Leicht verrutschte Krawatte – sorry

Leicht verrutschte Krawatte – sorry

Beim Mittagessen fallen sie mir wieder auf, die unterschiedlichen Typen von Anzugträgern.

Die erste Kategorie, und es erscheint mir die kleinste und am ehesten vom Aussterben bedrohte, möchte ich mal die Beamten nennen, obwohl natürlich völlig klar ist, daß gerade Beamter momentan eher ein aufstrebender Markt ist.

Der Beamte kleidet sich so, wie es der Arbeitgeber vorschreibt. Er hat eben einen konservativen Arbeitgeber, also trägt er notgedrungen einen Anzug, aus dem er sich allerdings nichts macht. Er trägt mit Vorliebe Kombinationen, vermutlich, weil er dann das weinrote Sakko auch mal zu Onkel Edis Schrebergartenparty tragen kann. Ferner trägt er niemals Kleidung in der richtigen Größe: Seiner Meinung nach müssen Anzüge vor allem bequem sein, was, zusammen mit seiner Weigerung, mehr als 80 Euro für einen Anzug auszugeben, dazu führt, daß er zeltähnliche Gebilde mit sich herumträgt, wobei seine Hosen meist, obwohl viel zu weit, dennoch eine gute Handbreit über den Schuhen aufhören.

Er kombiniert lustige Mottokrawatten mit beigefarbenen Hemden und trägt, wenn er mal der Welt zeigen will, daß er eigentlich auch ‘n Rocker ist, Jeans mit Goofy-Krawatte, Jeanshemd und schmeissfliegengrünem Zweireihersakko.

2. Der Italiener
Der Italiener ist so italienisch wie Gnodschi, Lambordschini oder Pizza Hut, aber er hat ganz viel italienisches Lebensgefühl in sich. Zumindest seiner Meinung nach. Er trägt mit Vorliebe viel zu enge dunkelblaue Anzüge, allerdings ohne Krawatte, weil er die merkwürdigerweise für spießig hält. Weil er schon irgendwie merkt, daß da meist eine Farbe fehlt, kombiniert er dann den blauen Anzug mit braunen Schuhen.

Die obersten Knöpfe seines Hemdes trägt er stets geöffnet. Und wenn die eigenen Haare nicht ausreichen, dann kauft er eben ein paar dazu und klebt sie sich an die Brust.

3. Der Designer
Er hat die Modeweisheit mit Löffeln gefressen. Er hat an jedem etwas zu kritisieren, kann aber gar nicht verstehen, warum sein dicker Baumwollschal unter dem riesengroßen Hemdkragen nicht jedem gefällt. Er kombiniert bewußt Dinge, die nicht zusammenpassen, um daraus einen Stil, oder wenigstens ein „Statement” abzuleiten. Die Brille ist stets das wichtigste Accessoire in seinem Auftritt, so daß er sich immer wieder bei Gott darüber beschwert, daß er weder kurz- noch weitsichtig ist.

4. Der Herrenausstatter
Ihm sind alle Details wichtig. Sein Anzug: Maßgeschneidert. Der Stoff: Persönlich ausgesucht. Die Krawatte: Seven-fold, oder zumindest Hermès. Ein teurer Gürtel aus Pferdeleder, besser noch Hosenträger. Ohne Einstecktuch geht er nicht aus dem Haus. Sein Schuhschrank ist prall gefüllt und über die zig Paar Schuhe seiner Freundin kann er nur lachen. Er verfügt über mehrere mechanische Armbanduhren und trägt sie dem Anlaß entsprechend. Meist gibt er mehr Geld für seinen Auftritt aus als für irgenetwas vernünftiges. Meist bloggt er sogar noch über solche Themen.

Und ganz, ganz selten, da trifft man ihn noch, und man möchte ihn in den Arm nehmen, „Juchei” schreien und ihm eine Zigarre anbieten:

5. Der alte Gentleman
Er trägt Anzug, obwohl er es nicht müßte, und er trägt ihn in einer Art und Weise, als sei er sich gar nicht bewußt, daß man etwas anderes tragen könne. Er trägt einen maßgeschneiderten Anzug, der aber schon beim Kauf alt und getragen aussah, er benutzt gedeckte Farben, weil er nicht unbedingt geckenhaft auffallen muß, sondern einfach nur dezent dem Rest der Welt zeigen möchte, daß er ihm den nötigen Respekt erweist. Er trägt beim Waldspaziergang mit dem Hund ein Tweedsakko, er trägt in der Stadt nach 1800h immer noch keine braunen Schuhe, aber er würde niemals jemanden dafür tadeln, es zu tun.

Und wenn ich mal groß bin, dann… naja. Erstmal blogg ich noch darüber.

Wichtiges Update: Chief Judy beschreibt hier die Modesünder Nummer 1 bei Frauen.