„Endlich mal ne ordentliche Revolution”, „langsam sollte man sich doch mal wehren”, „auf die Straße! auf die Straße!” In Blogs, auf Twitter, auf Facebook lese ich diese Parolen – nein, von Desinteresse an Politik kann in Deutschland keine Rede sein. Und ich sehe es mir ja an mir selbst: Wenn ich an die Regierungsfiguren denke, wie sie wieder einmal nichts auf die Reihe bekommen, wenn ich dann wieder die taktischen Aussagen der Opposition höre, dazwischen die populistischen Parolen der Kommunisten: Mir kommts hoch.
Ich erinnere mich noch vage wie vor einigen Jahren die Sprüche der damaligen Opposition über die „Agenda 2010” lauteten. Ich konnte sie vorher schon aufsagen: „Geht nicht weit genug, ist zu wenig, bringt nichts”. Die „Agenda 2010” war eine der herausragenden Leistungen der Nach-Kohl-Era. Die ja nicht gerade unbedeutende Wirtschaftskrise hat dem Arbeitsmarkt nicht so viel anhaben können wie in anderen Ländern. Schröder, von dem ich damals gar nichts hielt, hat Großes geleistet.
Heute ist das vielleicht wieder das Gleiche. Überall wird sich aufgeplustert, und am Ende reiben wir uns verwundert die Augen: Weder ist der soziale Frieden auseinandergebrochen, wie das die jetzige Opposition fürchtet, noch hätten weitreichendere Pläne eine Chance gehabt, durch die Mühlen der Politik zu gelangen. Politik ist nunmal der kleinste gemeinsame Nenner, da können keine spektakulären Maßnahmen herauskommen.
Doch genau das fordern viele Menschen. Je jünger, desto spektakulärer sollen diese Maßnahmen sein.
Ich kann mir vorstellen, wie ich als alter Mann auf dem Balkon meines mittlerweile völlig heruntergekommenen Hauses sitzen werde, die Enkel zu Besuch. Der Wasserhahn aufgedreht, um uns herum illegale Geräte zur Abschirmung der Abhörgeräte. Und wie ich ihnen davon berichten werde, in was für einer Zeit wir gelebt haben. Einer Zeit, in der jeder seine Meinung sagen und schreiben durfte, in der niemand Angst davor haben mußte, aufgrund von Armut zu sterben.
„Wieso habt Ihr das dann aufgegeben, Opa?” werden mich die Enkel fragen. Ich werde mit den Schultern zucken. Die Ziele klangen damals alle ehrenwert. Klimaschutz. Kinderschutz. Umweltschutz. Soziale Gerechtigkeit. Steuersünder jagen. Diejenige, die sie vertraten, hatten die besten Absichten. Sie waren jung und idealistisch.
Zunächst hat man es eben noch als übertriebenen Idealismus abgetan, wenn sie Andersdenkende beschimpft haben. Wenn man beispielsweise nicht mehr offen hat sagen dürfen, daß man den Schutz des Menschen vor den des Tieres stelle. Als dann die ersten Steuersünder nicht nur enteignet worden sind, sondern direkt ins Gefängnis gekommen sind, ist die Begeisterung noch groß gewesen. Als sich jedoch der gesamte Mittelstand hat dazugesellen müssen, ist es langsam unschön geworden.
Wir werden die Geräte abschalten müssen. Störsender werden leicht zu lokalisieren sein. Und hinter jedem Störsender könnte ja jemand Kinderpornos herunterladen. Ich werde die Geräte entsorgen, alle Spuren daran zerstören. Die Enkel und ich werden von ungefährlichen Themen sprechen. „Provozieren muß man, Grenzen überschreiten, ” wird mein Lieblingsenkel die Sätze des aktuellen Theaterspielplans nachplappern, „um dem raffgierigen…” – meine Gedanken werden abschweifen. Und ich werde hoffen, daß nach der nächsten Befreiung, nach dem Ende der Diktatur, wieder so eine Phase entstehen wird, wir wir sie gehabt haben. Damals. Anfang des 21. Jahrhunderts.

10. Juni, 2010 at 16:51
Und ich werde derweil mit meinen Enkeln bei einem schlechten Glas Wein* sitzen und den staunenden Kindern von einer Zeit erzählen, in der man noch studieren konnte, was man wollte, ohne sich ob der fehlenden Relevanz für Industrie und Handel rechtfertigen zu müssen.
Von einer Zeit, in der die Lebensmittelindustrie gezwungen wurde, auf die Packungen zu schreiben, was in der Packung ist und in der die Tierstapelhaltung noch als Tierquälerei galt.
Wir haben das schon beide nicht leicht, später.
PS: Sie haben vergessen zu erwähnen, dass Sie 2030 mit dem Rauchen aufhören mussten, weil das unter Kanzlerin Nahles auch in den eigenen vier Wänden verboten wurde.
*(2020 wurden unter Kanzler Niebel sämtliche Auflagen im Weinanbau gestrichen, sodass der Markt es endlich selber regeln konnte und nach der Einführung des Analogweins sowohl der koventionelle Weinbau als auch der biologische innerhalb von 5 Jahren so unrentabel wurden, dass die Winzer flächendeckend umsatteln mussten)
11. Juni, 2010 at 07:10
Was soll man dazu noch sagen… dem ist nichts hin zu zufügen.