Zum Hingehen hatte ich ja bereits aufgerufen. Nun bin ich tatsächlich aber auch persönlich vor Ort und marschiere mit, bzw. stehe mir die Beine in den Bauch. Meine Füße frieren in den Prada-Sneakern lustig vor sich hin und meine gewachste Barbour-Jacke fällt zwar inmitten der lustigen Schwarz-in-schwarz-Träger ziemlich auf, schützt meinen Oberkörper aber nur bedingt vor der Kälte. Ein wenig hoffe ich darauf, daß nun endlich die beiden Gruppen aufeinanderprallen mögen, damit mir etwas wärmer würde (der Linke an sich führt nämlich stets ein- bis zweihundert Molotov-Cocktails mit sich), aber dann denke ich an die Wasserwerfer der Polizei und bin ganz froh, daß diese nicht zum Einsatz kommen müssen, immerhin habe ich erst vor wenigen Stunden geduscht. Und mein Krawattenschal würde ein solches Bad sicherlich nicht gut überstehen.
Überall schwenken Demonstranten Israel-Flaggen. Einige sind sogar so verwegen, USA-Flaggen mit sich zu führen. Ich fühle mich durchaus wohl in dieser heterogenen Gruppe, auch wenn die Lautsprecherdurchsagen nerven. Eine kleine Gruppe von hässlichen Menschen fängt an zu skandieren: „Ihr habt den Krieg verlor’n, schalalalala…” und ich frage mich, welchen Krieg sie meinen: Den Sechstagekrieg? Einen der Weltkriege? Die letzte Straßenschlacht zwischen linken Splittergruppen? Oder gar den Irakkrieg? Und vor allem: Wenn meinen sie mit „Ihr”? Ihr Gesang geht in Richtung der antisemitischen Gegendemonstration. Diese besteht vermutlich zu einem Drittel aus Links- und Rechtsextremisten und einem Drittel palästinensicher Extremisten, weil es halt „irgendwas gegen Israel” zu demonstrieren gibt.
Ich erkläre Matt Wagner, der ähnlich enthusiastisch wie ich durch die Gegend stapft, daß mein Interesse an den Streitereien zwischen den linken Gruppierungen mich mittlerweile den absoluten Nullpunkt durchbrochen hat und weiterhin nach unten fällt.
Dann die Durchsage: Die Polizei eskortiere uns zum Kino. „Cool,” erkläre ich der neben mir herlaufenden und in Vollkörperpanzerung steckendeen Beamtin, „ich bin bisher noch nie mit einer Polizistin ins Kino gegangen.” Ihre Antwort ist verblüffend schlagfertig: „Dann wissen Sie ja nun, wofür Sie Steuern zahlen.”
Zufrieden marschieren wir an geifernden Antisemiten vorbei und gucken andächtig auf den improvisierten Kassentisch. Dort nämlich wird uns verkündet, daß es keine freien Plätze mehr gebe und wir grad wieder zurückgehen könnten. Ich verzichte auf den Polizeischutz, mische mich unter die mittlerweile vom Spiel zurückkehrenden St.-Pauli-Fans, die übrigens auch nicht gerade den besten Tag ihres Lebens hinter sich zu haben scheinen und gehe mit Matt Wagner und dem Franken einen Espresso trinken.
Beim Italiener falle ich mit Barbour-Jacke und Polohemd auch nicht weiter auf.

16. Dezember, 2009 at 17:14
Wieso haben sie nichts gesagt? Ich hätte ihnen eine US-Flagge zum schwenken schicken können. Das hätte sich mit ihrer Kleidung sicher auch nicht gebissen.
Welcher Film wäre es denn gewesen?
16. Dezember, 2009 at 17:33
ich äußere mich ja generell nicht zu diesem semiten / antisemiten / antiantisemiten konflikt, weil es mich, gelinde gesagt einen feuchten Scheißdreck interessiert und m.m.n. da ohnehin niemand mehr durchblickt wer wem wann nen Stein oder ne Qassam-Rakete an den kopf geschmissen hat… Aber selbst dieses vollkommene Desinteresse scheint falsches Verhalten zu sein, wurde ich doch gleich gefragt ob ich “was gegen Juden hätte” als ich auf den versuch mich in eine diskussion zu ziehen entgegnete, das mich dieser Konflikt soviel interessiert wie Kot am Wegesrand.
Ich verstehe auch gar nicht das offen antisemitische verhalten mancher Linksextremer. ich befürchte um diese irrungen und wirrugnen zu verstehen muß man sich mit soviel müll dreck und schmutz befassen das es völlig aussichtslos für mich ist mein lustprinzip-verwöhntes denkzentrum damit zu belasten. Oder gibts da irgendwo ne kurzfassung warum sich alle hassen?
16. Dezember, 2009 at 17:40
Die Kurtversion hätten glaub ich viele gerne mittlerweile…
Und Links und Rechts kann man mittlerweile bei vielen Dingen eh fast nicht mehr trenne. Die Extreme mein ich natürlich.
16. Dezember, 2009 at 17:40
…ich tausche das “t” gegen ein “z”…
16. Dezember, 2009 at 17:46
Obwohl ich “Kurt’s Version” auch charmant finde. :) Vieleiche weiß der ja weiter.
16. Dezember, 2009 at 18:13
Kurzfassung für Devox:
1) Holocaust
2) Achmadinedschad
Langfassung:
1) Ohne den Holocaust wäre (fast) alles nicht so wie es ist. Ich (third generation after) gehöre nicht zu denen, die sagen: Nu is aba mal jut, ick bin Nachjeborene. Ein Konflikt, der auf den Handlungen meines Großvaters beruht (aktiver SA-Man), geht mich mehr an als Kot am Wegesrand.
2) Achmadinedschad ist nur der bekannteste Vertreter der bekennenden Israelauslöscher. Wenn er (und all die anderen) seine Pläne in die Tat umsetzt, haben wir einen fröhlichen Konflikt, der mir deshalb nicht am Arsch vorbeigeht, weil er keine “regional begrenzte bewaffnete Auseinandersetzung verfeindeter Volksgruppen” mehr darstellt (oder wie auch immer der Irakkrieg heute genannt wird).
Also nochmal Kurzfassung:
1) persönlich-historisches Bewusstsein
2) primitiver Schiss um mein Leben
Wo Sie da jetzt Ihr lustprinzip-verwöhntes Denkzentrum unterbringen, kann ich Ihnen auch nicht sagen.
17. Dezember, 2009 at 01:14
Bei der nächsten Demo müssen wir unbedingt Heizstrahler beantragen. Der Espresso war nur ein Hilfskonstrukt.
17. Dezember, 2009 at 09:34
„Warum Israel?” von Claude Lanzmann. Der damals schon vom / von der (?) B5 SA-mäßig blockiert wurde.
17. Dezember, 2009 at 09:35
Ich sehe das eh als Kreis. Ab einem gewissen Maß an Ideologie und Bevorzugung des Gemeinwesens gegenüber dem Wohl des Individuums trennen Rechte und Linke nur noch Nuancen.
17. Dezember, 2009 at 09:38
Sie haben einerseits recht, Nihilistin, und zwar völlig. Ich glaube aber, daß Devox daß in der Tiefgründigkeit gar nicht so meinte, sondern eher:
Es sollte einem nicht mehr oder besonders wichtig sein, ob es sich beim Gegenüber um einen Itzig, Spaghetti, Neger oder Kraut handelt. Um mal bei Full Metal Jacket zu bleiben.
Oder so.
17. Dezember, 2009 at 09:38
Ich fand den Espresso aber schon ganz ordentlich für ein Hilfskonstrukt.
17. Dezember, 2009 at 14:09
Richtig. Ich hab’s ja mitbekommen. Das kommt davon, wenn das Hirn irgendwie grad erkältet ist und das Gedächtnis nachläßt.
17. Dezember, 2009 at 15:08
Danke, Frau Nihilistin für diese erquickliche, passiv aggressive Erläuterung. Von meiner Ablehnung, in diesem Konflikt irgendeine Meinung zu vertreten (auch weil ich mir als Nicht-Jude schlicht dumm und heuchlerisch dabei vorkommen würde) auf eine Verschließung meiner selbst gegenüber jeder Verantwortung für die deutsche Geschichte zu schließen, erschließt sich mir wiederrum nicht.
Es geht es mir darum zu verstehen warum da jemand jemanden hasst, verachtet, pipapo. Für mich ergibt sich aus dem Umstand das mein Opa Stuka Pilot war, nicht automatisch eine Seite in einem anderen Konflikt, auf die ich mich zu stellen habe. Das wäre mir zu einfach.
Und Achmadinedschad, nun, der Herr will Atomenergie und -Waffen, wie alle fortschrittlichen Länder. Dumm nur das er streng religiös, und somit ein fehlgeleiteter Irrer ist.
Ich will nur sagen das Die Komplexität und das mir fehlende, alles durchdringende Hintergrundwissen es verbietet das ich mich einer Seite Anschließe oder mir eine Meinung darüber bilde. Wenn andere das können, prima für sie.
Und solange dies für mich der Fall ist halte ich es wie Herr GermanPsycho es anführt: Es ist mir nicht mehr oder besonders wichtig wer mein gegenüber ist, wenn ich mit ihm umgehe. Das halte ich für recht Gesund…
17. Dezember, 2009 at 18:37
ich finds auch interessant, dass ich rechts und links (die kreis-vorstellung find ich gut) gegen einen “gemeinsamen Gegner” zusammenschließen…
btw. was halten sie von henryk m. broder eigentlich?
18. Dezember, 2009 at 09:16
Broder finde ich großartig. Erstens, weil er fast so gut schreiben kann wie ich, und zweitens, weil niemand hierzulande Dinge so wunderbar pointiert polemisiert wie er.
Und in der Aussage stimme ich ihm recht häufig zu.
18. Dezember, 2009 at 15:03
Merken Sie sich: Kaffee ist immer gut.
25. Dezember, 2009 at 03:27
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,668944,00.html
Ihre Liberalität in Ehren – das Scheitern im Irrsinn im Gefolge von geschichtlicher Nichtwahrnehmung.
Kämpfe weiter, GP.
30. Dezember, 2009 at 02:48
Wir könnten auch Herrn Knopp holen – der Beschuss des Bootes ist dokumentiert. Und die Frage, was England mit Palästina zu tun hat, kann jeder nachlesen.
Und was ihr dann links und rechts macht?
Dunno. In Genf gab es mal eine Konferenz über Menschenrechte. Da war aber niemand.
5. Januar, 2010 at 14:03
Sorry, aber ich verstehs (mal wieder) nicht. Wie kommen Sie jetzt auf die Exodus, abgesehen von der Parallele Israel?
Beim freien Assoziieren wäre ein Hinweis auf den Gedankenverlauf hilfreich…
13. Januar, 2010 at 02:13
Sobald die neuen Waffen, die erst in 50 Metern unter der Erde detonieren handels- und exportreif sínd, sprechen wir uns gerne wieder.
Dazu braucht es keine Assoziation.
18. Januar, 2010 at 09:14
Verzeihen Sie, aber ich verstehe Sie nicht.
20. Januar, 2010 at 00:41
Damit habe ich kein Problem. Käme aber gern bei Bedarf auf das Thema zurück.
Ich hoffe, das war verständlich.
13. Februar, 2010 at 01:12
Hm. Schweigen.
Über Kriege, die kommen, die keiner will, aber zwangsläufig auf der Agenda stehen.
16. Februar, 2010 at 16:58
Schweigen? Ja. Ich blogge ja gerade nicht. Aber was meinen Sie mit Kriegen, die kommen, die keiner will? Solche Kriege gibt es nicht.
Mindestens eine Seite will diesen Krieg immer.
Manche Seiten fordern diesen Krieg auch immer wieder. Und immer lauter. Nur: Wir wollen denen das nicht glauben. Wir glauben lieber, daß sich alle lieb haben.
Und wenn dann Israel irgendwann doch noch mal ausgelöscht wurde, dann können wir immer noch sagen:
„Wir haben das alles doch nicht gewußt”.
17. Februar, 2010 at 15:35
A la “Peace for our time.” (N. Chamberlain; 1938) – oder wie?
18. Februar, 2010 at 08:17
Hallo? Noch jemand da? Mir ist langweilig! Schreiben Sie was!
19. Februar, 2010 at 06:42
*kicher*
Eine herrlich kindliche Forderung.
Aber ich schließe mich dieser uneingeschränkt an.
Nur ist mir nicht langweilig, habe genug zu tun. Ein wenig Ausgleich wäre nett.
24. Februar, 2010 at 09:20
Merci, Sina. Sie hatten das mit dem Hut ja schonmal gemacht, aber ich hörs ja doch irgendwie ganz gern. Öhm, es mag ja nicht jeder meinen Schreibstil ;)