Juli 2009


Also, diesmal bin ich ja echt stolz auf die Besucher dieses Blogs: Nahezu alle Menschen, die heute zufällig über Suchmaschinen auf meine Site kamen, hatten zumindest auch schon ein merkwürdiges Bauchgefühl, als sie über Herrn Schirmbecks Nazivokabular mehr wissen wollten. Und in der Tat findet der geneigte Suchende ja auch kaum etwas im Netz über die ungeheure Wortwahl dieses CDU-Experten.

Ich frage mich nur: Wieso? Auch beim Heuschreckenvergleich des Herrn Müntefering, der übrigens ähnlich sinnvoll und exakt so sensibel war, gab es lediglich den einen oder anderen kleinen Aufschrei.

Sind wir mittlerweile abgestumpft? Ist es einfach so, daß der Nazivergleich zu oft und zu unbegründet gezogen wurde, um sich in der politischen Diskussion durchzusetzen?

Momentan erleben wir allerdings das Phänomen, daß Politiker solcherlei Nazivokabular nicht nur aus Versehen falsch verwenden, sondern tatsächlich exakt in der Bedeutung, in der diese Begriffe damals gedacht waren. Die Heuschrecken waren damals die „Finanzjuden”, die Ausbeuter, die Kapitalisten, die Investoren, die Bankiers. Was Müntefering sich gedacht haben mag, um mit diesem Wort Ausbeuter, Kapitalisten, Investoren und Bankiers zu beschimpfen? Denn eines unterstelle ich dem Herrn an sich nicht: Antisemitismus. Aber anscheinend nahm er das billigend in kauf, um eine schöne Metapher aus der Zeit, in der Metaphern noch groß in Mode waren, benutzen zu können.

Und Herr Schirmbeck ist da genauso konsequent: Wenn wir das Thema Rechtssicherheit allesamt nicht mehr ernstnehmen, wenn wir alle lieber aus der Emotion heraus Gesetze, Verordnungen und Urteile fällen wollen, dann ist es auch nur richtig, uns alle daran zu erinnern, daß eine solche Zeit schon mal da war.

Frau Schmidt sollte sich mehr konzentrieren

Frau Schmidt sollte sich mehr konzentrieren

„Eine Ministerin, der das gesunde Volksempfinden verloren gegangen ist(…)” prangert Herr Georg Schirmbeck von der CDU die „Dienstwagenaffaire” seiner Kollegin Schmidt (SPD) an. Und merkt noch nicht einmal wie sehr er mit dieser Formulierung recht hat. Denn dieses ominöse Volksempfinden wurde damals von den Nazis geschaffen, um gegen jemanden gerichtlich vorgehen zu können, gegen den es keine Rechtsnormen gab.

Und wie ist das nun in dieser angeblichen Affaire? Frau Schmidt hat einen Dienstwagen, den sie privat nutzen darf. Allerdings muß sie private Fahrten separat eintragen. Genau das hat sie getan. Sie hat die Gesetze so ausgenutzt, daß sie ihr zum Vorteil gereichen. Und das ist auch der Sinn von Gesetzen: Es geht eben nicht darum, ein diffuses Gefühl zu befriedigen, daß der Kinderschänder nunmal kastriert und die Gesundheitsministerin möglichst mit dem Bus fahren sollte. Es geht darum, klare, nachvollziehbare Regeln zu schaffen. Solange man sich an die hält, so das Prinzip der Rechtssicherheit, darf einem juristisch nichts geschehen.

Frau Schmidt hat unklug agiert, sie hat vergessen, daß der Sozialneid, den ihre Parteikollegen und sie gerne schüren, um gegen Bonzen, Manager und Heuschrecken Stimmung zu machen, nicht zielgerichtet gegen eine bestimmte Elite gerichtet ist. Sie selbst gehört ebenfalls zu einer solchen und unterliegt somit den Regeln, die auch für Bonzen, Manager und Heuschrecken gelten: Wenn auch nur die kleinste Möglichkeit gegeben ist, sich über sie aufzuregen, dann wird diese genutzt.

Ich verstehe sehr gut, daß der Bund der Steuerzahler empört ist. Ich persönlich bin es auch. Aber ich bin nicht empört über Frau Schmidts Verhalten. Sondern empört darüber, wie unsere Volksvertreter finanziell gestellt sind. Eine Ministerin fährt S-Klasse? Tut es eine E-Klasse nicht auch? Muß der Wagen gepanzert sein, wenn sie doch nicht zur direkten Risikogruppe gehört? Wieso kann sie einfach beschließen, einen Wagen quer durch Europa fahren zu lassen, ohne daß es eine Regelung gibt, die das untersagt?

Wieso sollte Frau Schmidt die bestehenden (und bescheuerten) Regeln denn nicht ausnutzen? Wenn es Regeln gibt, dann gibt es klar definierte Zonen. Was ist erlaubt? Was ist nicht erlaubt? Schmidt hat sich im gesetzlichen Rahmen bewegt. Daß dieser Rahmen ihr zuviel Spielraum gelassen hat, ist (in bezug auf diesen konkreten Einzelfall) nicht ihre Schuld.

Wenn sie aber nun innerhalb von Recht und Gesetz agiert hat, dann muß sich der Gegner eben etwas aussuchen, um ihr dennoch eine reinzuwürgen. Also kommt man auf eine sehr naheliegende Idee: Wenn schon das Gesetz nicht dagegensteht, dann doch wenigstens die Moral, die Emotion, das Volksempfinden. Daß unter diesem Begriff Kunstwerke als „entartet” verboten wurden, daß andere Weltanschauungen damit unterdrückt wurden – egal. In der heutigen Zeit, in der das Gefühl, die Emotion, wieder über die langweilige und unromantische Logik siegt, wo gefühlte Gerechtigkeit wichtiger ist als der Erfolg aller Beteiligten, da paßt es wieder gut ins Bild, einen solchen Begriff auch mal im politischen Alltag zu benutzen.

Und genauso wie damals soll er jemandem schaden, der das Gesetz nicht gebrochen hat.

Update: Der geschätzte Bloggerkollege Matt Wagner hat das Thema dankenswerterweise ebenfalls aufgegriffen.

Unter-motorisiert

Unter-motorisiert

Ich sage nicht „Stöckchen”, Sie sagen nicht „Stöckchen”, ok? Deal? Abgemacht? D’Accord? Gut, dann also weiter im Text.

Man hat mich gebeten, einen Eintrag zu verfassen, der sich mit der Vorsilbe „unter” befaßt. Und mir auch gleich eine Steilvorlage zum Kommentieren geliefert.

Unter-Nehmen: Kann man häufig etwas, solange es Unternehmen gibt, die einem das nötige Kleingeld dafür geben und andere, die einem jenes wieder abnehmen, um dafür alkoholhaltige Hopfenprodukte abzugeben. Sind ansonsten meist unsexy und werden gerne von Politikern an den Pranger gestellt, um von eigenen Fehlern abzulenken. Werden in ihrer Wirkung auf das soziale Gebilde gemeinhin solange unterschätzt, bis sie pleitegehen.

Unter-Menschen: Gibt es seit 1945 nicht mehr, größtenteils deswegen, weil die meisten erfolgreich vom Antlitz der Erde getilgt wurden. Verzeihung: Aus den Geschichtsbüchern verschwanden. Die wenigen Nachkommen sind mittlerweile in den Augen vieler Linker erneut Untermenschen, weil sie es wagen, sich zur Wehr zu setzen, anstatt sich abschlachten zu lassen, wie es sich für sie gehört.

Unter-Maschinengewehr: Von mir noch nicht im realen Leben gelesene, aber bestimmt bald im Duden stehende Übersetzung von „submachinegun”. Ähnlich sinnvoll wie „Seiteneffekte”, „Vendoren”, oder „luftgeborene Förster des Himmels”. OK, letzteres hab ich mir auch wieder ausgedacht.

Unter-Mieter: Habe ich seit neuestem auch wieder. Endlich ist ein alter Freund aus China wieder heimgekehrt und natürlich (und folgerichtig) in die schönste Stadt der Welt gezogen. Da aber Wohnungen nicht ganz so einfach zu finden sind wie Frauen fürs Leben in China, muß er jetzt die nächsten Monate irgendwo unter-kommen. Daher ist mein Gästezimmer jetzt belegt. Und der zweite XBox-Controller auch.

Unter-Tan: Die alte Bedeutung dieses Wortes ist vermutlich für die jüngere Generation gar nicht mehr nachvollziehbar. Für jene nämlich ist das Wort eine lässige Umschreibung für einen PIN.

Unter-Haltungswert: Wird gemeinhin und vor allem in bezug auf Blogeinträge überschätzt.

„Das finde ich jetzt aber rassistisch, daß Du mich für eine Deutsche hältst, nur weil ich hier seit mehr als 20 Jahren lebe, einen deutschen Paß habe und Bayrisch…” – sie spricht es aus wie „boarisch” – „…spreche. Aber ich bin doch eigentlich Türkin.”

Ich stelle mir gerade vor, wie sie wohl reagiert hätte, wenn ich ihr abgesprochen hätte, eine Deutsche zu sein, weil sie in der Türkei geboren ist und orientalisch aussieht. Nun, vermutlich hätte ich mir denselben Verweis eingefangen. Es ist nämlich so: Bei ihr ist alles, was man als Deutscher sagt, rassistisch. Interessanterweise stimmt sie mir da sogar zu.
„Dieselbe Art zu denken, wie Du sie uns…” – ich betone das „uns” – „vorwirfst, legst Du an den Tag, wenn es um Deutschland geht.”

Sie stimmt zu. Dabei runzelt sie ihre Stirn, was immer unheimlich sexy aussieht; fragen Sie mich bitte nicht, warum.

„Aber das sind doch Vorurteile, die Du über mich hast,” wechselt sie das Thema, „denn Du kennst ja nur eine Seite von mir.” Ich versuche ihr zunächst, den Unterscheid zwischen Urteil und Vorurteil theoretisch zu erläutern, was aber mißlingt. Im Gegensatz zu ihrem Aussehen hat Darwin, der Herr, nämlich bei der Zuteilung von Hirn nicht ganz so aus den Vollen geschöpft, also befleißige ich mich eines Bildes: „Wenn ich jetzt, wo ich Dich kenne, sage, das alle Türkinnen hübsch seien, dann wäre das ein Vorurteil.”
– „Aber ein sehr nettes!”

Es ist zum Verzweifeln. Wir kommen nicht weiter. Es ist zwar eine nette Unterhaltung, aber tief in mir kocht es. Es ist nämlich genau diese Geisteshaltung, mit der ich so oft konfrontiert werde. Meine alte Deutschlehrerin war wohl diejenige, die mir damals mit ihrem legendären Satz „die Deutschen können eh nicht differenziert denken” die Augen öffnete. Sobald es um unser eigenes Land geht, wird in einem Maße pauschalisiert und diskriminiert, wie wir es niemals gegenüber irgendeinem anderen Kulturkreis zuließen. Gut, vielleicht mit Ausnahme Amerikas. Und Hollands. OK, vielleicht auch…, aber das führt jetzt zu weit.

„Türkei verrecke!” „England, halts Maul!” „Liebe Deutsche, laßt mich mit diesen Mallorcinern nicht allein!” „Ihre Verhaltensweise nervt mich. Sie ist so jüdisch.” „Ach typisch Moslem: Ihr habt einfach keinen Humor.”

Nee, das kann man wirklich nur über Deutschland sagen. Argumentieren wird man dann damit, daß man ja sich selbst noch kritisieren dürfe. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn jemand einem Landsmann vorwirft, „typisch deutsch” zu sein, dann schließt er sich damit implizit aus. Er steht dann da drüber, weiß um die Eigenschaften seines Volkes, will aber zeigen, daß er diese typischen Eigenschaften längt abgelegt hat, weil er intellektuell nicht auf dem Niveau seines Gegenübers stehengeblieben ist.

Immerhin: Das ist mal eine typisch deutsche Eigenschaft.

An den Herrn, der gerade hier vorbeikam, als er Google die Frage „hellgrauer Anzug, welche Krawatte?” stellte:

Es kommt natürlich aufs Hemd an. Eine gelungene Mischung wäre beispielsweise ein blaues Hemd und eine rote Krawatte. Quasi der Klassiker. Eine schwarze Krawatte ginge bei der Kombination auch, außerdem wäre das auch mit einem weißen Hemd kombinierbar. Grundsätzlich halte ich Rottöne aber für besser bei einem hellgrauen Anzug. Theoretisch ginge Gelb auch gut, aber das ist sooo 80er.

Aber vermutlich kommt derjenige gar nicht mehr auf meine Seite.

Nein, das hab ich nicht von Matt geklaut, auch wenns so aussieht.

Nein, das hab ich nicht von Matt geklaut, auch wenns so aussieht.

Kurze Werbeunterbrechung: Am Mittwoch, also dem 15.07.2009, sind Blogger aus Hamburg, nee, Menschen aus Hamburg und Umgebung, oder solche, die sich der Hansestadt verbunden fühlen, Menschen also, die ein Blog betreiben, betrieben oder glaubhaft versichern, mit dem Gedanken zu spielen, über den Start eines solchen eventuell doch ernsthaft nachzudenken, aber auch Twitterer und so 2.0-Typen herzlich willkommen, in einer lustigen Runde mit Gleichgesinnten, also Menschen aus Hamburg und Umgebung (…), Tief- und/oder Unsinniges von sich zu geben oder einfach mal zuzuhören.

Adresse: Agentur Zwogee; c/o Stilflut Bürokombinat, Harkortstraße 79, Eingang B. Einlaß ist wohl ab 1900h, was schon sehr dafür spricht, daß es sich um keine normale Werbeagentur handeln kann, denn schließlich wäre das ja sonst eher so der Zeitpunkt für die erste Mittagspause und die dritten zwei Gramm.

Ich vermute mal, da beißt keiner. Sonst fragen Sie mal den Organisator. Oder lesen sich das bei Matt durch. Der übrigens fast dasselbe, aber letztlich nicht einmal das gleiche Photo benutzt, um seinen Eintrag zu illustrieren.

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