Also, diesmal bin ich ja echt stolz auf die Besucher dieses Blogs: Nahezu alle Menschen, die heute zufällig über Suchmaschinen auf meine Site kamen, hatten zumindest auch schon ein merkwürdiges Bauchgefühl, als sie über Herrn Schirmbecks Nazivokabular mehr wissen wollten. Und in der Tat findet der geneigte Suchende ja auch kaum etwas im Netz über die ungeheure Wortwahl dieses CDU-Experten.
Ich frage mich nur: Wieso? Auch beim Heuschreckenvergleich des Herrn Müntefering, der übrigens ähnlich sinnvoll und exakt so sensibel war, gab es lediglich den einen oder anderen kleinen Aufschrei.
Sind wir mittlerweile abgestumpft? Ist es einfach so, daß der Nazivergleich zu oft und zu unbegründet gezogen wurde, um sich in der politischen Diskussion durchzusetzen?
Momentan erleben wir allerdings das Phänomen, daß Politiker solcherlei Nazivokabular nicht nur aus Versehen falsch verwenden, sondern tatsächlich exakt in der Bedeutung, in der diese Begriffe damals gedacht waren. Die Heuschrecken waren damals die „Finanzjuden”, die Ausbeuter, die Kapitalisten, die Investoren, die Bankiers. Was Müntefering sich gedacht haben mag, um mit diesem Wort Ausbeuter, Kapitalisten, Investoren und Bankiers zu beschimpfen? Denn eines unterstelle ich dem Herrn an sich nicht: Antisemitismus. Aber anscheinend nahm er das billigend in kauf, um eine schöne Metapher aus der Zeit, in der Metaphern noch groß in Mode waren, benutzen zu können.
Und Herr Schirmbeck ist da genauso konsequent: Wenn wir das Thema Rechtssicherheit allesamt nicht mehr ernstnehmen, wenn wir alle lieber aus der Emotion heraus Gesetze, Verordnungen und Urteile fällen wollen, dann ist es auch nur richtig, uns alle daran zu erinnern, daß eine solche Zeit schon mal da war.
29. Juli, 2009 at 12:45
erstaunlich ist doch, dass die ignoranz diesmal einem vertreter der “nazi-beförderungs-nachfolge-partei” zugute kommt.
dass selbsternannte antifaschisten wie münte oder die gewerkschaften oder attac (man erinnere sich an das “stürmer” plakat mit dem dicken, hakennäsigen globalisierer, der mit zigarre und zylinder einen wohlgeformten blonden, blauäugigen arbeiter knechtet und ausbeutet) für ihr nazi-sprech gar nicht kritisiert werden können. liegt daran, dass man sich dagegen immunisiert, in dem man antisemitismus kategorisch und definitorisch ausschliesst.
Offenbar ist es niemandem unangenehm aufgefallen, das hässliche Plakat, das am vergangenen Wochenende beim Herbstkongress von Attac neben der Bühne stand. Es zeigte die Karikatur eines dicken Kapitalisten, im Mund eine Zigarre, auf dem Kopf eine Melone, auf einem Geldsack fläzend. Vor ihm steht ein schlanker Arbeiter, unterm Blaumann ist der Oberkörper nackt; auf eine Schaufel gestützt, wischt er sich Schweiß von der Stirn. Ein Slogan prangert die Zinsknechtschaft der Lohnabhängigen an. Verstörend ist: Der Arbeiter, der unter dem Finsterling ächzt, hat hellblonde Haare.
30. Juli, 2009 at 00:00
Zu Ihrem Einleitungssatz, Herr Einheitskanzler: Das erstaunt auch nur Sie.
Aber ich kenne Sie eh als jemanden, der noch von jedem Punkt aus in der Lage ist, sich auf die bösen Linken zu stürzen – und sei der Anlass ein CDU-Mann, der von „gesundem Volksempfinden“ spricht. Das langweilt allmählich.
(Wobei ich weder Münte noch Attac vor Kritik schützen möchte.)
30. Juli, 2009 at 09:39
ja, ich sehe das sportlich und schiesse auch mal aus spitzem winkel aufs tor. da geht dann auch mal ein ball vorbei.
die eigentliche intention war es, darauf hinzuweisen, dass (völlig richtungsunabhängig, zumindest theoretisch) vielen die sensibilität abhanden gekommen ist, zu erkennen, wessen geistiges erbe man sich bedient. sei es nun eine formulierung wie die des “gesundes volksemfindens” oder ein slogan wie “du bist deutschland” oder eben palakate aus dem keller des reichspropagandaministeriums…
dabei muss ich gestehen, dass mir die ethymologie des begriffes nicht bekannt war. was wiederum nicht als inschutznahme des cdulers gewerten werden soll!)
30. Juli, 2009 at 10:30
Übrigens halte ich Müntes Heuschrecken für unvergleichbar mit Goebbels’/Schirmbecks „gesundem Volksempfinden“.
Der Ursprung des Heuschreckenvergleichs ist eindeutig im alten Testament zu finden, keineswegs in der Nazizeit. Die Gemeinsamkeit liegt nur darin, dass auch die Nazis Menschen mit Tieren verglichen haben, aber das hat auch schon Aesop in seinen Fabeln gemacht, das ist keineswegs per se faschistoid. (Ich gehöre übrigens auch dazu und gestehe hiermit öffentlich und schamlos ein, eine Freundin schon einmal als „Mäuschen“ deklariert zu haben.)
Und mal ganz ehrlich: Wir SIND Tiere. Säugetiere, um genau zu sein. Vergleiche mit unseren Artgenossen sind in den meisten Fällen eher für diese nicht schmeichelhaft als umgekehrt.
30. Juli, 2009 at 10:33
Nicht in dem Zusammenhang. Wenn die Nazis damit den Finanzjuden meinten, und Müntefering in dieselbe Kerbe haut, dann ist das genauso unerträglich.
Oder glauben Sie wirklich, daß Herr Müntefering einer hübschen, blonden und sozial orientierten Wall-Street-Investorin gerade ein zärtlich gehauchtes Kompliment über den Teich hauchen wollte?
30. Juli, 2009 at 11:03
Nein, ich glaube einfach, dass dem bibelfesten sauerländischen Protestanten Müntefering im besagten Interview das Wort Gottes näher war als das von Goebbels.
Vielleicht bin ich aber auch naiv. Habe aber einen Bundesgenossen: Damals hat Paul Spiegel, zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, jeden Nazivergleich im Zusammenhang mit Müntes Heuschrecken als absurd bezeichnet.
30. Juli, 2009 at 11:08
Nun, ich halte, wie Sie ja wissen, nichts davon, einen Juden aus dem Hut zu ziehen, um den Vorwurf des Antisemitismus zu entkräften.
Ob das nun Paul Spiegel fand oder nicht, hat nichts damit zu tun, wie wir beide jeweils die Aussagen beurteilen.
Und auch einem Herrn Schirmbeck unterstelle ich selbstverständlich nicht, daß er wirklich uns’ Adi zurückhaben will.
Beide haben sich scheiße ausgedrückt, beide drücken damit aus, daß sie unsensibel um Umgang mit der Geschichte sind, beid benutzen Vokabular, daß gerade in diesem Zusammenhang mit äußerster Vorsicht benutzt werden sollte.
Und beide schüren durch diese Wortwahl Klischees und Vorstellungen herauf, die seit damals nicht mehr comme il faut sein sollten.
30. Juli, 2009 at 11:25
Darauf können wir uns glaube ich einigen.
Zu Spiegel: Sie wollen aber nicht von mir verlangen, ihn nur deshalb nicht zum Kronzeugen meiner Auffassung zu machen, WEIL er Jude ist … ? ;-)
30. Juli, 2009 at 12:33
Nun, Sie dürfen ihn gerne jederzeit zitieren, aber sobald Sie seine jüdische Herkunft erwähnen, um seine Meinung dadurch moralisch aufzuwerten, wenn sie antisemitische Tendenzen negiert …
Jaja, es ist ein äußerst komplexes Regelwerk. Aber wenn es Ihnen lediglich um eine weitere Meinung gegangen wäre, hätten Sie die Information über seine Tätigkeit als Vorsitzender des Zentralrates der Juden, nicht so hervorgehoben, zudem Sie ja davon ausgehen durften, daß mir dieser Fakt bekannt war.
:-)
30. Juli, 2009 at 12:38
Seine Relevanz und Kompetenz in dieser Frage war allerdings unzweifelhaft, denn der am weitesten übers Ziel hinausgeschossene Kritiker Müntefering verglich das Heuschreckenzitat mit der Judenverfolgung im 12-jährigen Reich. Und nur DESHALB und WEGEN seiner Funktion im Zentralrat äußerte sich Paul Spiegel überhaupt.
Das nicht zu erwähnen, wäre fahrlässig gewesen – obwohl ich selbstverständlich wusste, dass Sie wissen … ach, egal.
30. Juli, 2009 at 12:38
„Münteferings“ (sonst stimmt der Bezug nicht)
30. Juli, 2009 at 12:58
Ich hatte allerdings nur vermutet, daß Sie wissen, daß ich weiß…
30. Juli, 2009 at 13:23
Ich indes ahnte nur, Sie vermuteten, ich wüsste, dass Sie wüssten. (Oh Mann, wenn das schon VOR dem Bier heute Abend so läuft …)
30. Juli, 2009 at 13:39
Ich hingegen hoffte, daß Sie nur ahnten, daß ich vermutete, Sie wüßten, daß ich wüßte.
(Und ich trink eh keins heut abend)
2. August, 2009 at 23:05
Das Lesen der Kommentare führt mich zur Frage: Gibt es bald eine neue Partei in Hamburg?