Juli 2010


Hier läuft nicht mehr viel

Hier läuft nicht mehr viel

Natürlich geht jetzt die Verklärung schon langsam los: Soweit hat es ihnen ja keiner zugetraut, ist doch immerhin etwas. Dieses ganze Gesülze, daß man mit dem Erreichen des Halbfinalspiels zufrieden sein sollte.

Wieso aber sollte man das? Was bringt es denn einer Manschaft, überhaupt nur ins Halbfinale zu kommen? Nach ein paar Jahren ist es völlig egal, ob die Jungs im Halbfinale oder in der Vorgruppe ausgeschieden sind.

Aber darum gehts mir gar nicht. Mich störte vor allem die Art, wie die deutsche Manschaft das Turnier verlassen hat. Wir erinnern uns: Nach dem 4:1 gegen Argentinien begann auf einmal Lahm, an Ballacks Stuhl zu sägen. Mitten während des laufenden Wettbewerbs. Parallel dazu begann sich die Manschaft schon im Finale gegen Holland zu sehen. Dazwischen lag ja nur – Spanien. Die ja auch nur vor zwei Jahren die Europameisterschaft gewannen und vermutlich die spielstärkste Manschaft der Welt ist.

Das schwierigste Spiel überhaupt liegt vor den deutschen Fußballern. Was also sollte man in der spielfreien Zeit tun? Genau: Die Klappe aufreissen. Intrigen spinnen. Die Stimmung ein bißchen runterziehen. All das hilft ganz sicher.

Und dann das Spiel. Erhobenen Hauptes kann eine Truppe vom Platz gehen, wenn sie die Zweikämpfe verliert. Das aber tun die Deutschen nicht: Sie greifen gar nicht erst an. Und wenn sie dann mal den Ball erobern, dann schieben sie ihn schnell wieder einem Spanier zu. Zwei magere Schüsschen aufs Tor bringen sie zustande, ansonsten aber gar nichts. Sie spielen Fußball, wie es in Deutschland früher häufig getan wurde, früher allerdings erfolgreicher. Man nannte es „Rumpelfußball”.

Lahm hätte zum großen Helden der WM werden können. Leider scheint ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen sein.

So bleibt es also wieder bei einem Halbfinale. Wenn schon der Preis für den 2. Platz unten bei der Damentoilette hängt (wie wir aus „Top Gun” wissen), dann braucht man sich das Spiel um Platz 3 wohl nicht mal mehr anzusehen.

Meine neue Bürolampe

Meine neue Bürolampe

„Ja, da brauche ich dann wohl die Zahlen der letzten Monate”, murmelt der Herr mit dem Kurzarmhemd vor mir, und ich tue mich äußerst schwer damit, ihn meinen Chef zu nennen, jedenfalls gerade in diesem Moment.
- „Nein. Dort unten stehen zwei wichtige Zahlen: Verbrauchtes Budget und Restbudget. Alles andere ist für das Projekt im Moment irrelevant. Wir müssen eine Entscheidung treffen.”

Der Mann vor mir altert in Sekunden. Hektisch bewegt er die Maus, zieht PDFs aus dem Mailprogramm auf den Schreibtisch, was er anscheinend mindestens schon einmal getan hat, denn sein Rechner fragt ihn erbarmungslos, ob er die vorhandene Datei überschreiben solle. Er klickt auf „Abbrechen” und klickt die Datei erneut an. Dann zieht er sie aus dem Mailprogramm auf den Acrobat Reader. Endlich bekommt er das zu sehen, was er wohl so dringend sehen wollte: Der Reader erscheint, und über die bereits dort geöffnete Datei schiebt sich majestätisch – dieselbe.

Er guckt sich eine Excel-Tabelle an. Die ihm ebenfalls mit der bitteren Wahrheit konfrontiert: Das Projekt, dessen Leitung er großspurig übernahm, ist dabei, ganz furios zu scheitern. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Weiterarbeiten oder Abbrechen. Für diese Entscheidung benötigt man eigentlich nur ganz wenige Zahlen. Wieviel Budget ist noch offen? Wieviel benötigen wir? Überwiegt der Nutzen eines erfolgreichen Projektes die Kosten, das Projekt auf eigene Faust zueende zu bringen.

Der Chef guckt auf eine leere Exceltabelle. „Jetzt bräuchte ich bitte noch die einzelnen Arbeitspakete der letzten Monate,” fängt er an, aber ich falle ihm ins Wort, mittlerweile äußerst gereizt und ungeduldig: „Nein. Wir brauchen momentan in der aktuellen Lage keine Zahlen der letzten Monate. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit den kommenden Wochen umgehen.”

Er sackt in sich zusammen. Sein Mauszeiger wander mittlerweile völlig ziellos auf dem Bildschirm hin und her, verschiebt das Fenster des Mailprogrammes, das von Excel, dann wiederum den Browser. Fahrig läßt er den Acrobat Reader in den Vollbildmodus gehen, dann minimiert er die Darstellung. Ich weiß, daß in meinem Büro ein Haufen Arbeit auf mich wartet. Arbeit, für die ich bezahlt werde, im Gegensatz zu: Rettung von Chefprojekten durch Verschleierungstaktik.

Aus seinem Büro höre ich, wie er dieselbe Diskussion nun mit der Sekreätrin führt, der man einiges nachsagen kann, aber keinesfalls, daß sie auf Rumlabern steht. Kurz und knapp erklärt sie ihm das, was ich ihm auch schon sagte: Die Zahlen sind allesamt besorgt und aufbereitet. Dazu hat er seine Manschaft. Jetzt ist es an ihm, diese Zahlen zu bewerten und eine Entscheidung zu treffen. Seiner Manschaft zu unsinniger Arbeit zu verhelfen, indem er das Projekt, dessen Leiter er ja selbst war, Revue passieren zu lassen, gehört nicht zu den jetzt sinnvollen Tätigkeiten.

Ich ziehe mich zurück, indem ich meine Bürotüre schließe, mir einen Espresso bringen lasse und mir dabei die Beine der neuen Sekretärin ansehe. Anschließend widme ich mich kurz meiner eigentlichen Tätigkeit. Dann sollte ich wohl möglichst früh den Laden verlassen. Eine Entscheidung fällt heute sowieso nicht mehr. Ich kenne den Blick meines Chefs, wenn er dabei ist, eine Entscheidung so lange hinauszuzögern, bis sie jemand anders für ihn trifft. Er wird sich also bis Mitternacht im Büro einschließen. Unproduktiv, aber nervös und gehetzt.

Und kurz nach Mitternacht wird er in sein Auto steigen. Ich weiß, wo er kurz anhalten muß, um die Garage zu verriegeln. Und ich weiß, wieviele Schritte es von dem Gebüsch bis zu seinem bevorzugten Parkplatz sind. Ich brauche für die Strecke genau vier Sekunden.

UPDATE:
Ich muß meine harte Kritik zurücknehmen. Heute morgen erschien er in meinem Büro und hatte sich offenbar gesammelt. Und einen wirklich vernünftigen Plan ausgearbeitet. Ich schätze ihn doch wieder.

Ist nicht Schloß Bellevue, stand aber auch leer.

Ist nicht Schloß Bellevue, stand aber auch leer.

Kein Gauck. War natürlich von Anfang an klar. Diesen Satz werde ich selbstverständlich auch schreiben, sollte unsere Nationalmanschaft am Sonnabend gegen Argentinien verlieren. Obwohl unsere Chancen da sicherlich besser stehen.

Wissen Sie, was ich an der ganzen Präsidentensache nicht verstehe? Ich verstehe tatsächlich Frau Merkel und ihre Truppe nicht. Sie weiß doch, daß Gauck im Volk ankommt. Sie weiß doch, daß von denjenigen, die letztlich sie wählen, eine überwältigende Mehrheit nicht ihren Parteisoldaten Wulff bevorzugt. Ich will ja gar nichts gegen Herrn Wulff sagen. Das ist sicher ein integrer, kluger Mann. Der mir sogar ein wenig leidtut, da er mit so wenig Zustimmung und mit so großen Anlaufschwierigkeiten in sein Amt gewählt wurde. Aber er ist eben der Kandidat, den das Volk nicht will.

Kein Politiker kann wirklich so abgehoben sein und glauben, daß wir alle vergessen, was abgelaufen ist. Sie kann nicht erwarten, daß ihre potentiellen Wähler vergessen, daß sie unseren Willen vollkommen ignoriert hat. Daß es ihr offensichtlich völlig egal war, wen Deutschland – dem zu dienen sie sich per Schwur verpflichtete – zum Präsidenten haben wollte. Daß es ihr auch egal war, daß mit Joachim Gauck ein Kandidat ins Rennen ging, der nicht nur für die Opposition, sondern gerade für viele Konservativen und vor allem Liberale ein besserer Anwärter auf das Amt erschien.

Sie ordnete alles ihren parteipolitischen Machtspielchen unter. Und das ist das traurige an der ganzen Politikerklasse: Ob nun vom Naturell her oder durch die Verweildauer in politischen Ämtern werden nach und nach alle Politiker zu traurigen Gestalten, die nur noch in Parteigezänk und -taktik denken können. Das ging letztlich einem Schröder nicht anders als einem Kohl. Und der einzige Kanzler, an den ich mich halbwegs erinnere, der da nicht mitmachen wollte, scheiterte deswegen.

Nach der Präsidentschaftswahl ist aber auch klar geworden: Mit einer Frau Merkel ist kein Kompromiß möglich. Sie wird nicht in einer Krise auf die Opposition zugehen, versuchen, gemeinsam das beste für unser Land zu erreichen. Sie wird in Lagern denken. Sie wird auf Konfrontation gehen. Sie wird um jede Personalie kämpfen, um jede Formulierung, so unsinnig und unwichtig sie auch sein mag.

Es wird dringend Zeit, daß sie abtritt. Für die CDU, aber auch für CSU und FDP kann momentan nur das gelten, was für die Nationalmanschaft 2004 galt: Neuaufbau. Diejenigen, die klar bewiesen haben, daß sie nicht in der Lage sind, sich wie anständige, erwachsene Menschen zu benehmen, sollten jetzt abtreten, einer rot/grünen Koalition den Weg ebnen (möglichst einer solchen, die sich eher an Schröder/Fischer orientiert als an Nahles/Trittin) und sich in Ruhe sammeln.

Um dann mit Leuten wie Guttenberg und Leutheusser-Schnarrenberger, die beide auf unterschiedliche Weisen gezeigt haben, wie man überzeugend(er) Politik betreibt, wieder anzutreten. Und dann, aber auch nur dann und auch nur vielleicht, bin ich auch wieder bereit, den Liberalen meine Stimme zu geben.

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