März 2010
Monatsarchiv
27. März, 2010
Ganz wichtig ist es ja, daß wir stets und überall daran denken, wie wir unsere Umwelt schützen können. Und das geht nicht, indem man eventuell solchen Ländern, die am meisten Schmutz in die Gegend pusten, dabei hilft, sich so zu entwickeln, daß sie sich Umweltschutz leisten können. Nein! Richtiger Umweltschutz geht so:
1. Ständig darüber reden.
2. Beim Einkaufen ständig an „Bio”-Gütesiegel denken (denken alleine reicht übrigens)
3. Bei Kleidung darauf achten, daß sie so aussieht, als käme sie aus der Altkleidersammlung (kann aber ruhig in China produziert und per Schiff oder Flugzeug hierher gebracht worden sein )
4. Bei allen anderen Aktivitäten: Ebenfalls darüber nachsinnen, ob man nicht vielleicht irgendwie den Umweltschutz beachten könnte.
Also muß man auch über das Thema Sex nachdenken. Denn es ist ja einerseits völlig klar, daß Sex eventuell zu Kindern führen kann – und schon ein einziges Kind produziert genug CO2, um Sandbänke im Meer verschwinden zu lassen. Andererseits muß aber auch berücksichtig werden, daß Menschen sich beim Sex anstrengen. Die meisten jedenfalls. Und Anstrengung führt ja – genau: zu erhöhter CO2-Produktion.
Wie man also ein klimafreundliches Sexualleben führen sollte, darüber klärt uns dankenswerterweise die künftige Ministerin zur Schlafzimmerüberwachung, Iris Weiss, auf.
Ich persönlich hefte mir übrigens jetzt erstmal das Klimakreuz 1. Klasse an: Da ich momentan Single bin, ist die Gefahr, einen pupsenden Klimasünder in die Welt zu setzen, eher gering.
25. März, 2010

Das Grauen hoch drei
Es wird Frühling. Das ist nun an sich keine besonders neue Erkenntnis, aber sie ist doch so schwerwiegend. Gut, das Offensichtliche zuerst: Der Schnee ist weg. Und es ist wärmer. Es wird also Zeit, den liebgewonnenen Kiton-Wintermantel, den ollen Joop-Kaschmirmantel, die M65-Armeejacke und zumindest das Innenfutter der Barbour-Jacke wieder in den Wandschrank zu hängen.
Es beginnt wieder die Zeit, in der über Männerhandtaschen diskutiert wird, weil es ja nun einmal jeden Frühling immer wieder verblüffend ist, daß meine sieben Sachen nicht in den Sakko- und Hosentaschen unterbringen kann. Jedenfalls nicht, ohne total scheiße auszusehen.
Es bedeutet aber auch, daß die Damenwelt sich wieder daran erinnert, außer dicken Hosen und Pullis auch noch kurze Röcke und tiefausgeschnittene Blusen zu besitzen. Und natürlich begrüße ich diesen Trend. Es mögen sich allerdings doch bitte nicht unbedingt alle Menschen gleichermaßen präsentieren: Die ungefähr 70jährige Dame, die mir vorhin beim Mittagessen entgegenkam, die möge sich bitte wirklich noch einmal in Ruhe überlegen, ob es tatsächlich eine gute Idee ist, in ihrem Alter noch nackte Beine bis zum Hintern, nackte Schultern und nahezu die kompletten Brüste zu zeigen.
Andererseits: Wenn ich sehe, wie meine Geschlechtsgenossen wieder ihre Trekkingsandalen nebst passenden Tennissocken hervorkramen, dann will ich eigentlich gar nichts gesagt haben.
24. März, 2010
Es ist ja unglaublich, wie großartig es sich anfühlt, wenn man nach längerer Abstinenz mal wieder den Körper in Form bringt. In den letzten Wochen habe ich mir ein rigeroses Trainingsprogramm auferlegt, bzw. auferlegen lassen. Nicht so, wie in dem alten Laden, bei dem ich immer gleich 2,5 Stunden herumwerkelte (und entsprechend wenig Lust darauf hatte), sondern einfach nur jeweils eine Stunde pro Tag, dafür aber regelmäßig. Also abwechselnd einen Tag Gewichte stemmen und einen Tag laufen oder Fahrrad fahren. Und siehe da: Die ersten sichtbaren Ergebnisse sind schon nach wenigen Wochen da.
Diese Dinge sind in meiner Branche natürlich überlebenswichtig. Wie oft passierte es in der Vergangenheit, daß ich einer Joggerin nicht folgen konnte, weil meine durch Zigaretten und wenig Bewegung angegriffene Lunge mir den Dienst verweigerte? Oder daß ich beim Zuschlagen mit der Axt vielleicht nur die Schulter traf, weil meine Arme das schwere Gerät nach dem dritten Opfer einfach nicht mehr so hoch schwingen konnten?
Also, als kleiner Tip unter uns Serienkillern: Es mag zwar blöde aussehen, unter den ganzen Beratertypen und Hausfrauen an diesen doofen Maschinen zu hängen, aber es erhöht die Erfolgsquote ungemein.
23. März, 2010

Drei Stunden später
„Dann will ich mal meine Meinung dazu sagen,” flötet der Kundenmitarbeiter mit den lockigen Haaren, und beginnt eine längere und recht langweilige, immerhin von keinerlei Sachkenntnis getrübte, dafür aber mit großem Pathos – und viel Speichel – vorgetragene Rede.
Neben mir sitzt mein Chef, der anscheinend seinen Geist in einem anderen Termin geparkt hat, jedenfalls ist ihm nicht anzusehen, daß er irgendetwas zum Thema zu sagen hätte.
Ich versuche, mein Gegenüber durch den alten Schirmchentrick* etwas zur Ruhe zu bringen, aber er ist gerade dabei einen Komperativ zu einem gerade erst gebrachten Superlativ zu finden, dabei verdreht er die Augen halb nach innen und halb nach oben, was ihm eine düstere, allerdings auch leicht grotesk-komische Note verleiht.
„Gut, wenn wir dann soweit sind, sollten wir das Gespräch vielleicht durch Anwälte führen lassen,” sage ich relativ ruhig und beginne, meine mitgebrachten Unterlagen zu schließen, in denen übrigens ein äußerst kulanter Lösungsvorschlag für das Problem skizziert ist. Mein Chef guckt mich ziemlich irritiert an, packt dann aber immerhin seine Sachen ebenfalls zusammen, bis mich der Vorgesetzte des Rhetorik-Künstlers anspricht: „Niemand will hier irgendetwas anhalten. Wir sind doch hier, um gemeinsam eine Lösung zu finden.” Sein Blick in Richtung Mitarbeiter funkelt böse, aber der ist gerade damit beschäftigt, seine Locken zu sortieren, die anscheinend durch die ruckartigen Bewegungen etwas durcheinander geraten sind.
Wenn dieses Spiel gewünscht ist, kann ich es durchaus ertragen, aber es ist so überaus langweilig, ein schlecht einstudiertes Beispiel von „good cop / bad cop” zu sehen, daß mich die Langweile an der Verhandlung ergreift. Ich streiche auf dem Notizblock für meinen Chef gut ersichtlich das Kulanzangebot heraus und frage in die Runde, wo wir denn den Rotstift ansetzen wollen. Wobei ich mir persönlich bereits eine Notiz gemacht habe, bei wem ich später noch rot sehen möchte.
*Wenn sich der Gesprächspartner in Rage redet, hilft es häufig, symbolisch einen kleinen oder großen Regenschirm vor sich aufzuspannen, um ihm seinen Speichelfluß zu verdeutlichen
22. März, 2010
Die Hektik des Tages fällt von mir ab, als ich in die Tür hereinkomme. Es ist ruhig in der Wohnung, nur das Fiepen der Heizung und das Summen verschiedener elektrischer Geräte ist zu vernehmen, es hüllt das Wohnzimmer in einen Geräuschteppich, der nach Maschinenraum klingt. Auf dem Boden liegen Pizzakartons, Schokoladenverpackungen; einige Flaschen Füchschen-Alt scheinen mir den Weg versperren zu wollen, aber ich ignoriere sie weitgehend. Der auf „Zufall” gestellte iPod spielt den unsäglichen Kate-Winslet-Schlager „What if” ab, und schneller als ich auf „skip” drücken kann, habe ich ein Astra in der Hand und lausche den unerträglichen Worten.
Many roads to take
Some to joy
Some to heart-ache
Anyone can lose their way
And if I said that we could turn it back
Right back to the start
Would you take the chance and make the change
Do you think how it would’ve been sometimes
Do you pray that I’ve never left your side
What if I had never let you go
Would you be the man I used to know
If I’d stayed
If you’d tried
If we could only turn back time
But I guess we’ll never know
Als ich die Dose nach dem ersten Schluck – sie ist fast leer – absetze, stelle ich fest, daß ich eine Gauloises im Mund habe. Da sie schon einmal da ist, zünde ich sie an und inhaliere tief, versuche dann erfolglos, Rauchkringel zu formen, was dem Ganzen noch irgendwie eine komische Note gegeben hätte.
Gerade als Kate zum HTW (hysterischer Tonlagenwechsel) ansetzt, bringe ich es endlich über mich, eine andere Wiedergabeliste zu aktivieren. Den HTW bekomme ich daher glücklicherweise nur zur Hälfte mit, den nächsten Song dafür aber gar nicht.
„Immerhinque,” raune ich mir zu, während ich mir gedanklich immer wieder in die Fresse haue, weil ich mir diesen unsäglichen Ausdruck meines Lateinlehrers wirklich gemerkt habe, ihn sogar noch benutze, wenn auch immerhin nur zu mir selbst, „immerhinque (ich schlage erneut zu) weiß ich ja, wie die Frage zu beantworten ist.
Passenderweise spielt der blöde iPod nun „If I could turn back time” von Cher ab, und ich frage mich, wer solch einen Unsinn überhaupt speichert, aber das war wohl ich.
I don’t know why I did the things I did I don’t know why I said the things I said
Pride’s like a knife it can cut deep inside
Und es wird schlimmer: Ich beginne, eventuell von dem überhastigen Genuß zweier Astra auf ziemlich nüchternen Magen über die Maßen deprimiert, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Was wäre denn, wenn das alles irgendwie zu retten wäre? Wenn ich nicht die Frau, für die ich am meisten empfunden habe in meinem nicht mehr so jungen Leben, einfach hätte gehen lassen? Wenn ich auch beim 6. Mal so reagiert hätte, wie die anderen Male zuvor? Vielleicht läge ich dann jetzt nicht halbbetrunken im Wohnzimmer, schriebe blödsinnige Blogeinträge, sondern spazierte mit ihr an der Elbe entlang, mit dem Wissen, daß der Abend nicht mit dem Nachhausekommen endete?
Meine Finger streicheln über das iPhone. Es sind nur ein paar Klicks, ich muß gar nicht hingucken. Es klingelt. Mein Herz pocht, mein Hirn brüllt mich an: „Lassen Sie den Scheiß!” (ich sieze mich immer, wenn ich sauer auf mich bin)
Bis sich am anderen Ende eine Stimme meldet: „Ey, Alda, was geht?”
Und ich feststelle, daß es durchaus Vorteile hat, Freunde zu haben, die auch mit F. beginnen.
18. März, 2010
Aus lauter Faulheit habe ich XBox-Live einfach mal abonniert. Das ist zwar ziemlich blöde von mir, da ich den Dienst kaum nutze, aber als ich das Abonemment abschloß, war ich eben begeisterter Modern-Warfare-Online-Spieler.
Nun lief also meine Kreditkarte ab. Ein relativ normaler Vorgang, möchte man meinen. So normal, daß es sicher eine ganz einfache Möglichkeit gibt, die Karte neu einzugeben. Nicht jedoch bei Microsoft, zumindest nicht, als ich die neue Kreditkarte erhielt. In dem erstem Menü verweigerte man mir, die Karte zu ändern, im anderen, die neu eingegebene Karte als Standardkarte zu wählen. Beim Versuch, das ganze über den Rechner zu machen, wurde ich mit nicht funktionierenden Websites erfreut. Vermutlich erwartet Microsoft einen Internet Explorer, der aber nun für Mac OS nicht verfügbar ist.
Nun, mir ist es letztlich egal, sollen die halt das Abo kündigen, ich brauche es eh gerade nicht.
Nach einer angemessenen Wartezeit (mehrere Wochen) merkte dann auch Microsoft, daß meine Karte abgelaufen war, und schickte mir eine ihrer grandiosen Support-E-Mails: Bitte antworten Sie nicht, bitte kontaktieren Sie uns nicht, bitte tun Sie einfach nur, was wir sagen und melden sich dann nie wieder, während wir Ihr Konto leerräumen.
Und ich dachte mir, na gut, Dialog ist denen zu anstrengend, dann will ich wenigstens bezahlen dürfen. Bin ja ein einfacher Kunde.
Als ich auf die Links klickte, hinter denen sich die URL zum Bezahlen befinden sollten, bekam ich folgendes zu sehen:

MS-Fail Nr. 1: Server zum Bezahlen nicht erreichbar

MS-Fail Nr. 2: Fachchinesisch?
15. März, 2010

Zerstörte die Pferdeindustrie: Perfider Fortschritt
Was passiert eigentlich momentan in der politischen Debatte?
Mich wundert es nicht, daß der politische Gegner versucht, aus jedem noch so nichtigen Anlaß Kapital zu schlagen. Das ist relativ normal, wenn auch gefährlich: Vielleicht kommt ja sonst auch mal raus, daß die Grünen Klientelpolitik für Umweltschützer machen. Aber ich schweife ab. Ich frage mich ja, was man dem Mann noch alles vorwerfen kann. Oder wie es letztens Herr Fleischhauer auf Twitter sagte: „Jetzt auch das noch: Guido Westerwelle hat FDP gewählt. Langsam wird es eng für den Außenminister.”
Er nimmt also seinen Lebensgefährten mit auf Dienstreisen? So, wie alle Außenminister vor ihm. Nur, daß Westerwelles Lebensgefährte ein Mann ist. Frau Merkels übrigens auch. Glaubt man nicht, ist aber so.
Und dann nimmt er auch noch Unternehmen mit bei Reisen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland bewerben sollen. Unternehmen! Heuschrecken! Pah! Hätte der mal lieber Arno Dübel mitgenommen!
Es kann jedenfalls nicht sein, daß er aufgrund seiner Äußerungen so angefeindet wird. Denn die decken sich ja mit dem, was auch SPD-Leute mittlerweile sagen. Und sind auch inhaltlich nicht so unsinnig: Das Geld, das für staatliche Hilfszahlungen an Bedürftige gebraucht wird, muß irgendwer verdienen. Hah! So beginnt Ausschwitz, möchte man da ausrufen! Da fängt Gewalt doch schon an!
Der Schaum, mit dem seine Kritiker zu Felde ziehen, die immer abstruseren Vergleiche mit einem der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte – all das kann nicht allein daran liegen, daß er uns in Erinnerung ruft, was wir in Griechenland übrigens auch mit eigenen Augen erkennen könnten: Daß wir über unsere Verhältnisse leben. Daß wir Gleichheit der Menschen als wichtiger ansehen als Gleichheit der Chancen. Daß wir von „sozialer Gerechtigkeit” faseln, aber in Wirklichkeit Neid und Mißgunst meinen.
In einer demokratischen Kultur ist es völlig legitim, eine andere Auffassung zu haben. Hier geht es aber nicht mehr um eine inhaltliche Diskussion. Es scheint darum zu gehen, jegliche abweichende Meinung nicht durch Argumente zu widerlegen sondern durch Schüren von Hass, durch Ausgrenzen mit Nazivergleichen, durch gespielte Empörung. Arbeit muß mehr Geld bringen als Arbeitslosigkeit? Ist das etwa falsch? Geld, das ausgegeben wird, muß auch eingenommen werden? Ist das ein Nazitext?
Oder wollen wir einfach die Wahrheit nicht mehr hören? Daß wir uns unseren Sozialstaat momentan nicht mehr leisten können? Sind wir deswegen so empört, weil wir wissen, daß er Recht hat? Stampfen wir mit dem Fuß auf und sagen „ich WILL aber”, obwohl wir ahnen, daß es nichts bringt?
12. März, 2010

Hab ich immer gehasst: Nerdhumor
Vor einiger Zeit sagte mir ein mittlerweile von mir sehr geschätzter Kollege etwas, das ich im ersten Moment als esoterisch angehauchten Unfug beseite schob. Er sagte mir:
„GP, wenn Sie sich über etwas ganz besonders ärgern, dann liegt es vielleicht daran, daß sie selbst diese Eigenschaft aufweisen.” (Natürlich nannte mich der Kollege nicht „GP” und siezte mich auch nicht, aber das spielt ja keine Rolle.)
Was für ein Unsinn, dachte ich mir, schließlich ärgere ich mich ja genau über solche Sachen, die ich nicht akzeptieren kann. Doch der Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte jedesmal, wenn ich mich ärgerte, darüber nach, ob nicht ein wenig Wahrheit drin steckte.
1. Ich ärgerte mich maßlos über einen Kollegen, der einfach wichtige Arbeit liegen läßt, weshalb wir beim Kunden schlecht dastehen. Auf meinem Schreibtisch häufen sich die Rechnungen, die ich endlich einmal abzeichnen sollte.
2. Ich ärgerte mich über eine Frau, die laut im Restaurant über Beziehungsdinge sprach. In meinem Blog schrieb ich über sie.
3. Ich ärgere mich maßlos über Menschen, die erstmal kategorisch eine Meinung ablehnen, wenn sie aus dem falschen Mund kommt. Wenn ich einen Beitrag in der TAZ lese, dann nur, um herauszufinden, ob ich daraus nicht einen satirischen Blogartikel machen kann.
Es läßt sich nicht leugnen: So völlig unbegründet ist die Vorstellung nicht, daß wir bei anderen Menschen genau die Dinge am meisten hassen, die wir in uns selbst als Schwäche erkannt haben. Oder vielleicht auch: hatten?
So trug ich beispielsweise früher recht gerne Holzfällerhemden. Oder Jeans und Jeanshemd. Recht häufig auch Hemden mit… ach nein, lassen wir das. Das glauben Sie mir ja doch nicht.
11. März, 2010

Blick aufs Meer
(Gegenentwurf zu Projektion I)
Sie wachten gemeinsam auf, so wie schon seit dreißig Jahren. Die Sonne schien durch das Dachfenster, streichelten zunächst ihr dann sein Gesicht. Er grummelte, drehte sich um und sah sie an. Natürlich war die Zeit nicht spurlos an ihr vorübergezogen, hatten die Lachfältchen um die Augen vergrößert, die Runzeln in der Stirn. Aber er sah in ihr nur die Frau, die er schon immer gesehen hatte und die er immer sehen würde, egal, ob sie 30 oder 80 wäre.
Langsam kam Bewegung in sie. „Ist es schon so spät? Unsere Kinder kommen doch heute mit den Kleinen. Zum Essen!“ Und in der Tat hatte er das völlig vergessen: So wie jede zweite Woche kam die ganze Horde diverser Kinder und Enkel, um sich einmal bei den Großeltern den Magen vollzuschlagen.
Nach der Dusche kleidete er sich an, sie mußte schmunzeln: Immer noch wählte er sorgsam Hemd und Anzug, fragte sich (und immer noch auch immer sie, obwohl sie ihm schon vor Jahrzehnten gesagt hatte, daß sie dafür kein Auge habe), welche Krawatte er dazu tragen könne und band den Knoten wie immer so sorgsam, daß die Krawatte exakt auf der Gürtelschnalle auflag.
Sie blickte aus dem Fenster. Der kleine, aber mit Sorgfalt betriebene Garten blühte in der herrlichen Frühlingssonne, dahinter erkannte sie die Elbe. Es war ein guter Kompromiss gewesen, hierher zu ziehen. Nicht allzu weit weg von der Großstadt, nahe genug, falls etwas passieren sollte, aber auch weit genug entfernt, um die Geräuschkulisse hupender Autos, heulender Sirenen und betrunkener Teenager nicht mehr hören zu müssen.
Aus der Küche hörte sie Geschirr klappern. Er schien also wieder helfen zu wollen. Sie lächelte in sich hinein. Natürlich machte es ihr insgesamt mehr Arbeit, aber sie stritten darüber nicht mehr. Überhaupt waren die Streitereien seltener geworden, seitdem er aufgehört hatte, ihr das Greenpeace-Abonemment auszureden. Und sie regte sich über seine Unfähigkeit in der Küche auch nur noch ein kleines bißchen auf.
Drei Stunden später.
Die Kinder waren aus dem Haus. Wie üblich gab es eine Meinungsverschiedenheit über erzieherische Maßnahmen, obwohl sie beide wußten, wie unsinnig das war: die Enkel waren nicht ihre Verantwortung. Das Gespräch war ein liebgewonnenes Ritual, dessen Reiz sich für Außenstehende nur schwer erschloss.
Kurz dachte sie an den Moment zurück, damals, als alles auf der Kippe stand. Wie froh sie war, damals ihrem Impuls nicht nachzugeben. Und auch er erinnerte sich, und freute sich, damals nicht so schnell aufgegeben zu haben. Die Sonne ließ die kleine Küche in hellem Glanz leuchten, sie schien die Falten aus ihren Gesichtern zu strahlen, die Bewegungen aufzuhalten, die Szene erstarren zu lassen.
Sie guckte nach vorne. „Was für ein merkwürdiger Tagtraum,” dachte sie noch, bevor sie den Mann auf dem Zebrastreifen sah.
Er hörte Reifen quietschen und blickte nach links. Konnte es sein? Sah er im heranrauschenden Auto wirklich die Frau, an die er gerade eben zufällig gedacht hatte?
Während beide sich einen kurzen Moment lang ansahen, sich aufeinander zubewegten, guckte sie noch einmal in sein Gesicht: Die Haare, die Augen, der konzentrierte Blick. So hatte sie ihn vor 30 Jahren gesehen, als sie die Sachen aus der Wohnung räumte, weil es nicht mehr sein sollte.
Und als Schädelknochen aufeinander trafen, Blech in beide Körper drückte und das Blut einen großen See bildete, vereinigten sich ihre Körper zum letzten Mal.
10. März, 2010

Gedeckter, leerer Tisch: Passend zur Stimmung
Zum ersten Mal seit langem ist es komplett dunkel und ruhig, als ich in die Wohnung trete. „Zu ruhig,” flüstert mir mein durch den allzu häufigen Konsum schlechter Westernfilme leicht rammdösig gewordenes Hirn zu, aber ich ignoriere es, indem ich mich auf den langsam einsetzenden Muskelkater konzentriere, ihm etwas Milchsäure zum Futtern hinstelle, und ihn zärtlich unter der Haut kraule.
Ich setze mich auf die Couch, noch völlig verschwitzt vom Training, räume einige Pizzakartons beiseite, sammele Plastikflaschen auf, stapele alte Rechnungen, Korrespondenzen, Erklärungen zu einem großen Haufen und werfe den ganzen Müll weg. Heute gibt es keine gelbe Tonne, keinen Altpapiercontainer, ja nicht einmal Flaschenpfand.
Es ist angenehm in der leeren Wohnung, jedenfalls ein paar Minuten lang. Ich setze mich aufrecht hin, nehme die Fernbedienung in die Hand und versuche zu ergründen, warum „Heavy Rain” jetzt die Revolution der Videospiele einläuten soll. Leider erfolglos, denn bereits nach zehn Minuten langweile ich mich so sehr, daß ich in die Dusche wanke, anschließend einkaufen gehe.
Und dann wird mir bewußt, daß jemand fehlt: die Mitbewohnerin. Ach ja: sie wird wohl heute länger arbeiten. Also hätte ich ja endlich mal Zeit, ein wenig zu zocken. Also genau das, was mir früher immer so fehlte. Und doch funktioniert es nicht. Ich lande irgendwann beim Unterschichtenfernsehen (Verzeihung! Ich weiß, daß man mittlerweile von Milieus spricht), die Schachtel Gauloises guckt mich fragend an, ich gebe ihr nach, drücke die Zigarette aber nach dem ersten Zug wieder aus.
Jetzt verstehe ich: Ich bin ja gerade wieder auf Entzug. Daher wohl das leicht Unstete. Vielleicht sollte ich, statt unsinnigerweise einen Zug von der Zigarette zu nehmen, einfach mal wieder an die Elbe gehen? Das bringt mich immer auf andere Gedanken.
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