... und dann schreibt man halt solche Texte

... und dann schreibt man halt solche Texte

Ich gucke mich um. Das Büro ist wie ausgestorben. Naja. Was heißt hier „wie”? Vielleicht hätte ich mich die letzten Tage doch etwas zurückhalten sollen, als ich aufgrund meiner schlechten Laune die Supportmitarbeiter beim kleinsten Problem bereits enthauptete. Nun sitze ich da, im menschenleeren Büro, und das Telephon klingelt.

„Halloooo”, flöte ich in den Hörer, in der Absicht, die sowieso etwas herbere Stimme der Sekretärin – unter uns: ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich, aber selbst wenn, dann wäre das ja auch egal, schließlich sind wir hier liberal, außerdem: Über die Toten nur Gutes – nachzuahmen, „was kann ich für Sie tuuuuun?”

Es muß sich wohl in etwas so angehört haben wie in einem Transenpuff, wobei ich da keinerlei persönliche Erfahrung habe, obwohl dagegen nun wirklich nichts einzuwenden wäre, jedenfalls gerät mein Gesprächspartner ins Stocken, fängt sich aber wieder und versucht, die verlorene Zeit aufzuholen: „Ichhabehiereinproblemesistfurchtbardringendnichtsgehtmehralleskaputtsiemüssenmir- er holt kurz Luft – helfenundzwarsoforttt.”
– „Ich glaube, Sie haben sich verwählt.”

Den Hörer aufgelegt, die Krawatte zurechtgerückt, und auf in die Mittagspause. Wenns wichtig war, wird er sich sicher melden, vielleicht geht dann ja ein anderer ans Telefon. Nur: Wer? Außer mir ist ja keiner mehr da. Ich denke ein wenig über die Theorie nach, daß wir alle unendlich viele Kopien unserer selbst sind, und in jedem Moment eine dieser unendlich vielen Kopien stirbt, so daß das aktuelle Ich mit diesem Kunden nie wieder sprechen muß. Es könnte schwierig sein, diesen Sachverhalt dem verzweifelten Kundenmitarbeiter zu erklären, aber schließlich bin ich promovierter Berater und Diplom-Experte.

Zu Mittag esse ich Fisch.

Als ich am späten Nachmittag meine erste Zigarette rauche („da hätt ich ja gleich aufhören können” schilt eine gerade sterbende Momentsperson seinen Nachfolger) erinnere ich mich an den Supportfall. Ich verstelle meine Stimme und melde mich mit „Sübbordsentoh Dräsdn”, was beim Gesprächspartner immer erstmal die Erwartungshaltung senkt. Dann brabbele ich verschiedene Vokabeln vor mich hin, die ich mal aufgeschnappt hatte, als meine Kollegen noch lebten. Vermutlich ist es alles ziemlich unsinnig, aber der Mann am anderen Ende des Telefonkabels, und ich stelle es mir immer noch so vor, als ginge da ein einziges Kabel von meinem Apparat zu seinem, meint, er käme jetzt alleine zurecht. Ich pflichte ihm bei. Das ginge mir auch so.

Als zu später Stunde mein Lieblingsmitarbeiter hereinkommt, eine grandiose Wodkafahne in der Hand, erkläre ich ihm, daß er unbedingt noch irgendwen anrufen solle. Er ruft irgendwen an und redet so lange auf ihn ein, bis er sich tatsächlich eines Computerproblems entsinnt.

Ich fahre nach Hause. Support ist ein lustiges Geschäft. Ich sollte das öfter machen. Nein. Ich muß.

P.S. In diesem Text versteckt sich ein Fünkchen Wahrheit. Wer herausfindet wo, bekommt einen ausdrücklichen Dank. Irgendwann.