Juni 2010


Passend zum Text: Die Todesgruppe

Passend zum Text: Die Todesgruppe

Um sich einfach mal wieder vor Augen zu halten, wie gut wir es haben:
Wir können uns aussuchen, ob wir die WM verfolgen wollen oder nicht. Wir können sie zuhause sehen. In einer Kneipe. Bei Freunden. Auf Fanfesten, die übrigens auch noch kostenfrei zu betreten sind. Oder wir können uns entscheiden, die WM gar nicht zu sehen. Natürlich: So ganz entkommt man diesem Großereignis nicht. Es bedarf sicherlich einiger Mühe, nicht über die Spiele zu sprechen, die Flaggen an den Autos zu übersehen, die Hupkonzerte nach Italienspielen zu überhören. Aber das ist wohl selbst für den härtesten Fußballhasser irgendwie noch zu ertragen. Immerhin sind es ja auch nur 4 Wochen.

Andernorts jedoch sieht die Sache etwas anders aus. Wer dort einfach nur in Ruhe Fußball gucken möchte, wird erschossen. Stellen wir uns das bitte mal vor! Sie sitzen im Wohnzimmer, haben sich ein paar wenige, ausgesuchte Freunde eingeladen, vor Ihnen steht – kein Bier, weil das ja auch verboten ist, bei jedem Tor der eigenen Manschaft halten Sie sich die Hand vor den Mund, um bloß nicht zu laut zu jubeln. Und wenn Sie Schritte vor Ihrer Wohnungstür hören, schalten Sie sofort den Fernseher aus, um bloß nicht beim Fußballgucken erwischt zu werden.

Also hören wir mal alle gemeinsam wieder ganz kurz mit dem Nörgeln auf und freuen uns über unser freies Land. OK?

Gegensatz: 3 Leuchten. Müller-Hohenfeld: keine Leuchte

Gegensatz: 3 Leuchten. Müller-Hohenfeld: keine Leuchte

Heute morgen lese ich auf Twitter diese Sache mit dem „inneren Reichsparteitag”. Und lese dann diesen durchaus interessanten Kommentar dazu.

Dort heißt es, und ich muß zugeben, daß ich mich der Logik nicht entziehen kann:

„Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich im intimeren Rahmen aka Freundes- und Kollegenkreis durchaus mal die eine oder andere zynische Adolfzote an den Kopf wird, meist begleitet von befreiendem und schallendem Gelächter. Doch das ist ein völlig anderer Kontext.”

Nun entspricht das ja durchaus auch meiner Ansicht: Eine Aussage steht immer im Kontext zur Situation. Genauso, wie sich Schwarze untereinander als „Nigger” titutlieren können, man dies als Weißer aber tunlichst nicht tun sollte.

Doch allein der Kontext reicht ja nicht aus, um die Wortwahl zu bewerten. Korrekterweise sagt der Autor also auch, er müsse erst mehr über die Situation erfahren, um bewerten zu können,

„ob wir uns wieder in Richtung dumpfem Mitläufertum bewegen oder einfach nur das Bedürfnis verspüren mit Humor an unserer Vergangenheit zu arbeiten”

Natürlich ist auch dem zuzustimmen: Humor kann verharmlosend wirken, aber auch befreiend, ohne zu verharmlosen. Und gerade die zynische Form des Humors zeigt ja eben überdeutlich auf, daß man sich mit der Situation eben nicht anfreunden kann.

Aber das alles führt meines Erachtens in die Irre, denn es läßt einen ganz wesentlichen Blickwinkel aus. Indem wir bewerten, wie die Situation war, wie der Kontext, das Drumherum, die Reaktionen war, vergessen wir vielleicht das wesentliche: Was meinte denn Müller-Hohenstein damit, als sie das Bild benutzte?

Ich befürchte: gar nichts. Die Dame hat nicht darüber nachgedacht, was sie aussagte. Sie hat einfach einen Satz wiederholt, den sie unzählige Male von Freunden, Bekannten, Chefs, Mitarbeitern und Kollegen gehört hat. Den sie vielleicht in trauter Runde ebenfalls selbst häufig benutzte. Denn eines ist ja unstrittig: Wir alle haben diese Redewendung schon einmal gehört. Ich persönlich möchte sagen: zu oft.

Kaum ein Mensch, der von „inneren Reichsparteitagen” spricht, will damit den Nationalsozialisten verharmlosen, in Schutz nehmen, glorifizieren. Der Satz war einst eine Provokation von Jugendlichen gegen eine Elternwelt, die einen gefühlt 100 Mal am Tag daran erinnerte, daß man Schuld habe an etwas, das man damals gar nicht begreifen konnte. Ich kann es nicht allgemeinverbindlich sagen, aber wir als Jugendliche benutzten Anfang der 90er gerne diesen Ausdruck und, nun ja, andere würden formulieren: zitterten vor Kühnheit.

Wir wurden glücklicherweise älter. Die meisten von uns auch klüger. Ich benutzte diesen Ausdruck überhaupt nicht mehr. Andere schon. Zu viele, wie wir mittlerweile feststellen. Aber wenn wir uns den Mechanismus ansehen, wie er entstand, so ist er letztlich eine einfache Taktik, um irgendwie mit diesem für uns damals viel zu schwierigen Thema umgehen zu können.

Das ist heute anders. Heute wird kaum jemand im privaten Umfeld auch nur mit der Wimper zucken, wenn von inneren Reichsparteitagen die Rede ist. Es ist leider zu einer allgemein bekannten Redewendung geworden. Und daher kann ich Frau Müller-Hohenfeld auch nicht vorwerfen, ein Nazi zu sein: Sie plappert gedankenlos das nach, was sie ständig hört.

Es ist äußerst billig, nun Konsequenzen zu fordern. Nicht Frau Müller-Hohenfeld ist das Problem. Das Problem besteht darin, daß eine solche Redewendung unreflektiert von uns allen benutzt wurde. Daß wir alle dazu beigetragen haben, sie so zu etablieren, daß (auch) eine Sportreporterin sie ohne nachzudenken benutzt. Wenn wir also mal langsam bitte ehrlich zu uns selbst sind: Wir sind nicht sauer auf Katrin Müller-Hohenfeld. Wir sind sauer auf uns selbst.

Übrigens, kleiner Tip: Wenn Sie in die Verlegenheit kommen, von einem „inneren Reichsparteitag” sprechen zu wollen, überlegen Sie sich einfach ein paar Alternativen. Einige hätte ich schon einmal für Sie:

– innerer Grünen-Parteitag (für alle Werber)
– innere konstituierende Sitzung des Gemeinderates (für die Lokalpolitiker, die hier sicher oft mitlesen)
– innere Konklave (für meine Lateiner und den Lesern)
– innere Synode der deutschen Bischofskonferenz (für die Altgriechen)
– innere Konstituierende Sitzung der Enquete-Kommission (für die Angeber)

Einfache Antworten auf komplexe Fragen

Einfache Antworten auf komplexe Fragen

„Endlich mal ne ordentliche Revolution”, „langsam sollte man sich doch mal wehren”, „auf die Straße! auf die Straße!” In Blogs, auf Twitter, auf Facebook lese ich diese Parolen – nein, von Desinteresse an Politik kann in Deutschland keine Rede sein. Und ich sehe es mir ja an mir selbst: Wenn ich an die Regierungsfiguren denke, wie sie wieder einmal nichts auf die Reihe bekommen, wenn ich dann wieder die taktischen Aussagen der Opposition höre, dazwischen die populistischen Parolen der Kommunisten: Mir kommts hoch.

Ich erinnere mich noch vage wie vor einigen Jahren die Sprüche der damaligen Opposition über die „Agenda 2010” lauteten. Ich konnte sie vorher schon aufsagen: „Geht nicht weit genug, ist zu wenig, bringt nichts”. Die „Agenda 2010” war eine der herausragenden Leistungen der Nach-Kohl-Era. Die ja nicht gerade unbedeutende Wirtschaftskrise hat dem Arbeitsmarkt nicht so viel anhaben können wie in anderen Ländern. Schröder, von dem ich damals gar nichts hielt, hat Großes geleistet.

Heute ist das vielleicht wieder das Gleiche. Überall wird sich aufgeplustert, und am Ende reiben wir uns verwundert die Augen: Weder ist der soziale Frieden auseinandergebrochen, wie das die jetzige Opposition fürchtet, noch hätten weitreichendere Pläne eine Chance gehabt, durch die Mühlen der Politik zu gelangen. Politik ist nunmal der kleinste gemeinsame Nenner, da können keine spektakulären Maßnahmen herauskommen.

Doch genau das fordern viele Menschen. Je jünger, desto spektakulärer sollen diese Maßnahmen sein.

Ich kann mir vorstellen, wie ich als alter Mann auf dem Balkon meines mittlerweile völlig heruntergekommenen Hauses sitzen werde, die Enkel zu Besuch. Der Wasserhahn aufgedreht, um uns herum illegale Geräte zur Abschirmung der Abhörgeräte. Und wie ich ihnen davon berichten werde, in was für einer Zeit wir gelebt haben. Einer Zeit, in der jeder seine Meinung sagen und schreiben durfte, in der niemand Angst davor haben mußte, aufgrund von Armut zu sterben.

„Wieso habt Ihr das dann aufgegeben, Opa?” werden mich die Enkel fragen. Ich werde mit den Schultern zucken. Die Ziele klangen damals alle ehrenwert. Klimaschutz. Kinderschutz. Umweltschutz. Soziale Gerechtigkeit. Steuersünder jagen. Diejenige, die sie vertraten, hatten die besten Absichten. Sie waren jung und idealistisch.

Zunächst hat man es eben noch als übertriebenen Idealismus abgetan, wenn sie Andersdenkende beschimpft haben. Wenn man beispielsweise nicht mehr offen hat sagen dürfen, daß man den Schutz des Menschen vor den des Tieres stelle. Als dann die ersten Steuersünder nicht nur enteignet worden sind, sondern direkt ins Gefängnis gekommen sind, ist die Begeisterung noch groß gewesen. Als sich jedoch der gesamte Mittelstand hat dazugesellen müssen, ist es langsam unschön geworden.

Wir werden die Geräte abschalten müssen. Störsender werden leicht zu lokalisieren sein. Und hinter jedem Störsender könnte ja jemand Kinderpornos herunterladen. Ich werde die Geräte entsorgen, alle Spuren daran zerstören. Die Enkel und ich werden von ungefährlichen Themen sprechen. „Provozieren muß man, Grenzen überschreiten, ” wird mein Lieblingsenkel die Sätze des aktuellen Theaterspielplans nachplappern, „um dem raffgierigen…” – meine Gedanken werden abschweifen. Und ich werde hoffen, daß nach der nächsten Befreiung, nach dem Ende der Diktatur, wieder so eine Phase entstehen wird, wir wir sie gehabt haben. Damals. Anfang des 21. Jahrhunderts.

Keinesfalls anständig: Häufiges Nationalgericht in der 3. Welt

Keinesfalls anständig: Häufiges Nationalgericht in der 3. Welt

Liebe Mitstreiter im Dschungel des digitalen Büros, wenn Sie mir dieses völlig unpassende, dafür aber nichtssagende Bild verzeihen, wir müssen uns über ein wichtiges Thema unterhalten. Da es mittlerweile selbst Politiker geschafft haben, „irgendwas mit dem Internetz” zu machen, kommen wir nicht mehr darum herum, uns zu überlegen, wie wir gängige Umgangsformen auch in unser Lieblingsmedium (zumindest kommt es mir so vor) transferieren.

Die E-Mail. Technisch völlig veraltet, aber äußerst beliebt. Jedenfalls stelle ich fest, daß diese Form der Kommunikation mittlerweile im Arbeitsalltag überwiegt. Aber wie sollten wir nun mit diesem Medium umgehen?

Im täglichen Umgang fallen mir einige Dinge auf, die immer wieder als völlig normal angesehen werden, die aber mich und auch einige meiner Kunden regelmäßig auf die Palme bringen.

Beispiel
Meine Mitarbeiterin erhält eine E-Mail von einem Kunden, den sie bei einem Problem unterstützen soll. Der Kunde setzt eine Software ein, mit deren Hilfe er seine Kunden besser bedienen möchte. Nun hat aber einer seiner Kunden ein Problem. Somit haben wir ein Problem. Der Kunde beschreibt uns den Fehler. Und merkt an, wie wichtig ihm dieser Kunde ist.

Die Mitarbeiterin wendet sich nun per „forward” direkt an den Kunden unseres Kunden, um das Problem zu beheben.

Haben Sie es bemerkt? Genau. Da fehlte ein wichtiger Schritt. Den die Dame auch nicht ausführte: das Löschen des bisherigen E-Mail-Verkehrs. Der Endkunde bekommt also eine interne Diskussion mit, in der steht, wie wichtig er unserem Kunden ist. Gut, das ist in diesem Fall vielleicht nicht ganz so schlimm – andererseits war es äußerst schwierig, mit dem dortigen Verantwortlichen überhaupt noch zu sprechen, so wichtig fühlte er sich auf einmal.

Aber beim zweiten Fall, der dann zu ihrem Rausschmiß führte, stand in dem bisherigen Mailverkehr eben ein Satz über die charakterlichen Schwächen desjenigen, dem geholfen werden sollte.

Jetzt könnte man argumentieren, daß man eben bei E-Mails keine solchen Sätzen anzubringen habe, und irgendwie stimmt das auch, wenn man eine E-Mail eher als Pendant zum Brief sieht. Ich stelle aber fest, daß E-Mails heutzutage sehr häufig das Telephon ersetzen. Und in einem Telephongespräch wird man selbstverständlich auch ab und an einmal über den einen oder anderen Menschen lästern, so sind wir nunnmal alle.

Die Frage ist nun die: Wie gehen wir mit E-Mails um, deren Verteilerkreis erweitert wird? Was tun wir mit E-Mails, die direkt an uns geschickt wurden, von denen wir aber meinen, sie müßten einem größeren Personenkreis zur Verfügung gestellt werden?

Ich denke, es ist nicht zuviel verlangt, wenn jegliche Korrespondenz, deren Adressatenkreis wir erweitern, zunächst darauf geprüft wird, ob die enthaltenen Formulierungen auch so gemacht worden wären, wenn es dem Schreiber klar gewesen wäre, daß seine Worte nicht nur an eine Person, sondern an eine Gruppe von Menschen gesendet würden.

Im Falle meiner Kollegin ist der Fall noch klar. Sie hat eine interne Diskussion nach außen getragen und dabei offensichtlich gegen alle Gebote der Höflichkeit verstoßen.

Dann gibt es Grenzfälle. Wenn eine abteilungsinterne Diskussion auf einmal andere Abteilungen betrifft. Sollte man da ebenfalls den bisherigen Verlauf löschen, obwohl er eventuell wichtige Informationen beinhaltet?

Und dann gibt es auch noch die Idioten, denen einfach nicht zu helfen ist: Wenn eine E-Mail beispielsweise an einen großen Verteilerkreis geht, der Antwortende das übersieht, eine ziemlich flapsige Antwort verfaßt und sich dann wundert, wenn der ursprüngliche Adressatenkreis wieder mitliest.

Für letzteres bin übrigens ich Spezialist.

Beispiel eines gelungenen Dresscodes

Beispiel eines gelungenen Dresscodes

Ich bin früh für meine Verhältnisse. Es ist noch nicht einmal halb zehn und ich betrete den Aufzug, in dem ein bereits ein Bankangestellter wartet. Er möchte schon am Montagmorgen hochmotiviert und schwer beschäftigt aussehen. Daher hat er das Sakko bereits abgelegt, die Hemdärmel zu einem Drittel hochgekrempelt und die Krawatte gelockert. Kurzum: Er sieht wie der verbeamtete Gordon Gecko aus Usingen (Taunus). Mein Blick gleitet an ihm herab, wohlwissend, welcher schreckliche Anblick mich erwarten würde. Und so ist es auch. Die viel zu lange Hose aus Mischgewebe scheint den Schuh völlig verdecken zu wollen, was auch nur allzu verständlich ist: Ein trauriger Haufen Lederimitat, notdürftig mit Klebstoff zusammengehalten, zeichnet sich da unter dem zeltähnlichen Hosensaum ab, und als der Kollege sein Gewicht derart verlagert, daß ich den Schuh in seiner ganzen Hässlichkeit erspähen kann, dreht sich mir der Magen um.

Ich selbst hingegen habe mich betont locker angezogen, aus Gründen, die mir entfallen sind. Ich glaube, es hängt damit zusammen, daß mir am Sonnabend jemand die Frage stellte, wieviel Geld ich eigentlich an einem normalen Tag in Form von Kleidung mit mir herumtrüge. Und ich peinlicherweise sofort die Antwort wußte.
Mein Endsommeraufzug: Eine perfekt sitzende, ausgewaschene 7-for-all-Mankind-Jeans, darüber ein weiß/blau gestreiftes Hemd vom Herrn von Eden, ein Freizeitgürtel von La Martina und die erstbesten Schuhe, die ich heute morgen im Flur sah (Deckschuhe, Sebago). Ich würde damit in Andratx (Mallorca) wohl auch kaum auffallen.

Der Herr, der mit mir Aufzug fährt, soviel habe ich mitbekommen, ist wohl Abteilungsleiter. Es liegt also sicher nicht daran, daß er nicht genügend Geld hätte, um sich ordentlich anzuziehen. Nein. Es muß ihm wohl egal sein.

Ich bin ja hin- und hergerissen beim Thema Dresscode im Büro. Einerseits ist es natürlich für die meisten Menschen einfacher, wenn man ihnen sagt, welches Niveau sie beim Arbeiten erwartet. „Kein Dresscode” heißt ja auch nicht, daß man erscheinen kann, wie man will, sondern nur, daß man locker angezogen erscheinen muß. Aber wenn man Menschen in Anzüge zwingt, die das einfach nicht wollen? Wenn dann solche Katastrophen dabei herauskommen, bin ich vielleicht doch der Meinung, daß der „casual everyday” gar nicht so schlecht ist.

Andererseits: Bei uns laufen die Entwickler mit kurzen Hosen und barfuß durchs Büro. Und das sieht nicht nur scheiße aus.

Mich kotzt diese ganze Gaza-Show echt an. Der Lobbyismus der „Israelkritiker” kann noch so offensichtlich sein, es stört keinen. Endlich können wir uns aus der großen Schuld der Shoah herauswinden, indem wir einfach die Juden zu Nazis erklären. Natürlich freuen wir uns darüber, wenn wir das mit gutem Gewissen und genuiner Empörung tun können, aber selbst wenn wir beide Augen zudrücken müssen, um die Warhheit nicht sehen zu müssen, dann tun wir das gerne. Beim Juden gibt es nämlich kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder. Wie es der sympathische Gefreite aus Braunau damals zu sagen pflegte.

Ich meine, wie will man denn bitte als normaldenkender Mensch einen solchen Propagandakonvoi unterstützen? Eine der Hamas nahestehende Gruppierung ist Hauptsponsor, vor der Abfahrt wird „Tod den Juden” gesungen, man weigert sich, die Hilfsgüter im Hafen untersuchen und weitertransportieren zu lassen. Kurzum: Man provoziert die Situation und hofft, daß sie eskaliert. Wenn ich dem dickbäuchigen Schnurrbartträger am Zoll in Hamburg die Inspektion meines Koffers verweigere, dann rechne ich auch nicht damit, daß er sagt: „Na, dann kommense mal durch”.

Und wenn ich so blöde bin, ein Kommando der IDF mit Knüppeln anzugreifen, dann kann ich eigentlich nur froh sein, wenn ich bei der Aktion nur angeschossen werde.

Aber selbst wenn man nun vor all diesen Dingen die Augen verschließt, wenn man unbedingt weiterhin an den guten Hilfkonvoi (der abgelaufene Medikamente liefern will) glauben will, dann muß man sich natürlich spätestens jetzt fragen, was die ganze Aktion eigentlich soll, wenn nun die Hamas ihrerseits die Waren nicht ins Land läßt? Wie ist das eigentlich in der UN? Wird da jetzt der Hamas auch eine entsprechende Mahnung ausgesprochen, doch bitte mit der Blockade des Gaza-Streifens aufzuhören? So, wie ja auch Ägypten und Israel sicherlich früher stets gemeinsam ermahnt wurden? Ach? Wurden sie nicht? Auch egal. Der Joode. Ist nämlich eh an allem schuld. Egal, was er tut.

Ich möchte dabei allerdings eines nicht vergessen: Ich bin mir ziemlich sicher, daß die meisten Menschen auf diesen Schiffen keine terroristischen Absichten hatten. Und das mußte der Einsatzleiter der IDF auch wissen. Daher denke ich, daß bei der Einsatzplanung etwas gründlich mißlungen ist. Dazu muß es eine Untersuchung geben. Bei allem Verständnis für die angespannte Situation, der Isolation, der ständigen Bedrohung, da kann es schon passieren, daß man einfach mal überreagiert. Aber der Staat Israel sollte aus Eigeninteresse dafür sorgen, daß Hamas und Co. nicht weitere Propagandaerfolge erzielen.

Interessanter Kommentar und gute Diskussion dazu.

Hübsche Videos dazu.

Update:
Ich finde diese Zusammenfassung dazu äußerst lesenswert.

Suit of the Day

Suit of the Day

Der große Raum füllt sich langsam mit Menschen. Gleichzeitig steigt entsprechend die Temperatur, während der Sauerstoffgehalt abnimmt. Bereits nach einer Stunde beginnen meine Augen zuzufallen. Anzugskontrolle: Der maßgeschneiderte, dunkelblaue Anzug von Oliver Kresse sitzt perfekt. Das Paisley-Einstecktuch ragt ordentlich zerknüllt aus der Reverstasche. Die bordeauxfarbene Hèrmes-Krawatte muß ich etwas zurechtrücken, damit sie die Knopfleiste des weißen Van-Laack-Hemdes ordentlich bedeckt. Kurzm: Ich bin viel zu gut angezogen für die Mischpoke hier.

Mein müder Blick streift den Moderator. Er trägt einen großen Lappen um den Oberkörper gewickelt, einen von der Art, wie sie bei C&A wohl als Sakko verkauft werden. Die Krawatte, die er vermutlich Schlips nennen würde, hat er weggelassen, dafür beißt sich die Farbe seines Hemdes sowohl mit der Hose als auch mit dem Sakko. Wobei es ihm sogar gelingt, daß sich auch noch Hose und Sakko beissen. Ein ganz klein wenig beeindruckt bin ich schon. Selbst bei einer rein stochastischen Anzugswahl hätte wenigstens eines seiner Kleidungsstücke mit einem der anderen harmonieren müssen.

„Rot täte dem Aufzug gut”, sinniere ich vor mich hin und bemerke erst aufgrund des fragenden Blickes meines Kollegen, daß ich mal wieder laut gedacht habe. Es ist nicht das erste Mal heute: Im Flugzeug bat ich meinen Sitznachbarn darum, doch mal kurz das Fenster zu öffnen. Tatsächlich hatte ich mir diesen Satz also nicht nur vorgestellt. Aufgrund der Reaktion habe ich mir aber vorgenommen, diese kleine Gesprächsauflockerung nun bei jedem meiner Flüge anzubringen. Natürlich in völlig ernstem Tonfall.

Meine Augen fallen zu, und als ich sie wieder öffne, steht da eine unheimlich niedliche Dame am Mikrofon, und deutet auf die Leinwand hinter sich, verhaspelt sich, beginnt zu quietschen, dann verfällt sie in einen resignativen, sonoren Sprech-Trab, der meine Augen erneut dazu bringt, sich nach innen zu verhohlen.

Eine halbe Stunde später stubst mich mein Kollege an. Der nächste Redner steht vorne und hält einen dieser typischen Vorträge, die keiner hören will: „Auf dieser Folie wollte ich ausdrücken,…”, „also, die Slide können wir ja überspringen” und „ja, was wollte ich eigentlich damit sagen?”

Die meisten Zuschauer sind mittlerweile eingenickt, ich beneide sie, weil sie keinen wachen Kollegen neben sich haben, der sie aufweckt und daran erinnert, warum sie hier sind.

Als der Folienflüsterer abtritt, weiß ich genau, was zu tun ist. Wie nahezu alle schlechten Präsentatoren verzieht er sich direkt nach seiner Litanei aufs Klo. Er ahnt nichts, als er sich hinsetzt, um seine Blase zu entleeren. Die Drahtschlinge legt sich fast zärtlich über seinen Hals, erst als ich sie ruckartig zuziehe, begreift er die Situation, aber es ist zu spät, er bekommt seine Finger nicht mehr zwischen Hals und Draht. Ich ziehe fester zu. Er beginnt mit den immer so unheimlich bescheuert klingenden Krächzlauten Erstickender, greift sich völlig sinnloserweise an den Hals. Er beschließt, mir ein bißchen Unterhaltung zu liefern, indem er zunächst rot, dann blau anläuft. Lustig zappeln seine Füße hin und her, gerade so, als habe er das Video des schlafwandelnden Hundes einmal zu oft gesehen.

Ich weiß ja, was jetzt kommen wird. Und es verdirbt mir jedes Mal den Spaß am Tötungsvorgang: Sein Schließmuskel wird versagen. Doch diesmal habe ich vorgesorgt. Ich hake den Draht mit einem kleine Metallenterhaken an der Nebentoilette fest, verabschiede mich mit einem nett gemeinten „ich muß los, ich weiß, Sie eigentlich auch, höhö” und spaziere zurück in den stickigen Besprechungssaal.

Schon beim Eintreten verschlägt es mir den Atem. Überall auf den Stühlen liegen Menschen, aneinandergekuschelt, teilweise schnarchend. Selbst mein Kollege, der ansonsten jeden noch so langweiligen Vortrag ohne einzunicken übersteht, wirkt angeschlagen. Ich gucke auf die Bühne. Und erblicke ihn. Die Geheimwaffe des Sandmanns. Den Abgesandten der Langweile. Ihn. Den Mann, der es schafft, eine Stunde lang Powerpointfolien vorzulesen, die über und über mit Aufzählungszeichen und sinnentleerten Beratervokabeln zugemüllt sind. Ihn, der kein einziges Mal Luft holen muß, der auch kein einziges Mal seine Stimme senkt oder erhebt. Ihn, der sich weder von Satzzeichen noch von Absätzen aus seinem stetigen Redefluß herausbringen läßt. Ich versuche, wieder aus dem Raum zu kommen, aber ich weiß, ich werde es nicht schaffen. Ich bin noch zu weit von der rettenden Tür entfernt. Ich versuche, mich auf spannende Dinge zu konzentrieren. Die Brüste dieser Blondine da in der letzten Reihe. Die Daytona am Handgelenk des Konkurrenten. Aber es ist nichts zu machen. Noch fünf Schritte trennen mich vom Ausgang. Mit unmenschlicher Willenskraft reiße ich meine Augen auf, springe…

… und während meine Hand die Klinke streift, fallen meine Augen zu, und während ich geschlagen am Boden liege, höre ich in den letzten wachen Momenten die sonore Beraterstimme: „die XML-Struktur der modular aufebauten Software macht sie beliebig erweiterbar und wird die future challgenges schon heute leveragen, bei geringer total cost of ownership.”

Mein Hirn schaltet ab. Sie haben gewonnen.

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