„Das finde ich jetzt aber rassistisch, daß Du mich für eine Deutsche hältst, nur weil ich hier seit mehr als 20 Jahren lebe, einen deutschen Paß habe und Bayrisch…” – sie spricht es aus wie „boarisch” – „…spreche. Aber ich bin doch eigentlich Türkin.”
Ich stelle mir gerade vor, wie sie wohl reagiert hätte, wenn ich ihr abgesprochen hätte, eine Deutsche zu sein, weil sie in der Türkei geboren ist und orientalisch aussieht. Nun, vermutlich hätte ich mir denselben Verweis eingefangen. Es ist nämlich so: Bei ihr ist alles, was man als Deutscher sagt, rassistisch. Interessanterweise stimmt sie mir da sogar zu.
„Dieselbe Art zu denken, wie Du sie uns…” – ich betone das „uns” – „vorwirfst, legst Du an den Tag, wenn es um Deutschland geht.”
Sie stimmt zu. Dabei runzelt sie ihre Stirn, was immer unheimlich sexy aussieht; fragen Sie mich bitte nicht, warum.
„Aber das sind doch Vorurteile, die Du über mich hast,” wechselt sie das Thema, „denn Du kennst ja nur eine Seite von mir.” Ich versuche ihr zunächst, den Unterscheid zwischen Urteil und Vorurteil theoretisch zu erläutern, was aber mißlingt. Im Gegensatz zu ihrem Aussehen hat Darwin, der Herr, nämlich bei der Zuteilung von Hirn nicht ganz so aus den Vollen geschöpft, also befleißige ich mich eines Bildes: „Wenn ich jetzt, wo ich Dich kenne, sage, das alle Türkinnen hübsch seien, dann wäre das ein Vorurteil.”
– „Aber ein sehr nettes!”
Es ist zum Verzweifeln. Wir kommen nicht weiter. Es ist zwar eine nette Unterhaltung, aber tief in mir kocht es. Es ist nämlich genau diese Geisteshaltung, mit der ich so oft konfrontiert werde. Meine alte Deutschlehrerin war wohl diejenige, die mir damals mit ihrem legendären Satz „die Deutschen können eh nicht differenziert denken” die Augen öffnete. Sobald es um unser eigenes Land geht, wird in einem Maße pauschalisiert und diskriminiert, wie wir es niemals gegenüber irgendeinem anderen Kulturkreis zuließen. Gut, vielleicht mit Ausnahme Amerikas. Und Hollands. OK, vielleicht auch…, aber das führt jetzt zu weit.
„Türkei verrecke!” „England, halts Maul!” „Liebe Deutsche, laßt mich mit diesen Mallorcinern nicht allein!” „Ihre Verhaltensweise nervt mich. Sie ist so jüdisch.” „Ach typisch Moslem: Ihr habt einfach keinen Humor.”
Nee, das kann man wirklich nur über Deutschland sagen. Argumentieren wird man dann damit, daß man ja sich selbst noch kritisieren dürfe. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn jemand einem Landsmann vorwirft, „typisch deutsch” zu sein, dann schließt er sich damit implizit aus. Er steht dann da drüber, weiß um die Eigenschaften seines Volkes, will aber zeigen, daß er diese typischen Eigenschaften längt abgelegt hat, weil er intellektuell nicht auf dem Niveau seines Gegenübers stehengeblieben ist.
Immerhin: Das ist mal eine typisch deutsche Eigenschaft.