Bei Star Trek Kult, hier blöd: Pappmasché

Bei Star Trek Kult, hier blöd: Pappmasché

Ein halbnackter Mann steht auf der Bühne und meine Begleitung wundert sich darüber, daß er nicht ganz nackt ist. Ich bin darüber sehr froh, schließlich reicht mir der Anblick von Haut und Knochen bereits jetzt schon. Die Frau an seiner Seite ist ebenfalls halbnackt, wogegen ich prinzipiell natürlich auch nichts habe, allerdings sollte doch ein Regisseur, wenn er schon soviel Fleisch zeigt, ein wenig mehr Sorgfalt bei der Auswahl seiner Schauspieler walten lassen: Sie hat überhaupt keine Brüste.

Neues Theater. Experimentelles Theater. Modernes Theater. Stücke werden nicht mehr gespielt, sie werden interpretiert. Das Bühnenbild sollte dabei möglichst wenig Hinweise auf die realte Welt geben. Die Dialoge eines Buches werden nur noch zitiert, vermengt mit anderen Stücken, mit selbst geschriebenem – gerade so, als sei der Intendant des Theaters schlauer als Mann, Shakespeare und Schiller zusammen.

Auf der anderes Seite wird gejammert. Das ist natürlich überhaupt nicht erstaunlich, denn Jammern läuft hierzulande immer. Das ziemt sich in jeder Position, vom Hartz-IVler bis hin zum Manager, der „um seine Abfindung betrogen wurde”. Also auch im Theater. Das Theater sei wichtig. Es sei Kultur. Es könne nicht angehen, daß das Theater verschwinde. Daher benötige es Subventionen.

In Hamburg gibt es das Gejammer darüber, wenn Geld für Theater gestrichen wird. In Leipzig gab es das auch.

Aber warum benötigt das Theater eigentlich so eine Förderung? Und seit wann? Sind die Menschen so theatermüde geworden, so geistig unbeweglich, daß sie sich nur noch für knallbunte Comicverfilmungen in 3D interessieren?

Oder ist es vielleicht doch so, daß es eine ganze Menge Theaterbegeisteterter gibt, die aber keine Lust haben, sich die Selbstbeweihräucherung moderner Intendanten anzusehen? Menschen, die großes Interesse an klassischen wie zeitgenössischen Werken haben, die aber mit dem überbordenden Ego der alles besser zu können glaubenden Regisseure der heutigen Theaterlandschaft nichts anfangen können?

Wie wäre es mal damit: Der Autor schreibt. Der Regisseur inszeniert. Und nicht: Der Regisseur schmeißt alles um, weil er den Autor eh für eine überbezahlte Flasche hält. Der Regisseur überlegt sich nicht zuerst, wie er sein Publikum möglichst effektiv beschimpfen kann. Sondern er begreift sich als das, was er ist: als Dienstleister. Als jemand, dessen Job es nicht ist, direkt Waren und Güter zu produzieren. Sondern jemand, der dafür sorgt, daß diejenigen, die diese Arbeit leisten, intellektuelle Unterhaltung geboten bekommen – wenn sie dies wünschen.

Das Theater wäre überhaupt nicht vom Sterben bedroht, wenn es sich denn auf seine Aufgabe besänne. Ab und an moderne, experimentelle Inszenierungen. Selbstverständlich muß dafür auch Platz sein. Aber wo sind denn die klassischen Stücke? Mit klassischem Bühnenbild? Sind die ganzen alten Stücke so schlecht, daß wir Wunderkinder der heutigen Zeit uns das Recht nehmen dürfen, sie umzuschreiben? Oder sollten wir nicht die Stücke für sich sprechen lassen? Ohne modernisierte und dem Zeitgeist angepaßte Botschaft? Ohne nackte, brüllende Menschen? Woher rührt dieser Glaube, daß eine klassische, schöne und auch unterhaltsame Inszenierung geistlos und dumm wäre? Sind die Zuschauer nicht in der Lage, eigenständig zu denken? Sollten sie nicht gerade genau das tun?

Wer weiß? Vielleicht kämen ja auf einmal wieder mehr Menschen ins Theater? Vielleicht könnte man sich das ständige Gebrülle und Gezänke um den Etat sparen, wenn so ein Laden mal wieder Gewinn erwirtschaftet? Wenn die Menschen in der Nachbarschaft gerne bereit sind, für die Leistung, die ein Theater zur Verfügung stellt, Geld zu bezahlen? Wenn die Welt des Theaters nicht mehr nur ein kleiner, abgeschotteter Kreis von Künstlern wäre, sondern die ganz normalen Menschen wieder dort wären? Eintrittskarten kauften, Getränke und Speisen konsumierten?

Wenn die Welt der Intellektuellen nicht mehr darauf angewiesen wäre, allen Menschen zwangsweise etwas Geld aus der Tasche zu ziehen, damit man sich überlegen kann, wie man nun wieder das Publikum beschimpfen kann?