Ein halbnackter Mann steht auf der Bühne und meine Begleitung wundert sich darüber, daß er nicht ganz nackt ist. Ich bin darüber sehr froh, schließlich reicht mir der Anblick von Haut und Knochen bereits jetzt schon. Die Frau an seiner Seite ist ebenfalls halbnackt, wogegen ich prinzipiell natürlich auch nichts habe, allerdings sollte doch ein Regisseur, wenn er schon soviel Fleisch zeigt, ein wenig mehr Sorgfalt bei der Auswahl seiner Schauspieler walten lassen: Sie hat überhaupt keine Brüste.
Neues Theater. Experimentelles Theater. Modernes Theater. Stücke werden nicht mehr gespielt, sie werden interpretiert. Das Bühnenbild sollte dabei möglichst wenig Hinweise auf die realte Welt geben. Die Dialoge eines Buches werden nur noch zitiert, vermengt mit anderen Stücken, mit selbst geschriebenem – gerade so, als sei der Intendant des Theaters schlauer als Mann, Shakespeare und Schiller zusammen.
Auf der anderes Seite wird gejammert. Das ist natürlich überhaupt nicht erstaunlich, denn Jammern läuft hierzulande immer. Das ziemt sich in jeder Position, vom Hartz-IVler bis hin zum Manager, der „um seine Abfindung betrogen wurde”. Also auch im Theater. Das Theater sei wichtig. Es sei Kultur. Es könne nicht angehen, daß das Theater verschwinde. Daher benötige es Subventionen.
In Hamburg gibt es das Gejammer darüber, wenn Geld für Theater gestrichen wird. In Leipzig gab es das auch.
Aber warum benötigt das Theater eigentlich so eine Förderung? Und seit wann? Sind die Menschen so theatermüde geworden, so geistig unbeweglich, daß sie sich nur noch für knallbunte Comicverfilmungen in 3D interessieren?
Oder ist es vielleicht doch so, daß es eine ganze Menge Theaterbegeisteterter gibt, die aber keine Lust haben, sich die Selbstbeweihräucherung moderner Intendanten anzusehen? Menschen, die großes Interesse an klassischen wie zeitgenössischen Werken haben, die aber mit dem überbordenden Ego der alles besser zu können glaubenden Regisseure der heutigen Theaterlandschaft nichts anfangen können?
Wie wäre es mal damit: Der Autor schreibt. Der Regisseur inszeniert. Und nicht: Der Regisseur schmeißt alles um, weil er den Autor eh für eine überbezahlte Flasche hält. Der Regisseur überlegt sich nicht zuerst, wie er sein Publikum möglichst effektiv beschimpfen kann. Sondern er begreift sich als das, was er ist: als Dienstleister. Als jemand, dessen Job es nicht ist, direkt Waren und Güter zu produzieren. Sondern jemand, der dafür sorgt, daß diejenigen, die diese Arbeit leisten, intellektuelle Unterhaltung geboten bekommen – wenn sie dies wünschen.
Das Theater wäre überhaupt nicht vom Sterben bedroht, wenn es sich denn auf seine Aufgabe besänne. Ab und an moderne, experimentelle Inszenierungen. Selbstverständlich muß dafür auch Platz sein. Aber wo sind denn die klassischen Stücke? Mit klassischem Bühnenbild? Sind die ganzen alten Stücke so schlecht, daß wir Wunderkinder der heutigen Zeit uns das Recht nehmen dürfen, sie umzuschreiben? Oder sollten wir nicht die Stücke für sich sprechen lassen? Ohne modernisierte und dem Zeitgeist angepaßte Botschaft? Ohne nackte, brüllende Menschen? Woher rührt dieser Glaube, daß eine klassische, schöne und auch unterhaltsame Inszenierung geistlos und dumm wäre? Sind die Zuschauer nicht in der Lage, eigenständig zu denken? Sollten sie nicht gerade genau das tun?
Wer weiß? Vielleicht kämen ja auf einmal wieder mehr Menschen ins Theater? Vielleicht könnte man sich das ständige Gebrülle und Gezänke um den Etat sparen, wenn so ein Laden mal wieder Gewinn erwirtschaftet? Wenn die Menschen in der Nachbarschaft gerne bereit sind, für die Leistung, die ein Theater zur Verfügung stellt, Geld zu bezahlen? Wenn die Welt des Theaters nicht mehr nur ein kleiner, abgeschotteter Kreis von Künstlern wäre, sondern die ganz normalen Menschen wieder dort wären? Eintrittskarten kauften, Getränke und Speisen konsumierten?
Wenn die Welt der Intellektuellen nicht mehr darauf angewiesen wäre, allen Menschen zwangsweise etwas Geld aus der Tasche zu ziehen, damit man sich überlegen kann, wie man nun wieder das Publikum beschimpfen kann?

8. November, 2010 at 13:12
Ach lieber Herr GP,
vielen Dank dafür – das sehe ich nämlich ganz genauso. Dies ist zwar ein wenig kreativer und experimenteller Kommentar. Aber manchmal ist es (L)eben so einfach.
Und jeder der mich fragt, warum ich inzwischen höchst ungern ins Theater gehe, werde ich den Link zu diesem Beitrag ausdrucken… ähmm schicken.
8. November, 2010 at 13:18
Ich muß noch hinzufügen, daß mich das Theaterstück, das ich letztens sah, dennoch recht gut unterhalten hat. Das war nämlich im Prinzip schon ein Beispiel für eine gelungene moderne Inszenierung.
Aber davon mal ab. Das paßt gerade nicht zum Text ;)
8. November, 2010 at 22:01
Danke. Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Auch wenn ich mich jetzt ebenfalls als wenig kreativ etcetcetc oute.
8. November, 2010 at 23:15
Ich habe die interessante Erfahrung gemacht, dass das Theater bei einer wirklich guten Shakespeare-Aufführung nur zu 1/4, wenn nicht sogar zu einem 1/5 gefüllt war. Es handelte sich um MacBeth.
Deprimierend.
8. November, 2010 at 23:34
Ja, und wann fangen diese modernen Künstler endlich wieder an, so zu malen wie Rembrandt …? ;-)
Ich bin zwar auch kein Theatergänger (war ich allerdings noch nie), aber es ist die originäre Aufgabe der Kunst (egal aus welchem Genre), die Phänomene der Welt, in der sie und wir leben, zeitgemäß auszulegen und zu deuten. Und ein Regisseur, Verehrtester, ist ebenso ein Künstler wie ein Autor – genauso wie ein Interpret wie Elvis Presley ebenso ein Künstler war wie der Autor seiner Songs.
Über Qualitätsunterschiede kann man sich ja gerne unterhalten; es gibt natürlich schlechte Regisseure und schlechte Autoren. Beide müssen halt zeitgemäß sein, um Relevanz und länger anhaltende Bedeutung zu gewinnen. Shakespeare oder Mozart waren einstmals empörend zeitgemäß, zu ihrer Zeit. Und Goethe bekam aufs Maul, weil er den Zeitgenossen viel zu modern war. Dabei nahm er nur seismografisch vorweg, was die Gesellschaft bereits subkutan zu beschäftigen begann. Wenn das ein Künstler schafft, ist er ein Großer. Wer aber immer auf dem Herkömmlichen beharrt, wird nie ein Großer werden, weder als Künstler noch als Kunstkonsument.
9. November, 2010 at 02:12
eben, empörung gehört zum theater! ohne empörte zuschauer, die die vorstellung vorzeitig und öffentlich (das ist ganz wichtig!) laut meckernd oder wahlweise still mit schockiert verdrehten augen verlassen, ist es einfach keine echte kunst.
einen klassiker können sie bei ohnesorg, auf dvd oder lesend konsumieren. im theater wird dafür mit ihnen interagiert, und sei es nur, damit sich die künstler an ihrer reaktion bei der beleidung des publikums ergötzen können, wobei man das durchaus als aufforderung zum axtgebrauch verstehen könnte (ich habe es mir jedenfalls schon desöfteren gewünscht…).
9. November, 2010 at 10:28
Matt, daß Goethe und Schiller zu ihrer Zeit modern waren, ist zwar interessant, aber weder gegen noch für meinen Standpunkt relevant.
Das Problem ist nicht, daß moderne Theater moderne Stücke spielen. Das Problem ist, daß heutige Intendanten Allmachtsphantasien haben, in ihrer eigenen, abgeschotteten Welt der Künstler leben und NICHTS ANDERES mehr machen als „modernes” Theater.
Es werden nur noch Stücke „frei nach” aufgeführt – aber warum fehlt dann die Kreativität, etwas ganz eigenes zu machen? Im Gegenteil, das moderne Theater ist überhaupt nicht modern, wenn es sich daran abarbeitet, klassische Werke möglichst unsinnig zu verhunzen, nur damit der Zuschauer keinen Spaß mehr an der Veranstaltung hat.
Geistige Erkenntnis hat nichts mit kargem Bühnenbild oder Pseudotabubrüchen zu tun.
Wenn sich Schauspieler auf einmal ausziehen müssen, ohne daß das Stück Anlaß dazu gibt, so ist das nichts anderes als eine Kapitulationserklärung des Regisseurs: Ihm fällt kein echter Tabubruch ein, aber er merkt selbst, daß sein Stück ohne einen solchen vielleicht für sich gesehen nicht stark genug wirkt. Also: Ausziehen. Nur: Das ist kein Tabubruch mehr. Das ist nur noch langweilig.
9. November, 2010 at 13:41
Also ich verstehe das ganze auch nicht. Vorbemerkt sei, dass sich Oper, -ette, klassisches Konzert und Schauspiel mir noch nie erschlossen haben. Deshalb geht auch das Inhaltliche an mir vorbei.
Was mich jedoch wundert, wieviel Melonen und Aber-Melonen in die sog. “Kunst” investiert wird, da wird hier ein Schauspielhaus für schlappe 38 Millionen “generalsaniert”, dort eine Elb-Philharmonie für 400 Millionen hingestellt, wo man schon weiss, dass das nur die “Hardware”-Kosten sind, die “Software”, sprich der Betrieb, verschlingt auch noch einmal Unsummen.
Ist Kultur tatsächlich soviel w.e.r.t., muss es uns das kosten und muss nicht auch die Kunst ihre Wirtschaftlichkeit in irgendeiner Form beweisen, wie Sie anmerken?
Jeder mault über die Kosten, aber offensichtlich gehört es zum Ego eines jeden Stadtoberhaupts, nur dann etwas zu gelten, wenn man auch ein Schauspiel oder eine Oper in der Gemeinde, wenn auch noch so klein, beherbergt.
Ich versteh’s nicht.
9. November, 2010 at 14:31
Die Frage ist ja bei allem, was subventioniert wird: Ist es wirklich nötig, alle Bürger zwangsweise dafür bezahlen zu lassen?
Da ist Kunst ein sehr gutes Beispiel: Kunst/Kultur sind Leistungen, die eher die einkommensstärkeren Milieus (durchschnittlich. Nicht ausschließlich) beziehen. Bezahlt hingegen wird sie auch von den „bildungsfernen Schichten”. Die nie im Leben ins Theater gehen.
9. November, 2010 at 18:26
Also das mit den Subventionen ist mir schon klar, dass das natürlich alle trifft, nur bei der Höhe der jeweiligen Investitionen hakt es bei mir irgendwie.
Künstler sind keine Kaufleute, das ist mir auch klar, aber mir kommt es so vor, dass dies in diesem Bereich auch keine Rolle spielt. Rechnet man die Subventionen auf die Eintrittskarten um, dann kann man locker auf Preise im dreistelligen Bereich pro Karte kommen. Und da frage ich mich dann schon, warum bei Kunst und Kultur häufig das Geld in den Amtsstuben so locker sitzt, ist es das wert, oder dient es eher dem Ego des Amtsschimmels?
So seh’ ich’s halt aus meiner bildungsfernen Schicht ;-)
9. November, 2010 at 18:37
[...] hier den Beitrag weiterlesen: Leave a Comment – German Psycho [...]
9. November, 2010 at 18:40
blogspargel, eigentlich habe ich Ihnen nur zustimmen wollen.
Ich glaube auch, daß überhaupt kein Verhältnis zu Geld bei einigen dieser Leute besteht. Wenn ich höre, daß sich hochdefizitäre Häuser „Hausphilosphen” halten, dann setzts bei mir irgendwie aus.
Aber komischerweise zieht das Argument, für Bildung müsse unendlich viel Geld vorhanden sein, auch wenn es teilweise sinnlos verplempert wird.
10. November, 2010 at 00:25
@GP 10:28, dann gehen Sie doch einfach in Uraufführungen, wenn Sie Adaptionen und Modernisierungen nicht mögen. Sie müssen sich Ihren Shakespeare nicht von jemand vergällen lassen, der sich empörenderweise über die Aufführungsregeln des 16. Jahrhunderts hinwegsetzt.
Schließlich lehnen Sie es ja auch strikt ab, wenn es jemand wagt, „Ring of Fire“ im Cowpunkstil zu spielen … ;)
10. November, 2010 at 11:07
Matt, wenn Sie zur geistigen Erbauung lieber schreiende, nackte Männer sehen, die in einem Haufen Schlamm wühlen, dann ist das völlig in Ordnung. Wenn ich gerne ab und an (!) ein Stück so sehen möchte, wie es zu der Zeit seiner Entstehung aufgeführt worden wäre, so ist das ebenfalls völlig in Ordnung.
Wenn Sie bei einem Blockbuster wie Robin Hood lieber sehen möchten, daß der Protagonist mit einer Kalashnikov hantiert anstatt mit Pfeil und Bogen, weil letzteres ja mittlerweile veraltet ist, dann können Sie sich im Arthouse-Kino entsprechende Filme sicherlich ansehen.
In einer Welt, in der das Theater nicht den Gesetzen des Marktes enthoben wäre, würden beide Richtungen angeboten.
Heutzutage aber nicht mehr. Es gibt einfach keine anderen Aufführungen mehr als die im Artikel beschriebenen. Jedenfalls habe ich seit Jahren keine mehr gesehen.
10. November, 2010 at 15:10
@Matt: Warum haben andere Länder – und ich denke beispielsweise an England – eine lebendige Theaterkultur, wir aber nicht? Dort sind gute Theater-Schauspieler sehr bekannt und die Straßen gepflastert mit Programmhinweisen.
Könnte es nicht *auch* daran liegen, dass man das Rad hierzulande ein wenig überdreht hat?
@germanpsycho: Ein Theaterstück “wie es zu der Zeit seiner Entstehung aufgeführt worden wäre” find ich langweilig. Zum Museum soll das Theater ja nun auch wieder nicht verkommen.
Gerade als Freund der Oper stellen sich mir bei “klassischen” Inszenierungen mit Rüschenkostümen und gemalten Kulissen die Nackenhaare auf. Dann doch lieber Schlamm und flachbrüstige Frauen ;-)
10. November, 2010 at 15:28
Edgar Hugo, nun, man muß sich ja auch nicht immer einig sein. Ich habe letztens ein äußerst modern inszeniertes Theaterstück gesehen, das mir sehr gut gefallen hat. Und auch die Wagner-Inszenierungen in Hamburg haben mir gut gefallen.
Aber ich finde es wirklich schade, daß ich einfach keine Chance habe, ein Stück mal so zu sehen, wie es der Autor es sich vermutlich gedacht hat. Wieso nicht historische Kostümierungen? Gehaltvoller wird es sicher nicht, nur wenn man bei den Frauen die Brüste wegläßt ;)
10. November, 2010 at 23:31
Lieber Herr Psycho, ich könnte Ihnen nur wärmstens Luk Percevals Inszenierung der Rosenkriege empfehlen: Schlachten. Ich weiß nur nicht, ob die noch irgendwo aufgeführt wird. Die habe ich damals (vor weißnichtwievieljahren) im Schauspielhaus miterleben dürfen. 11 Stunden Theater am Stück (gut, plus Pausen, aber es ging morgens los und hat in der Nacht aufgehört). Inszeniert als Reise vom (ganz, ganz) klassischen Theater, als es Shakespeare noch gar nicht gab bis zu (ganz, ganz) klassischen Gangsterfilmen.
Weltklasse. Ohne Subventionierung nicht möglich.
Ich weiß, dass Sie lieber einen Staat hätten, in dem der Markt und so weiter. In so einem Staat würden Sie aber eben auch nichts anderes bekommen. Theater wäre jedenfalls tot.
Und zur Modernität: Kann man drüber fluchen, kann man drüber zürnen. Muss man aber akzeptieren. Ich halte auch die Romeo & Julia Verfilmung mit der Dings (Claire Danes?) für ganz groß.
Auf den neuen Faust (mit Schauspielern, die die Rollen wechseln) freu ich mich wie bolle, auch wenn ich gerne mal wieder Gründgens und Quadflieg einlege. Auch die eher klassische Inszenierung vom (vorletzten?) Schauspielhausintendanten hat mir gefallen und ich bin mir sicher, dass die nächste eher anstrengend wird (inkl Faust II, gnade uns Gott.)
Aber das ist auch Aufgabe des Theaters: Anstrengend zu sein.
11. November, 2010 at 10:52
Wissen Sie, Ramses, das ist genau das Problem: Niemand kann über Geschmack entscheiden.
Die Frage, die ich Ihnen als Freund des subventionierten Theaters stellen möchte, ist die: Wieso soll ein Arbeiter, der keinerlei Interesse an Theater hat, dafür bezahlen?
Und:
Ich kenne eine Menge Menschen, die ab und an Lust auf eine klassische Inszenierung hätten. Wieso ist das abzulehnen?
11. November, 2010 at 12:37
Es gibt immer etwas, was von jemandem gezahlt wird, der es nicht zahlen will. Was die Kultur betrifft, reden wir von Peanuts, auch wenn sich die Zahlen natürlich für Ihren Arbeiter (warum eigentlich Arbeiter?) gewaltig anhören.
Das Theater ist Abbild unserer Kultur (Stichwort “Moderne Inszenierung”) und unserer Vergangenheit. Die Möglichkeit, daran teilzuhaben, muss allen gegeben sein. Und dafür müssen eben alle zahlen. So eine Art kulturelle Infrastruktur.
Trotzdem: Es gibt genügend Contra-Argumente, keine Frage. Für mich überwiegen einfach die Pro-Argumente. Ich bin übrigens, bei allen Bauchschmerzen hinsichtlich der dilletantischen Kostenplanung, auch ein großer Befürworter der Elbphilharmonie.
Und wer sagt, dass eine klassische Inszenierung abzulehnen ist? Sie ist nur manchmal gar nicht möglich. Um einen Shakespeare “klassisch” zu inszenieren, müssten Sie zum Beispiel erstmal ein entsprechendes Theater bauen.
Mal ganz abgesehen davon, dass es elend lange Diskussionen darüber geben dürfte, was denn jetzt bitte “klassisch” überhaupt bedeutet.
Eine Inszenierung ist immer eine Momentaufnahme. Das gilt auch gar nicht nur fürs Theater.
11. November, 2010 at 12:52
Warum Arbeiter? Weil ich davon ausgehe, daß in diesem Mileu weniger Menschen ins Theater gehen als unter den, sagen wir, Lehrern.
Das Argument, daß es immer so sei, daß man für andere Dinge bezahlen müsse, auch wenn man sie nicht wolle, ist irgendwie kein Argument, oder? Ich argumentiere ja gerade dafür, daß diejenigen, die ins Theater wollen, auch dafür bezahlen sollen, zumal gerade unter den Theaterfreunden der Prozentsatz der Besserverdienenden hoch sein dürfte.
Nochmal die Frage: Wie erklären Sie jemanden, der NULL Interesse am Theater hat, daß er für jemanden den Eintritt mitbezahlen soll, der sowieso mehr Geld verdient? Wo Sie doch sonst immer so für Umverteilung von oben nach unten sind… ;)
Ich will mit Ihnen keine Diskussion über Ihre oder meine Meinung von klassischen Inszenierungen führen. Sie wissen, was ich mit dem Wort meinte.
Wissen Sie, wenn Sie eine Parodie auf einen Film sehen (nehmen Sie mal den von uns beiden geliebten Film „Dead Men Don’t Wear Plaid” ), dann ist der nur halb so lustig, wenn Sie die zitierten Filme dazu nicht kennen. Und genau so ist es mit modernen Theateraufführungen: Ja, wenn ich das Stück bereits kenne, dann mag die moderne Inszenierung interessanter sein. Aber es gibt eben nicht nur den inneren Kreis der hochgebildeten Theaterliebhaber (bzw.: doch, momentan gibt es nur den). Das Theater sollte auch Erstbesucher anziehen…
11. November, 2010 at 13:17
Dass ich für Dinge zahle, an denen ich null Interesse habe, ist nunmal das Prinzip, nach dem die Gesellschaft funktioniert. Wenn das kein Argument ist, weiß ich auch nicht.
Nochmal: Es geht nicht darum, dass “Theaterfreunde” gefälligst selbst für ihr Vergnügen zahlen sollen. Es geht darum, dass das Theater jedem zugänglich sein sollte. Ich zahl ja auch gerne für die Beseitigung von Schlaglöchern, obwohl mich die NULL interessieren.
Übrigens bin ich nicht “für” Umverteilung von sonstwo nach anderswo. Ich sehe einfach ein, dass sie notwendig ist.
11. November, 2010 at 14:11
Sie leben anscheinend in einer anderen Welt als ich. Ich bezahle nicht für die Cola im Restaurant, wenn ich sie nicht getrunken habe. Ich zahle auch nicht für eine Eintrittskarte ins Kino, wenn ich sie nicht haben will.
Die Formulierung, daß das Theater Jedermann zugänglich sein solle, ist doch ein reiner Euphemismus. Es ist nunmal eine statistische Tatsache, daß das Theater im Schnitt von wohlhabenderen Menschen besucht wird. Und daß es von allen gleichermaßen bezahlt wird, ob sie es haben wollen oder nicht, können Sie ja nun auch nicht bestreiten.
11. November, 2010 at 14:46
“Sie leben anscheinend in einer anderen Welt als ich.”
Das wird’s sein. In Ihrer Welt muss halt jeder Arbeiter dem Theaterfreund seinen Theaterbesuch bezahlen, in meiner wird das Theater mit Steuergeldern gefördert. Wenn Sie da keinen Unterschied sehen (wollen), dann lassen Sie es halt.
In meiner Welt werden mit meinen Steuergeldern Schlaglöcher ausgebessert in Straßen, in denen ich nicht wohne. In meiner Welt gibt es Parks die von meinen Steuergeldern gepflegt werden, ohne dass ich je einen Fuß hineinsetzen würde. Und das sind nur die kommunalen Geschichten.
Trotzdem bezahle ich nichts davon. Der Staat bezahlt, nachdem er sich meinen Obolus abgeholt hat. Das ist ein Unterschied. Die Umverteilung von A nach B liegt in der Natur dieser Sache. Irgend einer findet immer irgend etwas ungerecht.
Nachvollziehen kann ich das ja auch. Aber da muss Ihr Arbeiter eben durch, dass der Euro ans Theater geht. Genau so wie ich mit meinem Phantompark leben muss (und kann).
11. November, 2010 at 15:15
Und dann erklären Sie mir noch bitte kurz, warum das Kino nicht subventioniert wird! Oder warum das Theater nicht nachfrageorientiert arbeiten muß.
11. November, 2010 at 15:41
Weil das Kino ein kommerzieller Betrieb ist, zumindest gehe ich davonaus, dass Sie kommerzielle Kinos meinen. Wenn Sie zum Beispiel kommunale nichtkommerzielle Kinos meinen, würde ich das jedenfalls nicht verstehen, denn die werden durchaus von öffentlichen Geldern finanziert (zusätzlich zu den Ticketpreisen).
Ich habe ja auch nicht grundsätzlich etwas dagegen, wenn Theater wirtschaftlich arbeiten. Soll ja vorkommen. Auch habe ich nicht behauptet, eine staatliche Förderung wäre das endgültige Nonplusultra.
Aber diese Art der Förderung sichert noch am ehesten die Freiheit der Kunst, die eben NICHT dem Kommerz geschuldet ist. Die Theaterförderung in Deutschland ist ja in der Tat ziemlich einzigartig, d.h. es geht ja durchaus auch anders.
Und ich persönlich hätte auch überhaupt nichts dagegen, wenn die Theater, wie anderswo auch mit privaten Mitteln gefördert werden. Selbst wenn das Schauspielhaus dann Nivea-Bühne hieße.
Wenn aber der Investor Einfluss auf den Spielplan nähme, was ja sein gutes Recht wäre, dann würde das die Freiheit der Kunst einschränken.
Und wenn meine Steuergelder darauf verwendet werden, dieses einzigartige Modell zu finanzieren, dann ist mir das recht. Anderen nicht.
Allerdings wäre mir in der Tat ein wenig mehr Transparenz ganz lieb, denn viele Leute nehmen ihr bezahlbares Theaterticket tatsächlich als völlig selbstverständlich.
So könnte zum Beispiel neben dem gezahlten Preis die Summe stehen, die der Förderung entspricht. Kunst und Kultur haben eben ihren Wert (und Preis) und den kann man auch ruhig mal zur Sprache bringen. Und sei es, um die Leute ein bisschen zu sensibilisieren.
11. November, 2010 at 16:55
Die Freiheit der Kunst? Die Freiheit der Kunst ist momentan ausschließlich die Freiheit des Intendanten. Der Theaterbesucher beispielsweise hat überhaupt keine Rechte mehr – weil er eben gar kein Druckmittel hat. Er zahlt ja so oder so.
Es soll ja Intendanten geben, die ganz offen sagen, wie scheiße sie ihr Publikum finden. Ist das Kunst? Nein, das ist pure Arroganz, die ausschließlich daher kommt, daß man sowieso Geld erhält.
11. November, 2010 at 17:40
Ich steh gerade etwas auf dem Schlauch: Keine Rechte mehr? Im Gegensatz zu welchen Theaterbesuchern? Ich könnte mich nicht erinnern, dass ein Theaterbesucher jemals Einfluss auf die Inszenierung gehabt hätte (außer vielleicht beim Improvisationstheater).
Was Kunst ist, muss man schon dem Künstler überlassen. Und dann kann man es ignorieren, gut finden oder drüber schimpfen. Und ich zahl eben nicht “so oder so”. Wenn ich in einer lausigen Inszenierung war, geb ich mir den Regisseur halt kein zweites Mal. Und die Intendanz, ja nun. Intendant am Schauspielhaus wird man ja auch nicht irgendwie. Aber auch da gibt es solche und solche. Kontrovers diskutiert werden sie ja eh.
12. November, 2010 at 15:25
@ gp: Haben Sie Ramses vors Maul gehauen?
Ansonsten schließe ich mich Ihren Ausführungen voll und ganz an. Bei meinen letzten beiden Opernbesuchen waren Nackte mit auf der Bühne und es waren noch nicht mal schöne Nackte. Wenn ich nackte Menschen sehen will, geh ich nicht in die Oper, basta.
12. November, 2010 at 17:04
Was waren das denn für Opern?
12. November, 2010 at 17:09
Vanilla, ich werde ganz sicher Ramses weder vors noch aufs Maul hauen. Und schon gar nicht nur deswegen, weil wir nicht einer Meinung sind. Das sind wir nämlich nie.
12. November, 2010 at 17:46
Außer bei Bond.
12. November, 2010 at 21:57
@ Ramses: das eine Mall war hier in Bonn, eine Oper mit einer sehr bekannten Wirtshaus Szene, im Hintergrund stripte eine Dame auf der Theke, “Hochzeit des Figaro” glaube ich? Das andere mal war in Dresden, da krochen ca. 100 Nackte über die Bühne, frag mich was das war, keine Ahnung mehr. Da kann man mal sehen, hängen geblieben sind nur die Nackten.
@ gp: das war nur symbolisch gemeint. Ich dachte mir schon, das du sowas nicht tust.
12. November, 2010 at 22:59
100 Nackte sind viel. Vielleicht Nabucco? Der Gefangenenchor? Wenn ja: Warum zum Geier soll ich die als Regisseur nicht ausziehen dürfen?
14. November, 2010 at 19:03
Ich glaube du hast recht, Nabucco, ja, das war es. Natürlich darfst du sie ausziehen, aber muss ich sie deswegen gut finden? Sie waren nicht schön anzusehen, glaube mir.
16. November, 2010 at 17:53
Ich mag ja auch den diesen pseudointelektuellen Quatsch nicht. Und nackig durch die Gegend zu rennen ist entweder britisch oder pubertaer (ich habe kein ae auf der Tastatur), aber keinesfalls provozierend. Na ja, obwohl wenn ich Geld fuer den Schmarrn gezahlt haette – dann ist es wohl wirklich eine Provokation.
Ich war vor ca. 5 Jahren in Dresden in der Zauberfloete. Die Ausstattung nur etwas modern – aber liebevoll. Die Darbietung war hervorragend.
Mal sehen was ich mir dieses Jahr in Deutschland ansehe.
Hat jemand einen guten Tip fuer einen guten ROI?
Viele Gruesse, RWI
16. November, 2010 at 18:08
Ach so, Subventionierung und so…
Das Kultur subventioniert und gefoerdert werden sollte ist klar. Aber welche Kultur foerdere ich denn wenn ich 100 Nackerte auf der Buehne sehe? Die sind ja selbst auf Sylt ausgestorben – dem Tod der Langeweile erlegen.
Will der Regisseur den Herrn der Titten (Hugo Egon Balder) aus Tutti Frutti wuerdigen?
Warum kann findet eine Provokation nicht auf kognitiver Ebene statt?
Der Theatherbesucher aergert sich doch nicht ueber die Nackigen, sondern dass er viel Geld fuer wenig Inhalt und fuer eine Provokation die mein 3 jaehriger Neffe deutlich besser beherrscht, ausgegeben hat.
Das musste jetzt mal gesagt werden…
PS: Ich habe bayerisches Abitur!
PPS: Und 3 Gin Tonic und 2 Red Dragon intus
16. November, 2010 at 20:26
Provokation durch Nacktheit? Ich bitte Sie. Keine Ahnung, was die Motivation zum Ausziehen war, ich war ja nicht dabei. Aber Provokation war es mit Sicherheit nicht.
PS: Glückwunsch!
PPS: Gute Wahl. Prost!