
Teil eines Düsseldorfer Bestsellers: Das Fahrtziel Köln wird gar nicht angezeigt.
Wie schreibt man einen Bestseller?
Nun, das ist viel einfacher, als man denkt. Das Prinzip ist seit Jahren bekannt, viele Autoren halten sich daran. Zunächst wählt das angehende Wunderkind einen Ort aus. Das darf beispielsweise heutzutage ausschließlich Berlin sein. Im Ausnahmefall auch Hamburg, aber dann darf der Roman ausschließlich in Bergedorf (Wohnort des Ich-Erzählers), St.Pauli (inklusive Gentrifizierungsdiskussion), auf der Schanze und (ganz selten) in Blankenese (Anwesen des Antagonisten) spielen. Dabei ist es wichtig, Blankenese ausschließlich mit negativen Adjektiven zu beschreiben.
Das Wichtigste ist dann, ein Feindbild aufzubauen. Das ist in der heutigen Zeit einfach: Der Antagonist sollte Unternehmer sein. Daraus ergibt sich, solange wir in der Welt des einfachen Bestsellers bleiben, zwangsläufig eine von zwei Beschreibungen: Entweder ist der dick und stinkt nach Schweiß. Dieser Typ ist zu wählen, wenn es sich bei dem Buch um einen Kriminalroman handelt. Am Ende hat der dicke Industrielle nämlich aufgrund seiner Lobbyarbeit und seines Geldes einen Kinderpornoring vor den Augen der (korrupten) Polizei versteckt.
Wenn das Ziel aber sein soll, einen „gesellschaftskritischen” Bestsellerroman zu schreiben, dann greift man lieber zu der einzigen Alternative: Er ist sportlich und durchtrainiert, hat weiße Zähne, lockige und gleichzeitig gegelte Haare, trägt Rolex, lachsfarbene Polohemden (mit hochgestelltem Kragen) und ist stets guter Laune.
Jetzt zu den Hauptpersonen. Sie dürfen auf gar keinen Fall Geld haben! Wichtig ist es, daß der Held, ob nun ehemaliger (!) Polizeibeamter, der aufgrund seines Gewissens den Dienst im Staatsapparat nicht mehr leisten wollte, ob Studienrat ohne feste Lehranstellung, weil die Schulen zuwenig Geld haben, ob Künstler, dessen Bücher wegen ihres kapitalismuskritischen Inhaltes nicht veröffentlicht werden: Sie alle müssen am Hungertuch nagen und jeglichen Freuden, die ein normaler Student oder Leiharbeiter genießt (Urlaub, Auto, Essen) entsagen. Für einen Roman der Kategorie Gesellschaftskritik sollte übrigens unbedingt der Künstler gewählt werden, wobei es völlig unerheblich ist, ob er malt, schreibt oder experimentelle Action-Kunst betreibt.
Jetzt zum wesentlichen Handlungsstrang: Die Figuren dürfen keine über das Klischee hinausgehenden Charakterzüge aufweisen. Gerade beim Antagonisten ist es absolut notwendig, daß er stets ausbeuterisch, wichtigtuerisch und kein bißchen selbstreflektiert durch die Gegend turnt! Ein einziger Gedanke über seine soziale Verantwortung, wie sie im echten Leben gerade mittelständische Unternehmer häufig haben, kann den gesamten Bestsellergedanken zerstören. Denn die Klientel will sich nicht mit Widersprüchen, Grauzonen und Pointen herumschlagen, sondern lediglich a) bestätigt wissen, b) den Antagonisten verachten und c) auf den Helden herabblicken können („wenigstens gehts dem noch schlechter als mir”). Und die wichtigste Eigenschaft der Klientel ist nunmal:
Neid.
Und der ist bekanntlich – im Gegensatz zu Gier – nicht nur in Ordnung, sondern Ausdruck des (selbst-)gerechten Volkszorns.
29. Juni, 2009 at 14:16
Der Autor ist halt Spiegel-Redakteur, da lernt man das Bedienen von Zielgruppen. Und daß die in ausreichender (sprich, potentiell den Geldbeutel öffnender) Größe vorhanden ist, zeigt ein Blick in die Foren von SPON, in denen genau diese Gut-Böse-Welt vielhundertfach in den ansonsten leeren Köpfen der Mitdiskutanten zu existieren scheint – Diskussionsthema übrigens beliebig.
Und hier noch ein bißchen mehr Haas – inclusive eines Plädoyers gegen den Bösewicht aus der Klischeekiste. ;)
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,631265,00.html
29. Juni, 2009 at 14:21
P.S.: Der Plot klingt sehr danach, als hätte Haas ihn beim „Vollidiot“ von Tommy Jaud abgekupfert.
29. Juni, 2009 at 14:26
Schön, ja das ist ungefähr das Rezept zum derzeitigen Bestseller-Gebräu, eigentlich die gleichen Elemente wie beim erfolgreichen Frauenroman, nur darf komischerweise der Protagonist nicht weiblich sein damit es jeden interessiert.
Außerdem werden die in Frauenromanen oft anzutreffenden, Menschenverachtend beschriebenen „Sex-Szenen-aus-Robotersicht“ (alá „Er rackerte sich auf mir ab während ich die Einkaufsliste für Mittwoch zusammenstellte“) die in einem Frauenroman ausschließlich die verwegene Coolheit und Unabhängigkeit der Protagonistin veranschaulichen sollen, zu Urinal-gesprächen in der Lieblingskneipe umgemünzt, und shoppen geht Mann nicht, er hat keine hobbys außer welt verstehen und trotz leerer taschen Mercedes zu fahren.
Tja, was wollen wir mehr?
PS: Sie waren in Köln? Falls Sie mal durch einen unglücklichen Zufall in den „Badlands“ zwischen Frankfurt und besagter Stadt landen, es gibt da eine Hugenotten-Hochburg namens Koblenz. (Die Ihr Navi wohl auch nicht kennt, eine schande.)
29. Juni, 2009 at 14:33
Oh ja richtig, den Frauenroman habe ich gänzlich und sträflich vernachlässigt.
Merke: Weibliche Protagonisten dürfen über Männer beim Sex lästern, umgekehrt allerdings nie (Chauvinismus).
Ebenso ist es natürlich ausschließlich beim Unternehmer erlaubt, Witze über körperliche Gebrechen zu machen (Penisgröße), niemals aber darf ein Arbeiter nach Schweiß riechen.
Sonst wirds nix mit dem Bestseller.
Koblenz: Ne, da scheint Audi ebenfalls eine Aversion gegen zu haben.
Und die Sache mit Tommy Jaud: Stimmt. Der Vollidiot war aber, trotz seiner offensichtlichen Schwächen im Schreibstil, immerhin unterhaltsam.
29. Juni, 2009 at 19:34
Ich vermisse ein wenig in Ihrer Erläuterung das gebeutelte Kind. Das Kind, welches unschuldig, nach einem krummen Ding, in die Machenschaften des fiesen, dicken Blankenesers gerät …
29. Juni, 2009 at 19:57
„Lach“farben war aber jetzt ein echter Freud’scher Verschreiber (und das, obwohl Freud längst widerlegt ist)!
29. Juni, 2009 at 20:03
Ein Arbeiter, der NICHT nach Schweiß riecht, gehört übrigens gefeuert.
29. Juni, 2009 at 20:05
Verdammt. Irgendwann werde ich mir doch noch angewöhnen, wenigstens EINMAL einen Blogeintrag korrekturzulesen. Danke, Mann.
Feuern? Einfach so? Mann, Matt, wo bleibt Ihr Mitgefühl der arbeitenden Klasse gegenüber? ;-)
29. Juni, 2009 at 21:36
Muss ich verlegt haben. Ah, da ist es ja – war hinter die Marx-Engels-Werksausgabe gerutscht.
29. Juni, 2009 at 22:38
@Matt: Freud wurde komplett widerlegt? Na, da bin ich doch sehr gespannt, wie diese Beweisführung von Ihnen ausfällt…
Freuds methodischer Ansatz der Psychoanalyse und die Bewertung des „Ich“ wird ganz im Gegenteil selbst von gestandenen Hirnforschern nicht aberkannt.
29. Juni, 2009 at 22:42
Und ich werde doch noch der bessere Marxist von uns beiden, lieber Matt ;-)
30. Juni, 2009 at 09:07
Danke für den morgenlichen Lacher – hab mich köstlich amüsiert beim Lesen :)
30. Juni, 2009 at 23:46
joshuatree, was hat den Freud mit der Hirnforschung zu tun …? Die klassische Psychoanalyse gilt so weit ich weiß als veraltet. Heute kommt dir keiner mehr mit Ödipus, wenn du auf der Couch liegst. Wahrscheinlich steht da nicht mal mehr eine Couch.
GP, wenn Sie anfangen, mich links zu überholen, muss ich hochschalten. Am besten demnächst persönlich bei einem vollprolligen Bier.
30. Juni, 2009 at 23:47
… bei einem „proletarischen“ Bier natürlich. Wo bin ich bloß mit meinen Gedanken?
1. Juli, 2009 at 00:11
Matt: Sie arbeiten mit längst überarbeiteten Bildern und Plakaten. Das, was immer noch Bestand hat, darf ich vergleichsweise in dieser Zusammenfassung des Freud-Bashings erwähnen:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitreisen/496486/
Dort können Sie auch viel darüber lesen, was die Hirnforschung überhaupt motivierte, aktiv zu werden.
1. Juli, 2009 at 15:58
Als eher hirnloser Mensch vermag ich Ihrem vortrefflichen Kolloquium nicht zu folgen.
Aber ich kann immerhin die für mich als Arbeiter der Faus wesentlichen Informationen herausziehen: Wir trinken demnächst wieder einen?
1. Juli, 2009 at 23:59
Meinen’s den joshuatree oder meine Wenigkeit …? Wenn mich, dann Folgendes: heute Abend um 21 Uhr mit dem Franken und Flaschenbier unter Palmen. Verständlich?
6. Juli, 2009 at 23:14
Bin des Öfteren wieder in FFM – falls ich gemeint sein sollte. Leider habe ich keine Fremdbudgets für HH momentan.
7. Juli, 2009 at 04:39
Das ist doch immer das gleiche in Grün. Das ist doch dermaßen fad, hat man eine solche Geschichte gelesen, kennt man alle. Ich verstehe nicht, wieso das immer wieder so ankommt.
Aber ich schreibe demnächst auch einen Roman. Ich werde die geballte Ladung Nachbarschaftsgeschwätz hier zu einem Bestseller kondensieren. Allerdings sind wir hier dann eher die reichen „Bösewichte“.
Scheiße. Wird nicht funktionieren. Muß ich eben weiter am goldenen Hungertuch nagen.
Mist.
…wobei…es gibt sicher noch reichere, die unsereiner dann beneiden kann. Weil hier nur zwei Sternenautos in der Garage stehen. Und nicht vier. Grauenvoll.
Ich hör ja schon auf. Aber ist doch wahr.
7. Juli, 2009 at 23:29
Es klingelte. Lang und anhaltend. Ich betätigte nicht den Türdrücker, weil ich wußte, wer da vor der Haustür stand und Einlaß begehrte. Es war der Gerichtsvollzieher, der mir meinen Porsche pfänden wollte, nachdem ich die letzten zwei Leasingraten schuldig geblieben war.
„Willst Du nicht aufmachen?“ Ein hämischer Unterton begleitete diese Frage aus Richtung meines avocadofarbenen Designersofas, auf dem sich [Jan-Hermann/Franz-Heinrich/sonstigerUnsympathenname], der Ehemann meiner Schwester breitmachte. Unrasiert saß er da, grinste feist und wuchtete seinen Ranzen etwas stärker auf die Oberschenkel, um besser nach seiner Dose Hansapils langen zu können, die auf dem Tisch vor ihm stand. Zu dieser frühmorgendlichen Stunde Bier zu trinken ist schon unkultiviert, aber um sich diese Ekelbrühe anzutun muß man wirklich mit dem D-Zug durch die Kinderstube gerast sein. [Jan-Hermann/Franz-Heinrich/sonstigerUnsympathenname] war mit dem D-Zug durch die Kinderstube gerast und war leider nicht auf der letzten Weiche entgleist. In Gedanken nahm ich Zugunglücke in die Liste der von mir bevorzugten Katastrophen auf, kräuselte verächtlich die Mundwinkel und gab zurück: „Sauf weiter Deinen Blindmacher und halt ansonsten die Klappe.“
Chiefjudy, darfst gerne meinen Anfang verwenden. ;)
10. Juli, 2009 at 11:51
Spritkopf, den Roman MÜSSEN Sie einfach zu Ende schreiben.
10. Juli, 2009 at 20:18
Spritkopf – danke :-) . Vielleicht mach ich das ja sogar.
ROFL