Leider farblich nicht zum Anzug passend: Blauer Müllsack

Leider farblich nicht zum Anzug passend: Blauer Müllsack

Es ist ruhig an der Elbe, ruhig und kalt. Das Wasser klatscht beruhigend an den Strand, es sind kaum Menschen unterwegs. Ab und an kommt mir ein Pärchen entgegen, guckt mich ob meines völlig unpassenden Aufzugs – dunkelgrauer Kaschmiranzug, Hemd mit rosa Streifen nebst rosa Krawatte, darüber ein grauer Kiton-Mantel in Fischgrätoptik – etwas merkwürdig an, aber ich lächele freundlich und gehe weiter. Vom Weg gehe ich runter, will den Sand wenigstens unter meinen Schuhen spüren, spüre ihn allerdings doch eher in ihnen. Es ist mir egal. Das naßkalte Hamburger Wetter vertreibt die letzten Spaziergänger, wohin ich jetzt auch blicke – es ist niemand mehr da.

In meiner Manteltasche steckt eine Schachtel Zigaretten und eine Dose Bier. Leider beide in derselben Tasche, und dummerweise sind die Zigaretten in einem Softpack.

Ich sehe den Leuchtturm, den, der damals, als ich noch im Kindesalter hier spielte, nicht da war. Er hat mich immer angezogen, dieser Fleck, obwohl er nun wirklich nichts besonderes ist.

Ich steige hinauf, lehne mich über das Geländer, gucke auf den dunklen Fluß. Laut klingt es, als ich mir mit dem Dupont-Feuerzeug eine Gauloises entzünde, noch lauter das Zischen der Bierdose. Dann wieder die Stille, das leise Plätschern der Elbe.

Eine graue Rauchwolke kringelt vor sich hin, ich lasse sie gewähren, es ist schön, daß ihr Weg scheinbar keiner Logik folgt, ich trinke einen Schluck Bier, es schmeckt schal. Ich ziehe den Mantelkragen hoch, heute darf ich das, ich will noch nicht, daß mir kalt ist, ich will noch nicht zurück. Irgendwo klingt Musik aus einem halboffenen Fenster, „sicher Raucher”, denke ich mir, dann setze ich mich halb auf das Geländer, so wie ich das früher immer tat, wenn meine Eltern nicht hinguckten.

Eine wundervolle Melancholie ergreift mich, ich höre mir die Mondscheinsonate an, trinke einen weiteren Schluck aus der lauwarmen Dose.

Ich steige vom Geländer herab, ziehe mir die schwarzen Lederhandschuhe an und gucke auf den mitgebrachten Plastiksack, aus dem noch ein Büschel roter Haare hervorlugt. „Schade,” denke ich mir und werfe ihn in die Elbe.