Dezember 2010


Was mach ich wohl zu Silvester?

Was mach ich wohl zu Silvester?

„It was a very good year” tönte aus den Boxen, als das Jahr 2010 bei uns begann. Eine große Silvesterfeier war mal wieder im Gange, mit all den Leuten, mit denen ich auch das Jahr zu verbringen gedachte. Und der erste Januar begann dann entsprechend mit einem mittelmäßig katastrophalen Kater. Und den Diskussionen, die mich die nächsten drei Monate noch begleiten sollten, bis das Kapitel mit der Exkollegin abgeschlossen war.

Aber ich will nicht meckern, das Jahr begann grandios. Die Alster war zugeeist, so daß ich das erste Mal seit meiner Kindheit wieder auf ihr herumspazieren konnte. Mein Lieblingsschneider übertraf sich selbst bei den Werken, die ich in Auftrag gab. Ich lernte die Stadt Münster kennen, von der ich so gar nichts wußte. Und das war durchaus schade, handelt es sich doch um ein wunderbares Städtchen, um dort einzukaufen, herumzuspazieren und aus Hamburg mitgebrachte Leichen zu entsorgen.

Die Trennung von der Freundin brachte mich wieder dazu, mehr Sport zu betreiben. Keine schlechte Entwicklung, wenn ich mich mit dem GP von früher vergleiche.

Der durchwachsene Sommer sah mich größtenteils auf meiner Lieblingsinsel, zusammen mit den richtigen Leuten. Dem richtigen Bier. Und der richtigen Mischung aus Fisch und Fleisch.

Und bei der Arbeit stellte ich mit Erstaunen fest, daß ich einen Laden gefunden hatte, in dem ich es endlich einmal länger aushalten könnte.

Ich habe im Jahr 2010 großartige Mitbewohner gehabt: eine Düsseldorferin, eine Polin und zu guter letzt: den Einheitskanzler.

„It was a very good year” singt Frank Sinatra, während ich diese Zeilen in den Rechner tippe, sorry, Leute, es gab echt nicht viel zu meckern.

Und die ganzen Menschen, die ich über Twitter kennenlernte – und später in echt auch: Sie wissen ja, wie großartig Sie sind.

Daher habe ich für das kommende Jahr nur einen Vorsatz: Genauso weitermachen! Und vielleicht die coole Irre häufiger sehen. Ja. Das wäre noch ganz gut.

The Maastrix fragte an, und da kann ich natürlich nicht nein sagen. Also habe ich mich breitschlagen lassen, zusammen mit einigen anderen Menschen Mate-Getränke zu testen & darüber live zu bloggen. Warum? Gute Frage. Ich mag gar keine Mate-Getränke. Aber mir wurde gesagt, ich soll trotzdem mitmachen. Also bitte.

Hier gehts zur Veranstaltung (Coveritlive).

und nur ein Reeperbahngeschädigter liest aus Versehen ein „r” zuviel

und nur ein Reeperbahngeschädigter liest aus Versehen ein „r” zuviel

Die Welt scheint in Ordnung zu sein, wenn man sich die Aussagen unserer Regierung so anhört. Im Iran sei Fortschritt zu erkennen, Ungarn müsse nur ein wenig die Mediengesetze ändern, schon sei alles ok, was in Afrika so passiert, ist eh keines Kommentars mehr würdig und mit Weißrußland unterhält man ebenfalls gute Beziehungen. Die Entwicklungen in Ungarn werden zwar „mit einiger Sorge” zur Kenntnis genommen, aber so richtig darüber reden möchte man eigentlich nicht.

Und leider hat diese Form des Appeasements bei uns Tradition. Schließlich hat schon Willy Brandt in bezug auf Südafrika wirtschaftliche Sanktionen abgelehnt, weil man „Handel und Politik nicht ohne Not koppeln soll”.

Ich frage mich: Wie tief kann eine deutsche Regierung sinken? Haben nicht gerade wir aus unserer Geschichte gelernt, daß es keine Toleranz gegenüber Diktatoren und Faschisten geben darf? Nein. Wir haben aus unserer Geschichte nur gelernt, daß man über alles reden muß. Daß Gewalt keine Lösung sein könne. Gerade so, als sei Hitler damals durch ein Tasse Tee und zwei, drei gute Argumente von seiner Vernichtungs- und Kriegspolitik abgerückt.

Zur Erinnerung: Wir waren einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Handelspartner des Apartheidregimes. Wir sind nach wie vor einer der wichtigsten Handelspartner des Unterdrückungsregimes im Iran. Wir haben eine Diktatur in der Nachbarschaft, gegen die sich kaum ein Politiker auch nur ausspricht – Weißrußland.

Und nun? Nun haben wir eine nationalistische Diktatur in der EU. Und wie reagieren unsere klugen Politiker? Wird ein Exempel statuiert, das deutlich aufzeigt: Unsere demokratischen Freiheitsrechte dulden so etwas nicht? Wird den Ungarn deutlich gezeigt, daß Diktaturen innerhalb unserer Wertegemeinschaft nicht hingenommen werden?

Nein. Unsere Regierung mahnt an, man möge diese Gesetze doch bitte eventuell mal irgendwann wieder zurücknehmen. Ohne Androhung von Strafen.

Wissen Sie, was ich von unserer Regierung hören will? Ich will hören „wehret den Anfängen”, ich will hören „nicht mit uns”, ich will hören „Unterdrückungsregime haben in der EU keinen Platz”. Und – ich will Taten sehen. Ein Land, das sich außerhalb der demokratischen und freiheitlichen Ordnung bewegt, muß aus der EU sofort, ohne weitere Begründung und ohne Nachsicht ausgeschlossen werden.

Jeder potentielle Diktator muß wissen: Selbst wenn er die Macht erringt, wird er mit seiner Politik keinen Erfolg haben. Eine starke Wertegemeinschaft wird dafür sorgen, daß jedes unterdrückte Volk in Europa freikommt. Schon damit verhindert man weitere Nazis in Europa.

Unsere Politik gegenüber Diktaturen ähnelt hingegen der, für die Neville Chamberlain zu Recht heftig kritisiert wurde. Wir lassen jene im Stich, die sich von uns Hilfe erhoffen. In Ungarn, in Weißrußland, im Iran. Weil wir feige sind. Weil wir Angst um unseren Wohlstand haben. Weil wir nur dann gegen das Schlechte in der Welt antreten wollen, wenn wir dazu nicht mehr tun müssen, als eine Schweigeminute einzulegen (ohne dafür gefeuert zu werden), unsere Avatare bei Twitter grün einzufärben – oder wohlfeile politische Aufsätze zu schreiben. Zugegeben.

Früher war alles besser (tm)

Früher war alles besser (tm)

„Wer braucht denn nun dieses neue Twitter?” „Oh Mann, sieht das neue Facebook schwul (n.d.d.e.z.s.w.) aus!” – Die Reaktionen auf veränderte Websites sind immer dieselben. Es brauche keiner, es sei unübersichtlich, es sehe doof aus, es sei überladen. Die meisten Menschen reagieren exakt so auf Änderungen. Sie sind im Herzen konservativ, ohne daß sie sich jemals so bezeichnen ließen. Es scheint, als sei diese Art so tief in uns verwurzelt, daß selbst diejenigen sich gegen Neuerungen in sozialen Netzen wehren, die ansonsten nur Verachtung übrig haben für alte Politiker, die das Internet nicht verstanden haben.

Nun ist selbstverständlich nicht jede Neuerung automatisch gut. Oder sinnvoll. Nur: Unsere erste, intuitive Reaktion, daß eben das, was wir kennen, besser ist als das, was neu ist, muß auch nicht automatisch richtig sein. Gerade bei Websites ist sie fast immer falsch. Ist nun Facebook unbrauchbar, weil das Profil neu aufgebaut wurde? Kann nicht mehr getwittert werden, weil die Website neu gestaltet wurde und viel mehr Funktionen als vorher bietet? Erinnern wir uns: Die Twitter-Website hat kein Mensch mehr benutzt. Es gibt für jedes Betriebssystem mittlerweile ausreichend Twitterclients, so daß wirklich nur diejenigen von der Website aus twitterten, die ganz neu anfingen. Mittlerweile bin ich häufiger auf der Twitter-Website. Warum auch nicht? Die Listenfunktion wird mir dort sehr gut angezeigt, die Site zeigt mir an, wenn neue Tweets da sind, Unterhaltungen kann ich gut darüber verfolgen. Ebenso die Verwaltung der Follower.

Die letzte Version des guten Windows (ohne „Start”-Knopf)

Die letzte Version des guten Windows (ohne „Start”-Knopf)

Nun, ist die Twitter-Website also perfekt? Natürlich nicht. Gerade beim Einbauen neuer Funktionen werden immer Fehler gemacht. Das ist fürchterlich normal. Und genau da sollte die Kritik auch ansetzen. Was genau soll verbessert werden? Wo ist die Benutzerführung zu kompliziert? Welche Knöpfe gehören umpositioniert?

Die Reaktionen aber, die man – meist auch noch besonders lustig formuliert – in den sozialen Netzen lesen kann, sind einfach erzkonservativ und fortschrittsfeindlich. Zum Glück hört kein Mensch auf das Gemecker. Ansonsten wären wir nämlich immer noch bei Windows 3.11 („Ein Start-Knopf zum Beenden? Lol”), bei Mac OS 9 („der Unix-Unterbau ist miserabel integriert und die Objektorientierung ist nur noch simuliert”) oder gleich beim C64, denn wie wir alle wissen, war früher ja alles besser ™.

Und nun hören Sie bitte auf zu meckern, gucken sich die Verbesserungen Ihrer Lieblingswebsites an und beginnen mit konstruktiver Kritik! Danke.

Als man noch nicht durch rechte Maustasten überfordert wurde

Als man noch nicht durch rechte Maustasten überfordert wurde

Gefährliches Alien im Badezimmer

Gefährliches Alien im Badezimmer

Pünktlich zum Wochenende nun der abschließende Teil der Trilogie: „Ein Wochenende mit German Psycho”.

Sonnabend nachmittag. Im Wohnzimmer stehen zwei riesige Kartons dekorativ in der Gegend herum, ähnlich dekorativ lümmelt der Wochenendbesuch mit fahlem Gesicht und geröteten Augen zusammengefaltet auf dem Sofa. Mein Mitbewohner und ich simulieren Heimwerkerbegeisterung: Nachdem ich feststellen mußte, daß die Wandhalterungen der alten Lautsprecher nun doch nicht kompatibel zu dem neuerworbenen Teufel Motiv 10 sind, bin ich auf etwas angewiesen, das mir noch nie lag: Improvisation am Bau.

Ein kleiner Berg aus Folien, Verpackungen, Dämmaterial und Kartonage liegt vor dem Eingang zum Wohnzimmer. Zwei handwerklich nicht besonders begabte Männer, die sich in Gegenwart einer Frau nicht anmerken lassen wollen, wie zivilisationsverweichlicht sie in Wirklichkeit sind, hantieren scheinbar begeistert und offensichtlich ungeschickt mit Hammer, Zangen, Schrauben und Lautsprechern herum. Das Ergebnis: Fünf schief an die Wand gehängte Lautsprecher und ein massiv in der Mitte des Raumes stehender Subwoofer. Entsprechend klingt der Ton auch.

Innerlich weiß ich zu diesem Zeitpunkt schon lange, daß ich in den kommenden Tagen einen Profi mit dem Verlegen und Einmessen der neuen Anlage werde beauftragen müssen, aber äußerlich bin ich begeistert über unsere Leistung. Als hätten wir ein Mammut erlegt, wird uns attestiert.

Um den Sonntag in Ruhe ausklingen zu lassen, sehen wir uns beruhigende Klassiker an: „Splinter” und „One Missed Call”. Und jetzt raten Sie bitte mal, was für einen Klingelton ich seitdem benutze.

Das Lehreroutfit: Macht einen geschätzte 20 Jahre älter

Das Lehreroutfit: Macht einen geschätzte 20 Jahre älter

Einen Moment lang bin ich peinlich berührt, bis mir einfällt, wer da eigentlich im Wohnzimmer sitzt. Und über diesen blöden Spruch höflicherweise auch noch leicht hysterisch lacht. Auf dem Tisch steht Astra. Der Aschenbecher läuft über. Kurz: Es ist die wundervolle Feierabendstimmung, die nur am Freitag entstehen kann, wenn das Wochenende noch vor einem liegt, wenn man gespannt auf den Verlauf des Abends ist. Wenn die wöchentliche Freizeit, komprimiert auf 48 Stunden plus Ausnüchtern, noch vor einem liegt.

Ich lege das Einstecktuch ab und ziehe den Krawattenschal aus. Mein Lehrer-Outfit ist mir gerade etwas peinlich. Aber bevor ich mich dazu durchringen kann, mich frischzumachen oder gar umzuziehen, muß ich wortlos ein Astra trinken. Ich bin beruhigt: Mein Mitbewohner und der Besuch haben nicht angefangen, sich gegenseitig zu bepöbeln. Also kann ich mich darauf beschränken, der Konversation zu lauschen, ohne selbst einzugreifen.

Der Moment der absoluten Ruhe, wenn ich mich einen Moment lang mit der Welt im Reinen fühle. Er hält nicht lange an: Wir sind verabredet.

Szenenwechsel. Irgendjemand kommentiert den Betonstuck des Restaurants, in dem wir uns aufhalten. Menschen gucken in Speisekarten, als gäbe es darin etwas zu entdecken, das den ursprünglichen Zweck unseres Besuches – Schnitzel – konterkarieren könnte. Am Ende bestellen wir wie geplant. Fünf Schnitzel. Bier dazu. Oder Wein. Auf dem Tisch stehen auf einmal Almdudler-Schnäpse. Und ein Gin Tonic mit dem besten Gin der Welt. Natürlich ebenfalls aus Österreich.

Erneuter Szenenwechsel. Eine Menge merkwürdig riechender Menschen versucht, uns unseren Platz an der Bar streitig zu machen. Wir befinden uns in einer hippen Kneipe am Hamburger Berg. Hip deswegen, weil der ganze Schmutz und die lieblose Dekoration hier ironisch gemeint sein sollen, ebenso wie der Kicker und der Jägermeister. Mir steigt ein billiger Vanilleduft in die Nase, er gehört zu einer pummeligen Dame mit eckiger Brille, das Gesicht hinter buntem Kaschmir versteckt, den Körper in eine geschmackvollen grünen Jacke mit farbigem Innenfutter gehüllt. Hamburger Berg eben. Ich versuche, mich auf den Geruch des Wochenendbesuches zu konzentrieren, eine Mischung aus Schweiß und Armani, anregender als die Vanilleplörre, die mir ständig die Nase verstopft und mich immer aggressiver werden läßt.

„Auf EIN Bier käme ich ja noch mit”, sagt Matt Wagner, und wir marschieren los.

Zwei Bier später. Auf der Bühne steht eine straßenköterbraune Schönheit, die nicht singen kann. Konsequenterweise ist ihr Mikrophon ausgeschaltet und die Originalstimme erklingt. Matt Wagner wird später andächtig über diesen Moment berichten, nachdem er das Ende der Pseudo-Karaoke-Einlage dazu nutzt, sich diskret zu verabschieden, was ich aber nicht mehr mitbekomme, weil mein Hirn auf die bestmögliche Art vernebelt ist.

Und das Schnitzel, das wird uns noch beschäftigen im Laufe des Abends.

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