Es ist ruhig an der Elbe, ruhig und kalt. Das Wasser klatscht beruhigend an den Strand, es sind kaum Menschen unterwegs. Ab und an kommt mir ein Pärchen entgegen, guckt mich ob meines völlig unpassenden Aufzugs – dunkelgrauer Kaschmiranzug, Hemd mit rosa Streifen nebst rosa Krawatte, darüber ein grauer Kiton-Mantel in Fischgrätoptik – etwas merkwürdig an, aber ich lächele freundlich und gehe weiter. Vom Weg gehe ich runter, will den Sand wenigstens unter meinen Schuhen spüren, spüre ihn allerdings doch eher in ihnen. Es ist mir egal. Das naßkalte Hamburger Wetter vertreibt die letzten Spaziergänger, wohin ich jetzt auch blicke – es ist niemand mehr da.
In meiner Manteltasche steckt eine Schachtel Zigaretten und eine Dose Bier. Leider beide in derselben Tasche, und dummerweise sind die Zigaretten in einem Softpack.
Ich sehe den Leuchtturm, den, der damals, als ich noch im Kindesalter hier spielte, nicht da war. Er hat mich immer angezogen, dieser Fleck, obwohl er nun wirklich nichts besonderes ist.
Ich steige hinauf, lehne mich über das Geländer, gucke auf den dunklen Fluß. Laut klingt es, als ich mir mit dem Dupont-Feuerzeug eine Gauloises entzünde, noch lauter das Zischen der Bierdose. Dann wieder die Stille, das leise Plätschern der Elbe.
Eine graue Rauchwolke kringelt vor sich hin, ich lasse sie gewähren, es ist schön, daß ihr Weg scheinbar keiner Logik folgt, ich trinke einen Schluck Bier, es schmeckt schal. Ich ziehe den Mantelkragen hoch, heute darf ich das, ich will noch nicht, daß mir kalt ist, ich will noch nicht zurück. Irgendwo klingt Musik aus einem halboffenen Fenster, „sicher Raucher”, denke ich mir, dann setze ich mich halb auf das Geländer, so wie ich das früher immer tat, wenn meine Eltern nicht hinguckten.
Eine wundervolle Melancholie ergreift mich, ich höre mir die Mondscheinsonate an, trinke einen weiteren Schluck aus der lauwarmen Dose.
Ich steige vom Geländer herab, ziehe mir die schwarzen Lederhandschuhe an und gucke auf den mitgebrachten Plastiksack, aus dem noch ein Büschel roter Haare hervorlugt. „Schade,” denke ich mir und werfe ihn in die Elbe.

26. Februar, 2010 at 22:55
So mache ich das hin und wieder am Mississippi in New Orleans.
Der einzige Unterschied: Ich rauche nicht mehr.
26. Februar, 2010 at 22:59
Wie, Sie rauchen nicht mehr? Seit wann das denn? Ich bekam ja gar nix mehr mit.
26. Februar, 2010 at 23:46
Sie gehören zu den exakt drei Menschen auf der Welt (ich habe nachgezählt), die das Wort „scheinbar“ richtig gebrauchen. Dafür möchte ich Ihnen aufrichtig Dank und Hochachtung aussprechen.
26. Februar, 2010 at 23:56
ach, Sie waren das heute? Hätte ich mir ja denken können. Hier treibt der verblichene Rest Ihres Abendwerkes vorbei, während die Kinder arglos am Deich spielen. Aber so ist es, das Leben am großen Fluss.
Schön war sie übrigens mal – bis heute nachmittag (?) Brauchen Sie den Müllsack zurück?
27. Februar, 2010 at 05:48
Ich wollte diesen Eintrag schon vor Stunden kommentieren, allerdings war ich da zu sehr in Feierlaune. Und das erschien mir ob dieses Eintrags einfach nicht angemessen genug. Nun bin ich vom Feiern wieder zuhause und ich muss noch immer sagen und behaupten, dass dies einer der besten und herrlichsten Texte ist, die ich bis jetzt gelesen habe.
So viele Erinnerungen schwingen da bei mir mit. Ich möchte nur kurz an den einen, den von der Mondscheinsonate erinnern. 1995, Capcom bringt Resident Evil 1 heraus und was spielt man dort, relativ am Anfang? Genau, die Mondscheinsonate …
Und Ihr Ende passt auch genau zu dieser Stimmung.
Ich danke Ihnen für diesen Rückblick in meinem jungen Leben und generell für diese Gefühlswelt, die Sie bei mir mit dem letzten Satz aufgebaut haben!
Gute Nacht, bis morgen!
28. Februar, 2010 at 14:58
Matt, wenn ich schon von Ihnen beim Benutzen von Anglizismen erwischt werde…
28. Februar, 2010 at 15:00
Ja, schön war sie mal. Allerdings nicht mehr nach Benutzung des “Chirurgieinstrumente für Anfänger”-Sets.
Den Müllsack können Sie gerne den Kibdern schenken. Ich hab doch so ein grosses Herz.
28. Februar, 2010 at 21:06
Vielen Dank. An Resident Evil 1 erinnere ich mich leider nicht mehr. Aber sehr folgerichtig: die Mondscheinsonate passt perfekt zu dieser art von Spiel
2. März, 2010 at 11:56
Ich rauche aber doch schon seit bald sechs Jahren nicht mehr ;) . Das Jubiläum steht vor der Türe und wird demnächst gefeiert…
6. März, 2010 at 18:35
Scheine dieses Meisterwerk von Schriftstück bewusst überlesen zu haben seit … Wochen. Ganz wunderbar, Sir, geradezu fantastisch!
8. März, 2010 at 21:56
Ach, vielen Dank, Madame. Ich habs gerade nochmal gelesen. Mir gefällt es auch recht gut.