrengen, damit es beruflich klappt (oder Glück haben), während es früher für jeden etwas gab. Das macht uns aber alle nicht unsozial oder zu potentiellen Massenmördern.
Allerdings läßt es schon die Gesellschaft auseinanderdriften in „Gewinner“ und „Verlierer“. Das gab es zwar auch schon immer, aber heute geht es schneller.
Von daher ist die Benutzung des Worts „gnadenlos“ einfach Quatsch und propagandistisch, sonder bezeichnet vielmehr das Problem, daß der Kuchen immer kleiner wird, die Menge der Leute die ein Stück abhaben wollen, aber größer wird.
Ja, wir leben heute freier, sozial sicherer, und risikoärmer. Allerdings auch komplexer, unvorhersehbarer, und zynischer also noch vor 20 Jahren.
P.S. Schreibfehler gehen zu Lasten meines Eee PCs.
6. Juni, 2009 at 21:52
Das Gerede von „sozialer Kälte“ läuft bei mir eh als scheinheiliges Geschwafel durch. Ich habe privat Verbindungen zu Gewerkschaftern und wenn ich deren Plaudereien aus dem Nähkästchen höre, dann kann man auf den Gedanken kommen, daß gerade diejenigen, die in der Sonntagsrede so gern die Metapher von der Ellenbogengesellschaft bemühen, am Montag höchstselbst und sehr erfolgreich den moralischen Krüppel geben. Frei nach dem Motto: Rücken sind dazu da, um einen Dolch hineinzustecken.
7. Juni, 2009 at 20:47
Herr germanpsycho, da bin ich ganz bei ihnen.
@Ramses: Die Magd, die keinen blasen wollte war dann tot. Jaqueline-Chantal-whatever nicht. Die kann sich weiterbewerben, und wird auch trotz diesem Namen irgendwann was finden. Von den ganzen Kriegen im Mittelalter etc ganz zu schweigen. Diese Grausamkeiten gleichzusetzen geht mir schon sehr gegen den Strich.
@Doc: Das mit dem Sekratärinnen-Einser-Schnitt und Abi für Lehrberufe ist heftig. Keine Frage. Aber meiner Meinung nach wird sich das irgendwann wieder von selbst regulieren, das kann auf dauer so gar nicht weitergehen. Der Crash wird schon noch kommen. Und klar trauert man „einfacheren“ Zeiten hinterher. Aber die Zeit, von der Du redest, war meiner Meinung nach die „Wirtschaftswunderausnahme“. So gut ging’s keiner Generation zuvor – und wird es auch so schnell keiner mehr gehen. Nur leider vergißt man das halt gerne, weil mans als Jugendlicher nicht anders kannte.
Toppfehler gehen auf Konto der Party gestern… ;)
7. Juni, 2009 at 20:48
…äh… Tipp..lalala…
8. Juni, 2009 at 10:19
Ich sehe die Sache so wie Chiefjudy: Es gab tatsächlich ganz kurz mal eine Zeit, in der es uns etwas besser ging (marginal, um ehrlich zu sein). Und das war eben die besondere Situation des Wirtschaftswunders (gerne auch „Turbokapitalismus” genannt ;-) )
Aber wir regen uns hier darüber auf, daß es Gewinner und Verlierer in der Gesellschaft gibt! In unserer Gesellschaft. Ich meine, da muß man doch bitte mal auf dem Teppich bleiben: Im Gegensatz zu früher geht es dem Verlierer verdammt gut. Und der Gewinner tut verdammt viel, um dem Verlierer zu helfen.
Unser soziales Gewissen ist ausgeprägter, als es jemals zuvor in einem Land ausgeprägt war.
Eines ist klar: Wir sind in unserem Land auch mehr Menschen als je zuvor. Wir werden es also nicht schaffen, die oft bemängelte Anonymität einer Großstadt wie bspw. Hamburg zurückzuführen in ein Dorfleben. Viele würden das auch gar nicht wollen: Auf dem Dorf geht es nämlich viel konservativer zu.
Doc, gerade Sie sind doch ein Paradebeispiel für die Segnungen des sich international immer weiter verflechtenden Handels: Ohne diese „Globalisierung” hätten Sie doch nie in dieser herrlichen Stadt leben können, in der Sie gerade leben.
Ramses: Natürlich stimme ich Ihnen in bezug auf Urheberrechtsgedanken zu. Ich werde dazu auch bei Ihnen gleich mal entsprechend kommentieren.
Ich frage mich nur, warum Sie immer dann, wenn es Sie persönlich betrifft, liberale (bzw. kapitalistische) Thesen vertreten? ;-)
8. Juni, 2009 at 10:38
Also, auch in den größeren Städten des Mittelalters kannte nicht jeder jeden – maximal der Familienname einer wohlhabenden Familie dürfte einer größeren Menschenmenge bekannt gewesen sein. Damals gab es nämlich deutlich weniger Kommunikationsmittel als heute – hört, hört. Man lebte häufig sogar sehr isoliert und Häuser wurden bei Sonnenuntergang abgeschottet. Aber das nur am Rande.
Bewegt sich heute wirklich alles viel schneller, ist alles viel größeren Umfangs oder liegt es „nur“ daran, dass wir Informationen über fast alles an jedem Ort und zu jeder Zeit erhalten können? Wer wusste denn früher schon was über das, was außerhalb der eigenen Mauern passierte? Heute erfahren wir viel schneller, zahlreicher und umfassender über die Tragödien und Glücksfälle dieser Welt – auch das steigert die gefühlte Zahl der Gewinner und Verlierer …
8. Juni, 2009 at 11:06
Achja, damit haben Sie auch wieder recht: Selbst die Anonymität der Großstädte ist gar nicht so neu.
Ich glaube, wir suchen uns einfach Probleme, weil wir in einer unglaublich problemlosen und damit für einige langweiligen Zeit leben.
Ich hingegen finde es großartig, zum jetzigen Zeitpunkt auf der Welt zu sein…
8. Juni, 2009 at 20:23
@chiefjudy: Ich habe eigentlich gesagt, dass beides eben NICHT gleichzusetzen ist, weil wir von verschiedenen Zeiten reden. Gnadenlos 1 ungleich Gnadenlos 2.
Ein Konkurrenzkampf dürfte Ihrer Logik nach (die der Kritik ja zugrunde liegen muss, sonst wäre sie unsinnig) nicht „gnadenlos“ sein können, weil ja der Dreißigjährige Krieg gnadenlos war und der steht ja nun in keinem Verhältnis zum Konkurrenzkampf.
Das halte ich für falsch und nichts anderes habe ich gesagt.
8. Juni, 2009 at 20:27
dieser eindruck ergibt sich zwangsläufig aus dem hohen freiheitsgrad unserer gesellschaft.
je weniger die menschen zu befürchten haben, desto weniger sind sie aufeinander angewiesen. eine solche gesellschaft wird dann als „kalt“ empfunden.
es gibt dann keine „leidensgenossenschaft“, man sie beispielsweise aus diktaturen kennt. je widriger die umstände, desto mehr zusammengehörigkeitsgefühl entsteht.
dabei übersieht man gerne, dass die mitglieder der kuscheligen dorfgemeinschaft im neandertal zwar keine ellebogen im dorfleben einsetzen mussten (die häuptlingswahl mal ausgenommen), dafür aber mit keulen und äxten auf die nachbarsgemeinde losgingen.
in der heutigen zeit hat sich dieser archaische gesellschaftsgedanke nur noch im berufsleben gehalten, wo sich viele kleine und ein paar große dörfer um kunden prügeln, nur halt ohne keulen und äxte.
die dorfgemeinschaft eines start-ups beispielsweise ist begeistert von dem wir-gegen-den-rest-der-welt gemeinschaftsgefühl, das unternehmen wird als „warm“ und spannend empfunden.
obwohl – bis auf wenige – die belegschaft krass ausgebeutet wird. trotzdem sind alle mehr oder weniger happy.
arbeitet man beim marktführer, wird das betriebsklima tendenziell als „kalt“ empfunden. da es keine ernst zu nehmende konkurrenz gibt, sinkt auch der bedarf an innerbetrieblicher solidarität.
tadaa!
(diese theorie wurde inspiriert von http://www.infea.at – institut für erfolgs-architektur)
9. Juni, 2009 at 07:59
Ich halte das für äußerst durchdacht, was Sie da schreiben. Kälte als Ausdruck der Freiheit; das paßt auch ganz gut zu der grassierenden Ostalgie, in der sich die Menschen ein diktatorisches und menschenverachtendes System zurückwünschen, weil sie damals untereinander mehr Wärme spürten. Interessant.
Übrigens soll das beim Marktführer für Betriebssysteme ja anders sein, wie mir einer von deren Mitarbeitern gerade versicherte. Aber ich glaube, die würden komisch gucken, wenn ich im Bewerbungsgespräch auf MacOS bestünde.
9. Juni, 2009 at 15:22
morgen unbedingt die FAZ kaufen!! ;-)
Der Philosoph Peter Sloterdijk fordert in einem Essay ein radikales Umdenken: „Wir leben gegenwärtig keineswegs ,im Kapitalismus’, sondern in einem massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus.“ Sloterdijk legt die Irrtümer der klassischen Kapitalismus-Kritik bloß und erklärt, wie es überhaupt zu der Parole „Eigentum ist Diebstahl“ kommen konnte. Aus der Analyse linker Denkfehler kommt er zu einer Betrachtung unserer Wirtschafts- und Finanzkrise: Der Steuerstaat sei heute der große Nehmer, der zum antifiskalischen Bürgerkrieg reize. Wir brauchen eine Umwälzung, die zeige, „dass in dem ewigen Widerstreit zwischen Gier und Stolz zuweilen auch der letztere die Oberhand gewinnen kann“. – Lesen Sie morgen im Feuilleton der Printausgabe der F.A.Z. Peter Sloterdijks großen Essay in der Reihe „Die Zukunft des Kapitalismus“.
9. Juni, 2009 at 21:50
@Ramses: Dann habe ich sie wohl in dieser Hinsicht falsch verstanden. Sorry.
Der Gedanke, daß man sich heute künstliche Probleme schafft, weil man irgendwas zum „Lösen“ braucht, und es sonst langweilig werden würde, der ist mir auch schon gekommen. Desöfteren. Und ich kenne Menschen – je besser es denen geht, desto mehr jammern sie und suchen förmlich nach „Zipperlein“ und Problemen.
Ach ja, die Ostalgie. Das wäre allerdings eine plausible Erklärung für dieses Phänomen, das ich eigentlich so gar nicht verstehe…
11. Juni, 2009 at 10:02
Guten Morgen Herr G.Psycho,
vor knapp einer Woche hatte ich das verfasst, was sie hier schreiben, ich hatte Ihnen auch ein schnelle Antwort versprochen aber die Europawahl hat sich mit Macht dazwischen gedrängt. Sorry dafür.
Von der Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft spreche ich und Sie sagen, „Unsere Gesellschaft ist nicht „gnadenlos”. Sie ist im Gegenteil sozialer als je zuvor, risikoärmer als je zuvor und freier als je zuvor.“ … um die konträren Meinungen nochmal vorzustellen.
Ob eine Gesellschaft in der Vergangenheit schon einmal gnadenloser war, als sie es heute ist, möchte ich nicht thematisieren aber folgendes:
Die Gnade einer Gesellschaft, eines Systems, zu hinterfragen, wird im Zeitalter von Überwachung und Kontrolle, von entmenschlichter Automatismen die das System Deutschland steuern*, immer dringender und notwendiger.
* Das ist überspitzt und überzogen, soll aber veranschaulichen, wo ich glaube, dass unsere Gesellschaft hinwandert.
Ich werde auch in Zukunft immer wieder diese Behauptung aufstellen, dass unsere Gesellschaft immer Gnadenloser wird, ganz gleich ob sie das wird oder nicht, denn wenn ich als Lügner entlarvt werde, dann soll mir das recht sein und wenn daraus Politiker das Ziel ableiten, mich als Lügner entlarven zu wollen, um so besser.
Schöne Grüße
insideX
11. Juni, 2009 at 10:48
Woran machen Sie denn fest, daß wir in einer gnadenlosen Gesellschaft leben? Ich erlebe keine Gnadenlosigkeit. Ich stelle fest, daß die Reichen von ihrem Reichtum mehr abgeben, als jemals zuvor in der Geschichte.
Ich stimme Ihnen zu, daß die Umverteilung nicht so funktioniert, wie sie sollte, das also bei den Bedürftigen im Verhältnis zu dem, was die Arbeitenden an Steuern abführen, zu wenig erhalten. Aber das ist keine Folge allgemeiner Gnadenlosigkeit, sondern lediglich vom inkompetenten Staatsapparat.
Mehr jedenfalls wurde noch nie in der Geschichte für Minderheiten und Arme getan. Und es ist mehr als erstaunlich, daß wir uns teilweise 60% unseres selbstverdienten Geldes wegnehmen lassen, ohne deswegen auf die Straße zu gehen. Wir tun dies, weil wir eben ein soziales Gewissen haben. Wir wissen, daß wir, wenn es uns gut geht, die Verpflichtung haben, denen zu helfen, denen es nicht so gut geht.
In der Schule wird der Leistungsdruck immer weiter heruntergefahren. Man fördert alle Schüler, die Schwierigkeiten haben, individuell, damit sie aufschließen können.
In dieser Situation von Gnadenlosigkeit zu sprechen, empfinde ich als ungerecht. Oder mal gefragt: Wie soll denn unsere Gesellschaft weniger gnadenlos werden?
12. Juni, 2009 at 11:02
uff nachdem ich mich durch die kommentare geackert hab, hab ich vergessen was ich zum eigentlichen artikel kommentieren wollte.
in der theorie bin ich persönlich verfechter des survival of the fittest. auch in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen belangen. das ist ein ziemlich hartes gesetz und angewendet würde es bedeuten, dass ich keinen mann abbekommen würde und mein genetisch verkorkstes erbgut nicht weiter geben könnte. aber so biologisch wollte ich das hier gar nicht angehen.
aber nur mal theoretisch gesehen ist das prinzip von angebot und nachfrage doch etwas tolles. ja es ist in gewisser weise gnadenlos, aber es steht die frage im raum ob das nicht auch im wesen des menschen liegt? der kommunismus oder sozialismus als gegenpol zur ellenbogengesellschaft hat ja scheinbar nicht sonderlich gut funktioniert. was also machen? ich habe einen job zu vergeben und stelle ansprüche. solange es jemanden gibt, der mir diese ansprüche erfüllt, habe ich doch keinen grund sie niedriger anzusetzen. sei es ein gewisser stundenlohn oder ein einser abi. erst wenn ich keinen finde, der zu meinen gehaltsvorstellungen arbeitet muss ich meine ansprüche ändern. das problem ist, dass ,auch im rahmen der globalisierung, einfach so ziemlich jedes angebot angenommen werden muss. ich gehe für 5 euro sie stunde arbeiten, einfach weil ich nichts besser bezahltes finde. das finde ich nicht toll, aber so what. wie wollen wir dieses prinzip ändern? staatliche eingriffe? mindestlöhne? wer entscheidet am ende darüber? politiker, gewerkschaften, unternehmen. wer sagt mir, dass dort ein qualitativ gutes und wirtschaftliches ergebnis rauskommt? wer versichert mir, dass nicht jeder seinen eigenen vorteil heraus schindet und faule kompromisse eingeht? keiner. genau.
jetzt rede ich mich in rage und bin ich gedanken schon bei opel. da wollte ich gar nicht hin.
ich will nicht bestreiten, dass man in unserer gesellschaft durchaus vom rand fallen kann. aber man kann auch wieder aufstehen und es wird einem aufgeholfen. natürlich kann ein hartz IV empfänger nicht im sommer an die ostsee fahren oder jeden sonntag lachs aufs brötchen legen. aber er muss auch nicht unter der brücke schlafen, betteln oder verhungern. seine kinder können eine schule besuchen und wenn sie das wollen abi machen und studieren. dazu gehört allerdings auch der wille zur selbstbestimmung.
12. Juni, 2009 at 11:21
Ich finde den Begriff Globalisierung ja schon doof. Ich meine, mal ehrlich: Wir die Welt nun runder? Aber gut, er soll ja aussagen, daß die wirtschaftlichen Verflechtungen der Welt immer enger werden.
Diese Globalisierung führt natürlich dazu, daß wir uns vermehrt der Konkurrenz aus Billiglohnländern stellen müssen.
Das ist übrigens auch die beste Form der Entwicklungshilfe, die man sich vorstellen kann. Die ärmeren Länder profitieren von unseren hohen Lohnkosten, nehmen uns damit einen Teil des Kuchens weg, werden selbst erfolgreicher, dadurch steigen die Lohnkosten, weswegen sie selbst wiederum unter Druck geraten. Siehe Indien, das auf einem recht guten Weg ist. Eigentlich sind sowieso viele asiatische Staaten in der Richtung erfolgreich. Und die osteuropäischen.
14. Juni, 2009 at 11:56
Das ist genau das, womit die Globalisierungsgegner Schwierigkeiten haben, das zu realisieren. Sie tönen laut, daß sie keine Turnschuhe kaufen wollen, die von Arbeitern in China zu ‘Ausbeuterlöhnen’ von $ 2/Stunde in einer 12h-Schicht gefertigt wurden. Daß die Alternative für die Arbeiter in einem 16h-Arbeitstag auf dem Feld zu 40 Cent pro Stunde besteht, nehmen sie genausowenig zur Kenntnis wie die viel niedrigeren Lebenshaltungskosten. Ich verweise da immer gern auf Paul Krugman, der das in verschiedenen Büchern sehr gut erklärt hat (und der nun wahrlich kein Anhänger von marktradikalen Wirtschaftstheorien ist).