
Das neue Guido-Mobil?
Alle Menschen, die ich kenne, sprechen davon, daß die SPD eine große Niederlage erlitten habe. Und natürlich sieht das auf den ersten Blick auch so aus: Keine Regierungsverantwortung, ein kümmerliches Zweitstimmenergebnis, links und rechts bedroht von Gegnern und Freunden.
Aber ist es wirklich so, daß die Sozialdemokratie in Deutschland ein Problem hat? Ich glaube, das genaue Gegenteil ist der Fall. Die SPD hat nicht so wenig Stimmen erhalten, weil es mit sozialdemokratischen Überzeugungen in Deutschland nicht weit her ist. Wäre dem so, dann hätte die FDP noch viel mehr Stimmen erhalten. Denn, und hier kommen wir zu dem Punkt, der viele vergessen: Die FDP ist die einzige Partei, die eben keine sozialdemokratischen Überzeugungen hat.
Fangen wir bei der LINKEN an: Gut, natürlich betrachte ich die LINKE an sich sehr skeptisch, muß aber auch zugeben, daß sie wohl nicht zu denjenigen gehört, die als erstes einen Schießbefehl einführen und einen Zaun um Deutschland bauen würden. Sie mögen sehr linke Überzeugungen haben, stellen aber vermutlich die Demokratie an sich nicht in Frage. Ja, ab und an versteigt sich sogar ein LINKER zu der Behauptung, daß er ja nicht einmal die Staatswirtschaft wieder einführen wolle. Also ist die LINKE: de facto sozialdemokratisch.
Die GRÜNEN sind zwar mittlerweile eine bürgerliche Partei geworden, die auch einige liberale Ansätze vertritt, aber sie gehört sowohl programmatisch als auch von der Selbsteinschätzung her zum linken Lager. Und da auch die GRÜNEN nicht die Demokratie und die Marktwirtschaft abschaffen wollen, darf man ihr mit gutem Gewissen sozialdemokratische Grundwerte unterstellen.
Bleibt die CDU. Früher eine explizit christilich orientierte und wertkonservative Partei, ist sie mittlerweile von der SPD kaum noch zu unterscheiden. Die Umwandlung begann unter Kohl, der in seiner 16jährigen Amtszeit konsequent auf ALLE Arten von Aktivität verzichtete. Nach dem Sieg der SPD unter Schröder hat die CDU deutlich mehr gelernt als die SPD: Sie erkannte, daß man außerhalb der eigenen Klientel die Mitte abgreifen muß. So, wie das Schröder hervorragend gelungen war. Und während die SPD versuchte, ihr „Profil zu schärfen”, also mit leicht klassenkämpferisch angehauchten Sprüchen Stimmen zu gewinnen, wurde aus der CDU die frühere SPD. Kein Gedanke mehr daran, das grunlegende Prinzip der Umverteilung in frage zu stellen. Wenn ein Herr Erhard noch wetterte, daß nur sozial sei, was Arbeit schaffe, setzt Merkel die gleichen Prioritäten wie sie die SPD immer setzte: Gleichheit vor Freiheit.
Das Problem der SPD ist also nur, daß sie viel zu erfolgreich ihre Standpunkte in andere Parteien injiziert hat. Sie verliert deswegen an Stimmen, weil ihre Grundwerte mittlerweile (fast) gesellschaftlicher Konsens sind. Sie verliert, weil sie gewonnen hat.
28. September, 2009 at 10:06
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28. September, 2009 at 13:31
Eine interessante Theorie! Aber die CDU ist nicht die frühere SPD. Mit knapp 34% wird die CDU auch bald Probleme haben, sich noch als Volkspartei bezeichnen zu können. In vier Jahren kann es denen auch passieren, das sie so abschneiden wie dei SPD gestern.
28. September, 2009 at 13:50
Keine Frage: Die CDU hat ebenfalls ein Problem. Ich glaube aber, daß es bei der CDU inhaltlich ein, zwei Dinge waren, die einfach bei der Bevölkerung auf Abneigung stießen (Internetsperren und Schäubles Überwachungsstaatsphantasien bspw.)
Die CDU hat aber im Gegensatz zur SPD (momentan) kein Problem der Abgrenzung. Denn rechts von der CDU gibt es keine (demokratische) Alternative, links davon ist die SPD eben nicht mehr „die neue Mitte”.
Allerdings, und da stimme ich Ihnen absolut zu, läuft die CDU ebenfalls Gefahr, ihr Profil zu verlieren: Wenn auch die CDU den Umverteilungsstaat nicht mehr in Frage stellt und somit die Rolle der SPD annimmt, dann wird sie den Wählerschwund hin zur FDP wohl kaum aufhalten.
28. September, 2009 at 14:35
Hier http://tinyurl.com/mr57l8 schrieb ein Ostdeutscher schon mal im Juni 2009 etwas zum desolaten Zustand der SPD.
Trifft sicher den Kern und das Problem.
28. September, 2009 at 15:37
Sehe ich nicht so. Die Agenda 2010 war ein notwendiger, wenn auch unpopulärer Prozeß. Es ist eigentlich genau das Problem der SPD, daß sie über ihre eigenen Erfolge trauert.
Unter Schröder (MIT Agenda 2010!) jedenfalls hatte die SPD eine breite Wählerschicht, auch in der Mitte. Heutzutage ist die Mitte ihr weggebrochen und zu FDP und CDU gegangen.
Ein Linksruck der SPD wird nichts bringen, denn am linken Rand wartet bereits die LINKE.
Ich befürchte tatsächlich, daß die SPD nicht nur den Status als Volkspartei verliert, sondern auf Dauer auch ihre Nische.
28. September, 2009 at 20:28
So kann man da natürlich auch sehen. :-)
28. September, 2009 at 21:56
Ich könnte Sie knutschen, werter GP für diesen Beitrag, aber ich lasse das, wenn Sie nicht darauf bestehen ;-)
Willy Brandt hat sehr viel Persönlichkeit, Intelligenz, Emotion und Wahrhaftigkeit in die Politik gebracht. Er lebt noch lange nach, hoffe ich.
Die Agenda 2010 ist tatsächlich noch nicht zu Ende gedacht. Allerdings war das auch ein PR-technischer Reinfall (Hartz). Die Idee der “Grundsicherung”, die damals mit Herrn Fischer aufkam, fand ich so schlecht auch nicht. Kommt vielleicht jetzt?
28. September, 2009 at 21:59
btw: Westerwelle wird wohl Außenminister – ein paar Dolmetscher werden gleichsam Ihren Job behalten (müssen):
29. September, 2009 at 05:23
Was mir auch negativ auffällt, dass es kaum noch richtige “Lager” gibt. Wenn ich mir alte Videos, wo sich Brandt und Kohl beinahe an die Gurgel gingen, weil sie völlig verschiedene Ansichten hatten, anschaue, dann frage ich mich, wo ist dieses Potential heute? Ist es komplett versiegt? Ich habe mir noch ein paar Ausschnitte aus der Raabsendung vom Samstag angeschaut, da ging ja immerhin ein ein bißchen was. Völlig ins Knie geschossen und genial den Kommentar von Limbourg, als sich Müntefering und Wulff den Schwnazvergleich lieferten, wessen Kanzlerkandiat denn nun am Samstagabend vor mehr Zuschauern spricht, um zu entschuldigen, dass sie nicht in die Sendung kommen konnten (Merkel 2500, Steinmeier 6500): “Aber hier in der Sendung hätten sie mehrere Millionen junge Leute erreichen können …”
Münterfering: “Aber Steinmeier redet jetzt vor 6500, Merkel nur vor 2500, da sehen Sie mal, wer mehr kann!”
Ziemlich arm …
29. September, 2009 at 07:23
“Das Problem der SPD ist also nur, daß sie viel zu erfolgreich ihre Standpunkte in andere Parteien injiziert hat. Sie verliert deswegen an Stimmen, weil ihre Grundwerte mittlerweile (fast) gesellschaftlicher Konsens sind. Sie verliert, weil sie gewonnen hat.” – So könnte man das auch sehen. Mit Sicherheit ist auch viel Wahres dran.
29. September, 2009 at 08:33
JT, bei Ihnen muß ich aber auf die Knutscherei schon so ein bißchen bestehen. ;-)
Bzgl. Dolmetscher: Nun, in der Tat war auch ich überrascht, daß Herrn Westerwelles Englisch so schlecht ist, allerdings ist es ja wohl so, daß bisher die meisten AMs auf ihre Dolmetscher nicht verzichten konnten. Alternativ hätte man natürlich zu Guttenberg dorthin wegloben können, aber ob Englisch die einzige Qualifikation ist?
Also, nicht daß wir uns falsch verstehen: Ich hätte auch lieber einen anderen AM, allerdings vor allem aus dem Grund, daß ich gerne einen FDP-Mann als Innenminister sehen würde. Und natürlich die Justizministerin… auf die freue ich mich ja so richtig. Trotz des Doppelnamens.
Ich glaube ja, daß die Agenda 2010 irgendwann mal als ganz große Tat in den Geschichtsbüchern stehen wird. Zwar stimme ich zu, sie war PR-mäßig mies gemacht, nicht zu Ende gedacht, aber sie hat 16 Jahre totalen Stillstand endlich aufgeholt.
29. September, 2009 at 08:35
Wehner – Strauss. DAS waren Debatten. Kohl und Brandt auch, ja. Zumindest anfangs.
Dadurch, daß die CDU nunmal Teile der SPD-Positionen übernommen hat (Umverteilung), die SPD wiederum von der CDU (Überwachung), ist es eigentlich mittlerweile völlig wurscht, in welcher Partei man agiert.
Die CDU hat ja lange Jahre einen Minister mitgeschleppt, der bei den LINKEN genauso gut aufgehoben gewesen wäre, wenn es diese zu den, äh, blümigen Zeiten schon gegeben hätte.
29. September, 2009 at 11:20
[...] Politik von Nico am 29. September 2009 Die SPD, der große Verlierer. Oder? Durch einen anderen Artikel wurde ich davon überzeugt, sich das Abschneiden der SPD noch einmal aus einem anderen Blickpunkt [...]
29. September, 2009 at 14:30
Ich hab letztens einen Ausschnitt eines Streitgesprächs zwischen Kohl und Schmidt gesehen. Weltklasse. Das wird aber logischerweise weniger, wenn immer mehr Medienberater auf die richtige Ausleuchtung des Halbrofils achten und immer mehr Rhetoriktrainer auf den Klang der Stimme achten.
Von den sich annähernden und überschneidenden Positionen ganz zu schweigen.
29. September, 2009 at 18:40
herr gp, in einem punkt muss ich ihnen widersprechen: die linke ist dediziert antikapitalistisch. hat lafontaine einen tag vor der wahl erneut gesagt. “wir sind die einzige partei, die gegen das kapitalistische system ist”.
womit er unrecht hat, denn auch die npd ist streng antikapitalistisch (überhaupt gibt es da einige programmatische überschneidungen, aber das ist ein anderes thema).
und zu westerwelle: bin gespannt, ob er in moskau von neonazis verprügelt wird (wie es einst dem grünen volker beck erging, damals allerdings nicht AM sondern “nur” parlamentarier) und ob er den mut hat, bei achmadinedschad das thema “schwulenverfolgung im iran” anzusprechen.
29. September, 2009 at 21:30
@GP: Da Sie die sozialdemokratischen Debatten gerade jetzt und hier neu thematisieren: Es war Wehner, der zu Brandt sagte (Moskauer Verträge), er “hätte zu lau gebadet”. Damals gab es, da stimme ich Kollege Ramses zu, noch Freiraum.
Herr Westerwelle gibt sich mittlerweile schon ganz deutschlich-diplomatisch:
30. September, 2009 at 05:22
http://www.welt.de/politik/article4676540/Westerwelle-und-das-englische-Missverstaendnis.html
Den Kommentar finde ich gut.
Und ich freue mich, wenn Westerwelle samt “Gattin” in den Iran oder Saudi Arabien oder ein anderes nophobes Land eingeladen wird :)
Allein nur diese Tatsache ist es schon wert, dass er Außenminister wird!
Oder wissen die von seiner Homosexualität und laden ihn deshalb ohne Begleitung ein?
30. September, 2009 at 08:30
Also mit seinem pampig, arroganten Verhalten (“Wir sind hier in Deutschland!”) verspielt er bei mir zuvor vorhandene Sympathien. Zeigt hier jemand sein wahres Gesicht?
1. Oktober, 2009 at 13:50
im zweifel sagt er einfach die wahrheit… englische (oder andere) politiker beantworten fragen auch nicht in einer fremden landessprache…
1. Oktober, 2009 at 23:28
Die FDP will übrigens einerseits die Bürgerrechte stärken, aber den Kündigungsschutz dagegen nicht. Interessante Variante, wenn man Bürger ist.
2. Oktober, 2009 at 07:13
Also das er kein Englisch kann ist kein Makel. Andere Aussenminister können das auch nicht.
Mal schauen, vielleicht wird er gar nicht Aussenminister, oder glaubt ihr doch?
2. Oktober, 2009 at 22:21
Mal sehen, wo Angela seinen Platz sieht. Als Außenminister, der für den Krieg (äh Kampfeinsatz) in Afghanistan steht, sehe ich ihn nicht. Das wäre ihm zu uncharmant. Finanzminister – mit all den geschönten Zahlen stelle ich mir vor ;-) :-(
3. Oktober, 2009 at 02:49
Außenminister. Was bleibt denn auch? Das ist die einzige Insel, auf der es keine verhandelbaren (formerly known as: unverhandelbar) Dinge gibt.
4. Oktober, 2009 at 20:23
@ramses101: Deswegen hat sich Genscher gleich an seine Fersen geheftet. Vielleicht hängt er noch ein paar Jahre dran oder gründet die Westerwelle-Beratungsagentur. Die dafür benötigten Steuergelder wären (romantisch gesehen) als Ausbildungsgeld eines Politikers für die Steuerzahler absetzbar.
Man darf ja noch ein bisschen träumen…
19. Oktober, 2009 at 17:27
Ich bin gerad per Zufall (naja, dämiche Klicken) auf diesen Beitrag gestoßen und frage mich gerad:
?????????
Soll das jetzt eine ernste Meinungsäußerung sein? oder irgendwie verunglückte Stire? Oder einfach nur eine wirre Gedankenwelt?
Entweder muss ich Sie bewundern für Ihre dadaistische Kunst.Oder mich wundern, dass es tatsächlich Menschengibt, die mit solhen gednaken im Hirn schadlos eine Straße überqueren können.
Zu gern hätte ich substazielle Kritik geschrieben, aber da quasipraktisch jedes zwete Wort von Ihnen in einem nur sehr schwer bis nicht nachvollziehbaren, dazu mehrdeutigen und auf offenbar mir nicht zugänglichen Grundideen basierenden Zusammenhang mit dem vorherigen/folgenden Wort steht, sehe ich mich zu einem derart ausufernden momentan nicht in der Lage.
Aber ihc versteh schon Recht: Sie meinen, die Sozialdemokratie habe gesieg,wirlebten also sozusage in einer der besten Ihrer welten, und eshalb wählen jetzt viele leute gern da gegenmodell?
Irgendwie lebe ich seit Kohl selig in eier ganz anderen Welt als Sie. Immerhin hat Sozialdemokratie mal was mit sozial zu tun gehabt, und dieser Aspekt unseres Zusammensleben wurde seither konsequent zunehmend unter die Fuchtel gewinnorienierten Wirtschaftens gestellt. Wobei Geister wie die FDP dem Glauben anhängen, alles, was Unternehmen Profit eibringt, sei auch sozial – also in dem Sinne könnte ihr Geistesblitz irgend nachvollziehbar sein. Das Fatale ist, dass er wie jede Ideiologie von den nackten Fakten wenig beeindruckt werden kann. Ich für mein Teil sehe vielmehr, da alls sozial denkenden Kräfte sich von dieser FDP-Ideologie (von “liberalem denken” mag ich nicht reden, dafür schätze ich die Liberalität iel zu hoch, um sie mutwilig mit der FDP in Verbindung zu bringen) haben anstecken lassen. Der Primat ddes Wirtschaftlichen führt aber notwendig zu einem Verfall sozialer Werte. Wie man allüberall beobachten kann im aktuellen Großexperiment. Es sei denn, man ist Ideologe und sieht in wirtschaftlicher Not keinen sozalen Misstand, sondern die Chance zu exorbiant hohen Gewinnmöglichkeiten: von 380 Euro im Monat auf 412 duch einen 1-Euro-Job, das sind sage und schreibe 10% Gewinwachstum in einem Monat = eine Prgnise von 120% im Jahr. Da kann sich ein 1-Euro-jobber doch glücklich schätzen und ist zuRecht offiziell nicht mehr arbeitslos. Ja, jeder Unternehmer, der was auf sich hät, müsste sofort alles verschenken und sich für Hartz IV melden, denn wer sich ein so gutes Geschäft entgehen läst, handelt asozial!
19. Oktober, 2009 at 17:32
Verzeihen Sie, wenn ich in diesem Fall von meinem Recht Gebrauch mache, mit Ihnen nicht zu diskutieren.
Kleiner Tip: Wenn Sie nächstes Mal in die Erwachsenenwelt hineinwollen, dann fangen Sie nicht mit Pöbeleien an.
Ach, und: Sie sollten dringend etwas gegen Ihre Rechtschreibschwäche tun.