
Ein Kunde kommt nach Hamburg. Ich schlage ein gemeinsames Essen vor, mit anschließendem Reeperbahnbesuch. Immerhin ist der Kunde ungefähr in meinem Alter und ein ziemlich netter Kerl. Also schlagen wir uns die Mägen im Copperhouse voll, und ich muß, obwohl ich kein Freund von Buffets bin, unbedingt einen Besuch empfehlen. Allein schon wegen der chinesischen BBQ-Sauce. Und dem ganzen rohen Fleisch, das da rumliegt und darauf wartet, vom Gast auf einen Teller gepackt, einem der Grillmeister überreicht und anschließend wiederum vom Gast verspeist zu werden.
Etwas später. Wir hängen im King Calavera herum, weil das nunmal eine ganz hervorragende Kneipe ist. Beim Astra-Bestellen fällt uns ein junges Mädchen auf, das scheinbar desolat am Boden herumhängt. Ich will schon meine Hilfe anbieten, als ich bemerke, daß es nicht der Alkoholeinfluß ist, der die Dame dort am Boden hält: Um sich herum hat sie ein großes Handtuch ausgebreitet, damit sie angenehmer darauf knien kann. Um den Hals trägt sie ein Hundehalsband, der Rest der Kleidung ist knapp, figurbetont und schwarz. Um sie herum stehen gut gebaute Männer, die sie anscheinend vor eventuellen Übergriffen bewahren sollen.
Wir gucken uns das Schauspiel an, mir gefällt es, dem Kunden auch. Etwas später kommt ihre Freundin hinzu. Eine attraktive Blonde mit arrogantem Gesichtsausdruck. Zur Begrüßung tritt sie der am Boden kauernden erstmal kräftig in den Hintern, anschließend stopft sie ihr eine Handvoll Erdnußflips in den Mund. Liebe geht anscheinend in allen Spielarten durch den Magen.
Der Kunde zeigt sich beeindruckt: „Sowas gibtet bei uns in Dortmund nicht. Dafür mehr Nazis.”
Ich bin ein bißchen stolz auf meinen Kiez.
Einige Zeit später stehe ich alleine am Tresen einer Karaokebar. Eine junge Dame fängt mit mir ein Gespräch an. Sie ist nicht besonders attraktiv, aber ich bin vermutlich aufgrund des vorhin gesehenen Schauspiels durchaus nicht mehr in der Lage, nennenswerte Gegenwehr gegenüber Flirtversuchen zu leisten. Eine Stunde später sind wir bei ihr zu Hause. Den Nachhauseweg trete ich um 0800h an. Und frage mich, warum gerade die Abende, die so harmlos beginnen, immer die schlimmsten werden.
Das Bild hat übrigens ziemlich wenig mit dem Abend zu tun, aber es hat etwas Apokalyptisches.
8. Juni, 2009 at 15:21
Stimmt, dat gibtet hier nich. Wir haben aber auch keine Ritze, weit und breit keine Susis Showbar.
Noch spannender find ich ja den zweiten Teil des Abends. Unattraktiv und dann aus erschöpfter Kraft zur Gegenwehr mitgegangen? Die arme Dame …
8. Juni, 2009 at 15:25
Ich kann Ihnen versichern: Der erste Teil des Abends war spannender… wie Sie ja schon vermuteten.
8. Juni, 2009 at 17:19
Was ist denn aus dem Gast aus Dortmund geworden? Ich hoffe, der ist soweit wohlauf, da Sie ihn in der zweiten Hälfte des Abends nicht mehr eines Wortes würdigen …?
8. Juni, 2009 at 18:30
Der Dortmunder is wohl schon vorher abgebogen Richtung Borsigplatz.
Ich bin ja ganz wenig Emanze, aber sowas auch emotional Unspannendes hat doch ein ziemliches Gschmäckle. Wenn sich das Gegenüber denkt „ich mag dich nicht, aber ich … dich“, das ist doch irgendwie … irgendwie … zumindest ziemlich unromantisch. Und auch ohne romantisch sollte es doch zumindest aufregend sein. Oder wenigstens anregend? Vielleicht bin ich da auch einfach altmodisch.
8. Juni, 2009 at 20:00
Ohne dem Herrn Psycho vorweggreifen zu wollen, aber zwischen „nicht besonders attraktiv“ und „die mag ich nicht“ besteht schon noch ein kleiner Unterschied.
8. Juni, 2009 at 21:23
es ist für beide seiten: das prickeln des zuschauens
8. Juni, 2009 at 23:52
Wenn es das war, was ich vermute, daß es war (mit der Dame am Boden und den Kerlen außenrum)…dann ist das aber schon ‘ne „Hardcore“-Bar. Oder?
Also, ich hätte ja gerne das Fleisch und den Grillmeister genommen… gegessen, mein ich.
;-)
9. Juni, 2009 at 00:02
Mir ist der zweite Teil zu detailarm. Sie könnten natürlich jetzt sagen, ich solle meine Fantasie spielen lassen, doch gegen Ihre verblasst meine regelmäßig.
9. Juni, 2009 at 07:56
spritkopf: Sie haben den Nagel auf den Kopf und so. Ich meine, das geht doch jedem mal so, oder? Wenn man gerade in der Laune ist, dann reicht auch ein mäßig attraktives Gegenüber aus.
Sie: Ich glaube allerdings schon, daß das Prickeln auf ihrer Seite stärker war. Jedenfalls, wenn man die Färbung ihrer Gesichtshaut richtig deutet. Man = ich.
Chiefjudy: Nö, der Laden ist eigentlich eine Punk-Rock-Kneipe. Darin bestand wohl auch der Kick für das Pärchen. In einen Hardcore-Laden nehme ich üblicherweise keine Kunden mit. Auch wenn ich verrückt bin.
Matt: Weitere Details zu diesem Abend wird es aber hier nicht geben. Tut mir leid. Dazu müssen Sie sich schon herablassen, mich persönlich zu treffen. Bspw. diesen Donnerstag. Am üblichen Ort.