Gnadenlose Fleischeslust

Gnadenlose Fleischeslust

„Jugendliche werden auch vom System Schule, von der Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft zu Amokläufern” schreibt die Piratenpartei. Und natürlich stimme ich der grundlegenden Aussage zu, nämlich der, daß es nicht „Killerspiele”, Fernsehkonsum oder Papas Sportgewehre sind, die Jugendliche dazu bringen, sich und andere grundlos zu töten. Das hat die Piratenpartei auch sehr schön zusammengefaßt, und ich will nicht hier noch gesondert darauf eingehen. Zumal ich es bereits schon hier tat.

Ins Auge gestochen ist mir aber der oben zitierte Absatz. Und er beschreibt etwas, das ich häufig im Netz lese, etwas, das schon fast konsensfähig zu sein scheint: Wir leben angeblich in einer sozial kalten, gnadenlosen Ellenbogengesellschaft.

Nur möchte ich mal eine Frage stellen: Wo und wann gab es denn mal einen Staat oder auch nur ein Stück Land, in dem die Menschen weniger gnadenlos waren? Wenn ich mir die Geschichte unseres Landes ansehe, dann entdecke ich kaum eine Zeit, in der die Menschen so unbeschwert leben konnten, wie wir das heute und hier tun.

Fangen wir ganz früher an: In der Steinzeit mußten sich unsere Vorgänger noch darum kümmern, nicht zu verhungern. Und nicht gefressen zu werden. Da blieb nicht viel Zeit, um auf Schwächere Rücksicht zu nehmen. Wer nicht gut genug mit Waffen umgehen konnte, nicht schnell genug war, starb. Ganz einfach. Extrem gnadenlos. Im Mittelalter führte man ständig Kriege, die beiden Oberschichten beuteten die Masse der Bevölkerung aus, wo es nur ging, und Frauen wurden gefoltert, wenn sie dem falschen Kerl die falschen Signale sendeten. Gnadenlos. Im 30jährigen Krieg zogen Söldnerheere marodierend durch Deutschland, plünderten, vergewaltigten und stahlen den letzten Rest der Ernte.

Und heute? Heute gibt es diese ganzen Probleme nicht mehr. Ein Kind, das in Deutschland aufwächst, hat Anspruch auf Schulbildung. Extreme Arbeit ist unter Strafe verboten. Mitdenken ist nicht nur erlaubt, sondern wird gefördert. Vielleicht nicht so sehr, wie man es sich im Ideal vorstellt, aber auf jeden Fall deutlich mehr als zu allen anderen Zeiten. In allen Ländern.

Ein Jugendlicher hat nicht das Problem, daß er neben der Schule dafür sorgen muß, daß er nicht verhungert. Überhaupt hat niemand mehr den Hungerstod vor Augen, weil unsere Gesellschaft so reich ist, daß sie es sich leisten kann, auch für diejenigen zu sorgen, die nichts beitragen können (aus welchen Gründen auch immer).

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Teamwork wichtig ist. In der eine der Hauptanforderungen an junge Menschen lautet: Bring Dich ins Team ein, erreiche mehr gemeinsam mit anderen Menschen, als Ihr es jeweils einzeln schaffen könntet!

Aber wir haben natürlich auch ein Ideal vor Augen. Natürlich. Denn das ist das Konzept des Menschen: Niemals mit dem Status Quo zufrieden sein. Niemals einfach nur zu sagen, daß es jetzt perfekt ist. Denn das wird es nie sein. Es ist dasselbe Prinzip, nach dem die Marktwirtschaft funktioniert. Niemals aufgeben, die Welt, sich selbst, das Unternehmen, die Umwelt verbesser zu wollen. Es ist ein Prinzip, daß so tief in uns verwurzelt ist, weil es uns überhaupt erst dazu gebracht hat, als Spezies so erfolgreich zu sein.

Dieses Ideal sieht für jeden anders aus, aber grundsätzlich wollen wir alle, daß wir den armen Menschen noch mehr helfen, die Benachteiligten noch besser schützen müssen. Und ich bin absolut der festen Überzeugung, daß wir weiterhin danach streben sollten, unsere Gesellschaft zu verbessern, bzw. Fehlentwicklungen aufzuhalten. Wie zum Beispiel die Entwicklung weg von der individuellen Freiheit der Menschen hin zu einem fürsorgenden und übermächtigen Staat, der uns vorschreibt, wie wir zu leben und zu arbeiten haben.

Aber dabei sollten wir auch unser Augenmaß behalten: Unsere Gesellschaft ist nicht „gnadenlos”. Sie ist im Gegenteil sozialer als je zuvor, risikoärmer als je zuvor und freier als je zuvor.

Vielleicht kommen einige Menschen mit dieser Freiheit und Selbstverantwortung nicht zurecht?