Meine neue Bürolampe

Meine neue Bürolampe

„Ja, da brauche ich dann wohl die Zahlen der letzten Monate”, murmelt der Herr mit dem Kurzarmhemd vor mir, und ich tue mich äußerst schwer damit, ihn meinen Chef zu nennen, jedenfalls gerade in diesem Moment.
- „Nein. Dort unten stehen zwei wichtige Zahlen: Verbrauchtes Budget und Restbudget. Alles andere ist für das Projekt im Moment irrelevant. Wir müssen eine Entscheidung treffen.”

Der Mann vor mir altert in Sekunden. Hektisch bewegt er die Maus, zieht PDFs aus dem Mailprogramm auf den Schreibtisch, was er anscheinend mindestens schon einmal getan hat, denn sein Rechner fragt ihn erbarmungslos, ob er die vorhandene Datei überschreiben solle. Er klickt auf „Abbrechen” und klickt die Datei erneut an. Dann zieht er sie aus dem Mailprogramm auf den Acrobat Reader. Endlich bekommt er das zu sehen, was er wohl so dringend sehen wollte: Der Reader erscheint, und über die bereits dort geöffnete Datei schiebt sich majestätisch – dieselbe.

Er guckt sich eine Excel-Tabelle an. Die ihm ebenfalls mit der bitteren Wahrheit konfrontiert: Das Projekt, dessen Leitung er großspurig übernahm, ist dabei, ganz furios zu scheitern. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Weiterarbeiten oder Abbrechen. Für diese Entscheidung benötigt man eigentlich nur ganz wenige Zahlen. Wieviel Budget ist noch offen? Wieviel benötigen wir? Überwiegt der Nutzen eines erfolgreichen Projektes die Kosten, das Projekt auf eigene Faust zueende zu bringen.

Der Chef guckt auf eine leere Exceltabelle. „Jetzt bräuchte ich bitte noch die einzelnen Arbeitspakete der letzten Monate,” fängt er an, aber ich falle ihm ins Wort, mittlerweile äußerst gereizt und ungeduldig: „Nein. Wir brauchen momentan in der aktuellen Lage keine Zahlen der letzten Monate. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit den kommenden Wochen umgehen.”

Er sackt in sich zusammen. Sein Mauszeiger wander mittlerweile völlig ziellos auf dem Bildschirm hin und her, verschiebt das Fenster des Mailprogrammes, das von Excel, dann wiederum den Browser. Fahrig läßt er den Acrobat Reader in den Vollbildmodus gehen, dann minimiert er die Darstellung. Ich weiß, daß in meinem Büro ein Haufen Arbeit auf mich wartet. Arbeit, für die ich bezahlt werde, im Gegensatz zu: Rettung von Chefprojekten durch Verschleierungstaktik.

Aus seinem Büro höre ich, wie er dieselbe Diskussion nun mit der Sekreätrin führt, der man einiges nachsagen kann, aber keinesfalls, daß sie auf Rumlabern steht. Kurz und knapp erklärt sie ihm das, was ich ihm auch schon sagte: Die Zahlen sind allesamt besorgt und aufbereitet. Dazu hat er seine Manschaft. Jetzt ist es an ihm, diese Zahlen zu bewerten und eine Entscheidung zu treffen. Seiner Manschaft zu unsinniger Arbeit zu verhelfen, indem er das Projekt, dessen Leiter er ja selbst war, Revue passieren zu lassen, gehört nicht zu den jetzt sinnvollen Tätigkeiten.

Ich ziehe mich zurück, indem ich meine Bürotüre schließe, mir einen Espresso bringen lasse und mir dabei die Beine der neuen Sekretärin ansehe. Anschließend widme ich mich kurz meiner eigentlichen Tätigkeit. Dann sollte ich wohl möglichst früh den Laden verlassen. Eine Entscheidung fällt heute sowieso nicht mehr. Ich kenne den Blick meines Chefs, wenn er dabei ist, eine Entscheidung so lange hinauszuzögern, bis sie jemand anders für ihn trifft. Er wird sich also bis Mitternacht im Büro einschließen. Unproduktiv, aber nervös und gehetzt.

Und kurz nach Mitternacht wird er in sein Auto steigen. Ich weiß, wo er kurz anhalten muß, um die Garage zu verriegeln. Und ich weiß, wieviele Schritte es von dem Gebüsch bis zu seinem bevorzugten Parkplatz sind. Ich brauche für die Strecke genau vier Sekunden.

UPDATE:
Ich muß meine harte Kritik zurücknehmen. Heute morgen erschien er in meinem Büro und hatte sich offenbar gesammelt. Und einen wirklich vernünftigen Plan ausgearbeitet. Ich schätze ihn doch wieder.