Gegensatz: 3 Leuchten. Müller-Hohenfeld: keine Leuchte

Gegensatz: 3 Leuchten. Müller-Hohenfeld: keine Leuchte

Heute morgen lese ich auf Twitter diese Sache mit dem „inneren Reichsparteitag”. Und lese dann diesen durchaus interessanten Kommentar dazu.

Dort heißt es, und ich muß zugeben, daß ich mich der Logik nicht entziehen kann:

„Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich im intimeren Rahmen aka Freundes- und Kollegenkreis durchaus mal die eine oder andere zynische Adolfzote an den Kopf wird, meist begleitet von befreiendem und schallendem Gelächter. Doch das ist ein völlig anderer Kontext.”

Nun entspricht das ja durchaus auch meiner Ansicht: Eine Aussage steht immer im Kontext zur Situation. Genauso, wie sich Schwarze untereinander als „Nigger” titutlieren können, man dies als Weißer aber tunlichst nicht tun sollte.

Doch allein der Kontext reicht ja nicht aus, um die Wortwahl zu bewerten. Korrekterweise sagt der Autor also auch, er müsse erst mehr über die Situation erfahren, um bewerten zu können,

„ob wir uns wieder in Richtung dumpfem Mitläufertum bewegen oder einfach nur das Bedürfnis verspüren mit Humor an unserer Vergangenheit zu arbeiten”

Natürlich ist auch dem zuzustimmen: Humor kann verharmlosend wirken, aber auch befreiend, ohne zu verharmlosen. Und gerade die zynische Form des Humors zeigt ja eben überdeutlich auf, daß man sich mit der Situation eben nicht anfreunden kann.

Aber das alles führt meines Erachtens in die Irre, denn es läßt einen ganz wesentlichen Blickwinkel aus. Indem wir bewerten, wie die Situation war, wie der Kontext, das Drumherum, die Reaktionen war, vergessen wir vielleicht das wesentliche: Was meinte denn Müller-Hohenstein damit, als sie das Bild benutzte?

Ich befürchte: gar nichts. Die Dame hat nicht darüber nachgedacht, was sie aussagte. Sie hat einfach einen Satz wiederholt, den sie unzählige Male von Freunden, Bekannten, Chefs, Mitarbeitern und Kollegen gehört hat. Den sie vielleicht in trauter Runde ebenfalls selbst häufig benutzte. Denn eines ist ja unstrittig: Wir alle haben diese Redewendung schon einmal gehört. Ich persönlich möchte sagen: zu oft.

Kaum ein Mensch, der von „inneren Reichsparteitagen” spricht, will damit den Nationalsozialisten verharmlosen, in Schutz nehmen, glorifizieren. Der Satz war einst eine Provokation von Jugendlichen gegen eine Elternwelt, die einen gefühlt 100 Mal am Tag daran erinnerte, daß man Schuld habe an etwas, das man damals gar nicht begreifen konnte. Ich kann es nicht allgemeinverbindlich sagen, aber wir als Jugendliche benutzten Anfang der 90er gerne diesen Ausdruck und, nun ja, andere würden formulieren: zitterten vor Kühnheit.

Wir wurden glücklicherweise älter. Die meisten von uns auch klüger. Ich benutzte diesen Ausdruck überhaupt nicht mehr. Andere schon. Zu viele, wie wir mittlerweile feststellen. Aber wenn wir uns den Mechanismus ansehen, wie er entstand, so ist er letztlich eine einfache Taktik, um irgendwie mit diesem für uns damals viel zu schwierigen Thema umgehen zu können.

Das ist heute anders. Heute wird kaum jemand im privaten Umfeld auch nur mit der Wimper zucken, wenn von inneren Reichsparteitagen die Rede ist. Es ist leider zu einer allgemein bekannten Redewendung geworden. Und daher kann ich Frau Müller-Hohenfeld auch nicht vorwerfen, ein Nazi zu sein: Sie plappert gedankenlos das nach, was sie ständig hört.

Es ist äußerst billig, nun Konsequenzen zu fordern. Nicht Frau Müller-Hohenfeld ist das Problem. Das Problem besteht darin, daß eine solche Redewendung unreflektiert von uns allen benutzt wurde. Daß wir alle dazu beigetragen haben, sie so zu etablieren, daß (auch) eine Sportreporterin sie ohne nachzudenken benutzt. Wenn wir also mal langsam bitte ehrlich zu uns selbst sind: Wir sind nicht sauer auf Katrin Müller-Hohenfeld. Wir sind sauer auf uns selbst.

Übrigens, kleiner Tip: Wenn Sie in die Verlegenheit kommen, von einem „inneren Reichsparteitag” sprechen zu wollen, überlegen Sie sich einfach ein paar Alternativen. Einige hätte ich schon einmal für Sie:

– innerer Grünen-Parteitag (für alle Werber)
– innere konstituierende Sitzung des Gemeinderates (für die Lokalpolitiker, die hier sicher oft mitlesen)
– innere Konklave (für meine Lateiner und den Lesern)
– innere Synode der deutschen Bischofskonferenz (für die Altgriechen)
– innere Konstituierende Sitzung der Enquete-Kommission (für die Angeber)