Der Schnee taut langsam wieder, ich kann ihm dabei zusehen, wenn ich aus dem Bürofenster sehe. Die ansehnliche weiße Decke über Hamburg reißt erst an mehreren Stellen auf, wird dann löchrig, die Ränder werden schmutzig. Bald wird alles mit braunem Matsch eingekleidet sein, inklusive der Hosenbeine vorbeieilender Passanten. Autos werden langsamer fahren, wenn ihre Fahrer höflich sind, ansonsten werden sie Fahrradfahrer und Fußgänger zur neuen Trendfarbe des Frühlings verhelfen.
Ob er heute abend zurückkommt? Wird in der Nacht noch einmal alles aufgefahren, um uns noch einen Tag weiß zu verschaffen? So oder so: Selbst der Schnee scheint zu begreifen, daß es für ihn vorbei ist. Vielleicht bäumt sich der Winter noch einmal auf, aber das wars dann: Wir haben ihn satt. Wir wollen seinen liebreizenden Nachfolger, den Frühling. Auch, wenn wir dann wieder über Regen schimpfen, über Allergien, bald vielleicht schon wieder über die Hitze.
Ich gucke auf die Tasse vor mir, in der heißer Espresso muntere Wellen schlägt. Auch ihn wird es nicht mehr lange geben, jedenfalls nicht in der Tasse. Noch dampft er verheißungsvoll, erzeugt Vorfreude auf die erste Berührung mit dem Gaumen. „Langsam,” sagt er, „trink mich langsam!”
Ich trinke ihn mit einem Schluck leer. Mein Blick wandert über den Schreibtisch, vorbei an den verschiedenen Fenstern der unterschiedlichen Anwendungen, hin zum Telefon. Ein Anruf, den ich lange vor mir hergeschoben habe. Ein Kunde, der wirklich mal wieder gesprochen werden sollte. Eine Partnerfirma, die dringend ein Angebot abgeben sollte. Wenn der Frühling wirklich bald kommen sollte, wird es Zeit für etwas Elan.
Mein Blick wendet sich vom Hörer ab.
Dann gehe ich eine Zigarette rauchen.