In der Nacht wälze ich mich unruhig von einer Seite auf die andere. Ich schlafe kaum. In meinem Kopf schwirren die ganzen unsinnigen Gedanken herum, die ich von der Arbeit mit nach Hause nehmen mußte. Es ist aber auch wirklich so, daß die letzten Tage die schlimmsten in meinem bisherigen Arbeitsleben waren.

Ich liege wieder im Gästezimmer, weil ich das häufiger tue, wenn ich allein zuhause bin, manchmal auch, wenn ich nicht alleine bin. Normalerweise wache ich in diesem Zimmer von ganz alleine auf, sobald es draußen heller wird. Für heute habe ich mir ausnahmsweise mal einen Wecker gestellt, den ich auch dringend brauche: Um 0800h bin ich nämlich erst seit wenigen Stunden eingeschlafen. Mißmutig gehe ich ins Bad, beginne das Morgenritual. Fahre die dafür viel zu kurze Strecke zur Arbeit. An die vor mir liegende Besprechung denke ich. Daran, daß der Kunde zu Recht verärgert ist. An die unangenehmen Vier-Augen-Gespräche mit Chef und Mitarbeitern.

Als ich aus dem Parkhaus trete, sehe ich in einem kleinen Café zwei Menschen einander gegenüber sitzen. Eine ältere Dame, die ihrem offensichtlich geistig behinderten Sohn den Mund abwischt.

Und da fällt mir erst wieder auf, wie merkwürdig unser Hirn doch reagiert: Wenn ich mir meine beiden Horrortage mal vergegenwärtige, dann sollte ich eigentlich mit debilen Grinsen im Gesicht durch die Gegend laufen: Für eine ganze Menge Menschen sähre der Tag nämlich ganz anders aus:

Die Nacht verbringe ich nicht auf der stinkenden Straße, sondern in einem äußerst komfortablen Bett in einer gut beheizten Wohnung. Ich habe wenig geschlafen, weil mich all die tollen Unterhaltungselektronikgeräte, die ich früher nur aus Anzeigen der Zeitungen kannte, mit denen ich mich zudeckte. In den letzten Tagen hatte ich zudem endlich einmal wieder das erhebende Gefühl, im Job wirklich gebraucht zu werden. Ich war kein Rädchen im Getriebe, sondern mußte tatsächlich Entscheidungen treffen, konnte durch meine Arbeit dafür sorgen, daß ein Unternehmen die Produktion wieder aufnehmen konnte.

Aus lauter Dekadenz schlafe ich im Gästezimmer, das allein schon besser ausgestattet ist als die Wohnungen, die ich früher mal hatte. Ich verschlafe ein wenig, lasse mich von den morgendlichen Sonnenstrahlen wecken. Und begreife auch, was für eine großartige Arbeitsstelle ich habe: Wenn ich eine halbe Stunde zu spät komme, wird mir nichts vom Gehalt abgezogen, ich bekomme höchstens mal einen blöden Spruch zu hören. Ich beginne mit einer ausgiebigen Körperreinigung unter der heißen Dusche. Welch ein Luxus, meinen Körper mit verschiedenen Cremes und Seifen einzureiben, einen der schönen Anzüge aus dem großen Schrank zu nehmen. Mit meiner Lieblingsmusik fahre ich in einem großen, neuen Auto zur Firma, muß mich nicht um Parkplätze kümmern, weil ich stets Tiefgaragenplätze zur Verfügung habe.

Und ich freue mich darauf, wieder die Kollegen zu treffen, mit denen ich mich auch abseits der Arbeit gut unterhalten kann, freue mich darauf, Probleme lösen zu dürfen. Ohne einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, ob ich mir etwas zu essen leisten kann.