April 2010
Monatsarchiv
29. April, 2010
(Bildunterschrift: Homöopathisches Photo)
„Probieren Sie doch einfach mal ein homöopathisches Medikament,” rät mir die freundliche Apothekerin, und ich drehe mich um und verlasse das Geschäft. Wer mit diesem Humbug handelt, der soll mein Geld nicht bekommen.
Wieso ich mit der Homöopathie so ein Problem habe, werden Sie sich vielleicht fragen. Und ich sage es Ihnen gerne.
Zunächst einmal muß mit einem Vorurteil aufgeräumt werden: Zwar glauben 83% der Deutschen, der Begriff stünde für „pflanzliche Arzneimittel”. Doch das ist einfach falsch: Die Homöopathie ist eine esoterische Heilslehre, die auf die Thesen eines einzigen Menschen zurückgehen. Und diese Thesen sind für Anhänger der Homöopathie nicht angreifbar. Der Grundsatz, der bei allen wissenschaftlichen Forschungen stets zugrunde liegt, nämlich der, daß jede Erkenntnis sich stets überprüfen lassen muß, wird mit Füßen getreten. Wer an die grundlegenden Thesen nicht glaubt, der kann mit der ganzen homöopathischen Medizin auch nichts anfangen.
„Aber es wirkt doch bei XY” höre ich dann oft, wobei XY ein entfernter Bekannter, ein Freund oder der eigene Hund sein kann. Niemals aber konnte in einem ganz sauberen, überprüfbaren und objektiven Test gezeigt werden, daß die Homöopathie über einen reinen Placebo-Effekt hinausgeht.
Wie auch? Wenn doch noch nicht einmal nachgewiesen werden konnte, daß in einem dieser ominösen Globuli überhaupt wirksame Medikamente enthalten sind!
Der Placebo-Effekt hingegen ist ebenfalls mit vielen Vorurteilen belastet: Es ist nämlich nicht so, daß nur Idioten auf diesen Effekt „hereinfielen”. Nein, der Placebo-Effekt beschreibt eigentlich die Selbstheilungskräfte des Körpers, die von außen durch nicht-medikamentöse Reize beeinflußt werden. Sprich: Der Körper reagiert, weil der Geist ihm sagt, alles sei gut. Dieser Effekt ist gut dokumentiert und auch wissenschaftlich belegbar. Da viele homöopathisch praktizierende „Ärzte” sehr gut darin sind, dem Patienten ein gutes Gefühl bei der „Beratung” zu geben, ist es durchaus einleuchtend, warum eben auch inhaltslose Präparate zu helfen scheinen.
Wir stellen also fest:
1. Die Grundlage muß geglaubt werden, sie ist nicht wissenschaftlich begründbar. Sie ist hunderte von Jahren alt.
2. Die Inhaltsstoffe, die auf Krankheiten wirken sollen, sind in objektiven Versuchen nicht nachweisbar.
3. Die Ergebnisse der Anwendung entsprechen denen von Placebos, was ja auch logisch ist, da homöopathische Arzneimittel (siehe 2.) nichts anderes sind.
Sofern irgendein Homöopath einen Beweis dafür hätte, daß seine Kügelchen etwas bewirken, hätte er sich recht locker mal 100.000 Euro verdienen können. Bisher hat das allerdings noch niemand geschafft.
Womit aber habe ich ein Problem, mag sich der geneigte Leser fragen, wenn die Leute Schrott kaufen wollen? Und es stimmt: An sich habe ich gar kein Problem damit. Ich selbst trage ja nun gerne auch Anzüge, deren Mehrwert in keinem Verhältnis zum Preis steht.
Aber: Allein dadurch, daß es in Apotheken verkauft, offiziell beworben und sogar teilweise von Krankenkassen (TKK) finanziert wird, entsteht bei einigen Leuten der Eindruck, daß es sich hierbei um Medizin im Sinne des Wortes handelt. Und wenn dann mit irgendwelchen Placebos versucht wird, eine wirklich schwere Erkrankung zu behandeln, vielleicht sogar bei den eigenen Kindern, die dagegen gar nicht protestieren können, dann platzt mir doch der Kragen. Hier wird bewußt hingenommen, daß Menschen schwer erkranken oder sterben, weil man ihnen nicht professionell hilft.
Wenn Sie sich dem Thema von dieser Seite nähern, bekommt dieser gutmütig dreinblickende „Alternativmediziner” auf einmal ein ganz anderes Antlitz.
Die beruhigende Notiz am Rande: Im Gegensatz zur homöopathischen Lehre sind Überdosen bei Globuli gar nicht schlimm. Sie bewirken dasselbe wie die vorgeschriebene Dosierung. Nämlich nicht.
Zurück zur Apothekensituation. Es wird Zeit für einen kurzen Selbstversuch. Ich klappere, da ich sowieso gerade Lust auf einen kleinen Spaziergang habe, alle erreichbaren Apotheken in der Nachbarschaft ab und frage bewußt nach homöopathischen Medikamenten. Ich habe mir das Ziel gesetzt, nur dann einzukaufen, wenn meine Frage verneint wird, oder ich wenigstens einen kritischen Hinweis diesbezüglich erhalte.
Glücklicherweise habe ich zuhause noch eine Ersatzpackung meines Antiallergikums.
26. April, 2010

Verdammter Frühling
Ob ich mich in die nette und durchaus attraktive Dame verlieben werde, bei der ich die Nacht verbracht habe, frage ich mich. Nein, vermutlich nicht, antworte ich mir selbst, und immerhin ist sie auch so schlau, das zu wissen, nachdem wir uns soviele Jahre kennen. Sind es schon zehn?
Also drehen wir alles zurück, so, das nichts passiert ist. Warum auch nicht? Wir sind ja erwachsene Menschen, die können auch mal miteinander schlafen, ohne gleich in große romantische Gefühle auszubrechen. Obwohl wir beide eigentlich nichts anderes wollen, nur halt nicht miteinander.
Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf, also laufe ich ein wenig durch den Park auf der anderen Straßenseite, hinunter zur Elbe, sehe viel zu viele glückliche Pärchen, teilweise mit Kinderwagen, renne schon wieder zurück, ernte verständnislose Blicke, die ich mit irrem Grinsen quittiere und falle direkt wieder ins Bett, ziehe die Decke über den Kopf und warte auf das unvermeindliche Monster, das mich jetzt endlich fressen soll, verdammt! Das Mistvieh kommt natürlich nicht, wie immer, wenn man es mal braucht.
Beim Aufräumen (Hektik und Betriebsamkeit sind ja immer anzuraten in solchen Situationen) fällt mir auch noch ein Bild in die Hände, eines, das zeigt. warum es mir geht, wie es mir nunmal geht. Ich schmeiße es nicht sofort weg. Betrachte es ausführlich. Erinnere mich an die gar nicht so geglückte Veranstaltung, auf der es aufgenommen wurde. Erinnere mich an andere Begebenheiten. Schönere Bilder. Hässliche Bilder. Wundervolle Bilder. Ich weiß ja, daß es nichts gab, das ich hätte tun können, aber das hilft mir nicht.
Also packe ich das Photo in den Müll. Natürlich äußerst behutsam, damit ich es zehn Minuten später wieder an seinen alten Platz legen kann. Wieder unter einen Stapel Papiere, auf daß es mir zu einem ungünstigen Zeitpunkt wieder in die Hände fallen möge.
„Schöne Frau,” sagt meine neue Mitbewohnerin, die just in dem Moment zur Türe hineinkommt, drückt mir ein Astra in die Hand, steckt mir eine Zigarette in den Mund, schleppt mich auf den Balkon und bringt mich die nächsten Stunden auf andere Gedanken.
22. April, 2010

Kollegen mit Grammatik Schwäche
„Wieso haben Sie denn einen Knoten im Mauskabel?” fragt mich der Kollege in seiner Fernfahrerweste unschuldig. „Um mich daran zu erinnern, daß ich Sie damit erwürgen wollte,” gebe ich so sanft wie möglich zurück, und der Kollege verzieht sich wieder ins Großraumbüro, nicht ohne vorher der Sekretärin zuzuraunen „mal wieder miese Laune heute”.
Eine Kollegin kommt vorbei, guckt mich mürrisch an, ich verziehe den Mundwinkel etwas. Immerhin: Wir verstehen uns. Sie hat anscheinend einen Mordskater von gestern, ich hingegen habe überhaupt keinen Grund: Ich habe fast 12 Stunden geschlafen, war konsequent beim Sport und freue mich aufs Wochenende: Junkhead aus Frankfurt gibt sich die Ehre, außerdem wird die neue WG am Sonnabend offiziell eingeläutet.
Vermutlich ist es einfach die Frühjahrsallergie, die sich anders nicht mehr zu Wort melden kann, da ich heute morgen in einem Anfall vorausschauender Planung ein Antiallergikum eingeworfen habe. Wer weiß?
Jedenfalls nehme ich das Mauskabel, tappe müde zu dem Kollegen, erdrossele ihn ohne große Freude und gucke dann die Sekretärin an. Sie weint nicht, sie scheint noch nicht einmal besonders besorgt zu sein. Aber sie ist anscheinend ziemlich sauer. „Können Sie damit nicht warten, bis ich weg bin?” blafft sie mich an und ich merke, daß dieser Tag nicht zu meinen besten gehören wird. Also rolle ich das Kabel sauber wieder auf, setze den Kollegen vor sein MacBook und starre aus dem Fenster.
Im Laufe des Tages bringen der Kollege und ich es immerhin auf drei Besprechungen, bei denen wir aus unterschiedlichen Gründen nichts von uns geben.
Am Abend setze ich ihn in sein Auto, schalte den Motor ein und spaziere in Ruhe nach Hause. Vermutlich wird der Dieselgestank irgendwann den Hausmeister dazu bringen, die Leiche endlich ordentlich zu entsorgen. Aber vermutlich wird er einfach nur den Motor abstellen.
19. April, 2010
Gegen Werbung ist ja an sich überhaupt nichts einzuwenden. Immerhin sorgt sie dafür, daß man Angebote wie Twitter, Facebook, Xing oder ähnliches ohne direkte Kosten nutzen kann. Daher habe ich auch überhaupt kein Problem damit, ab und an mal auf einen Werbebanner zu klicken, wenn mich die dahinterstehenden Produkte und/oder Dienstleistungen interessieren könnten.
Ab und an aber vermute ich einfach, daß es sich um ein unseriöses Angebot handelt und klicke daher aus Neugier. So auch geschehen bei www.citydeal.de, einer Website, die irgendwelche Promo-Aktionen, die es eh schon gibt, nochmal anpreist. Völlig unspektakulär und langweilig, möchte man meinen.
Aber immerhin! denke ich mir, während ich die Begrüßungsworte lese, immerhin geben sie meine Daten nicht an Dritte weiter.

„Wir geben Deine E-Mail-Adresse niemals an Dritte weiter”
Sicherheitshalber klicke ich dann doch noch auf die Datenschutzbestimmungen. „Niemals” ist ja so ein Wort, das in der Werbung mit Vorsicht zu genießen ist. Und die Daten„schutz”erklärung zeigt mir dann auch, daß meine Vorahnung richtig war: Dieses Angebot ist nicht nur überflüssig, sondern tatsächlich vollkommen unseriös.

„Dies schließt auch die Weitergabe (...) an Dritte und deren Nutzung ein”
(Kurze Frage: Wozu sollen hier wohl Dritte genutzt werden?)
Eigentlich denke ich mir, müßte das für die Konkurrenz und deren Anwälte doch ein gefundenes Fressen sein.
17. April, 2010

Und über die Schuhe sag ich diesmal nix.
Die Schanze war, wie Sie wissen, noch nie mein Lieblingsviertel. Seit gestern habe ich wieder überdeutlich gezeigt bekommen, warum das so ist.
Es ist früher Abend. Freitagabend. Das Wochenende beginnt, die Menschen bringen sich so langsam in Feierlaune. Vor dem Haus 73 hängen die ersten kleinen Grüppchen vor Bier und Joint. Ich treffe auf Cinema Noir, später auf Matt Wagner. Wir sind verabredet, um einem Konzert dreier Singer/Songwriter zu lauschen. Der wichtigste Grund ist natürlich der Auftritt der begnadeten Julia A. Noack (mehr Konzertberichte ebenfalls hier aufm Blog), die ihr neues Album vorstellt.
Julia hat sich ordentlich gedopt: Statt mit Grippe das Bett zu hüten, wie das jeder anständige Mensch gemacht hätte, schlürft sie tapfer an einem nicht besonders wohlschmeckend aussehendem Heißgetränk aus Kräutern. Angegriffen ist sie aber dennoch, so daß sie sich von den Veranstaltern einfach so ans Ende des Programms verbannen läßt. Die vor ihr spielenden Künstler haben den Heimvorteil und wissen wohl, was es bedeutet, nach 9 im Haus 73 zu spielen. Schon für diese Aktion verzichte ich darauf, ihre Namen zu nennen, zumal deren Musik auch nichts war, was ich auch nur ansatzweise zum Nachhören empfehlen möchte.
Kurz nach 9. Julia bereitet sich auf den Auftritt vor. Vor mir läuft ein Primtivling im grauen Pulli herum, dabei in sein (kabelgebundenes!) Headset plärrend, als wolle er die Entfernung zum Gesprächspartner ohne elektronische Unterstützung überbrücken. Da aber mittlerweile „Grizzly Girl” läuft, das ich einfach zu gerne mag, wird es mir zuviel. Mit einem kleinen Schubs in die Seite schicke ich ihn in Richtung Toiletten. Dazwischen befindet sich eine recht steile Treppe, die den Kampf mit seinem Genick gut hörbar gewinnt. Hinter Matt blöken einige Schanzenstudentinnen über die richtige Zubereitung von Latten. Oder Kaffees. So genau kann ich das über die Entfernung nicht verstehen. Ich nicke Matt zu, so langsam müßte er ja wissen, wie man sich solcher, ich sage mal „Menschen” entledigt.
Doch es ist eine Sisyphosarbeit, immer dann, wenn ich einem der angetrunkenen, stinkenden und sich selbst für das Zentrum der Welt haltenden, somit also absolut typischen Schanzenbewohner die Möglichkeit zur Wiedergeburt gebe, scheint direkt ein anderer nachzuwachsen.
Ich konzentriere mich ganz auf die Musik, aber man merkt auch der Künstlerin an, daß die überlauten Diskussionen über Gentrifizierung, Toleranz und Weltoffenheit, die man hier so führt, nicht spurlos an ihr vorbeigegangen sind. Spaß macht ihr das nicht mehr. Kein Wunder: Mit Grippe schleppt sie sich zum Konzert und wird belohnt durch ein Publikum, das schon alles gesehen hat, dem der Laden nach eigener Auffassung eh gehört, die so sehr zur Szene gehören, daß eine einfache Singer/Songwriterin mit Gitarre sie einfach nicht mehr hinterm Ofen – oder auch nur aus ihren Gesprächen – hervorholen kann.
Nein, die Schanze gefällt mir immer weniger. Bis natürlich auf Schmitz Foxy Foods, das den Abend dann letztlich doch irgendwie versöhnlich enden ließ. Und natürlich das neue Album 69.9 von Julia A. Noack, das ich zuhause noch vorm Einschlafen höre.
16. April, 2010

Konzert verpaßt? Dann ist der Zug abgefahren
Meine Kollegen sitzen auf den diversen Flughäfen Europas fest, ich sitze mit einem äußerst unangenehmen Muskelkater, den mir das neue Trainingsprogramm einbrachte, am Telefon und spiele Seelentröster. Ich kann das mittlerweile recht gut. Während ich mich versuche, auf die einzelnen Nerven und Muskeln zu konzentrieren, die da so Lärm machen, klingelt das Handy, ich gehe ran, unterhalte mich mit Exfreundin G., während ich vergesse, daß ich ja in der anderen Hand noch den Telefonhörer mit meinem Kollegen habe. Nach Austausch einiger Sätze auf Thai hält mich mein Kollege also für vollends gestört, während G. mich fragt, was eine Aschewolke sei und wieso ich glaube, daß sie in London festsitze.
Kurz entschlossen beende ich beide Gespräche, indem ich wirres Zeugs von mir gebe und dann ins Telefon plärre: „Just say no”, dann auflege. Wenns wichtig war, wird sich schon einer der beiden wieder melden.
Immerhin ist ja Freitag, und wie jeder Mensch weiß, ist das ein Tag, an dem man keinesfalls ernst bleiben kann.
Was ich aber eigentlich sagen wollte:
Heute abend spielt die großartige Julia Noack im Haus 73 in Hamburg. Wer da nicht hingeht, verpaßt eine der besten Singer/Songwriterinnen Deutschlands.
14. April, 2010

Werber bei kreativer Einlage. Hier: Virales Biermarketing
Fragen Sie bitte mal einen jungen Menschen, der gerade frisch von der Uni kommt (oder noch studiert) und Spaß an sozialen Netzen hat, welchen Berufswunsch er habe. Ich garantiere: In mehr als 50% der Fälle wird er als Wunscharbeitsplatz eine Stelle in einer Werbeagentur angeben. Weil das ja so hip ist. Weil sich da jeder mit jedem versteht. Weil es da locker zugeht.
Und die Agenturen sind ja nicht blöd. Im Gegenteil: Wenn jemand etwas davon versteht, eine Marke aufzubauen, Wunschträume auf Unternehmen zu projezieren, dann die Werber. Also tun sie auch alles dafür, diesen Eindruck, der bestmögliche Arbeitgeber für junge, äh, High-Potentials zu sein. Und warum tun sie das? Weil es sich um menschenfreundliche Kumpel handelt, die eigentlich nur Spaß an der Arbeit haben möchten? Die jetzt schon alles dafür tun, die jungen Studienabbrecher zu umsorgen?
Oder aber haben diese Unternehmen vielleicht ein ganz anderes Ziel? Nämlich das, mit möglichst wenig Kosten viel Geld zu verdienen? Also in etwa das Ziel, das 100% aller anderen am Markt agierenden Unternehmen auch haben. Und vielleicht ist es ja auch gerade in Krisenzeiten so, daß Unternehmen nicht mehr so viel Geld in Werbung stecken, die Agenturen also so langsam ein Kostenproblem bekommen?
Und genau deswegen, liebe Studienabgänger und -brecher, habt Ihr so früh so viel Verantwortung: Ihr kostet nichts, arbeitet freiwillig schon als Praktikanten bis spät in die Nacht, schert Euch nicht um Überstunden oder gesetzliche Auflagen bezüglich der Tages- oder Wochenarbeitszeit. Ihr laßt Euch aus dem Urlaub holen, fragt nicht einmal nach, ob Wochenendarbeit nun wirklich drei Mal in Folge sein muß, sondern freut Euch über den Taxigutschein (weil es eh keine Firmenwagen gibt) und das kostenfreie Obst (weil die Gehälter so erschreckend gering sind, daß Ihr es Euch zuhause nicht leisten könnt).
Seitdem ich einen kleinen Einblick in diese Branche gewinnen durfte, fällt mir immer wieder auf, welch ungeheure Diskrepanz zwischen Schein und Realität gerade bei Marketingberatern vorherrscht.
Schein: Hippes Arbeitsklima, lockere Arbeitszeiten, freundliche Kollegen, hohe Eigenverantwortung, gute Bezahlung
Realität: ständig angespannte Atmosphäre (wegen ständiger Kündigungen), Arbeitszeiten, die ungesetzlich sind, häufige Streitereien (gerade zwischen „Kreativen” und kundenorientierten Mitarbeitern), keinerlei Entscheidungskompetenz, miserable Bezahlung (weit unterhalb von Facharbeitern)
Und über Fortbildung wollen wir gar nicht erst reden.
Natürlich trifft das alles nicht auf alle Unternehmen zu, die sich Beratungsdienstleistung rund um die Werbung auf die Fahne geschrieben haben. Aber je größer, je bekannter das Unternehmen ist, je mehr es vom Namen her zum Lebenslauf paßte, desto höher ist die Chance, in einem der wenigen Läden in Deutschland zu arbeiten, in denen selbst ich gerne eine Gewerkschaft sähe.
13. April, 2010

Es ist nicht der Fall. Es ist das schnelle Abbremsen beim Auftreffen.
„Kurz mal wegfahren,” denke ich mir, „kurz mal raus aus dem Ganzen, ein wenig Irland genießen.” Also lege ich mir entsprechende Musik auf und buche den Flug nach Irland.
Wie ich kurz vor der Abreise feststelle, ist das Tiefdruckgebiet, das noch bis vor kurzem die britischen Inseln beherrschte, gerade in Richtung Deutschland gezogen. Also alles richtig gemacht. Als ich in Dublin lande, ist es schon warm genug, um die Barbour-Jacke lässig über die Schulter hängen zu lassen und das Sakko offen zu tragen. Es dauert ganze 5 Minuten, bis ich
– meinen Gastgeber überzeugt habe, nicht erst nach Hause zu fahren
– wir uns auf eine Kneipe geeinigt haben (die nächstbeste)
– ich den ersten Schluck echt irisches Guiness trinke
Der Urlaub beginnt genau richtig. Den ersten Abend verbringen wir in Dublin, ziehen von Kneipe zu Bar zu Club und gucken uns die feiernden Gestalten an. Es ist so wie in Hamburg, nur etwas heftiger: Schon ab halb zwölf drängt sich in vielen Kneipen ein latenter Kotzgeruch in unsere dies nicht goutierenden Nasen.
Um Mitternacht werden wir auf einer Terasse hoch über der Stadt von zwei jungen deutschen Damen angesprochen, die hier Au Pair oder ähnlichen Unfug machen. Die Konversation ist ganze drei Sekunden lang interessant. Dann geht mir der schwäbische Dialekt auf die Nerven. Ihre nicht vorhandenen Umgangsformen. Die völlige Abwesenheit interessanter oder gar überraschender Gedanken. Ich frage also eine der beiden, ob sie schon einmal den Ausblick am Rand der Terasse genossen hätte, er sei durch nichts zu ersetzen. Bereitwillig läßt sie sich von mir dorthin führen. Es ist fast eine einzige, durchgehende Bewegung, mit der ich ihr den entscheidenden Stoß in Richtung Abgrund gebe, und fast habe ich das Gefühl, als wehre sie sich nicht.
Sie schlägt mit dem Kopf zuerst auf. Ihre Zähne zersplittern mit dem üblichen Knirschen, das man auch noch fünf Stockwerke über dem Boden hören kann. Aus dem aufgeplatzten Schädel fließt die schon so bekannte Mischung aus grauem Hirn und rotem Blut, ein typischer Ire sieht sich die Szenerie kurz an und übergibt sich, was dem Stilleben eine leicht surreale Note verleiht.
„Ihre Freundin sucht Sie,” sage ich zu ihrer Begleiterin.
9. April, 2010
Posted by germanpsycho under
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Die Axt im Haus zerlegt den Zimmermann
Wissen Sie, ich fände es ja auch schön, wenn weltweit einfach keine Kriege geführt würden. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß der Batzen Geld, der im bundesdeutschen Haushalt für den Bereich Verteidigung aufgewandt wird, ganz gut dazu dienen könnte, die längst überfällige Steuerreform zu finanzieren. Oder sogar dazu beitragen könnte, unser Schulden abzubauen.
Und das klingt ja auch alles immer so toll: „Frieden schaffen ohne Waffen”, „fighting for peace is like fucking for virginity”. Es ist ja nur leider nicht realistisch. Das sollte gerade uns als Deutschen eigentlich klar sein: Herrn Hitler haben Gespräche nicht beeindruckt. Auch keine Gesten, kein guter Wille, kein Verständnis. Dieser Mann hat alles angenommen, was er auf dem Verhandlungswege erreichen konnte. Und dennoch einen Krieg begonnen.
Wie aber würde ein aufgeklärter, geschichtlich gebildeter und weltanschaulich modern durchgeformter Deutscher heutzutage auf Hitler reagieren? Wenn er in einem anderen Land aufträte?
Haben wir Deutschen wirklich die richtigen Lehren aus dem „Dritten Reich” gelernt? Haben wir verstanden, daß es in der Geschichte nicht nur Chamberlains, sondern auch Churchills braucht?
Oder anders gefragt: Setzte sich der heutige Deutsche dafür ein, daß ein Diktator, der dabei ist, die Welt in einen Krieg zu stürzen und nebenbei einen Massenmord plant (gerne auch in umgekehrter Reihenfolge), schnellstens aufgehalten wird? Möglichst, bevor er in der Lage ist, ganz viele Andersdenkende zu ermorden? Holte er die Streitaxt hervor (siehe Bild)?
Oder würde der gute Deutsche sagen:
Gewalt erzeugt doch nur Gegengewalt.
Wir haben dort nichts verloren.
Diese „Deutschen” sind nunmal so, die benötigen unser Freiheitsverständnis gar nicht.
Man muß auch die „deutsche” Kultur anerkennen, die nunmal antisemitisch und mörderisch ausgeprägt ist, aber sie haben doch so tolle Personen wie Schiller und Goethe hervorgebracht?
Krieg kann nicht die Antwort sein.
Man muß die Verhandlungen ergebnisoffen führen.
Ja, was würde er sagen?
7. April, 2010

Krawattenlos – der Sommer beginnt
Kennen Sie das? Da hören Sie einem netten Menschen zu, der darüber schwadroniert, wie schlecht und ungerecht es doch in der Welt zugeht, und wieviel man doch eigentlich dagegen unternehmen müsse. Sie selbst hingegen denken sich, daß die Welt doch so schlecht gar nicht sei, vor allem die unsere nicht, trauen sich aber gar nicht, das anzumerken, weil Ihr Gegenüber schon einen großen Schritt weiter ist und sich über diejenigen aufregt, die so egozentrisch sich an „den Armen” vergriffen. Sie fragen sich zwar noch, wer das so sein solle, formulieren diese Überlegung aber noch nicht. Sie warten ab.
Ihr Gesprächspartner ist fertig mit seinem Vortrag. Sie warten weiter, bis Sie ganz sicher sind, daß Sie ihn nicht unterbrechen. Dann fragen Sie: „Und, wieviel haben Sie heute dagegen unternommen?” Ihr Gegenüber wird still. Gar nichts hat er. Und morgen wird es dasselbe sein. Dann beginnt er seine Antwort, und bereits am Tonfall merken Sie, daß Sie in ein Wespennest gestochen haben. Ihr Gesprächspartner reagiert aggressiv, beschimpft mal die Heuschrecken, mal die Politiker, mal Sie, aber er findet genügend Gründe, warum er persönlich gar nicht anders kann als ganz normal zu leben. Und Sie erkennen: Dieser Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist es, der ihn in den Wahnsinn treibt. Er möchte so gerne helfen, er hat so ein schlechtes Gewissen, weil es ihm so gut geht. Aber er tut nichts.
Sie hingegen gucken auf Ihr Handgelenk. Dort, wo die Glashütte Senator lässig baumelt. Und denken sich: Allein mit diesem Kauf haben Sie mehr für eine ehemals strukturschwache Region getan als Ihr Gesprächspartner in vier Wochen Herumschwätzens. Sie sehen weiter an sich herunter: Überall Produkte mit hohem Handarbeitsfaktor. Fast alles davon in Europa hergestellt. Keine durch Kinderarbeit hergestellte H&M-Hose. Kein in China produziertes T-Shirt. Nein, Sie tun anscheinend, ohne es zu wollen, mehr für Umwelt und Soziales als Ihr freundlicher und sozial eingestellter Gesprächspartner.
Und dann sind Sie ein kleines bißchen stolz auf sich. Obwohl Sie es mit Ihrer Weltanschauung nicht sein müßten.
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