Dezember 2009
Monatsarchiv
16. Dezember, 2009

Zum Hingehen hatte ich ja bereits aufgerufen. Nun bin ich tatsächlich aber auch persönlich vor Ort und marschiere mit, bzw. stehe mir die Beine in den Bauch. Meine Füße frieren in den Prada-Sneakern lustig vor sich hin und meine gewachste Barbour-Jacke fällt zwar inmitten der lustigen Schwarz-in-schwarz-Träger ziemlich auf, schützt meinen Oberkörper aber nur bedingt vor der Kälte. Ein wenig hoffe ich darauf, daß nun endlich die beiden Gruppen aufeinanderprallen mögen, damit mir etwas wärmer würde (der Linke an sich führt nämlich stets ein- bis zweihundert Molotov-Cocktails mit sich), aber dann denke ich an die Wasserwerfer der Polizei und bin ganz froh, daß diese nicht zum Einsatz kommen müssen, immerhin habe ich erst vor wenigen Stunden geduscht. Und mein Krawattenschal würde ein solches Bad sicherlich nicht gut überstehen.
Überall schwenken Demonstranten Israel-Flaggen. Einige sind sogar so verwegen, USA-Flaggen mit sich zu führen. Ich fühle mich durchaus wohl in dieser heterogenen Gruppe, auch wenn die Lautsprecherdurchsagen nerven. Eine kleine Gruppe von hässlichen Menschen fängt an zu skandieren: „Ihr habt den Krieg verlor’n, schalalalala…” und ich frage mich, welchen Krieg sie meinen: Den Sechstagekrieg? Einen der Weltkriege? Die letzte Straßenschlacht zwischen linken Splittergruppen? Oder gar den Irakkrieg? Und vor allem: Wenn meinen sie mit „Ihr”? Ihr Gesang geht in Richtung der antisemitischen Gegendemonstration. Diese besteht vermutlich zu einem Drittel aus Links- und Rechtsextremisten und einem Drittel palästinensicher Extremisten, weil es halt „irgendwas gegen Israel” zu demonstrieren gibt.
Ich erkläre Matt Wagner, der ähnlich enthusiastisch wie ich durch die Gegend stapft, daß mein Interesse an den Streitereien zwischen den linken Gruppierungen mich mittlerweile den absoluten Nullpunkt durchbrochen hat und weiterhin nach unten fällt.
Dann die Durchsage: Die Polizei eskortiere uns zum Kino. „Cool,” erkläre ich der neben mir herlaufenden und in Vollkörperpanzerung steckendeen Beamtin, „ich bin bisher noch nie mit einer Polizistin ins Kino gegangen.” Ihre Antwort ist verblüffend schlagfertig: „Dann wissen Sie ja nun, wofür Sie Steuern zahlen.”
Zufrieden marschieren wir an geifernden Antisemiten vorbei und gucken andächtig auf den improvisierten Kassentisch. Dort nämlich wird uns verkündet, daß es keine freien Plätze mehr gebe und wir grad wieder zurückgehen könnten. Ich verzichte auf den Polizeischutz, mische mich unter die mittlerweile vom Spiel zurückkehrenden St.-Pauli-Fans, die übrigens auch nicht gerade den besten Tag ihres Lebens hinter sich zu haben scheinen und gehe mit Matt Wagner und dem Franken einen Espresso trinken.
Beim Italiener falle ich mit Barbour-Jacke und Polohemd auch nicht weiter auf.
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16. Dezember, 2009

Ich möchte ja nun nicht den Eindruck vermitteln, ich beschäftigte mich nur noch mit der Maastrix, aber ich habe dort schon wieder von einem interessanten Vorgang gelesen, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:
Presseerklärung:
Hamburger Konzertfotografen boykottieren das Rammsteinkonzert am 14.12.2009 aufgrund von Knebelvertraegen. Stellvertretend auch fuer viele weitere Kollegen trafen sich spontan die Fotografen Philipp Szyza – 2-kameraden, Christian Fischer – Buehnenblicke, Rainer Merkel, Joerg-Martin Schulze – jms-photo, Carsten Schem – Concert Views, Marco Maas – Fotografirma, Heiko Sehrsam – Pics Hamburg, Nicola Ruebenberg – Face To Face, Isabel Schiffler – Jazz Archiv, Markus Lubitz – Jazz Archiv zum gemeinsamen Protestfoto.
Der Vertrag der Rammstein GbR reduziert u.a. die Verbreitungsmoeglichkeiten der Konzertfotos auf ein einziges, namentlich zu bezeichnendes Medium und beinhaltet, dass Rammstein die Bilder gratis für eigene Zwecke nutzen darf. Bildjournalistinnen und -journalisten sollen der Band gestatten, Fotos für die Nutzung auf Webpages von Rammstein oder dem Management der Band ohne gesonderte Verguetung nutzen.
Ende der Presseerklärung.
Mehr dazu auch bei Konzertfaq und dem Konzert-Blog, auch das Hamburger Abendblatt verzichtet auf aktuelle Konzertphotos und bringt stattdessen die oben zitierte Presseerklärung.
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8. Dezember, 2009

Kennen Sie den „Grundrissmaker” von „Sachs Marketing”? Das ist eine Software, die lange Zeit als Freeware im Netz herumlag. Sie war laut Anwenderberichten selbst geschenkt noch zu teuer. Aber gut, der Ärger um eine verlorene Stunde ist ja nicht so schlimm, immerhin hat man wenigstens kein Geld dafür ausgegeben. Dachte sich wohl auch der Blogger, Photograph und Journalist Marco Maas.
Bis, ja bis eines Tages die Firma Sachsmarketing auf die Idee kam, mit den vielen, vielen E-Mail-Adressen, die bei ihnen herumlagen, ein Geschäft zu machen.
Also setzte man ein besonders bedrohlich wirkendes Schreiben auf, das man an die ganzen zur Registrierung der „Freeware” benötigten Mailadressen verschickte und in dem man zu einer Zahlung eines Phantasiebetrages aufruft. Inklusive falscher Mehrwehrtsteuer, unsinnigen Mahngebühren und so weiter. Das Perfide an der Geschichte: Der Betrag ist gering. So gering, daß es sich immer noch lohnt, wenn ein paar Tausend Menschen diesen Betrag bezahlen, aber für den Einzelnen nicht hoch. Viele werden also einfach bezahlen, weil sie Sorge vor dem Rechtsweg haben.
letzte aussergerichtliche Mahnung
sicher ist Ihnen entgangen die Rechnung(en)/Mahnung(en) zu begleichen. Wir fordern Sie hiermit letztmalig auf, den Rechnungsbetrag auf das unten genannte Konto zu ueberweisen. Sollten Sie die Zahlung inzwischen geleistet haben, prüfen Sie bitte, ob Sie als Verwendungszweck entweder Kundennummer oder Rechnungsnummer angegeben haben und betrachten Sie bitte die Mahnung als gegenstandslos. Als Anlage Ihre Mahnung/Rechnung im pdf-Format zum Ausdruck für Ihre Unterlagen. Sollten Ihre Angaben unvollständig oder falsch sein, können wir Ihnen auf Anfrage gegen Kostenerstattung von 5 Euro eine Korrekturrechnung zusenden.
Marco bezahlte nicht, informierte sich bei Gutefragen.de und antwortete entsprechend (siehe verlinkter Blogeintrag). Und erhielt dann, Jahre später, nämlich jetzt: Eine Unterlassungserklärung:
hiermit fordern wir Sie auf, die unrichtigen und verläumderischen Einträge zum Thema Grundrissmaker/Sachsmarketing vom 06.01.2008 und folgende zu löschen. Weitere Infos zum Thema erhalten Sie von Staatsanwaltschaft XY
Es ist ein Fall von vielen; das Internet lockt eben nicht nur ehrliche Menschen an. Interessant ist dieser Fall aber schon deswegen, weil er bis jetzt schon so gut dokumentiert ist, und vor allem aber auch, weil es mit Marco endlich einmal jemanden „erwischt” hat, der die Eier in der Hose hat, gegen solche Unternehmen auch tatsächlich den Rechtsweg zu beschreiten. Udo Vetter hat sich bereits des Themas angenommen, in der ihm üblichen, süffisanten Art.
Abgesehen von den juristischen Implikationen sind nun sowohl Produkt- als auch Firmenname dank Google für all diejenigen, die unbedarft nach einem Stück Software suchen, gebührend als potentielle Betrüger entlarvt. Darauf verlassen, daß nun weitere Personen aus Angst die, äh, Schutzgebühr bezahlen, sollte sich nun der gute Mann nicht.
Die URL Grundrissmaker.de ist übrigens mittlerweile bei den einschlägigen Sites als Malware gelistet. Und bei Gutefrage.net ist der ganze Vorfall von vielen, vielen Beteiligten ebenfalls wundervoll dokumentiert. Und bleibt es wohl auch.
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4. Dezember, 2009
Wie Sie ja wissen, konnte ich mich nie so recht mit der Linken anfreunden. Das heißt aber nicht, daß ich nicht auf diese in meinen Augen wichtige Veranstaltung hinweisen kann. Ich werde selbst ebenfalls daran teilnehmen, natürlich in der Yuppie-Variante des Schwarzer-Block-Outfits: Schwarzer Armanianzug, schwarzes Prada-Hemd, schwarze Church’s, schwarzer Lehndorff-Gürtel. Und der blitzenden Chromaxt auf der Schulter.
Am 13.12. soll Claude Lanzmanns Film „Warum Israel” aufgeführt werden. Wie Sie sicher noch wissen, wurde die vorige Vorstellung von einigen Nazis verhindert, die „Judenschweine” und ähnliches gebrüllt haben und potentielle Besucher angegriffen haben.
Leider scheint es mittlerweile wirklich wieder soweit zu sein in Deutschland, daß wir den Anfängen wehren müssen. Antisemitische Parolen haben nichts, aber auch gar nichts in einer Stadt wie Hamburg zu suchen. Dabei ist es mir auch scheißegal, aus welch hehren Motiven man glaubt, Juden hassen zu dürfen.
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1. Dezember, 2009
Posted by germanpsycho under
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Wenn der Schriftstehler einlädt, an einer Veranstaltung teilzunehmen, die er mitgestaltet, moderiert oder einfach nur gut findet, dann sollte man das tunlichst tun. Nicht nur der albernen Alliteration wegen, sondern vor allem, weil es dann meist ein kurzweiliger Abend wird, selbst wenn einem das Thema bisher noch gar nicht so spannend vorkam.
Gestern ging es also Poetry Slam. OK, ich halte das an sich für moderat interessant, aber andererseits bin ich neugierig. Und meine Exkollegin F. auch, so daß wir um ziemlich genau 2000h an den Kammerspielen stehen und uns einen Tisch suchen. Da wir uns direkt neben dem Eingang zum Rückzugsraum der Vortragenden aufhalten, werden wir wohl für Mitorganisatoren gehalten, vielleicht lag es auch an meinem marineblauen Pullover von Armani, oder am strahlenden Lächeln meiner Exkollegin F., aber eine junge, attraktive Dame mit wundervoll verrauchter Stimme und roten Haaren schüttelt uns die Hand und stellt sich artig vor als: Heidi. Daß sie eine der Vortragenden ist, werde ich erst in Kürze erfahren.
Während der ersten beiden Paarungen votieren wir stets für den unterlegenen Künstler (verdammt, es geht hier nicht nur um Humor, sondern auch um Sprechtechnik, um Gesamteindruck, um Kunst, verdammte scheiße!), liegen immerhin bei der Entscheidung für die vorher getroffene Künstlerin richtig, und erwarten dann den Auftritt eines schönen Szenetypen. Und der legt dann auch ordentlich los: Zu einem völlig unbedeutenden Thema, nämlich der verklausulierten Aussage, daß er neidisch auf erfolgreichere Künstler ist, redet er sich dermaßen in Rage, daß ich nicht umhin kann, ihn für einen kurzen Moment sympathisch zu finden: früher dachte ich immer, ich sei der einzige Mensch auf der Welt, der sich über Nichtigkeiten aufregen kann.
Nachdem er also seine selbstgerechte Litanei heruntergebrüllt hat, tritt ein anderer Mensch auf die Bühne, und automatisch wählen wir diesen. Natürlich erfolglos.
Ein weiterer Schlagabtausch wird zur Tragödie: Ein großartiger Künstler beginnt mit einem Zweizeiler, steigert sich mit einem ebenfalls kurzen, aber perfekt vorgetragenen Gedicht bis kurz vor den Sieg – und verschenkt alles, indem er eine Selbstbeweihräucherung des Künstlers an sich herunterbetet, die alles zunichte macht. Konsequenterweise fliegt er in der ersten Runde raus.
Und dann die alles entscheidende Schlacht: Heidi vs. selbstgerechter Schreihals. Sie beginnt. Und sie beweist, daß sie nicht nur in ihren Texten selbst mit dem Tempo umgehen kann, auch die Steigerung gegenüber ihrem ersten Text ist deutlich und läßt mich gespannt aufs Finale warten.
Aber davor steht der Egomane. Er zieht alle Register: Primitive Beschimpfungen aller Menschen, die Arbeit haben, herausgebrüllte Hasstiraden gegen jeden Geschmack, der nicht sein eigener ist, konformistischer Nonkonformismus und Preisen der Pisse als besonders authentisches Berlin-Statement.
Es kommt, wie es kommen muß: Er gewinnt. Wir gehen. Wir müssen ja am nächsten Tag arbeiten.
Edit:
Ich habe natürlich den wahren Höhepunkt des Abends verschwiegen: Der außer Konkurrenz laufende Viktor, der vor allem mit seiner Abhandlung über die Unterhaltungstechniken von Frauen für mich persönlich der Sieger des Abends hätte sein sollen.
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