September 2010
Monatsarchiv
20. September, 2010

Junggesellenabschied: Einkehr im Gasthaus
In den letzten Wochen habe ich nun diverse Hochzeiten hinter mich gebracht. Hochzeiten von einigen meiner besten Freunde. Darunter Menschen, die mir so nahestehen, daß ich mit ihnen bereits früher über das Thema gesprochen hatte. Was wollten wir nicht alles anders machen bei unserer Hochzeit. Ganz hoch im Kurs stand dabei die elegante Feier mit Smokingpflicht im Molotow bei entspannendem Punk. Oder die Junggesellenabschiede, die mit Kettenfahrzeugen auf dem Truppenübungsplatz beginnen und auf der Polizeiwache enden sollten. Oder die Variante im „Canadian Tuxedo”. Alles gute Ideen.
Aber sobald man tatsächlich über diese hoffentlich nur einmal im Leben stattfindende Feier nachdenken muß, stellt man wohl fest, daß man nicht der einzige ist, der da ein Wörtchen mitzureden hat.
So habe ich also drei sehr unterschiedliche Hochzeiten erlebt, die aber eines gemeinsam hatten: Sie waren weit von dem entfernt, was wir uns damals vorgestellt hatten.
Es gab eine einfache, aber schöne Feier mit Menschen aus so unterschiedlichen Städten wie Hongkong, Paris, Kuhkaff in Niedersachsen, New York und Peking. Diese dauerte nicht besonders lang, ich kannte kaum jemanden, unterhielt mich mit ein paar eher einfacheren Menschen und hatte das Gefühl, eine gute, aber nicht umwerfende Feier miterlebt zu haben.
Dann war da die elegante Feier in Hamburg. Smokings überall, Ballkleider, aber auch natürlich ein paar Leute, die einfach keine Ahnung haben, was festlich aussieht und was nicht. Tip: Der beigefarbene Anzug nebst weißem Button-Down-Hemd eher nicht. Diese Party krankte zwar auch an der Musik, aber immerhin war ich mit meiner Schwester da und es gab Gin Tonic.
Und dann war da die Feier in Hessen. Machen wir uns nichts vor: In gewisser Weise war das die beste Feier: Ich saß einem netten Pärchen gegenüber, der eine Lehrer, der andere Berater. Beide Zyniker. Neben mir eine ebenso witzige wie schöne Exfreundin des Bräutigams. In dieser Konstellation kommentierten wir die lustigen Hochzeitsspiele, die lieben Kinder mit ihren unschuldigen Spielen, das leckere Fett mit Fleischrand, die nett-naive Studentin, die Musiktherapie für Haustiere anbieten wollte. Wir verstanden uns derartig intuitiv, daß wir völlig selbstverständlich gemeinsam zum Photographen gingen, als es um die Pärchenbilder ging, daß wir wie selbstverständlich darüber stritten, wer denn nun mit wem auf ein Photo dürfe. Drei Männer, die sich gegenseitig im Herumtucken überboten und eine Dame, die zickte, als gäbe es kein Morgen.
Ich traf einen ehemaligen besten Freund wieder, der überraschenderweise von Arschloch zurück auf netter Kerl gewechselt hat, ich traf eine Jugendliebe wieder, der das Alter (noch) schlechter mitspielte als mir. Ich traf den ehemaligen Starathleten der Schule, der mittlerweile als Helmut Kohls Figurdouble fungieren könnte. Kurzum: Ich habe die Hochzeit genossen, weil mich auwertete, indem ich über andere Menschen lästerte. Es ist kein besonders erhebender Gedanke. Und als Beruhigung mir einzureden, daß das ja nahezu alle Menschen tun, reicht mir einfach nicht aus. Bin ich wirklich so? Reicht es mir aus, mich mit einer kleinen Lästergruppe zurückzuziehen und über Menschen zu lachen, nur weil sie vielleicht nicht so schick angezogen sind wie ich? Weil sie nicht dieselben Umgangsformen haben? Weil sie nicht so zynisch sind? Weil ihr Lebensentwurf anders ist als meiner (und vermutlich sogar noch besser)?
Ja. Leider.
All diese Erfahrungen zeigen mir nur eines: Wenn ICH mal heirate, dann mach ich alles ganz anders. Ganz bestimmt. Und damit ich das bald beweisen kann, rufe ich jetzt erstmal diese Frau an. Ach nee. Die kann wird eh wieder nicht rangehen. Im Kofferraum gibts nämlich kein Netz.
13. September, 2010
Posted by germanpsycho under
Ausgehen,
Hamburg | Tags:
beangie,
brandnewwelt,
elbpoet,
ingapopinga,
judetta,
klatschrose,
muermel,
paradiesvogel,
partvision,
propinia,
tehabe,
twh911,
victoriahh |
[19] Comments

Das war nicht das Tweetup
Ganz lockeres Ding. In Ruhe ein paar Bier trinken, nette Leute treffen, früh nach Hause, dann eventuell noch einen Film gucken. Das war der Plan für den Sonnabend. Dazu paßte ja das Tweetup ganz gut. Sind ja immer so Treffen, die nach ein paar Stunden langweilig werden (komischerweise denke ich das immer, obwohl es noch nie so war), dann kann ich am nächsten Tag auch noch viel erledigen.
Also treffe ich halbpünktlich um 1915h im Aurel ein, wobei „im” genau der Fehler war, die kleine Runde sitzt nämlich davor. Die mit den Handys. Sie unterhalten sich natürlich nicht, sondern tippen ständig Dinge in ihr Telefon wie „bringen Sie mir ein Bier mit?” Jedenfalls in meiner Phantasie. In echt plappert die Meute genauso, wie das auch die anderen Grüppchen so tun, aber so ist das eben selbst bei uns Internetmenschen.
Alle Beteiligten wissen, wer dabei war, daher verzichte ich mal darauf, hier Namen zu nennen. Aber die neidischen Blicke der männlichen Passanten war uns Kerlen sicher. Zumal wir – gerade im Verlauf des Abends – deutlich in Unterzahl waren und entsprechend umsorgt wurden.
Ich beschriebe Ihnen nun gerne, was im Verlauf des Abends alles geschah, aber ich kann es nicht: Nach dem Aurel fehlt mir ein gutes Stück Erinnerung, aber immerhin weiß ich noch, wo der Abend endete: Beim Absingen der schlechtesten Lieder aus den vergangenen Jahrzehnten. In meinem Wohnzimmer. Vor der XBox.
Am nächsten Morgen finde ich vier angetrunkene Bier im Wohnzimmer, außerdem zwei Gläser mit White Russian. Immerhin hilft mir das, ungefähr zu rekonstruieren, wer wohl noch da war. Zumindest zum großen Teil. Leider bringe ich in der Erinnerung ein paar Gesichter nicht mehr mit den entsprechenden Namen zusammen. Machen wir uns nichts vor: Wir haben es übertrieben. Und zwar völlig. Ich bin heilfroh, daß ich ausschließlich Nachbarn mit Gehörproblemen um mich herum wohnen habe. Oder solche, die äußerst tolerant sind. Oder beides.
8. September, 2010
Die UN habens schwer. Jetzt können sie schon nicht mal mehr Massenvergewaltigungen ordentlich.

Schlimmer Patzer bei UN-Einsatz?
UPDATE: Ich hatte es wohl falsch verstanden. Die Blauhelmsoldaten hatten anscheinend, äh, andere Probleme.

Kann doch jedem mal passieren
3. September, 2010

Gut integriert: Engländer in Hamburg
Könnte es sein, daß all diejenigen, die jetzt reflexartig Türken, Moslems und Immigranten „in Schutz nehmen”, die eigentlichen Rassisten sind?
Die nämlich schon gar nicht mehr glauben, daß jene sich alleine verteidigen können oder alleine aus ihrer Misere herauskommen. Sondern daß man ihnen auf ewig helfen müsse. Vermutlich wegen der Gene.
Machen Sie mal ein Experiment! Gucken Sie sich mal den Film „Der Pate” an. Ruhig auch den 2. Teil, besonders die Szenen, die Anfang des 20. Jahrhunderts spielen. Die Parallelen sind nämlich kaum zu übersehen: Die Italiener in Amerika galten als rückständig, dumm und nicht in der Lage, sich zu integrieren. Sie lebten in eigenen Vierteln, in denen viele nicht lernten, ordentlich Englisch zu sprechen. Die Mafia rekrutierte aus diesem Milieu ihre Soldaten.
Eine sehr schöne Szene spielt vor einer Kommission. Dort hat sich Vito Corleone vor einem Haufen rauchender Politiker zu verantworten. Zu Beginn verliest einer der Politiker eine Erklärung, in der er zunächst einmal die Integration und die Friedfertigkeit der meisten Amerikaner italienischer Herkunft lobt. Ganz so, als sei es notwendig, sich davon zu distanzieren, vom Einzelfall auf die Masse zu schließen. Und ganz so, wie wir es momentan erleben.
Genau da stehen wir auch. In den USA war es ein paar wenige Jahrzehnte später kein Thema mehr. Die Italiener hatten sich ganz normal in die amerikanische Gesellschaft eingefügt.
Können wir also davon ausgehen, daß das bei uns auch so klappt? Ich glaube: ja. Sofern zwei Voraussetzungen gegeben sind:
1. Man stellt sich nicht mehr ständig schützend vor jeden Menschen, der irgendwie anders ist. Sondern man erlaubt ihm einfach, ein ganz normaler Mensch zu sein, mit derselben Möglichkeit, sich zu bilden, sich zu entwickeln, voranzukommen, wie jeder Einheimische sie auch hat. Das heißt nicht, daß es keine Hilfsangebote geben dürfe. Aber sie dürfen auch nicht dazu führen, jegliche Eigeninitiative erlahmen zu lassen.
2. Das Bild des eigenen Landes wird positiv. Wieso sollte ein junger Mann anstreben, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, die sich selbst offenbar nicht leiden kann? Wenn wir überall nur davon sprechen, was bei uns alles schlecht läuft, wenn wir uns ständig selbst beschimpfen, daß wir Rassisten und ähnliches seien, dann darf es uns auch nicht wundern, wenn Immigranten es ablehnen, unserer Gesellschaft Respekt entgegenzubringen.
In den USA ist es für jeden Einwanderer völlig klar: Das erstrebenswerte Ziel ist die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die neue Nation gewinnt gegenüber den ehemaligen Wurzeln. Warum sonst sollte ich auch in ein anderes Land einwandern wollen?
Allerdings glaube ich, daß das unter 2. beschriebene in Deutschland mittlerweile immer besser funktioniert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Nicht, wenn ich auf Twitter oder auf Blogs unterwegs bin. Aber ansonsten scheinen wir mit uns halbwegs im Reinen zu sein. Und dank der WM bieten wir auch so langsam Identifikationsfiguren, wie sie einfach nötig sind.
Die einzige Gefahr, die ich langfristig weiterhin sehe, ist der Reflex, jede Minderheit als so minderbemittelt anzusehen, daß man sie zu schützen müssen glaubt. Daß man nicht anerkennen mag, daß es nämlich in der Tat keinen genetischen Unterschied zwischen Türken und Deutschen gibt, der erstere faul und letztere fleißig sein läßt.
Und insofern habe ich wohl doch den Kommentar zu Sarrazin geschrieben, den ich erst nach Lesen seines Buches hätte schreiben wollen.
2. September, 2010

Wie die Linke und ich uns versöhnten
Wissen Sie, so ganz verstehe ich unsere Nachbarn im Westen ja nicht. Eigentlich habe ich sie nie ganz verstanden, mit ihrem Zentralismus und der Vorliebe für Revolutionen, aber ich hielt sie stets für ein tolerantes Völkchen. Vielleicht mit etwas (hah!) zu viel Nationalstolz in der Brust, aber doch mit einem laisser-faire in jeder Lebenslage.
Nun lese ich aber diesen Artikel. Und komme nicht umhin, irgendwie folgerichtig zu finden, was da auf den ersten Blick so unsinnig erscheint: Man ereifert sich darüber, daß eine Schnellrestaurantkette nur noch nach islamischem Recht geschlachtetes Fleisch. Und begründet das damit, daß das ja eine Diskriminierung aller Nicht-Moslems sei.
Der erste Gedanke, der einem in den Sinn schießt, ist doch der: Ist es nicht verdammt noch mal scheißegal, was eine Restaurantkette für Essen anbietet? Ist es eine Diskriminierung von normalen Menschen, wenn eine Kette nur noch vegetarisch anbietet? Werden Vegetarier diskrimiert, wenn ein Restaurant auch Fleisch anbietet?
Nein, natürlich nicht. Im vorliegenden Fall ist es sogar noch absurder: Ein halal geschlachtetes Rind dürfte für einen Nicht-Moslem vermutlich exakt genauso schmecken wie ein nicht halal geschlachtetes. Er hat also keinerlei Einbußen. Wo soll da bitte eine Diskriminierung vorliegen?
Und selbst wenn diese mit dem Verzicht auf Schweinefleisch begründet wird: Dann soll er doch in ein anderes Restaurant gehen? Gibt es denn nicht in dem Land der besten Küche der Welt (gut, mit einigen Konkurrenten wie den Indern, den Thais und den Italienern) nicht genügend andere miese Imbißketten?
Nein, auf diese Idee kommen nur Menschen, die schon so zentralistisch denken, daß sie davon ausgehen, eine einzige Restaurantkette müsse allein dafür verantwortlich sein, für alle Menschen das perfekte Essen anzubieten, sowohl für den überzeugten Veganer als auch für den rindfleischessenden Moslem. Dieselbe Vorstellung, nach der es ja auch völlig ausreichend ist, eine einzige Firma pro Branche zu haben.
Frankreich war immer schon ein Staat, in dem vieles nur zentral entschieden wurde, in dem die Konkurrenz der Bundesländer gar nicht erst aufkam. Der Gedanke an zentrale Entscheidungsstrukturen, an staatliche Kontrolle ist in Frankreich per se stark ausgeprägt.
Es ist also nur konsequent, wenn nun auch von einzelnen Marktteilnehmern gefordert wird, jeden einzelnen Geschmack abzubilden, selbst wenn das de facto völlig unmöglich ist. Genau deswegen haben doch unsere Demokratien das Prinzip der Marktwirtschaft eingeführt: weil es eben völlig unmöglich ist, alle möglichen Geschmacksvorlieben aller Bereiche des Lebens von oben vorzugeben. „Quick” hat festgestellt, daß in manchen Bezirken der Umsatz vervierfacht wurde. Es ist also wohl so, daß die Mehrheit der Menschen in diesen Vierteln lieber halal isst – wieso soll das nun verboten werden? Damit der Umsatz wieder zurückgeht? Weil Umsatz ja so unwichtig ist? Oder lieber, um den Leuten, die sich mehrheitlich für die neue Art der Menüzusammenstellung entschieden haben, ihren Willen nicht zu lassen, obwohl er niemandem schadet?
Mich jedenfalls würde ein Schild mit der Aufschrift „Achtung halal” nicht davon abschrecken, dort in einen Burger zu beißen – meine erste und einzige Erfahrung in einem dieser „Quick”-Läden allerdings schon.
1. September, 2010

Google ist pragmatisch: Hundesteine zum Ertränken?
Ein schockierendes Video. Keine Frage. Und ich selbst bin ja auch so ein Hundenarr. Hatte mein Leben lang immer einen Hund. Was glauben Sie, wie ich emotional reagierte, als ich das Video sah? Genau. Genauso, wie Sie vermutlich auch, wenn Sie das zum ersten Mal sehen.
Aber was mich dann noch mehr entsetzt: Die Hetzjagd, die daraufhin im Internet veranstaltet wird. Gucken Sie sich mal die Kommentare hier an! Da wird gefordert, die Frau sollte auch im Fluß ertränkt werden. Und einige Menschen schreiben, daß sie genau das vorhaben. Andere wundern sich darüber, daß die Dame, von der dann auch ein möglicher Name nebst Adresse und Telefonnummer veröffentlicht wird, Polizeischutz erhält.
Ganz klar: Sofern das Video kein Fake / Hoax ist – was momentan nicht abschließend geklärt ist, dann bin ich genauso angewidert wie Sie. Aber das heißt doch noch lange nicht, daß deswegen Mordaufrufe durchs Netz geistern? Jetzt steht ein Name im Netz. Ein Name, der zu dem Mädchen gehören mag, das das Video ins Netz stellte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sieht sie nur ähnlich aus? Für ordentliche Polizeiarbeit jedoch ist kein Platz im Internet: Lynchen, die Sau! Wenn dann später rauskommen sollte, daß der Name falsch war, wurde zumindest eine Zeit lang eine Unschuldige mit Drohbriefen, anonymen Nachrichten, Telefonterror und ähnlichem überzogen. Wenn nicht gar schlimmeres geschieht.
Und selbst, wenn sie es war? Wer gibt denn auf einmal dem Mob das Recht auf Selbstjustiz? Sind wir mittlerweile wieder soweit, daß „das gesunde Volksempfinden” unsere Rechtsordnung prägen soll? Obwohl wir ansonsten immer schön darauf bedacht sind, Täter zu resozialisieren? Was übrigens – wie gesagt, WENN es denn alles so stimmen sollte – bei einem jungen Mädchen, das „nur” Hundewelpen ertränkt hat, leichter sein dürfte als bei einem sexuell motivierten Serienmörder.
Aber klar. Hundewelpen sind niedlich, die erste Reaktion ist logischerweise Hass. Und den Rest, den blenden wir dann einfach wieder aus.
Ich verstehe ja die intuitive Reaktion, das Netz dazu zu nutzen, die Täterin ausfindig zu machen.
Aber ich möchte Ihnen allen etwas sagen: Sollte dem Mädchen etwas angetan werden, dann sind all die mitschuldig, die den Aufruf, sie zu identifizieren, per Twitter, Facebook oder E-Mail weitergeleitet haben. Und in meinen Augen ist ein Mord an einem Menschen immer noch etwas anderes als der an einem Tier.
UPDATE: Peter Aeschlimann von der Basler Zeitung hat sich dieses Themas ebenfalls angenommen und warnt vor dem „dynamischen Mob”.
UPDATE 2: In der Süddeutschen wird beschrieben, wie eine völlig Unbeteiligte unter dem Mob zu leiden hat.
Und in den Nürnberger Nachrichten auch.