Februar 2010


Leider farblich nicht zum Anzug passend: Blauer Müllsack

Leider farblich nicht zum Anzug passend: Blauer Müllsack

Es ist ruhig an der Elbe, ruhig und kalt. Das Wasser klatscht beruhigend an den Strand, es sind kaum Menschen unterwegs. Ab und an kommt mir ein Pärchen entgegen, guckt mich ob meines völlig unpassenden Aufzugs – dunkelgrauer Kaschmiranzug, Hemd mit rosa Streifen nebst rosa Krawatte, darüber ein grauer Kiton-Mantel in Fischgrätoptik – etwas merkwürdig an, aber ich lächele freundlich und gehe weiter. Vom Weg gehe ich runter, will den Sand wenigstens unter meinen Schuhen spüren, spüre ihn allerdings doch eher in ihnen. Es ist mir egal. Das naßkalte Hamburger Wetter vertreibt die letzten Spaziergänger, wohin ich jetzt auch blicke – es ist niemand mehr da.

In meiner Manteltasche steckt eine Schachtel Zigaretten und eine Dose Bier. Leider beide in derselben Tasche, und dummerweise sind die Zigaretten in einem Softpack.

Ich sehe den Leuchtturm, den, der damals, als ich noch im Kindesalter hier spielte, nicht da war. Er hat mich immer angezogen, dieser Fleck, obwohl er nun wirklich nichts besonderes ist.

Ich steige hinauf, lehne mich über das Geländer, gucke auf den dunklen Fluß. Laut klingt es, als ich mir mit dem Dupont-Feuerzeug eine Gauloises entzünde, noch lauter das Zischen der Bierdose. Dann wieder die Stille, das leise Plätschern der Elbe.

Eine graue Rauchwolke kringelt vor sich hin, ich lasse sie gewähren, es ist schön, daß ihr Weg scheinbar keiner Logik folgt, ich trinke einen Schluck Bier, es schmeckt schal. Ich ziehe den Mantelkragen hoch, heute darf ich das, ich will noch nicht, daß mir kalt ist, ich will noch nicht zurück. Irgendwo klingt Musik aus einem halboffenen Fenster, „sicher Raucher”, denke ich mir, dann setze ich mich halb auf das Geländer, so wie ich das früher immer tat, wenn meine Eltern nicht hinguckten.

Eine wundervolle Melancholie ergreift mich, ich höre mir die Mondscheinsonate an, trinke einen weiteren Schluck aus der lauwarmen Dose.

Ich steige vom Geländer herab, ziehe mir die schwarzen Lederhandschuhe an und gucke auf den mitgebrachten Plastiksack, aus dem noch ein Büschel roter Haare hervorlugt. „Schade,” denke ich mir und werfe ihn in die Elbe.

Vielleicht mal wieder ein paar schwarze Koffer wegbringen?

Vielleicht mal wieder ein paar schwarze Koffer wegbringen?

Beim Aufwachen am Morgen packt mich die Euphorie: Ein langes Wochenende steht bevor. Gut, an sich war der Anlaß ja der, mit meiner mittlerweile Exfreundin einen kurzen Urlaub zu verbringen, aber davon lasse ich mir meine gute Laune nicht vermiesen. Also drehe ich mich nochmal halb um, nehme die Dame neben mir in den Arm und flüstere ihr zärtlich ins Ohr: „Sie müssen morgen arbeiten, ich nicht. Ällabätsch.“

Derartig aufgemuntert schreitet sie gemessenen Schrittes aus dem Zimmer, ich dusche mich in aller gegebenen Ruhe und ziehe mich entsprechend an: Da ja heute quasi Freitag ist, wähle ich einen schwarzen Hugo-Anzug, tailliert geschnitten sowie ein einfaches, weißes Joop-Hemd. Dazu Schnallenschuhe von Lotusse und einen schwarzen Ledergürtel von Gräfin von Lehndorff.

Auf dem Weg zur Arbeit verschönere ich das Hemd noch mit ein paar mittelbraunen Flecken, die ich einer halbvollen Dose Cola entnehme – und der Tag kann kommen. Und er kommt: Bereits kurz nach Eintreffen klingelt das Telefon. Zwischen zwei Gesprächen bleibt kaum Zeit, um eine Zigarette zu rauchen. Dann gucke ich auf die Uhr und es ist kurz nach drei. Wunderbar – der Tag ist fast rum. Einer der Geschäftsführer rennt mit einer Truppe Asiaten wild gestikulierend an meiner gläsernen Bürotür vorbei, ich kann hören, daß er etwas sagt, aber glücklicherweise nicht was.

Ich wende meinen Blick ab, starre auf das Telefon, überleg eine Minute, dann lege ich es neben den Apparat. Erstmal durchschnaufen. 5 Stunden am Stück im Büro zu arbeiten ist doch etwas hart für mich. Muß dringend mal wieder ein paar Termine machen. Am besten im Ausland. Mit Übernachtung.

Oder wenigstens mal wieder nach Frankfurt. Da war ich ja nun auch schon so lange nicht mehr, daß mir der Grund, warum ich die Stadt nicht mag, schon wieder entfallen ist.

Auch langsam Frühling, aber woanders und früher.Der Schnee taut langsam wieder, ich kann ihm dabei zusehen, wenn ich aus dem Bürofenster sehe. Die ansehnliche weiße Decke über Hamburg reißt erst an mehreren Stellen auf, wird dann löchrig, die Ränder werden schmutzig. Bald wird alles mit braunem Matsch eingekleidet sein, inklusive der Hosenbeine vorbeieilender Passanten. Autos werden langsamer fahren, wenn ihre Fahrer höflich sind, ansonsten werden sie Fahrradfahrer und Fußgänger zur neuen Trendfarbe des Frühlings verhelfen.

Ob er heute abend zurückkommt? Wird in der Nacht noch einmal alles aufgefahren, um uns noch einen Tag weiß zu verschaffen? So oder so: Selbst der Schnee scheint zu begreifen, daß es für ihn vorbei ist. Vielleicht bäumt sich der Winter noch einmal auf, aber das wars dann: Wir haben ihn satt. Wir wollen seinen liebreizenden Nachfolger, den Frühling. Auch, wenn wir dann wieder über Regen schimpfen, über Allergien, bald vielleicht schon wieder über die Hitze.

Ich gucke auf die Tasse vor mir, in der heißer Espresso muntere Wellen schlägt. Auch ihn wird es nicht mehr lange geben, jedenfalls nicht in der Tasse. Noch dampft er verheißungsvoll, erzeugt Vorfreude auf die erste Berührung mit dem Gaumen. „Langsam,” sagt er, „trink mich langsam!”

Ich trinke ihn mit einem Schluck leer. Mein Blick wandert über den Schreibtisch, vorbei an den verschiedenen Fenstern der unterschiedlichen Anwendungen, hin zum Telefon. Ein Anruf, den ich lange vor mir hergeschoben habe. Ein Kunde, der wirklich mal wieder gesprochen werden sollte. Eine Partnerfirma, die dringend ein Angebot abgeben sollte. Wenn der Frühling wirklich bald kommen sollte, wird es Zeit für etwas Elan.

Mein Blick wendet sich vom Hörer ab.

Dann gehe ich eine Zigarette rauchen.

Leider gelang es mir nicht, die Mauer komplett einzureissen

Lange war es hier ruhig. Und das hatte natürlich auch einen Grund. Schreibblockade würde ich das nennen, wenn ich den Begriff nicht für völlig unangemessen hielte. Aber machen wir uns nichts vor, sagen wir es, wie es ist, legen wir die Fakten auf den Tisch: Ich hatte geglaubt, der Verzicht aufs Blog wäre gut für mein Privatleben.

„Was ist denn das für Unsinn?” werden Sie jetzt vielleicht fragen, und ich könnte nur mit den Schultern zucken. Man macht ja immer wieder mal hirnrissige Dinge, wenn man verliebt ist.

Am meisten ärgert es mich natürlich, daß ich auch tatsächlich einige ältere Artikel gelöscht habe. Und das auch noch irreversibel. Ist aber leider so. Heißt für mich wohl, daß ich jetzt erstmal wieder aufholen muß.

Das mal so als Einleitung. Die fiesesten Details über Exkollegin F. und mich finden Sie dann später hier. Auch nicht vor.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 27 other followers