Oktober 2010
Monatsarchiv
27. Oktober, 2010

... und dann schreibt man halt solche Texte
Ich gucke mich um. Das Büro ist wie ausgestorben. Naja. Was heißt hier „wie”? Vielleicht hätte ich mich die letzten Tage doch etwas zurückhalten sollen, als ich aufgrund meiner schlechten Laune die Supportmitarbeiter beim kleinsten Problem bereits enthauptete. Nun sitze ich da, im menschenleeren Büro, und das Telephon klingelt.
„Halloooo”, flöte ich in den Hörer, in der Absicht, die sowieso etwas herbere Stimme der Sekretärin – unter uns: ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich, aber selbst wenn, dann wäre das ja auch egal, schließlich sind wir hier liberal, außerdem: Über die Toten nur Gutes – nachzuahmen, „was kann ich für Sie tuuuuun?”
Es muß sich wohl in etwas so angehört haben wie in einem Transenpuff, wobei ich da keinerlei persönliche Erfahrung habe, obwohl dagegen nun wirklich nichts einzuwenden wäre, jedenfalls gerät mein Gesprächspartner ins Stocken, fängt sich aber wieder und versucht, die verlorene Zeit aufzuholen: „Ichhabehiereinproblemesistfurchtbardringendnichtsgehtmehralleskaputtsiemüssenmir- er holt kurz Luft – helfenundzwarsoforttt.”
– „Ich glaube, Sie haben sich verwählt.”
Den Hörer aufgelegt, die Krawatte zurechtgerückt, und auf in die Mittagspause. Wenns wichtig war, wird er sich sicher melden, vielleicht geht dann ja ein anderer ans Telefon. Nur: Wer? Außer mir ist ja keiner mehr da. Ich denke ein wenig über die Theorie nach, daß wir alle unendlich viele Kopien unserer selbst sind, und in jedem Moment eine dieser unendlich vielen Kopien stirbt, so daß das aktuelle Ich mit diesem Kunden nie wieder sprechen muß. Es könnte schwierig sein, diesen Sachverhalt dem verzweifelten Kundenmitarbeiter zu erklären, aber schließlich bin ich promovierter Berater und Diplom-Experte.
Zu Mittag esse ich Fisch.
Als ich am späten Nachmittag meine erste Zigarette rauche („da hätt ich ja gleich aufhören können” schilt eine gerade sterbende Momentsperson seinen Nachfolger) erinnere ich mich an den Supportfall. Ich verstelle meine Stimme und melde mich mit „Sübbordsentoh Dräsdn”, was beim Gesprächspartner immer erstmal die Erwartungshaltung senkt. Dann brabbele ich verschiedene Vokabeln vor mich hin, die ich mal aufgeschnappt hatte, als meine Kollegen noch lebten. Vermutlich ist es alles ziemlich unsinnig, aber der Mann am anderen Ende des Telefonkabels, und ich stelle es mir immer noch so vor, als ginge da ein einziges Kabel von meinem Apparat zu seinem, meint, er käme jetzt alleine zurecht. Ich pflichte ihm bei. Das ginge mir auch so.
Als zu später Stunde mein Lieblingsmitarbeiter hereinkommt, eine grandiose Wodkafahne in der Hand, erkläre ich ihm, daß er unbedingt noch irgendwen anrufen solle. Er ruft irgendwen an und redet so lange auf ihn ein, bis er sich tatsächlich eines Computerproblems entsinnt.
Ich fahre nach Hause. Support ist ein lustiges Geschäft. Ich sollte das öfter machen. Nein. Ich muß.
P.S. In diesem Text versteckt sich ein Fünkchen Wahrheit. Wer herausfindet wo, bekommt einen ausdrücklichen Dank. Irgendwann.
27. Oktober, 2010
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Auf der Kirmes steht eine Geisterbahn. Schön anzusehen, aber von morbidem Charme. Sie verheißt Aufregung und Abenteuer, aber irgendwo auf dem Rundgang lauert ein Wahnsinniger, der jeden Gast umbringt. Ich weiß das. Ich war letztes Jahr schon drin.
26. Oktober, 2010
Posted by germanpsycho under
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Ach, von innen isses doch gar nicht so schlecht?
„Sie hat die Niedlichkeit eines jungen Wolfs” plärrt Sven Regener durch die Boxen meines Wagens, während ich ins Heim fahre, um mich von einem langen Wochenende zu erholen. Obwohl ich gerade im Moment lieber noch den gerade vergangenen Moment konserviert hätte, aber das führt ja zu nichts, also nach Hause, ins Bett, abschalten, vorbereiten auf den Alltag.
Und dann mit offenen Augen herumliegen. Sinnlos durch das Fernsehprogramm schalten. „Ghost Rider” habe ich noch aufgenommen. Mal angucken? Nicolas Cage spielt ja in einem Trashfilm? Boah, ist das langweilig. Telefon in die Hand nehmen. Sinnlosen Unfug schreiben.
Dabei begann das alles ganz harmlos, wie es das eben meist so tut. Nämlich zwei Tage zuvor mit einem gepflegten, frischen, gezapften Pils in einem heruntergekommenen griechischen Lokal. Und in einer verrauchten Bar direkt daneben, dann allerdings schon mit Astra aus der Flasche und Schnaps. Ich ruiniere meinen Mantel diesmal gleich zu Beginn des Abends, damit ich ihn wenigstens nicht völlig zerstöre, wenn ich später betrunken bin.
Der Höhepunkt des Abends ist sicherlich der Besuch einer schäbigen Karaokebar auf dem Kiez. Vor allem deswegen, weil mich irgendwann S. in eine Diskussion mit zwei grünohrigen Araberjungens verstrickt vorfindet – ich glaube, ich erkläre ihnen gerade, was ich von ihrem vorher getätigten Satz „ich hasse Juden” halte – und allein durch Präsenz Schlimmeres verhindert.
Daraufhin beschließe ich, den Abend zu beenden, schließlich kann es insgesamt gar nicht viel besser werden. Und am darauffolgenden Tag will ich ja unbedingt noch Touristenführer spielen. Beim Spaziergang durch die Schanze erblicken wir übrigens diesen wundervoll kreativen Plattenbau, stellen uns die Unterhaltung zwischen kurzarmhemdentragenden Innenarchitekten und rollkragenpulloverbewehrten Agenturinhaber vor.
Und dann höre ich ja noch Menschen beim Lesen zu.
12. Oktober, 2010

Drei Dinge, die mir fehlten
„Man kann ja nicht ständig nur ans Vergnügen denken,” fabuliere ich vor mich hin und lege die Axt wieder beiseite, während in der Küche der Kaffee zubereitet wird, entnehme dem silbernen Etui eine Gauloises, denke mir noch kurz, daß das wirklich eine blöde Angewohnheit ist und zünde sie an, um sie dann im Aschenbecher vor sich hin qualmen zu lassen, während ich mir den mittlerweile fertigen Kaffee hole.
Die Außenjalousien fahre ich hoch, kann ja ruhig mal etwas Sonne reinkommen in die Wohnung, das stört ja sicher keinen. Ich stelle fest, diesen Satz laut in den leeren Raum gesprochen zu haben, wundere mich aber kaum noch darüber, immerhin bin ich seit ein paar Wochen irgendwie angeschlagen. Aus meinem Körper verabschieden sich die letzten Überlebenden des grausamen Virenmassakers, er bedankt sich artig dafür, indem er das Schüttelfrosten sein läßt.
Der Kaffee schmeckt zu süß. Ich inhaliere den Rauch der Zigarette und beobachte, wie er sich kringelnd seinen Weg zur Decke bahnt. Ein paar Sonnenstrahlen fallen durch die großen Außenfenster und verteilen sich großflächig auf dem Boden. Mir fällt ein halbgelesenes Buch auf den Kopf, gerade so, als habe es sich absichtlich quer durch den Raum geschleudert, ich nehme es zur Hand, es handelt sich um „A Brief History Of The Dead”, nicht einmal ein schlechtes Buch, aber auch kein besonders gutes.
Ich erinnere mich in solchen Momenten immer gerne daran, welche Bücher ich noch unbedingt lesen sollte, irgendsoein japanischer Name geistert mir im Kopf rum, aber ich kann ihn nicht richtig zusammensetzen, also lasse ich das MacBookPro zu, tippe belangloses Zeug in einen der vier installierten Twitterclients meines iPhones und denke mir, ich sollte einfach mal weniger Apple-Produkte benutzen, aber ich verbanne diese Gedanken an solch profanen Konsum und blättere im Katalog meines Maßschneiders. Ob ich mir mal wieder einen Anzug machen lassen sollte? Aus lauter Langeweile heraus?
Doch dann erinnere ich mich an den Beginn des Nachmittages, erschrecke kurz. So viel zu erledigen! Ich fahre die Rollos herunter, trinke den Kaffee in einem Zug leer, nehme die Axt zur Hand, durchtrenne der eh schon komatösen Brünetten mit einem Schlag das Rückgrat, verpacke sie in die üblichen blauen Plastiksäcke, denke mir, daß ich mal ein neues Hobby bräuchte, bringe den ganzen Unsinn auf den Müll, fahre nach Hause.
Dort bereite ich mir einen weiteren Kaffee zu.
Nein. So geht das nicht weiter.
Morgen lasse ich mir wirklich einen neuen Anzug machen.
1. Oktober, 2010

„Sie hat den nächsten Zug genommen”
Natürlich war die Überschrift nur als Platzhalter gedacht, Sie kennen mich ja, so etwas Blödes schriebe ich ja niemals in meinem Blog, aber nun hat sie sich wohl doch dort fest eingenistet, weil ich einfach zu unaufmerksam war.
Gestern aber las ich eine Diskussion auf Twitter, die mich nachdenklich machte. Es handelte sich um ein Thema, das für mein Befinden eigentlich nicht für eine emotionale Diskussion taugt: Der Bahnhofsbau zu Stuttgart. Ich persönlich hatte mir dazu noch keine richtige Meinung gebildet: Erstens bin ich kein Schwabe, es betrifft mich also nur sehr indirekt, ferner ist es eben der Bau eines Bahnhofs. Nicht unbedingt das, was ich als besonders spannendes Thema empfinde.
Aber anscheinend ist das eine Minderheitsmeinung. In der Tat scheint es im Netz ja zeitweise kein anderes Thema mehr zu geben. Erstaunlich für mich als Laien war zunächst einmal, daß die Mehrheit bei Twitter und in Blogs gegen den Bahnhofsbau eingestellt ist. Ich hatte ja naiverweise gedacht, daß die Mehrheit eigentlich dafür sei, den Güterverkehr mehr auf die Schiene zu verlegen, weil Bahn ist ja öko und so. Falsch gedacht! Jetzt könnte ich es mir als bekennender Freund des Individualverkehrs ja leicht machen und sagen, daß auch ich gegen den Neubau dieses oder jedes anderen Bahnhofs bin und wir einfach mehr Autobahnen brauchen, aber das wäre wohl auch nicht sehr zielführend.
Zwei Themen, die für mich besonders erschreckend waren, und die beide nichts mit dem grundsätzlichen Für oder Wider zu tun haben:
1. Meinungsdiktatur gegen Rechtssicherheit
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat. Über Demokratie wird häufig diskutiert. Über das Thema Rechtsstaat nicht. Dabei ist der Rechtsstaat eine wichtige Voraussetzung für Demokratie und Freiheit. Die demokratischsten Gesetze nützen nichts, wenn Bürger und Unternehmen sich nicht darauf verlassen können, daß diese eingehalten werden.
Wenn also ein Projekt durch die gesetzmäßig vorgeschriebenen Instanzen gegangen ist und irgendwann einmal tatsächlich rechtsverbindlich beschlossen wurde, dann ist der Prozeß der Meinungsbildung abgeschlossen. Definitiv.
Jetzt aber, zu einem Zeitpunkt, an dem das Projekt rechtverbindlich beschlossen ist, gehen die Menschen dagegen auf die Straße. Und verkennen, daß sie bei einem Erfolg ihrer Bemühungen einen zentralen Punkt der deutschen Verfassung aushebelten: die Rechtssicherheit. Unzhählige Unternehmen haben mit ihren Planungen begonnen, haben teilweise bereits Leistungen erbracht, haben den Bau des Bahnhofs in ihre Mitarbeiterplanung einbezogen. Einer der wesentlichen Eckpfeiler unseres wirtschaftlichen Erfolges ist ja der, daß sich Unternehmen hierzulande darauf verlassen können, daß Verträge eingehalten werden.
Die Ansicht, daß das Gesetze nur dann zu gelten haben, wenn sie einem in den Kram passen, hat mit dem Rechtsstaatsprinzip nichts zu tun. Es ist die Ansicht einer Meinungsdiktatur. Dieselben Menschen, die momentan in Stuttgart dafür demonstrieren, den Rechtsstaat für ein Projekt außer Kraft zu setzen, wollen sich dennoch darauf verlassen können, daß sie für ihre Arbeit bezahlt werden, daß sie auf Autobahnen nicht geblitzt werden, wenn sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten und daß sie nicht eingesperrt werden, wenn sie kein Gesetz übertreten.
2. Meinungshoheit gegen Meinungsfreiheit
Wenn sich zaghaft auf Twitter jemand zu Wort meldet, der nicht gegen den Bau des Bahnhofs ist, dann ist er sofort mit ziemlich heftigen Angriffen ausgesetzt. Polemische Wortspiele gegen den Bau sind in Ordnung und werden mit dem Fav-Sternchen versehen. Aber bei jedem Befürworter wird sofort „keine Ahnung, Fresse halten”, „so sind die Nazis an die Macht gekommen” oder „Stammtischniveau” gebrüllt. Die Frage, die sich jeder Mensch, der sich nicht als Antidemokrat sieht, stellen sollte, ist die: Wie gehe ich mit abweichenden Meinungen um?
Am allermeisten ist die demokratische Überzeugung gefordert, wenn man in der Mehrheit ist, oder sich zumindest in der Mehrheit fühlt. Wie gehe ich dann mit Menschen um, die das Gegenteil dessen glauben, was ich denke? Werde ich aufgrund politischer Differenzen persönlich? Versuche ich, mich nicht mit Argumenten auseinanderzusetzen, sondern lieber gleich mit der Person, wohl wissend, daß die Menge um mich herum sowieso ähnlich denkt wie ich?
Oder bin ich GERADE DANN, wenn ich die Mehrheitsmeinung hinter mir weiß, besonders vorsichtig bei Diskussionen mit Andersdenkenden? Um ihnen zu zeigen, daß ihre Meinung eben nicht weniger wert ist als die der Mehrheit?
Eine Menge von Twitterern gestern jedenfalls hat den Demokratietest nicht besonders gut bestanden.