Die Welt scheint in Ordnung zu sein, wenn man sich die Aussagen unserer Regierung so anhört. Im Iran sei Fortschritt zu erkennen, Ungarn müsse nur ein wenig die Mediengesetze ändern, schon sei alles ok, was in Afrika so passiert, ist eh keines Kommentars mehr würdig und mit Weißrußland unterhält man ebenfalls gute Beziehungen. Die Entwicklungen in Ungarn werden zwar „mit einiger Sorge” zur Kenntnis genommen, aber so richtig darüber reden möchte man eigentlich nicht.
Und leider hat diese Form des Appeasements bei uns Tradition. Schließlich hat schon Willy Brandt in bezug auf Südafrika wirtschaftliche Sanktionen abgelehnt, weil man „Handel und Politik nicht ohne Not koppeln soll”.
Ich frage mich: Wie tief kann eine deutsche Regierung sinken? Haben nicht gerade wir aus unserer Geschichte gelernt, daß es keine Toleranz gegenüber Diktatoren und Faschisten geben darf? Nein. Wir haben aus unserer Geschichte nur gelernt, daß man über alles reden muß. Daß Gewalt keine Lösung sein könne. Gerade so, als sei Hitler damals durch ein Tasse Tee und zwei, drei gute Argumente von seiner Vernichtungs- und Kriegspolitik abgerückt.
Zur Erinnerung: Wir waren einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Handelspartner des Apartheidregimes. Wir sind nach wie vor einer der wichtigsten Handelspartner des Unterdrückungsregimes im Iran. Wir haben eine Diktatur in der Nachbarschaft, gegen die sich kaum ein Politiker auch nur ausspricht – Weißrußland.
Und nun? Nun haben wir eine nationalistische Diktatur in der EU. Und wie reagieren unsere klugen Politiker? Wird ein Exempel statuiert, das deutlich aufzeigt: Unsere demokratischen Freiheitsrechte dulden so etwas nicht? Wird den Ungarn deutlich gezeigt, daß Diktaturen innerhalb unserer Wertegemeinschaft nicht hingenommen werden?
Nein. Unsere Regierung mahnt an, man möge diese Gesetze doch bitte eventuell mal irgendwann wieder zurücknehmen. Ohne Androhung von Strafen.
Wissen Sie, was ich von unserer Regierung hören will? Ich will hören „wehret den Anfängen”, ich will hören „nicht mit uns”, ich will hören „Unterdrückungsregime haben in der EU keinen Platz”. Und – ich will Taten sehen. Ein Land, das sich außerhalb der demokratischen und freiheitlichen Ordnung bewegt, muß aus der EU sofort, ohne weitere Begründung und ohne Nachsicht ausgeschlossen werden.
Jeder potentielle Diktator muß wissen: Selbst wenn er die Macht erringt, wird er mit seiner Politik keinen Erfolg haben. Eine starke Wertegemeinschaft wird dafür sorgen, daß jedes unterdrückte Volk in Europa freikommt. Schon damit verhindert man weitere Nazis in Europa.
Unsere Politik gegenüber Diktaturen ähnelt hingegen der, für die Neville Chamberlain zu Recht heftig kritisiert wurde. Wir lassen jene im Stich, die sich von uns Hilfe erhoffen. In Ungarn, in Weißrußland, im Iran. Weil wir feige sind. Weil wir Angst um unseren Wohlstand haben. Weil wir nur dann gegen das Schlechte in der Welt antreten wollen, wenn wir dazu nicht mehr tun müssen, als eine Schweigeminute einzulegen (ohne dafür gefeuert zu werden), unsere Avatare bei Twitter grün einzufärben – oder wohlfeile politische Aufsätze zu schreiben. Zugegeben.

23. Dezember, 2010 at 15:28
Was geht uns die Politik anderer Länder an? Was geht uns die Wirtschaft anderer Länder an? Was gehen uns die Menschen anderer Länder an? Uns geht nur unser eigenes Wohl etwas an. Und da es uns gut geht, bleibt unser Opportunismus im Land, basta!
Und wenn es uns mal schlecht gehen sollte? Welche Frage: Dann fordern wir natürlich die uns schon aus humanistischen Erwägungen heraus zustehende Hilfe und Solidarität ein!
Frohe Weihnachten!
23. Dezember, 2010 at 15:35
Wir haben ja vor allem schon eingefordert. Uns mußte man ja schon mit einigem Aufwand von einer Diktatur befreien. Und bei der Überwindung der zweiten war auch der eine oder andere ausländische Staat behilflich.
Aber daraus abzuleiten, daß nun wir an der Reihe wären, auch mal anderen zu helfen? Wie Sie richtig sagen: Uns gehts ja gut. Was sollen wir uns da einmischen?
23. Dezember, 2010 at 15:46
Das war vor meiner Zeit. Das geht mich doch nix mehr an! Ich hab´s warm und mollig, erfreue mich einer hervorragenden Ausbildung und ausreichend finanzieller Mittel, lebe in Frieden und in stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen (trotz Krise und Stuttgart21). Wer das alles geschaffen hat? Mir doch egal!
“Spaß” beiseite: Übrigens schenke ich dieses Jahr mal was ganz anderes: http://latrinum.wordpress.com/2010/11/19/schenken-sie-doch-mal-latrinen/ Dank einiger meiner LeserInnen sind es mittlerweile schon 12 Stück!
23. Dezember, 2010 at 15:51
Ha. Da bin ich doch mal wieder voll auf Ihrer Seite. Aber was den Handel angeht, hab ich gute Nachrichten aus sicherer Quelle: Die Politik kann sich raushalten, der Markt regelt sowas schon selbst. Nich nich?
23. Dezember, 2010 at 15:55
Wissen Sie, Ramses, ich kann ja schlecht von einem Unternehmen etwas erwarten, was sonst auch niemand als notwendig ansieht.
Obwohl Siemens ja durchaus Mut und Anstand bewiesen hat: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,674394,00.html
23. Dezember, 2010 at 15:56
Gina: Eine Latrine verschenken? Ich könnte mir eigentlich nichts schöneres vorstellen.
23. Dezember, 2010 at 16:02
Eben!
23. Dezember, 2010 at 16:05
Deshalb war das ja auch scherzhaft gemeint. Wenn es um Moral und so Zeug geht, regelt der Markt nämlich einen feuchten Scheiß. Aber wie gesagt, bin ja voll auf ihrer Linie.
23. Dezember, 2010 at 16:09
Ja nun, aber genau das ist doch das Dilemma. Dafür ist eben die Politik da. Und da versagt sie.
Und daß sogar Unternehmen wie Siemens etwas schaffen, daß die deutsche Regierung nicht hinbekommt, das ist eben das besonders schlimme Armutszeugnis.
23. Dezember, 2010 at 16:31
OmfG, Sie sind zum Linken geworden! Oder SIE haben Sie ausgetauscht.
23. Dezember, 2010 at 16:42
Übrigens kann sich Weißrussland beim Überwachen auf einen bedeutenden Vertreter der westlichen Wirtschaft verlassen – nämlich den schwedischen Konzern Ericsson.
23. Dezember, 2010 at 17:45
Gut gebrüllt, Herr Löwe ..
.. aber, Sie wissen ja: “Erst kommt das Fressen, dann die Moral”. Die heutige Form der Marktwirtschaft hat das “.. dann die Moral” gleich vollends wegrationalisiert. Verantwortung war gestern .. leider.
Ihr Beitrag gefällt mir dennoch sehr gut. Vielen Dank dafür!
23. Dezember, 2010 at 17:54
Markus, Sie haben meinen Beitrag offenbar völlig anders verstanden als ich. Nun ja, das passiert.
Verantwortung werden Sie überhaupt NUR in marktwirtschaftlich-demoraktischen Staaten finden, wenn Sie sie überhaupt finden. In Diktaturen (und gegen die ging es mir ja) gibts nüscht davon.
Wenn aber selbst in unseren Staaten diese Moral fehlt – dann hab ich eben ein Problem damit.
Wie vorhin geschrieben: Es ist nicht die Aufgabe von Unternehmen, eine bessere Welt zu schaffen. Das ist die Aufgabe der Politik.
Wenn Unternehmen wie Siemens aber freiwillig darauf verzichten, und die Politik völlig versagt, dann ist das einfach unfaßbar.
23. Dezember, 2010 at 18:33
Jetzt haben wir uns wirklich vollends falsch verstanden, gegenseitig .. ;-)
Ich möchte um Gottes Willen keine Lanze brechen für totalitäre Systeme. Allerdings finde ich schon, dass Unternehmen ein Teil der (demokratischen) Gesellschaft sind. Sie weisen zurecht darauf hin, dass Politik eigentlich Regeln vorgibt, nach denen wir und eben auch die Wirtschaft sich verhält. In den letzten Jahren kommen wir aber immer mehr dahin, dass aus Richtung Politik keinerlei gesellschaftliche Vorgaben oder Impulse mehr kommen. Wie gesagt, die Unternehmen sind Teil des Ganzen. Sie profitieren in hohem Maß von einer Infrastruktur, die die Gesellschaft geschaffen hat und unterhält. Die Unternehmen tragen also auch (Mit)Verantwortung (ich verkneife mir einen allzu ausführlichen Hinweis auf das Grundgesetz) für unser Zusammenleben und sozialen Frieden. Siemens verhält sich in diesem Zusammenhang so, wie ich mir das generell wünschen würde. Zur Politik: Leider, und da bin ich vollkommen bei Ihnen, bemerkt man vom Primat der Politik recht wenig.
Ein kleiner Hinweis: Ein Staat kann keine Moral haben. Moral bzw. Werte und Haltungen müssen von Menschen eingebracht und vorgelebt werden. Bei Merkel, Westerwelle & Co., aber auch bei Sigmar Gabriel oder bei den Damen und Herrn der Grünen kann ich die oben genannten Werte nicht erkennen.
Und jetzt mach ich das Fass übervoll: Wir alle müssen endlich wieder bereit sein, mehr Verantwortung zu tragen. Wir haben uns im Kleinen wie im großen allzu sehr daran gewöhnt, Verantwortung abzugeben. Das fängt im Kleinen, Alltäglichen an und zieht sich sowohl durch das private Umfeld genauso wie durch das berufliche Umfeld. Wie soll es gelingen, von anderen Leuten (“die Politiker”, “die Journalisten”, etc.) etwas zu verlangen, was wir selber im Alltag vielfach nicht schaffen. Spannend wird es, wenn wir das Gesagte anfangen, im Alltag einzubauen. Wir sollten uns einmischen, wir sollten uns interessieren, aber wir sollten nicht glauben, dass dieses ganze Projekt ein 100 Meter Lauf wird. Das Ganze gleicht aus meiner Sicht eher einem Marathon.
23. Dezember, 2010 at 19:15
Wenn man sich mal falsch versteht, dann aber bitte auch richtig!
Wir sind ja gar nicht so weit auseinander. Vor allem den Bereich mit der Verantwortung, den unterschreib ich sofort. Aber das führt zu einer ganz anderen, an sich von mir immer gerne geführten Diskussion.
Ich stimme nur in einem Punkt nicht zu: Ich vermag wirklich nicht zu erkennen, daß die Politik sich dort zu wenig einmischt. Ich glaube, sie mischt sich an den falschen Stellen zu viel ein. Dafür dann an den einzig wichtigen Stellen zu wenig: Thema Kartellamt – und eben die Beschränkung der Exporte in Diktaturen.
Das aber sind Felder, die man nicht den einzelnen, gegeneinander konkurrierenden Unternehmen aufbürden sollte. Genau dafür gibt es die Politik, das ist eines der Kernfelder der Wirtschaftspolitik.
Siemens mag es sich als Konzern erlauben können. Ein Mittelständler könnte hingegen es sich gar nicht leisten, einen solchen Auftrag abzulehnen, wenn sein Konkurrent ihn dann annimmt. Somit ist es zumindest die Aufgabe der (europäischen!) Politik, dafür zu sorgen, daß der Mittelständler sich sicher sein kann, daß zumindest sein europäischer Konkurrent ebenfalls nicht dorthin liefert.
Aber ich möchte doch noch mal auf die Verantwortung jedes Einzelnen eingehen: Das ist selbstverständlich richtig. Die Politik kann auch keine Verhaltensregeln für einzelne Menschen erlassen, um Gottes willen. Im Gegenteil: Wir müssen wieder dahin kommen, daß jeder für sich selbst ein Stück Verantwortung übernimmt – und sie nicht dem Staat, dem Arbeitgeber oder sonstwem überläßt.
23. Dezember, 2010 at 19:23
Verantwortung übernehmen? Himmel, die meisten von uns Menschen sollten erst einmal bei uns selbst anfangen! Nur für sich selbst verantwortlich sein kann, kann versuchen, es bei anderen zu versuchen. Wir freuen uns alle über eines der besten sozialen Netze weltweit (vielleicht sogar das beste), über Sicherheit, über solide Verhältnisse – und was tragen wir Einzelne dazu bei? Wenig genug. Die meisten von uns sind ja schon mit ihrer eigenen Familie überfordert – wenn nicht gar mit sich selbst.
Will sagen: das mit dem Verantwortung übernehmen für andere mag honorig sein. Aber ist es wirklich realistisch?
23. Dezember, 2010 at 19:25
Verantwortung für sich selbst gehört dazu. Das ist, wie Sie richtigerweise sagen, der erste Schritt.
Übrigens: Für das soziale Netz trage ich eine Menge bei. ;)
23. Dezember, 2010 at 19:34
Ich auch. Leider habe ich als freiwillig (und damit leider gesetzlich) krankenversicherte Freiberuflerin nicht viel davon. Für Rente und den Fall des Falles darf ich schön brav selbst aufkommen. Krank sein überlege ich mir, auch wenn ich krank bin. Was ich alles um Grunde gut finde. Manchmal allerdings ertappe ich mich dabei, Vergleiche mit Arbeitnehmern anzustellen… Und da komme ich dann nicht gut dabei weg.
23. Dezember, 2010 at 19:37
Die Entscheidung zur gesetzlichen Krankenkasse hätten Sie als Freiberuflerin auch anders treffen können, oder? Ich bin sehr froh über meine private Krankenkasse, muß ich zugeben.
Klar, als Arbeitnehmer hat man es in einigen Bereichen leichter. Krankheit, Urlaub… das Rentensystem hingegen sehe ich eher als Nachteil an.
23. Dezember, 2010 at 19:51
@Germanpsycho Offenbar sind wir sogar ziemlich nahe beieinander ..
Politik: Beim Einmischen an den falschen Stellen würde ich mir ebenfalls eine andere Gewichtung wünschen ;-). An anderen Stellen fehlt eine Haltung, eine Linie, an der sich der Unternehmer und Bürger langfristig orientieren kann.
Handlungsspielraum zwischen den großen Unternehmen und dem Mittelstand: 100 Prozent Zustimmung.
Politik vs. Einzelpersonen/Bürgern: Die Politik kann und soll auch hier langfristige Vorgaben machen oder eben bestimmte Linien fahren, die einen roten Faden erkennen lassen: In einer Zeit, in der wichtig ist, dass auch der einzelne Bürger Verantwortung für sich und Sein Tun übernehmen soll, braucht er, genauso wie Unternehmen, Planungssicherheit. Schlingerkurse, die erst bestimmte Richtungen vorgeben und dann innerhalb kürzester Zeit eine Kehrtwende um 180° einlegen, sind eine Zumutung. Es gilt auch zu beachten, dass Bürger genauso wie Unternehmen (hier vor allem die Kleinen und Mittelständler) Spielraum für Investitionen brauchen: Wenn schon Bezieher mittlerer Einkommen kaum mehr eine zusätzliche private Altersvorsorge aufbauen können, dann klingt der Ruf nach Eigenverantwortung ziemlich heuchlerisch. Und es gilt nach wie vor: Ich bin eindeutig pro Eigenverantwortung (wo der einzelne Bürger das leisten kann und will).
23. Dezember, 2010 at 20:40
Sehr geehrter Herr GP,
ich sehe das Bild und denke:
Oh mein Gott!
Benutzen Sie etwa ein Zippo-Feuerzeug?
Ich hoffe das Christkind hat bei ST Dupont eingekauft.
Frohe Weihnachten!
23. Dezember, 2010 at 22:14
@RWI: Ich besitze zwei Dupont-Feuerzeuge. Aber für draußen benutze ich stets das Zippo aus Sterling-Silber.
23. Dezember, 2010 at 22:41
@germanpsycho: Leider hat man die Wahl nur als Gesunde(r)…
Und sonst: “Die Politik” ist Menschenwerk. Opportunismus, Ego und und und.
24. Dezember, 2010 at 10:40
Werter GP,
Sie haben in Ihrer ansonst lückelosen Aufzählung das Hauptinstrument der Politik vergessen, und das wäre “Eine scharfe Protestnote formulieren”, “sich überlegen, dass zu einer UNO Anfrage zu machen”, “Sich überlegen, den Botschafter vorzuladen”.
Was mir auch als extrem wirkungsvolles Mittel in Erinnerung blieb, waren die EU-Sanktionen. Das bedeutete realpolitisch damals zwar nichts anderes, als dass die Botschafter beim gemeinsamen Abendessen nicht mit aufs Familienfoto durften, aber man hat “Zeichen gesetzt”.
Sollte dies alles die Regieung Orban nicht in die Knie zwinge, hilft fürchte Ich nur mehr eines, nämlich ohne Abendessen ins Bett.
24. Dezember, 2010 at 11:37
Komischerweise wurden im Fall Österreich ganz anders verfahren. Die Politiker wurden schonmal prophylaktisch zu Parias erklärt, wenn auch nur 2 Monateg lang, danach ging’s plötzlich wieder. Und Heerscharen linksliberaler Bürger drohten, künftig nicht mehr nach Austria zum Skifahren zu reisen (was sie vorher auch nicht gemacht hatten – aber das sass!).
25. Dezember, 2010 at 10:06
Markus, Sie haben recht: Wir sind uns ziemlich einig. Nur halt in dem einen Punkt nicht: Ich halte es für falsch, der Politik zu erlauben, Vorgaben darüber zu machen, wie Menschen zu leben haben.
Woegmann: Richtig, auch sehr beliebt: „ernsthaft besorgt sein”. Ich meine, mal ehrlich, wer soll dann noch seinen Kurs durchziehen?
Haider: Und wissen Sie was? Das war auch richtig so. Einen Haider können wir nämlich genausowenig in Europa gebrauchen wie einen Orban.