„Jetzt überall Koffer stehenlassen! Das wird ein Spaß”, „Ich hab gerade eine auffällige Person gemeldet. Sie trug rote Kleidung, einen weißen Bart und einen Sack (voller Bomben?) auf dem Rücken”
Auf Twitter haben viele Menschen sehr viel Spaß mit der aktuellen Terrorwarnung. Natürlich, warum auch nicht? Es gibt viele Möglichkeiten, mit schwierigen Situationen umzugehen. Eine davon ist Zynismus. Ähnliches Verhalten konnten wir ja auch schon während der jüngsten Amokläufe erleben.
Ich befürchte aber, daß es im vorliegenden Fall doch etwas anders aussieht: Viele Menschen scheinen wirklich zu glauben, eine erhöhte Gefährdung existiere nicht, sondern werde uns von irgendwelchen korrupten Medien eingebläut, um ein ganz anderes Ziel zu erreichen. Auch das ist in Ordnung – jeder darf ja jeden Unsinn glauben, den er glauben möchte. Wenn aber nun Menschen direkt dazu aufrufen, sich einen Spaß mit leeren Koffern zu machen, dann kann ich nur warnen: In einer Lage, in der die Sicherheitskräfte äußerst sensibel reagieren, weil sie in der Tat informiert wurden, daß Anschläge auf unser Land bevorstehen, würde ich äußerst vorsichtig sein, denen auch noch blöd zu kommen.
Wir alle haben die Terrorphase der RAF zwar kaum miterlebt, aber zumindest ist sie noch halbwegs präsent. Ich selbst erinnere mich noch daran, wie uns das Herrhausen-Attentat schockierte. Aber auch das war ein Einzelfall. Und es ist ja so lange her. Die RAF war damals bereits keine echte Gefahr mehr. Sie war bereits in Auflösung begriffen. Wir hatten schon gewonnen.
Nur haben wir es heute mit einer nicht minder fanatischen Gruppe zu tun. Einer, die fest davon überzeugt ist, daß es dem allmächtigen Gott gefalle, wenn sie möglichst viele Menschen töten, sich selbst eingeschlossen. Es sind Menschen, die nicht nur am 11. September 2001 in New York gezeigt haben, wozu sie fähig sind. Sie haben es in Mumbay gezeigt. Sie haben es fast jede Woche im Irak gezeigt. Sie zeigen es in Afghanistan. Madrid bekam eine Kostprobe davon ab.
Wir? Wir wurden bisher verschont. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon dürfte sein, daß uns viele Islamisten es immer noch hoch anrechnen, daß unsere Großväter 6 Millionen der verhassten Juden ermordeten. Doch auch dieser „Bonus”, den man uns entgegebringt – ob wir ihn wollen oder nicht – ist aufgebraucht. Wir sind in den Augen dieser religiösen Fanatiker nunmal ein westliches Land: ungläubig, verdorben, frei (im Sinne von: nicht Gott unterworfen) – kurz: vernichtenswert. Diese Terroristen zögerten keine Sekunde, einen Menschen für das höhere Gut zu opfern; egal, ob er ihnen Verständnis entgegebringt oder nicht. Ärzte und Krankenschwestern in Afghanistan haben das am eigenen Leib erfahren müssen.
Doch bei uns? Der Terror ist ja weit weg. Ob nun New York, Madrid, Mumbay oder Afghanistan: Das betrifft uns alles nicht. Wir müssen nur aufhören, uns in deren Angelegenheiten einzumischen, dann wird uns schon nichts passieren. Wir müssen nur die Schuld bei uns suchen, dann können wir nicht getroffen werden.
Denn sobald wir zugeben müssen, daß der Fehler eventuell gar nicht bei uns liegt, müssen wir erkennen: Wir haben die Lage nicht in der Hand. Es liegt nicht an uns. Wir können nicht agieren, wir können nur reagieren. Solange wir uns weigern, die Sache Allahs als die einzig richtige anzusehen, werden uns die Islamisten hassen. Nicht, weil wir etwas gegen sie tun. Nicht, weil wir uns in deren Angelegenheiten einmischen. Sondern weil sie der absoluten und festen Überzeugung sind, daß es gut ist, was sie tun. Daß es selbst für uns besser wäre, wir würden ermordet, als daß wir in unserer Freiheit weiterleben.
Die Anschläge werden vielleicht verhindert. Vielleicht nicht. Wenn ein solcher Anschlag tatsächlich stattfinden sollte, werden Menschen dabei sterben. Kinder werden ohne Mütter aufwachsen. Oder Väter ohne Kinder weiterleben müssen. Jemand wird die Liebe seines Lebens für immer verlieren – oder vielleicht nur sein Bein.
Es wird nicht lustig. Es wird nicht schön. Wir werden es nicht ignorieren können. Und wenn dann herauskommt, daß genau dieser eine herrenlose Koffer nicht ernst genommen wurde, weil vorher zu viele Scherzbolde Koffer in Bahnhöfen deponierten, dann werden einige Menschen vielleicht mehr zu Mittätern geworden sein, als sie es sich hätten träumen lassen.

22. November, 2010 at 17:00
Hochachtung! Sehr schöner Blogeintrag. Einige Passagen erinnern mich an unser letztes “Probleme der Weltlösung” Gespräch.
22. November, 2010 at 17:07
Das liegt daran, daß ich momentan ständig betrunken bin und sich die Passagen daher dauernd wiederholen.
22. November, 2010 at 22:23
War doch nur gut gemeint, das mit der Bombenattrappe.
22. November, 2010 at 23:01
Mein Zynismus diesbezüglich entspringt dem Wissen nichts dagegen tun zu können. Auch kein Polizist mit einer MP würde höchstwahrscheinlich etwas gegen eine Bombe unternehmen können. Er dient nur der psychologischen Beruhigung.
Ganz generell kann man ohne konkrete Informationen gar nichts sagen zu einer theoretischen oder tatsächlichen Bedrohung.
Was ich aber sagen kann: Wenn mich das Terror-Brimborium ängstigen würde, würde ich vor Sorge nie wieder ein Krankenhaus aufsuchen. Dort sterben jährlich Zehntausende weil sich das Personal nicht die Hände wäscht. Besucher übrigens auch nicht, die tragen ebenso Mitschuld. Schlechtes Gewissen? Eben.
Ginge es also tatsächlich mal um Menschenleben, die Politiker würden die Schlagzeilen nutzen um den Menschen Händewaschen nahe zu legen.
22. November, 2010 at 23:30
http://favstar.fm/users/germanpsycho/status/24276310953
tja :)
22. November, 2010 at 23:31
München. Denkt an München. Der Hamburger Dom geht nur noch diese Woche! Scheiß drauf. Wir haben auch noch Weihnachtsmärkte. Die gehen von Anfang November bis Neujahr. Sogenannte Nachweihnachtsmärkte. Oder Terroroptimierungsmärkte. Wir brauchen eindeutig mehr Zeit. Eine Lösung wäre Verschiebung. Bis Ostern…? In diesem Sinne…
23. November, 2010 at 00:12
Also, entschuldigen Sie bitte meine klaren Worte im folgenden.
Glauben Sie nicht, dass Sie hier genau das fördern, was die (sogenannten) Islamisten erreichen wollen – eine Nervosität und Angst vor öffentlichen Plätzen, die für uns aus dem Abendland vor allem in der Vorweihnachtszeit von Bedeutung ist, zu fördern?
Haben und vergrößern wir diese Angst, haben diese Gruppierungen, egal welchen Ursprungs, schon mindestens einen Teilerfolg erzielt. Abgesehen davon, dass ich dieser “Bedrohung” tatsächlich sehr skeptisch gegenüberstehe.
Herr Maschinist, Ihr Eintrag trägt dazu bei, die Verhältnisse bei der tatsächlichen Bedrohung von Menschenleben in unserem Land in eine vernünftige Relation zu rücken. Aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Hinweis.
23. November, 2010 at 10:58
@der Maschinist: Natürlich können Polizisten mit MPs etwas ausrichten. Beispielsweise wenn an den Informationen etwas dran ist, daß Islamisten einen Sturm auf den Reichstag planen. Analog zum Massaker in Mumbay. Gegen solcherlei Aktionen hilft nichts besser als automatische Waffen und gut ausgebildete Leute, oder?
Es geht doch auch nicht darum, daß wir alle in Panik verfallen sollen, Blogspargel. In der Tat ist das eines der Ziele der Terroristen. Aber es gibt ja wohl einen Unterschied zwischen „nicht in Panik verfallen” und „haha, ich hab mal aus Spaß einen leeren Koffer am HBF abgestellt”, oder?
Wachsamkeit in einer Zeit, in der wir tatsächlich vermehrt mit Gefahr rechnen sollten, ist nichts Schlimmes. Die Gefahr erscheint uns nur soweit weg, daß wir sie großteils einfach nicht ernst nehmen.
Diese Gefahr sollte aber ernstgenommen werden. Und auch das ist nicht dasselbe wie Panik. Einfach mal aufhören, zu glauben, wir wären immun.
Der Innenminister hats überraschend vernünftig formuliert.
24. November, 2010 at 10:17
Der Innenminister ist bei dieser Geschichte tatsächlich eher der Vernünftige. Bei den ganzen Kofferscherzen geht es m.E. aber auch eher darum, auf das reflexartige Gekeife der üblichen Verdächtigen zu reagieren. Bundeswehr im Inneren, nee, ist klar.
Aber da ist ja die FDP davor ;-)
24. November, 2010 at 10:35
Wissen Sie, mir geht diese Reaktion aber unglaublich auf die Eier. Was glauben diese Leute eigentlich, wenn sie zu einem Flashmob „Koffer am Bahnhof abstellen” aufrufen?
Weil unsere Polizei personell so gut aufgestellt ist, daß wir uns tausende von Fehlalarmen leisten können und dennoch effektiv gegen echte Bomben vorgehen können?
Die Leute sind teilweise so überzeugt davon, daß es keine Gefahr gibt, daß sie deswegen andere in Gefahr bringen. Und das find ich einfach richtig scheiße.
24. November, 2010 at 10:50
Ich verstehe ja, was Sie meinen. Trotzdem halte ich die skizzierte Gefahr eines tatsächlichen Flashmobs für eher gering. Und meinen Humor kriegen die Terroristen nicht. Das ist mal sicher.
24. November, 2010 at 11:10
Ramses, Ihren Humor gönn ich Ihnen, Ihre Unbekümmertheit auch. Aber wenn Sie anfangen, anderer Menschen Leben aufs Spiel zu setzen, weil Sie *vermuten*, daß die Gefahr gering ist, dann bekommen wir ein Problem.
24. November, 2010 at 11:26
Weder bin ich unbekümmert, noch setze ich Menschenleben aufs Spiel wenn ich die Gefahr, dass ein Flashmob tatsächlich stattfinden würde, für sehr gering halte.
Zumindest erschließt sich mir der Zusammenhang “Ein Flashmob wird wohl nicht stattfinden Menschenleben werden aufs Spiel gesetzt” nicht so recht.
24. November, 2010 at 11:28
Sorry, dann hatte ich Sie falsch verstanden. Ich dachte, Sie würden sich daran beteiligen.
So, wie Sie es jetzt schreiben, haben Sie (natürlich) vollkommen recht.
24. November, 2010 at 11:31
Das war etwas missverständlich formuliert, zugegeben.
24. November, 2010 at 11:38
Wie wir uns gegenseitig nun versichern, selbst schuld gewesen zu sein: Es muß auf Weihnachten zugehen.
24. November, 2010 at 17:34
ein bischen erhöhte aufmerksamkeit schadet nicht, man nimmt die umwelt dann auch viel bewusster wahr.
und wer weiss, ob der bohey (wird das so geschrieben?) nicht tatsächlich dazu führt, dass ein geplanter anschlag – in welcher form auch immer – erst einmal nicht stattfindet, DENN (und jetzt kommt der erkenntnisstiftende teil des beitrages):
auch terroristen haben ANGST. angst davor, zu versagen. denn ins “paradies” kommen die nur, wenn sie “ungläubige” töten. so haben die es wohl gelernt. und was kann es schlimmeres geben für einen märtyrer in spe als KEINE zivilisten umzubringen? denn das heisst: kein märtyrerstatus (sondern nur depp vom dienst, siehe schuhbomber), kein paradies, keine jungfrauen, keine “islamistische sozialhilfe” für die hinterbliebenen, kein heldentum, keine erwähnung in den sermons der hassprediger usw.
wenn ich als attentäter nun die sorge haben muss, dass ich als kompletter versager die reise ins jenseits antrete (oder noch schlimmer: in irgendeiner zelle lebenslang vor mich hinvegetieren muss), WEIL die bevölkerung und die sicherheitsapparate im vorfeld so aufmerksam sind und damit das risiko eines fehlschlages immanent wird, dann könnte die terrorwarnung tatsächlich dazu führen, dass der anschlag ausfällt. denn dann suche ich mir als attentäter vllt. doch lieber ein einfacheres ziel.
p.s. ein leerer koffer am bahnhof dürfte kostenseitig in etwa so teuer werden, wie eine telefonische bombendrohung an einem flughafen (ca. 200.000 EUR), siehe: http://www.focus.de/reisen/urlaubstipps/bombendrohung_aid_62767.html
ist also bei allem schalk vermutlich keine gute idee, aber das soll dann jeder selbst mit sich ausmachen…
25. November, 2010 at 14:36
Eine überraschende, aber auch sehr logische Schlußfolgerung. Statt Jungfrauen nur Häme und Spott – wenn das Risiko zu groß ist, bliebe ich als Attentäter auch lieber zuhause. Die Chance, wenigstens eine Jungfrau abzubekommen, ist sicherlich, aber was weiß ich, ich bin ja auch kein Attentäter.
25. November, 2010 at 20:39
Na ja, das mit den Jungfrauen ist ja bekanntlich ein Übersetzungsfehler aus dem Syroaramäischen. Es gäbe deutlich weniger Selbstmordattentäter wenn “Huri” richtig mit weißen Trauben übersetzt worden wäre.
Aber nicht jeder interessiert sich für seine Religion und deren Ursprünge. Insbesondere wenn es doch so praktisch ist.
Deshalb glaube ich nicht an Geister! Irgendein Selbstmordattentäter wäre doch bestimmt zurückgekommen und hätte sein Leid geklagt.
Der einzige Vorteil einer Jungfrau ist doch, daß man der nach einer traurigen Vorstellung erzählen kann: Das gehört so!
Wenn Leute dermaßen auf Jungfrauen pochen, läßt das doch auch tief blicken, oder?
29. November, 2010 at 11:06
Ich muß zugeben, daß mein Arabisch zu schlecht ist, um das beurteilen zu können. Sie scheinen da ja gegenüber den Korangelehrten deutliche Wissensvorsprünge zu haben… ;)