Drei Stunden später

Drei Stunden später

„Dann will ich mal meine Meinung dazu sagen,” flötet der Kundenmitarbeiter mit den lockigen Haaren, und beginnt eine längere und recht langweilige, immerhin von keinerlei Sachkenntnis getrübte, dafür aber mit großem Pathos – und viel Speichel – vorgetragene Rede.

Neben mir sitzt mein Chef, der anscheinend seinen Geist in einem anderen Termin geparkt hat, jedenfalls ist ihm nicht anzusehen, daß er irgendetwas zum Thema zu sagen hätte.

Ich versuche, mein Gegenüber durch den alten Schirmchentrick* etwas zur Ruhe zu bringen, aber er ist gerade dabei einen Komperativ zu einem gerade erst gebrachten Superlativ zu finden, dabei verdreht er die Augen halb nach innen und halb nach oben, was ihm eine düstere, allerdings auch leicht grotesk-komische Note verleiht.

„Gut, wenn wir dann soweit sind, sollten wir das Gespräch vielleicht durch Anwälte führen lassen,” sage ich relativ ruhig und beginne, meine mitgebrachten Unterlagen zu schließen, in denen übrigens ein äußerst kulanter Lösungsvorschlag für das Problem skizziert ist. Mein Chef guckt mich ziemlich irritiert an, packt dann aber immerhin seine Sachen ebenfalls zusammen, bis mich der Vorgesetzte des Rhetorik-Künstlers anspricht: „Niemand will hier irgendetwas anhalten. Wir sind doch hier, um gemeinsam eine Lösung zu finden.” Sein Blick in Richtung Mitarbeiter funkelt böse, aber der ist gerade damit beschäftigt, seine Locken zu sortieren, die anscheinend durch die ruckartigen Bewegungen etwas durcheinander geraten sind.

Wenn dieses Spiel gewünscht ist, kann ich es durchaus ertragen, aber es ist so überaus langweilig, ein schlecht einstudiertes Beispiel von „good cop / bad cop” zu sehen, daß mich die Langweile an der Verhandlung ergreift. Ich streiche auf dem Notizblock für meinen Chef gut ersichtlich das Kulanzangebot heraus und frage in die Runde, wo wir denn den Rotstift ansetzen wollen. Wobei ich mir persönlich bereits eine Notiz gemacht habe, bei wem ich später noch rot sehen möchte.

*Wenn sich der Gesprächspartner in Rage redet, hilft es häufig, symbolisch einen kleinen oder großen Regenschirm vor sich aufzuspannen, um ihm seinen Speichelfluß zu verdeutlichen